Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

36. Kapitel:

Gefoppt.

 

Drei Jahre waren vergangen, seitdem Grettir den sicheren Unterschlupf in dem Fagraskogarfelsen auf der Myraharde hatte verlassen müssen, und nirgends war es ihm gelungen, festen Fuß zu fassen. Seines Feindes Þórir ungestillter Zorn und dessen gewichtige Machtmittel übten einen so starken Druck nach allen Seiten aus, daß auch Grettirs Blutsverwandte und wärmsten Freunde es nicht mehr wagten, ihn auf längere Zeit bei sich aufzunehmen.

So zog denn Grettir während des Sommers auf dem Kamm des Hochgebirges umher, wo ausgedehnte Heideflächen, von Heidekraut und Moosgeflecht überzogen, von Sümpfen und niedrigem Gestrüpp durchsetzt, dalagen.

Hier und da standen vereinzelte Sæterhytten als Sommerquartier für Hirten, welche auf dieser Höhe mit ihrem Vieh die Gebirgswiesen abweideten.

Diese Gegenden durchstreifte unstät und flüchtig Grettirs Fuß. Wir finden ihn auf der Moedruthal- und der Reykjaheide. Nichts desto weniger dehnte Þórir seine rastlosen Nachstellungen auch auf diese öden Gegenden aus.

Er hatte gehört, daß Grettir auf der Reykjaheide sich aufhalte, rief seine bewaffneten Knechte zusammen, und zog mit starkem Gefolge dorthin.

Hier auf offenem Felde fehlte dem Grettir jene Rückendeckung, welche dort in der Klamm ihn gerettet hatte.

„Hier umzingeln wir ihn leicht, und strecken ihn nieder!“ Das war Thorers Plan.

Und dieser Plan schien zu gelingen.

Grettir wurde den anrückenden Feind erst gewahr, als derselbe bereits ganz nahe war. Dazu hatte er nur einen einzigen Begleiter!

Beide warfen, als sie des Feindes ansichtig wurden, ihre Pferde rasch herum, und Grettir suchte eine Saeterhütte zu erreichen, welche seitwärts vom Wege lag. Hier zogen sie die Pferde rasch ins Haus, und verrammelten die Thür.

Þórir, der sie nicht bemerkt haben mußte, ritt vorbei, nordwärts.

„Das Gewitter ging diesmal vorüber, ohne einzuschlagen,“ sagte Grettir zu seinem Gefährten, und trat aus der Hütte heraus.

Der Zug der Bewaffneten stieg eine Bergkuppe hinan, und hielt dort Umschau. Offenbar berieten sie sich. Dann machten sie kehrt, und kamen denselben Weg wieder zurück.

„Ich habe Lust mit Þórir zu reden,“ sprach Grettir zu seinem Begleiter. „Hüte du die Pferde! – Ich trete zu Fuß ihm in den Weg. Schwerlich erkennt er mich. Wenn er dann später davon hört, daß ich es war, der ihn zum Besten hielt, wird er schwer sich darüber ärgern!“ –

„Grettir, du riskierst dein Leben!“ rief der Knecht warnend. „Laß diesen tollkühnen Streich!“ –

„Nur keine Furcht, mein Junge! – Zunächst eine Verkleidung!“ –

Er warf sein Wams ab, und langte des Hirten langen Rock von der Wand. Den zog er an. Dann setzte er einen breitkrämpigen Hut auf, und drückte ihn tief in die Augen. Endlich nahm er einen Knotenstock in die Hand. So verließ er die Hütte, und schritt dem Zuge des Þórir entgegen.

Dieser begrüßte den Wanderer, hielt ihn an, und fragte:

„Hast du hier nicht jemanden über das Gebirge reiten sehen?“ –

„Ja wohl Herr, das habe ich!“ sagte der vermeintliche Hirte. „Der Grettir war es und sein Knecht! – Den suchst du doch?“

„Gewiß, den suchen wir,“ bestätigte Þórir eifrig.

„Nun, die waren heute Morgen hier ganz nahe, und sind abwärts geritten zu den Mooren hin. Links südwärts!“

Þórir dankte für die Nachricht, und gab seinen Leuten Befehl, links südwärts abzureiten.

Sie kamen zu den Mooren, und versuchten es, auf den schmalen Dämmen, welche die Moore durchschnitten, diese zu durchqueren.

Jene Dämme waren indessen so voll Wasser gesogen, daß die Pferde, eins nach dem anderen, mit den Hufen abglitten, und in den Schlamm versanken. Der Zug kam dadurch in Verwirrung, und die Leute hatten den größten Teil des Tages damit zu thun, wieder aus dem Sumpfe herauszukommen.

Þórir fluchte dem Landstreicher, der sie so zum Besten gehalten hatte! –

Grettir war indessen schnell zur Hütte gegangen. Dort legte er sein Wams wieder an, stülpte den Eisenhut auf, stieg, den Spieß in der Hand, zu Pferde, und ritt mit seinem Knecht westwärts die Felsen hinab.

Grettir nahm die Richtung auf Gard, Thorers Hof, zu. –

Diesen erreichte er lange Zeit bevor Þórir mit seinen Knechten aus dem Sumpf sich herausgearbeitet hatte. Auf dem Wege dorthin schloß sich ihnen ein fremder Mann an, der den Grettir nicht kannte, aber sich als ortskundig zeigte.

In stattlicher Breite lag der Hof Gard vor ihnen. Grettir spürte Lust, diesem einen Besuch zu machen. Der Fremde und sein eigener Knecht folgten. Als sie dem Thorweg sich näherten, sahen sie vor demselben ein jugendliches Weib in prächtiger Kleidung stehen. Grettir fragte den Fremden, wer das sei. Und dieser gab Auskunft: „Das ist Thorer’s Tochter.“

Grettir ritt sogleich auf sie zu, grüßte höflich, und warf folgenden Reim ihr hin:

„Du goldene Sonne,

Des Vaters Wonne,

Nimm hier meinen Gruß! –

Er müht sich zu streben

Nach meinem Leben,

Folgt hier auf dem Fuß!“ –

„Hat nichts zu bedeuten,

Wir können schon reiten!

Wenn auch nur zu zwei! –

Ist doch Grettir dabei!!“ – –

Aus diesen Worten hörte der Fremde, wer der Sprecher sei, warf rasch sein Pferd um, und sprengte dem Þórir entgegen, um Grettirs Anwesenheit auf Gard zu melden. Aber Þórir war noch weit ab. Und ehe die Meldung ihn erreichte, war Grettir längst über alle Berge.

Verdrossen bog Þórir in seinen Hof ein, mit der Empfindung, einen schimpflichen Tag hinter sich zu haben. Und alle, zu denen diese Geschichte kam, teilten die Meinung, Grettir habe seinen ärgsten Feind arg gefoppt.

Sofort schickte Þórir Spione nach allen Richtungen aus, welche den Grettir aufspüren, und unverzüglich seinen Aufenthalt ihm melden sollten.

Grettir schickte seinen Knecht mit den Pferden nach dem Westlande, selbst aber stieg er in Verkleidung, zu Fuß, die Berge hinauf. So entkam er, und erreichte am Anfang des Winters das Nordland.

Es war die übereinstimmende Meinung aller, daß dieses die größte Niederlage gewesen sei, welche Grettir dem Þórir beigebracht hätte.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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