Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

37. Kapitel:

Ein Kirchgang.

 

Im nordöstlichen Teile der Insel Island zieht sich von Süden nach Norden das Bardarthal hin, durchströmt von der Eyjadalsau, einem Fluß von ansehnlicher Länge und Breite, der in raschem Lauf, von vielen Wasserfällen unterbrochen, dem Meere zueilt.

In diesem äußerst fruchtbaren Thale liegt der stattliche Hof Sandhaugar in malerischer Lage. Dicht neben ihm stürzt die Eyjadalsau, durch eine Felsenschlucht sich zwängend, mit mächtigem Wasserfall in die Tiefe.

Besitzer dieses Hofes war Þorsteinn mit dem Zunamen der Weiße, sein Weib war Steinvoer, beide noch jung verheiratet, und im Besitze eines Töchterchens von zartem Alter.

Reich an Ertrag, und herrlich in der Lage, hatte dieser Hof doch einen Nachteil; es spukte auf demselben.

Und bald sollte der umherpolternde böse Geist auch ein schweres Opfer verlangen.

Es war um die Weihnachtszeit, und die Hausfrau Steinvoer fühlte ein Verlangen, in der heiligen Christnacht dem Vespergottesdienste beizuwohnen, welcher in der Kirche zu Eyjadalsau abgehalten wurde. Diese Kirche lag nach Norden zu thalabwärts, und zwar auf der anderen Seite des Flußes, sodaß die Leute von Sandhaugar über den Fluß setzen mußten, um zu ihrer Kirche zu gelangen, was im Winter oft große Schwierigkeiten machte.

Dennoch wollte es Steinvoer! Die Kirche im Schnee, das helle aus den Fenstern quellende Licht, der fromme Gesang, das kräftige Gotteswort mit seinen das Herz erquickenden Verheißungen, das alles hatte zu viel Anziehungskraft für sie. Sie mußte hin.

Zudem war der Hof zu Sandhaugar dem Pfarrhofe, der neben der Kirche zu Esjadalsau lag, eng befreundet.

Hier waltete seines Berufes der christliche Priester Namens Steinn, verheiratet, ein guter Hausvater und ein wohlhabender Mann.

Auf diesem Pfarrhofe konnte Steinvoer bequem übernachten, um nicht nach des Gottesdienstes Schluß bei Dunkelheit den beschwerlichen Rückweg zu machen.

Sie ging. Aber der Hausherr blieb daheim.

Am Abend legte sich alles auf Sandhaugar zu Bette, was nicht mit der Hausfrau zur Kirche war. Auch Þorsteinn mit dem Zunamen der Weiße legte sich zur Ruhe.

Um Mitternacht ging ein großes Gepolter durch das Haus, und alles fuhr erschreckt aus den Betten. Doch wagte keiner von dem Gesinde sich hervor, aus Angst vor dem Gespenst.

Der Morgen graute, und bei Zeiten kehrte die Hausfrau zurück. Allein der Hausherr war aus seiner Schlafkammer verschwunden, und niemand wußte, wo er geblieben sei.

Jeden Tag zerbrach man sich den Kopf und auch das Herz über Þorsteinns Verschwinden. Jeden Tag hoffte man auf seine Wiederkehr. Aber das Jahr verging, und Þorsteinn kam nicht zurück.

Weihnachten war wieder da.

Wieder wurden in Eyjadalsau die Lichter zum Vespergottesdienst angezündet, und die Gläubigen strömten thalauf, thalab herbei, um das gloria der Engel mit anzuhören, mitzusingen.

Auch Steinvoer wollte wieder dorthin.

Sie beauftragte ihren Großknecht, unterdessen das Haus zu behüten. Dieser machte zunächst Einwendungen, ließ sich jedoch schließlich bewegen, auf dem gefährlichen Posten zu bleiben.

Wiederum um die Mitte der heiligen Nacht ließ sich im ganzen Hause das große Getöse vernehmen. Wiederum die allgemeine Beklemmung. Und am Morgen, als die Hausfrau zurückkehrte, wiederum das spurlose Verschwinden eines Mannes, diesmal des Großknechtes. Man durchsuchte dessen Kammer, man durchforschte die übrigen Räume des Hauses, den Hausflur, den Wirtschaftshof. Man betastete, und untersuchte die Thüren und die Schlösser. Alles war in guter Ordnung. Endlich entdeckte man auf der Außenseite der Hausthür einige leichte Blutflecken.

Nun kam man zu dem Schluß, daß ein Troll es gewesen sein müsse, der jetzt den Knecht, wie Jahres zuvor den Hausherrn, in der heiligen Nacht entführt hätte.

Die Kunde von diesem sonderbaren Vorfall verbreitete sich rasch über das ganze Bardarthal, wie auch die benachbarten Thäler, und wurde Gegenstand allgemeinster Erörterung.

So lagen die Dinge, als Grettir, nachdem er den Þórir gefoppt hatte, in Verkleidung über die Berge kommend, das Bardarthal betrat.

Er erfuhr von Þorsteinn’s und des Großknechtes geheimnisvollem Verschwinden, sowie von der Vermutung der Nachbaren, daß ein böser Geist die Ursache all dessen sei.

„Ich habe vor Jahren auf Þórhallurstaetten im Forsaeluthale den Glam überwunden, und dort das Haus von diesem bösen Gespenst befreit. Damals war ich noch jung und unerfahren. Jetzt traue ich mir mehr zu. Ich will den Leuten dort helfen, und mir neue Freunde werben. Ich kann sie brauchen.“ So sprach Grettir zu sich selbst und nahm den Weg auf Sandhaugar zu. Er wußte es so einzurichten, daß er gerade am Weihnachtsabend dort eintraf.

Als er vom Pferde gestiegen war, und seine Riesengestalt im Gerüste der Hausthür stand, ergriff die Dienstleute, welche durch all das Erlebte eingeschüchtert waren, mächtige Furcht, und sie wichen zurück.

Indessen die Hausfrau Steinvoer war mutiger. Sie trat vor, und fragte nach des Ankömmlings Namen und Begehr.

„Mein Name ist Gast,“ sagte Grettir, „und ich bitte hier um ein Nachtquartier.“

„Nachtquartier und Essen stehen dir zu Diensten, Gast,“ sagte Frau Steinvoer, „aber für deine Sicherheit hier in diesem Hause mußt du selber sorgen!“ –

„Ich weiß Bescheid,“ sagte Gast, „und habe keine Furcht. Ich will nicht bloß für meine Sicherheit hier sorgen, sondern auch für die deinige, Frau! Gehe ruhig in den Vespergottesdienst heute, wenn du magst. Ich werde in dieser Nacht hier Wache halten.“

„Das nenne ich mutig gesprochen,“ sagte Steinvoer, und reichte Gast die Hand.

„Wer nichts wagt, gewinnt auch keinen Ruhm!“ erwiderte Grettir.

Und beide traten zusammen in die Wohnstube.

„Nach dem Entsetzlichen, was zweimal hier gerade in der heiligen Nacht sich zugetragen hat, wollte ich eigentlich heut nicht fort von Hause, so gerne ich auch den Weihnachts-Vespergottesdienst besuche. Auch ist der Fluß geschwollen, und geht mit Treibeis. Das Hinüberkommen wird heute schwer sein!“ –

„Ich helfe dir hinüber,“ sagte Gast „und übernehme dann im Hause die Wache. Du magst ruhig gehen!“ –

So ging denn Steinvoer, und kleidete sich festlich an. Auch ihr Töchterchen, ein zartes Kind, nahm sie mit sich.

Es war draußen Tauwetter geworden. Der Fluß ging breit und tief. Das Eis war geborsten, und trieb in dicken Schollen den Fluß hinab. Dazu das Tosen des nahen Wasserfalls, der Sturm, der in den Zweigen der Tannen wühlte, und die Bäume ächzen machte; das alles gab ein beängstigendes Bild des Aufruhrs in der Natur.

„Es ist unmöglich, heut über den Fluß zu kommen,“ sagte Steinvoer, als sie an das Ufer getreten waren, und in die schäumenden Wasser blickten. Ihr kleines Mädchen drückte sich ängstlich an die Mutter.

„Nicht Mensch, noch Pferd, sag ich dir, kommen heut hinüber!“ –

Grettir, der zur Seite stand, sah prüfend auf die Wasserwirbel.

„Es findet sich wohl oberhalb eine Furt, wo der Fluß nicht so tief ist,“ sprach er zu Steinvoer.

Sie schritten aufwärts.

„Hier wird es gehen,“ versicherte Grettir, und sie hielten still.

„Ich wate durch den Fluß, und trage euch beide auf dem Arme hinüber. Habt keine Furcht!“ –

„Nimm erst das Kind, und bring es an’s andere Ufer,“ bat die Mutter. „Dann hole mich!“ –

„Ich mag nicht zweimal gehen,“ sagte Grettir, „ich nehm’ euch beide auf eins!“ –

„Wie das?“ fragte Steinvoer.

„Nun, dich nehme ich auf meinen linken Arm, und das Kind setze ich in deinen Schoß. Die rechte Hand muß ich freibehalten, um die Eisschollen abzuwehren“ erklärte Grettir.

Steinvoer ergab sich in den Vorschlag. Sie machte fromm das Zeichen des Kreuzes über sich und ihr Kind. Dann hob Grettir sie auf seinen Arm, und setzte das Kind in ihren Schoß.

„Es ist mein gewisser Tod!“ sagte Steinvoer.

Grettir stieg mit seiner Last in den Fluß hinab. Mit den Füßen vorsichtig tastend, suchte er sicheren Grund zu finden. Er schritt zu, und der Fluß ward immer tiefer und tiefer.

Erst reichte das Wasser ihm bis an das Knie, dann stieg es bis an die Brust, endlich sogar bis an die Schultern.

Er stand mitten im brausenden Strome in seinem nervigen Gliederbau da, ein ragender Fels.

Sein rechter Arm ruderte, und wehrte ab die auf sie zuschießenden Eisschollen.

Steinvoer schlang ihren Arm um Grettirs breites Haupt, und schmiegte sich in ihrer Angst dicht an ihn. Das Kind klammerte sich wieder an seine Mutter.

Beide brachten keinen Laut hervor. Die Brust war ihnen wie zusammengeschnürt, im Gefühl der höchsten Gefahr, und das Auge hielten sie geschlossen.

Auch Grettir sprach kein Wort. Mit gespanntem Nerv achtete er auf jeden Wirbel, jede Eisscholle, jeden Stein, den unten im Grunde seine Fußspitzen anrührten, um des wilden Elementes Herr zu bleiben.

So schritt er weiter, das Herz erfüllt von der Verantwortung für das Leben zweier Menschen, die sich ihm anvertraut hatten.

Nun war die Mitte des Flusses überschritten, nun sank das Wasser wieder von Grettirs Schultern bis zu Grettirs Brust, von der Brust bis zu seinen Knien. Das jenseitige Ufer wurde erreicht.

Steinvoer öffnete ihre Augen, und glitt am nassen Arm des Grettir hinab. Er hatte Mutter und Kind sorglich so hoch über der Flut gehalten, daß sie, von den Wellen unberührt, fast ganz trocken geblieben waren.

Sie verabschiedete sich mit herzlichem Dankeswort, und Mutter und Kind schritten, das Ufer entlang, auf ihre Kirche zu.

Der Priester Steinn auf Eyjadalsau war sehr erstaunt, als er Steinvoer unter den Festbesuchern seiner Kirche sah.

„Wie hast du es nur möglich gemacht, heute über den Fluß zu kommen?“ – fragte er sie.

„Weiß ich es doch selbst nicht“, gab sie zur Antwort „wer mich hinübergetragen hat! – War es ein Mann? – War es ein Troll? – Genug, er hatte Riesenkräfte!“ –

„Ein Troll würde dir nicht auf dem Gang zu unserem Gotteshause geholfen haben“ , sagte der Priester. „Da kannst du sicher sein. Die Trolle hassen das Kreuz, und in keiner Zeit des Jahres sind sie zorniger, als in dieser heiligen Nacht, wo der Held geboren wurde, der ihnen das Reich genommen hat. Dein Hof hat diesen ihren Zorn reichlich erfahren!“ –

Steinvoer seufzte bei diesen Worten tief auf. Sie dachte nach Hause, und an die Opfer, welche die heilige Nacht schon zweimal dort gefordert hatte, und vielleicht auch dieses Jahr fordern würde.

„Sei überzeugt, Steinvoer,“ sagte der Priester, „es war ein Mensch, der dich über den Fluß trug, wenn auch gewiß kein gewöhnlicher. Denn die That ist unvergleichlich! Vielleicht ist er dir von Gott als Retter zugesandt, um dein Unglück zu wenden!“ –

Steinvoer sah dem Priester gläubig dankend in die Augen für dieses Trostwort.

„Doch, sprich nicht,“ setzte Steinn hinzu, „mit vielen Leuten über diese Sache! – Verschließ es in dir selbst! – Es ist so Bersir!“ –

Als der Vespergottesdienst zu Ende war, ging Steinvoer mit in’s Pfarrhaus, um dort zu nächtigen.

Grettir hatte, als er Mutter und Tochter glücklich am bergenden Ufer niedergesetzt hatte, denselben Weg, den Fluß durchwatend, noch einmal zurückgelegt, nur rascher, sorgloser, weil auf sich selbst gestellt und mit dem Gange schon vertraut.

Er schüttelte am andern Ufer das Wasser aus seinen Kleidern, schlug die Arme kräftig in einander, um sich zu erwärmen, und schritt dann rüstig aus, auf den Hof Sandhaugar zu.

Es war Dämmerung, als er das Haus betrat. Er wechselte rasch die Kleider, und bestellte das Abendessen.

In scheuer Befangenheit trug das Gesinde auf. Das plötzliche Erscheinen dieses fremden Mannes, sein starker Gliederbau, sein kühner Entschluß hier diese gefährliche Nacht zu wachen, sein Gang durch den angeschwollenen Fluß; das alles hatte sie erfüllt mit einem Gefühl, das, in sich selbst nicht klar, zwischen Furcht und Ehrfurcht schwankte.

Allein saß Grettir in der großen Halle auf dem hochlehnigen Armstuhl, der an den schweren Eßtisch gerückt, dem Hausherrn eignete. Das Licht zweier Kerzen erhellte unsicher den weiten Raum.

Die Speisen waren verzehrt, und das Trinkhorn stand vor ihm. Er schaute sinnend in dasselbe hinein, und überlegte den Gang der nächsten Stunden. Dann leerte er auf einen Zug das Horn, und stand auf.

Dem Gesinde befahl er zu Bette zu gehen. Es zog sich scheu zurück, und, das Kreuz über sich schlagend, stieg jeder rasch in seinen Schlafsack.

Grettir blieb wach, und sah gespannt einer verhängnisvollen Nacht entgegen.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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