Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

39. Kapitel:

Þorsteinn gefunden.

 

Die Weinachtstage waren vorüber, und Grettir verließ das Bett. Er fühlte sich wieder in Besitz seiner vollen Kraft.

Sein erster Besuch galt dem Pfarrhofe in der Eyjadalsa. Als er beim Trinkhorn dem Priester Steinn gegenübersaß, kamen sie noch einmal zu sprechen auf das Erlebnis der letzten Weihnacht.

„Ich bleibe dabei“, sagte Grettir, „die Reifriesin, welche ich bezwang, hat auch den Þorsteinn und den Großknecht fortgeholt. Mich wollte sie in den Wasserfall stürzen, das war unverkennbar. Sie wird dasselbe auch mit jenen beiden gethan haben. Mithin muß ihre Höhle in der Nähe des Wasserfalls liegen, villeicht hinter demselben. Ich setze meinen Kopf darauf!“ –

„Und ich schüttle den Meinigen!“ sagte Steinn noch immer zweifelnd.

„Nun, probieren wir’s! Probieren geht über Studieren!“ warf Grettir leicht hin, und stand auf. „Komm mit mir zum Wasserfall. Wir wollen die Örtlichkeit dort prüfen!“ –

Steinn willigte ein, und ging mit.

Der Wasserfall maß in seiner ganzen Höhe 50 Faden. Ein Faden ist so viel, als ein erwachsener Mann mit ausgebreiteten Armen erklaftern kann, also etwa sechs Fuß. Demnach fiel die Wassermasse aus der oberen Felsenschlucht, welche dicht neben dem Hofe Sandhaugar lag, etwa 300 Fuß in die Tiefe, mehr denn Kirchturmshöhe.

Unten schäumten die Strudel auf, und unzugängliche Felsen umstarrten das Wasserbecken. Hier war ein Vordringen unmöglich.

Von oben also kletterten die beiden Männer die Seitenwände des Falls hinab, soweit sie kommen konnten. Das Resultat ihres Forschens war, daß sie durch den Wasserschleier hindurch deutlich die Umrisse einer Öffnung sehen konnten, vermutlich den Zugang zu einer Höhle.

Grettir war entschlossen das näher zu untersuchen.

Aber wie dorthin gelangen?

Von der Seite? – Unmöglich! – Von unten? – Noch weniger! So blieb denn nur übrig der Zugang von oben! –

Grettir holte von dem Hofe Sandhaugar ein Tau von 50 Faden Länge, um damit auf die Sohle des Wasserfalls zu gelangen.

Am oberen Ende des Sturzes rammte er einen Pfahl in den Erdboden ein, und hing an ihm mittelst einer Schleife das eine Ende des Taues auf, das andere Ende beschwerte er mit einem großen Stein, und ließ dieses Ende in den Wassersturz hinab. Auf diese Weise war eine Verbindung zwischen Oben und Unten hergestellt.

„So, nun kann es losgehen!“ sagte Grettir voll Zuversicht.

„Es ist dein gewisser Tod, wenn du da hinabsteigst“, sprach der Priester.

„So schlimm wird es gewiß nicht werden“, sagte Grettir, „aber Mut gehört dazu! Bleibe du hier, und hüte mir das Tauende, daß es vom Pfahl nicht abgleitet. Ich werde unten Arbeit finden, und vermutlich den freien Gebrauch meiner Glieder nötig haben!“ –

Darauf machte sich Grettir fertig, zog seine Oberkleider aus, und gürtete das kurze Schwert fest um seine Hüften. So sprang er von dem Felsen ab in den Wassersturz, umklammerte das Tau, und ließ sich an demselben hinunter.

Eine Zeit lang noch konnte Steinn Grettirs Hünengestalt in den Strudeln sehen. Dann verschwand er in der Tiefe.

Steinn beugte sich gespannt über den Felsenrand, und forschte hinab. Er konnte nichts weiter sehen, als den Schaum, nichts weiter hören, als das Tosen der Wasser.

Als Grettir ganz unten angekommen war, hatte er die Empfindung, als wäre er in der Hölle. So umstarrten ihn die Felsen, umheulten ihn die Fluten. Er klammerte sich fest an ein Riff, um den Wasserwirbeln, die ihn fortreißen wollten, Widerstand zu leisten.

Er atmete lange und tief auf.

Dann suchte er auf der Seite, wo der Strom weniger stark war, hinter den Wasserstrahl zu kommen.

Hier gewann er einen Absatz im Gestein, und erkletterte ihn.

Er befand sich in der That am Eingang einer großen Höhle. In derselben brannte ein starkes Feuer.

Grettir trat hinein, und er sah an dem Feuer ein Ungetüm sitzen, einen Reifriesen von unmenschlicher Größe und von erschreckender Häßlichkeit. Als der Riese den Fremdling eintreten sah, sprang er auf, und stach nach ihm mit einem langen Spieß.

Grettir wehrte den Angriff des Ungetüms ab, indem er mit seinem Schwert nach dem Speerende schlug, und es gelang ihm durch diesen Hieb die Eisenspitze von dem hölzernen Schaft zu trennen.

Da griff der Riese mit seiner Hand rückwärts nach einem langen Schwerte, das hinter ihm an der Felsenwand hing.

Diese Wendung, welche die Seite des Ungetüms entblößte, benutzend, stürzte Grettir auf den Gegner zu, und stieß ihm sein Schwert tief in den Bauch, den er der Länge nach aufschlitzte.

Dröhnend fiel das Ungetüm zu Boden.

Seine Eingeweide entquollen dem Bauch, die Flut leckte sie auf, zog sie in den Strudel hinein, und schwemmte sie den Fluß hinab.

Als der Priester Steinn, welcher oben stand, und das Tauende hütete, diese blutigrote Masse den Strom hinabschwimmen sah, glaubte er bestimmt, Grettir sei gestorben.

Darum gab er seinen Wachtposten auf, und eilte nach dem Hofe Sandhaugar, um Grettirs Tod der Hausfrau zu melden.

Steinvoer war tief betrübt, daß Grettir gestorben sei und zwar so nutzlos, als ein Opfer seiner Abenteuersucht.

Grettir in der Höhle beugte sich über den Leib des Riesen, und überzeugte sich davon, daß er wirklich tot sei.

Dann zündete er einen Holzspan an, und begann die Untersuchung des Raumes. Ob er Gold oder Kleinodien fand, berichtet die Saga nicht. Er blieb bis in die Nacht hinein dort, und durchforschte alles ganz genau. Endlich stieß er auf zwei Menschengerippe, die halb verscharrt in einer Ecke lagen.

„Das sind die Gebeine Þorsteinns“, sagte er, „und hier die des Großknechts. Sie sollen ein christliches Begräbnis haben!“ –

Er steckte die Knochen in einen Sack.

Als er sich überzeugt hatte, daß nichts von Belang mehr in der Höhle war, rüstete er den Aufbruch.

Er band den Sack mit den Menschenknochen sich auf den Rücken, und suchte schwimmend das Tauende zu erreichen. Er rüttelte stark daran, um so ein Zeichen nach oben hin zu geben. Der Wink wurde nicht erwidert.

„Aha! Steinn hat seinen Posten verlassen! – Die Zeit ist ihm zu lang geworden! – Vielleicht auch bekam er Furcht! – Hoffentlich hält das Tau!“ –

So sprechend griff Grettir nach diesem Ende. Er klomm an dem Tau hinauf, und gelangte glücklich oben an. Völlig durchnäßt war er. Dennoch ging er nicht sogleich nach Hause. Er nahm seinen Weg vielmehr nach der Kirche von Eyjadalsa.

Das letzte Vierteil des Mondes beschien seinen Weg, den er Fluß ab, dann durch die Furt, und endlich am andern Ufer weiter nahm.

Die Kirche lag vor ihm.

Ein Holzbau! Über der in Kreuzform angelegten Grundfläche erhob sich ein niedriges Geschoß. Auf dieses setzte sich ein hohes, mit Holzschindeln gedecktes Dach, welches nach oben spitz zulaufend, durch drei Einschnitte in vier übereinander sich erhebende Dächer zerlegt war, deren jedes sich nach oben hin verjüngte. In diese Dächer fügten sich Erker mit Lichtöffnungen ein. Im Innern stieg die Vertäfelung bis zur Dachspitze hinauf, und schuf einen Raum von stattlicher Höhe. Das Ganze, aus der Ferne betrachtet, machte den Eindruck einer, in Stufen aufsteigenden, Pyramide. Rings um das untere Geschoß lief eine offene Halle, gebildet durch Holzsäulen, die auf eine Brüstung von mäßiger Höhe aufsetzten. Es war die sogenannte Vorkirche, welche stets unverschlossen war.

In diese Vorkirche legte Grettir den Sack mit den menschlichen Gebeinen, und stellte daneben einen Runenstab, auf den er in Schriftzeichen die Nachricht eingrub, daß er diese Gebeine aus der Höhle des Reifriesen geholt, und solche vermutlich dem Þorsteinn und dem Großknecht angehörten.

Als der Priester Steinn am nächsten Morgen sein Gotteshaus betrat, fand er Sack und Runenstab, las die eingeschnittene Nachricht, und gewährte den ihm anvertrauten menschlichen Resten ein christliches Begräbnis.

Grettir war, nachdem er diese Pflicht der Frömmigkeit erfüllt hatte, nach Sandhaugar zurückgegangen, und hatte müde, wie er war, sich zu Bett gelegt.

Am Morgen vernahm Steinvoer Grettirs Rückkehr, und war nun überaus glücklich, daß die Nachricht von seinem Tode ein Irrtum gewesen war. Auch der Priester Steinn stellte sich ein, neugierig, Näheres über den Verlauf des Abenteuers zu hören.

Scherzend warf ihm Grettir vor, daß er schlecht auf das ihm anvertraute Tauende aufgepaßt habe. Dann erzählte er in der ihm eigenen, schwungvollen Rede, wie der kalte Mund des Wassersturzes ihn angegähnt, wie der reißende Strom seine Brust zusammengeschnürt, wie der arge Freund der getöteten Reifriesin ihn in der Höhle angegriffen, wie nach heftigem Kampfe die Lohe seines Schwertes jenem die schwarze Brust gespalten, wie er die beiden Gerippe dort als Schatz gehoben, und an das Tageslicht gezogen habe.

Man war nun überzeugt, daß die Raubanfälle in jenen beiden Weihnachtsnächten von diesen Reifriesen verübt seien, und die aufgefundenen Gebeine Þorsteinn und dem Großknecht wirklich zugehörten.

In der That kamen auch in der Folgezeit Räubereien derart im Bardarthale nicht wieder vor.

Grettir hatte auch hier mit seiner Kraft viel Gutes gestiftet, und die Leute von einer schweren Landplage befreit.

Der Winter verlief, und Steinvoer pflegte ihren Gast, dessen Name streng geheim gehalten wurde, auf das Beste.

Indessen dieses Bravourstück, das er hier wiederum verrichtet hatte, und dem die Flügel sich nicht binden ließen, daß es als begierig aufgegriffene Kunde von Hof zu Hof flog, brachten alle Sachverständigen in Verbindung doch nur mit einem Namen, mit dem des Grettir! – Wer anders, als er, der Tollkühne, der Riesenstarke, der Opferbereite, konnte das gewagt, das verrichtet haben?! –

Auch Þórir vermutete so, und sandte seine Spione aus nach dem Bardarthale. Sie kamen bald der Wahrheit auf den Grund, und Þórir bot seine Mannen auf, um Sandhaugar zu überfallen.

Grettir wollte die ihm lieb gewordene Steinvoer dieser Gefahr nicht aussetzen, und so beschloß er den Aufbruch.

Die wenigen Monate erquickender Rast waren nun wieder vorüber, und nach einem Abschied, in den Steinvoers Thränen reichlich hineinflossen, stieg er zu Pferde, und verließ das Bardarthal für immer! –

Er ritt westwärts.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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