Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

40. Kapitel:

Heimatluft.

 

Aus dem Bardarthale westwärts reitend kam Grettir zunächst nach dem Hofe Moedruveller. Hier wohnte Gudmund, der Reiche. Er verdiente diesen Beinamen, denn er hielt auf seinem Hofe durchschnittlich 100 Dienstleute. Grettir bat diesen Mann um seinen Beistand. Allein Gudmund lehnte ab.

„Ich kann mich nicht mit deinen Feinden überwerfen, indem ich dich unter mein Dach aufnehme. Þórir auf Gard und Thorodd Drapastuf, Thorbjoerns Bruder, sie beide stehen wider dich mit ihrer vereinten Macht, und sind zusammen stärker als ich. Schwerlich wirst du auch jemanden finden, der dich dauernd aufnimmt. Selbst deine eigene Mutter kann das nicht. Einige Tage sei mein Gast, dann ziehe weiter!“ –

„Wohin?“ sagte Grettir. „Wohin? – Die bewohnten Stätten Menschen, ein Hof nach dem andern, verschließen vor mir die Thür. Und die unbewohnten Stätten versagen mir die Nahrung. Raube ich, um meinen Hunger zu stillen, so nennt man mich einen Räuber. Die Bauern fallen in Scharen über mich her, und Tag und Nacht finde ich keine Ruhe.“

Gudmund sagte: „Du mußt deinen Aufenthalt an solch einem Orte wählen, wo du nicht immer zu fürchten brauchst, überfallen und erschlagen zu werden.“

„Solch einen Ort kenne ich nicht“, erwiderte Grettir. „Ich habe ganz Island durchstreift. Ich habe am Kjoel gelegen. Ich habe die Arnarvatnsheide bewohnt. Ich habe, wie ein Raubvogel, auf dem Fagraskogarfelsen genistet. Ich bin durch die Reykjaheide gestreift. Aber nirgends habe ich auf die Dauer mich halten können!“ –

„Und doch kenne ich einen Ort, der diesen Schutz dir voll bieten wird“, sagte Gudmund, der Reiche, „nicht einen Berg, nicht eine Heide, sondern eine Insel. Draußen im Skagafjord liegt eine Insel, die Drang-ey, (ey heißt zu deutsch Insel) nicht zu weit vom Festlande entfernt. Sie ist von keinem Menschen bewohnt. Ihre Ufer sind felsig, und steigen senkrecht aus dem Meere auf, so hoch, daß man nur auf Leitern sie ersteigen kann. Die Insel ist grasreich, und wird von Schafen beweidet. Die Ufer sind fischreich, und in den Felsenwänden nisten zahllose Vögel, deren Eier eine wohlschmeckende Speise sind. Gelänge es dir, dorthin zu entkommen, dann wüßte ich niemanden, der imstande wäre, dich von dort zu vertreiben, falls nur die Leitern, der einzige Zugang, sorgfältig gehütet werden!“ –

„Deinen Vorschlag werde ich prüfen,“ sagte Grettir. „Nur ein Bedenken habe ich. Ich bin jetzt so dunkelscheu geworden, daß ich lieber sterben möchte, als auf der einsamen Insel in den Nächten allein zu sein!“ –

„Dann nimm dir einen Gesellen,“ sagte Gudmund, „aber sei vorsichtig! – Es ist nicht leicht, Leute auszukennen. Traue niemand, außer dir selbst. Das ist das Beste!“ –

Grettir dankte für den guten Rat, und verließ Moedruveller. Ununterbrochen setzte er seinen Ritt fort, bis er nach dem Miðfjörðurthale kam, und sein väterlicher Hof Bjarg zu seinen Füßen lag.

Wohl zehn Jahre war er nicht hier gewesen. Seit er seinen Bruder Atli an Thorbjoern gerächt, und, von seiner Mutter Ásdís mit einem Lobspruch dafür gesegnet, in die weite Welt gezogen war, hatte er diese Dächer, auf denen die Stiefmütterchen und die Anemonen ihm so anheimelnd entgegen blühten, nicht wieder gesehen. Da unten verkehrten die Leute so fleißig, so friedlich, und er war so friedlos, so zwecklos in dieser Welt! –

Ob sie noch lebten die beiden einzigen Menschen, welche von dem alten Stamm hier noch hausten? –

Er legte dem Pferde die Schenkel an, und trabte rasch hinab.

Vor dem Hofe angelangt, sprang er aus dem Sattel, und trat in die Hausthüre.

„Mein Sohn! – Mein geliebtes Kind!“ – so schloß ihn Ásdís zärtlich in die Arme.

Sie war alt geworden, diese vielgeprüfte Ásdís! –

Das schneeweiße Haar, noch voll unter der dunklen Haube hervorquellend, umrahmte ein von Sorgen tief durchfurchtes Angesicht.

Grettir strich mit seiner breiten Hand liebkosend über ihren Scheitel, ihr zärtlich in die Augen blickend.

„Meine Mutter!“ – Welche eine Welt von Gefühlen enthielt nicht dieses eine Wort! – „Meine Mutter!“ –

„Und Illuge, wie groß bist du geworden, und wie breitschultrig! Kein Knabe mehr, in Wahrheit ein Mann!“ sagte er zu dem Bruder, der neben die Mutter hintrat.

„Er ist schon fünfzehn Jahre alt, mein Spätgeborener! Nun meine einzige Stütze und mein Trost!“ –

Beide nahmen Grettir in ihre Mitte, und führten ihn so in die große Halle ein, in welcher vor Zeiten 200 Gäste an vier Reihen von Tischen bewirtet wurden.

Die Gluppen im Dach waren geöffnet, Holzrahmen mit einer dünnen Haut überzogen. Das volle Sonnenlicht strömte durch dieselben ein, und glitt an dem Schnitzwerk der Vertäfelung herunter. Wie oft hatten ihn diese braunen Bilder angeblickt, und als Kind erfreut. Hier Odin mit seinen Wölfen zu den Füßen, dort Heimdal mit seinem großen Gjallarhorne; so daß, wenn die Mutter zu Weihnacht, oder, um einen stattlichen Gast zu ehren, die kostbaren, goldverbrämten Wandteppiche mit ihren eingewirkten Figuren aus der Truhe holte, und mit den Mägden in der Halle aufhing, er sie bat: „Mutter hänge diese braunen Bilder mir nicht zu, sie sind viel schöner, als jene bunten!“ –

Ásdís und Illuge führten Grettir zu dem reichgeschnitzten Hochsitz in der Mitte der rechten Langseite der Halle.

„Hier saß einst Ásmundur, euer Vater,“ sagte die Mutter, „als sein Haar noch blond war, und seine Augen blitzten, wenn rings um ihn her die Sippen und die Nachbarn fröhlich schmausten! – Hier setze auch du dich nieder, mein Sohn! Je kürzer deine Rast im Vaterhause, je mehr der Liebe und der Ehre!“ –

Diener traten ein, und breiteten über ein vor den Stuhl gerücktes Holzgestell die schwere, blankgebohnte Tischplatte aus, welche, wenn nicht gebraucht, an Ringen die Vertäfelung herabhing.

Mägde trugen aus dem Bur, der Speisekammer, reichlich Speisen auf.

Und an das Skapgefäß, den Mischkrug, welcher auf dem Schenktisch links vom Eingange seinen Platz hatte, trat Illuge selbst heran, und schöpfte den Met in das kostbarste der Trinkhörner, mit Silber reich beschlagen, und mit edlem Gestein verziert. Er reichte das gefüllte Horn dem Bruder hin, und sprach: „Hier, nimm diesen Trunk zum Gruß, und auch zur Labe!“ –

„Ach, Mutter,“ rief Grettir, sie umarmend, aus: „Wo ist es schöner, als im Vaterhause!“ –

Als das Mahl beendet, und die Aufwärter abgetreten waren, mußte Grettir von seinem abenteuernden, sorgenvollen Leben viel erzählen, was beide, Mutter und Bruder, mit geteilter Empfindung anhörten, jene mit Herzweh, dieser mit leuchtenden Augen und erwachender Kampfeslust.

„Und nun erzählt auch ihr mir,“ sprach Grettir: „Was trug sich inzwischen unter unseren Sippen und Nachbarn zu?“

„Dein Vetter, Þorsteinn Kuggasohn, ist tot,“ sprach die Mutter! –

„Da ist ein fleißiger und geschickter Mann von hinnen gegangen und ich verlor einen braven Freund,“ erwiderte Grettir. „Einen gastlichen Winter habe ich in Ljaskogar verlebt. Ich half ihm seine Schellenbrücke bauen, auf die er so stolz war. Denn es war alles seine eigene Erfindung. Er stärkte mich damals sehr durch sein kluges Wort, und seine willenskräftige Hand. Wenige waren ihm gleich! – Wenige so zuverlässig und so treu!“ –

„Ja, mein Sohn, die Zahl deiner Freunde nimmt immer mehr ab, und die Zahl deiner Feinde wächst,“ sprach die Mutter. „Thorer auf Gard und Thorodd Drapastuf sind voller Haß wieder dich, und ihr Anhang wächst. Es ist wenig Hoffnung, daß der Alþingi, auf dem sie das große Wort jetzt führen, seine ungerechte Verurteilung wider dich zurücknehmen wird!“ –

„Mutter, ungerecht ist sie! – Ich habe Thorers Söhne in jener Nacht in Norwegen nicht zum Feuertode gebracht. Glaub’ es mir, ich bin unschuldig!“ –

„Ich glaube deinem Wort, mein Sohn! – Aber das weißt du doch, der Gerechte muß in dieser ungerechten Welt viel leiden! Könnt ich dich nur hier behalten unter meinem eigenen, schützenden Dach!“ –

„Nein Mutter, das kannst du nicht! – Þórir griff mich einst mit 80 Mann auf der Arnarvatnsheide an, als er vom Alþingi zurückkam. Und er kann vielmehr Leute aufbringen, wenn er will. Überfällt er unsern Hof, so brennt er alles nieder. Und er hat ein Recht dazu, wenn ich unter deinem Dache bin!“ –

„Wüßt ich doch nur einen gesicherten Unterschlupf für dich, wo du Bersire Zeiten abwarten könntest,“ sagte Ásdís. „Denn, wenn du zwanzig Jahre lang deine Friedlosigkeit getragen hast, spricht, so hoffe ich, der Alþingi dich frei!“ –

„Solchen sicheren Ort hat mir Gudmund, der Reiche, auf Moedruveller genannt. Es ist die Drang-ey im Skagafjord, eine Felseninsel, grasreich, aber unbewohnt, auf steilen Felsenwänden ruhend, und nur durch Leitern ersteigbar. Dort könnte ich mich halten! – Aber, wenn ich an die dunklen Nächte denke, die ich dort so ganz allein verleben soll, dann schaudre ich doch davor zurück. Meine Dunkelscheu ist noch gewachsen, und macht das Alleinsein mir zur allergrößten Pein! – Lieber will ich sterben!!“ – –

„So suche dir einen zuverlässigen Knecht! An Mitteln, ihn zu zahlen, soll es dir nicht fehlen,“ sagte die Mutter.

„Wer ist zuverlässig? – Niemand! Ich habe die übelsten Erfahrungen auf der Arnarvatnsheide gemacht. Zwei Knechte hatte ich dort hintereinander, und beide wollten mich töten. Sie waren von Þórir bestochen.“

Da trat sein Bruder Illuge an den Tisch und sagte: „Nimm mich mit nach der Drang-ey, Bruder! Zwar kann ich dir wenig nützen! – Mein Arm ist noch schwach, aber mein Herz ist treu, und ich werde dich nicht verlassen, so lange du lebst!“ –

Freudig bewegt sprang Grettir auf. „Du bist der Mann, dessen Gesellschaft ich am liebsten hätte! – Doch unsere Mutter!“ – setzte er zögernd hinzu – „Was sagt dazu die Mutter?“ –

„Daß sie heute noch zwei Söhne hat, und bald keinen mehr! Das sagt die Mutter! – Doch hier bleibt, meine Kinder, keine Wahl! Grettir, du kannst ja nicht allein bleiben! Ich seh es! Ich aber kann, und muß es! Mein Herz ist an Entsagung schon gewöhnt. Auch in dieses Letzte werde ich mich finden! – Illuge soll mit dir nach der Drang-ey ziehn! – Vielleicht höre ich so auch öfter, wenn ihr zu zweien seid, wie es euch, meinen Kindern, geht?“ –

Es war eine große Stunde für das alte Haus in Bjarg, als dieser Entschluß gefaßt wurde. Schweigend nahte hier der Untergang eines alten Geschlechtes!! –

Grettir erhob sich. „Noch eine Pflicht habe ich hier auf dem Festlande zu erfüllen. Hallmund, mein Freund, mein Lebensretter, starb, von Grímur, aus dem Hofe Krop, erschlagen. Und Hallmund hat auf mich gerechnet! „Grettir ist der Einzige, der meinen Tod rächen wird! – Er hat ein treues Herz und einen starken Arm!“ – Das waren seine letzten Worte. Dieses Vermächtnis muß ich noch einlösen! – Wenn das geschehen ist, dann auf nach Drang-ey!“ –

Grettir hielt sich noch einige Nächte in Bjarg auf. Dann ritt er nach der Arnarvatnsheide, wo er den Grímur noch vermutete.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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