Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

38. Kapitel:

In Todesnot.

 

Die große Halle, in der Grettir zurückgeblieben war, hatte zwei Eingänge, einen breiten Haupteingang und eine Nebenthür. Jenen, in der Mitte der einen Giebelwand gelegen, verrammelte er mit Tischen und Bänken der Halle, welche er übereinander türmte. Hier war ein Eindringen nun unmöglich.

Die Nebenthür lag jenem Haupteingange gegenüber, aber gerückt nach der Ecke hin, wo Längs- und Giebelwand zusammenstießen. Diese Nebenthür ließ er unverschlossen. So war der Angriff nur von einer Seite her möglich.

In diesem Teile der Halle schnitt eine Estrade quer durch den Raum. Auf ihr stand eine hochlehnige Bank, welche unbeweglich mit der Vertäfelung verbunden war. Über sie lagen Felle gebreitet.

Grettir kleidete sich nicht aus, behielt auch das kurze Schwert umgegürtet. Die eine der beiden Kerzen löschte er, die andere stellte er brennend auf einen Tisch, dem kleinen Thüreingang gegenüber.

Prüfend überschaute er noch einmal den Raum und seine Verteidigungsmittel, dann warf er sich, in einen Friesmantel gewickelt, auf jene Bank nieder.

Der Schlaf floh ihn. Unsicher tastete sich das Licht, von der einen Kerze ausgehend, in die Vertäfelung des hohen Daches hinauf, und kämpfte dort mit den spielenden Schatten. Diesem Spiele folgend, schlossen sich doch endlich Grettirs Augen.

Er entschlief.

Es mochte Mitternacht heran sein, da hörte man durch das ganze Haus hindurch ein gewaltiges Dröhnen und Krachen.

Grettir erwachte, und richtete sich auf seiner Bank in die Höhe. Die kleinere Eingangsthür, ihm gegenüber, wurde in diesem Augenblick aufgestoßen, und eine Riesengestalt trat ein.

Es war ein Weib. Unter dem einen Arm trug es einen hölzernen Trog, in der anderen Hand ein langes, blankes Messer.

Forschend sah sich das Weib in der Stube um. Als sie Grettir erblickte, stürzte sie auf ihn zu. Dieser sprang auf. Trog und Messer ließ die Riesin fallen. Dann packte sie den Mann, und beide rangen mit einander.

Grettir fühlte es im Ringen, daß jenes Weib stärker sei, als er. Er mußte alle seine Kraft anspannen, alle seine Geschicklichkeit einsetzen, um nicht zu Falle zu kommen.

Sie rissen sich, in der Halle ringend, auf und ab. Woran sie stießen, Tische, Bänke, Stühle, das stürzte, das zerbrach.

Selbst das Täfelwerk der Wand wich ihrem Anprall, und ging aus den Fugen.

Die Riesin hatte offenbar die Absicht, den Grettir aus der Thür der Halle heraus zu zerren.

Und das gelang! –

Der Kampf verpflanzte sich nun auf den Hausflur. Hier wiederholte sich dasselbe Spiel. Das Sichreißen aus einer Ecke in die andere, das Stürzen, das Zerschellen des Geräts, das Knacken und Krachen des Täfelwerks der Wände.

Die Riesin zerrte den Grettir, obwohl er sich mit allen Muskeln dagegen stemmte, nun doch zur Hausthür hinaus, auf den freien Hof.

Hier war der Kampf für ihn noch ungünstiger. Der Erdboden, durch das eingetretene Tauwetter erweicht, gab den sich stemmenden Füßen nach. Es fehlten hier die festen Gegenstände, welche als Rückhalt umklammert, als Stütze benutzt werden konnten. Dazu fühlte Grettir seine Kräfte unter dieser übermenschlichen Anstrengung schier erlahmen.

Die Riesin hielt ihn fest an sich gepreßt, so daß er Arme und Hände zu nichts weiter brauchen konnte, als des Gegners Leib zu umspannen. Namentlich jeder Versuch, mit der Hand zu seinem Schwerte zu gelangen, war unmöglich.

So schleppte sie ihn, fest an sich gepreßt, zum Flußufer hin. Schon waren sie jener Felsenschlucht ganz nahe, durch welche der Strom, sich pressend, in die Tiefe stürzt; schon mischte sich das Getöse des Wasserfalls mit den ächzenden Lauten der auf Leben und Tod Ringenden, und die aufspritzenden Wassertropfen mischten sich mit dem Todesschweiß auf Grettirs Stirne! Noch einen Schritt, und das Ungetüm zerrte ihn in den Wasserfall hinab! Da, in dem letzten Augenblick, gelang es ihm, durch eine schwingende Bewegung den Gegner auf die Seite zu drehen, so daß der rechte Arm ihm frei wurde. Rasch packte er nun sein kurzes Schwert, das ihm an der Seite hing, riß es aus der Scheide, und versetzte dem Ungetüm einen wuchtigen Schlag nach seiner Schulter, sodaß der rechte Arm durchhauen wurde.

Dadurch ward das Riesenweib kampfunfähig, und Grettir wurde frei.

In diesem Augenblick ging eine eigentümliche Bewegung durch die Luft. Die grauen Schatten der Nacht tauchten sich in ein grünes, unheimliches Licht. Ein gelber Strahl zuckte im Osten auf, und mit einem Schrei, aus dem Wut und Schmerz erklang, stürzte sich das Riesenweib über die Felsenschlucht hinab in die Tiefe.

Ein donnerartiges Getöse kam herauf, und die Schaumperlen des Wassers zischten hoch in die Luft.

Aus Grettirs Augen blitzte auf ein Strahl des Triumpfes.

Dann tastete er sich mit beiden Händen über seinen Leib, und stöhnte laut auf. Überall fühlte er sich geschwollen, und alle seine Glieder schmerzten heftig.

Tief erschöpft ließ er sich auf einen Stein niedersinken. Hier saß er eine geraume Zeit ganz still, und atmete tief und schwer.

Der Tag brach durch die Wolken, und es wurde Licht! Da erhob Grettir sich von seinem Stein, und schritt langsam dem Hause zu. Als er die Kleider abstreifte, sah er über seinen ganzen Körper hin blaue Flecken, die Spuren der eisernen Griffe seines Gegners. Er streckte sich auf das Bett, und, zum Tode müde, ersehnte er den Schlaf als den Erfrischungsquell für seine abgespannten Kräfte, als den Stiller seiner pochenden Gedanken.

Er entschlief! – –

Die Hausfrau Steinvoer kehrte zeitig aus dem Pfarrhof mit ihrem Kinde heim.

Voll Entsetzen sah sie die Verwüstung auf ihrem Hofe, dann ebendieselbe auch in dem Hausflur, am schlimmsten aber in der Halle.

In banger Ahnung hämmerte ihr das Herz. Kaum traute sie sich zu fragen. Das Gesinde kam herbei, und erzählte, so weit es davon wußte, die Erlebnisse der Nacht.

„Gott Lob!“ rief sie, „daß keiner von euch fehlt, daß ihr alle unverletzt seid! – Und der Fremde? – Der Gast, der den Troll zum Hause hinausbrachte, wo ist der?“ – –

„Er schläft!“ –

„So soll ihn niemand wecken!“ –

Die Hausfrau machte sich jetzt daran, mit den Hausleuten die Ordnung wieder herzustellen, und die Spuren des nächtlichen Kampfes, soweit dies anging, in Halle und Hausflur zu verwischen.

Die Weihnachtsfeiertage sollten nun doppelt froh gefeiert werden.

Grettir erwachte vom Schlaf erquickt; doch fühlte er sich außer Stande aufzustehen. Die Glieder waren ihm wie gelähmt.

Steinvoer trat an sein Bett, und reichte dankend ihm beide Hände.

„Du hast mich mit Gefahr deines Lebens durch den Fluß getragen, und auch mein Haus von dem bösen Troll befreit, der uns zwei Jahre lang in schwerer Furcht hielt. Sage mir nun auch, wem ich den Dank schulde? Denn Gast ist doch wohl nicht dein rechter Name!“ –

„Du sollst es wissen, Frau, wenn du schweigen kannst. – Du hast einen Verfolgten vor dir, dessen Namen nicht alle Leute hören dürfen!“ –

Sie gelobte Verschwiegenheit.

„So wisse denn, ich bin Grettir, der Starke, Ásmundurs Sohn aus dem Miðfjörðurdal.“ –

Dann erzählte er ausführlich die Erlebnisse der letzten Nacht, und Steinvoer fiel aus einem Erstaunen in das andere.

Als er geendigt hatte, fragte sie: „Meinst du, daß dasselbe Riesenweib auch Þorsteinn, den Weißen, geholt hat, und den Großknecht?“

„So meine ich,“ sagte Grettir. „Und vielleicht leben beide noch!“ –

„Wo?“ fiel Steinvoer lebhaft ein.

„Dann müssen sie in der Höhle der Reifriesen sein,“ entschied Grettir. „Und die wird nirgends anders liegen, als hinter dem Wasserfall! – Laß den Priester kommen! Wir wollen ihn in unser Vertrauen ziehen, und seine Meinung hören!“ –

Steinn der Priester kam, und Steinvoer empfing ihn auf der Hausschwelle.

„Alles steht gut, Vater Steinn,“ sagte sie freudig. „Keiner ist tot! Vielmehr der Troll ist verjagt, und in den Wasserfall hinabgestürzt! – Der Fremde hat’s gethan!“ –

„Der Gast?“ fragte Steinn.

„Wer er ist, wird er dir selber sagen! – Tritt ein!“ –

Sie kamen an Grettirs Bett.

Dieser nannte auch dem Priester seinen wahren Namen, und bat um seine Verschwiegenheit.

„Hier sollst du den Winter in Ruhe bleiben“, sagte Steinn, „von uns gehütet und gepflegt. Nenne dich weiter Gast vor den Hausleuten. Für uns beide bist du der Grettir!“ –

„Mein Werk ist hier noch nicht beendigt,“ sagte Grettir. „Þorsteinn und den Knecht, die verschwunden sind, will ich suchen. Sie müssen in der Höhle der Reifriesen sein.“

Steinn schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Den Beweis werde ich dir liefern, sobald ich gesund bin“, sagte Grettir.

Viele Tage mußte er noch das Bett hüten, und wurde von Steinvoer liebevoll gepflegt.

Es bildete sich später die Sage im Bardarthale, daß die Reifriesin nicht in den Wasserfall sich gestürzt habe, sondern in Stein verwandelt sei, als der Strahl des Weihnachtsmorgens sie getroffen hatte. Man zeigt noch heute an der oberen Schlucht einen aufrechtstehenden Felsen, der in der That dem Körper eines Weibes nicht unähnlich sieht.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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