Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

35. Kapitel:

Hallmund’s Tod.

 

Grettirs verlassene Hütte auf der Arnarvatnsheide war nicht leer geblieben. Sie hatte einen Insassen gefunden. Grímur, der Sohn einer Wittwe auf dem Hofe Krop, gleichfalls ein Geächteter, war dort eingezogen.

Groß und stark war er, wenn auch an die Kräfte eines Grettir in keiner Weise heranreichend. Im benachbarten See machte er fortlaufend reichlichen Fischfang.

Dieses Eindringen in sein Reich verdroß den Hallmund, und er beschloß den Grímur dafür zu strafen.

Grímur hatte eines Tages 100 Fische gefangen, brachte sie nach Hause, und warf sie in einen Bottich, der vor seiner Hütte stand. Aber am folgenden Morgen, als er die Fische verkaufen wollte, waren sie alle verschwunden. Er fand das sehr sonderbar; aber er ging wieder an den See, und fing diesmal 200 Fische. Erfreut brachte er den reichen Fang nach Hause. Indessen auch sie waren am folgenden Morgen bis auf den letzten Fisch verschwunden.

Das war doch nun ganz unbegreiflich! –

Den dritten Tag fing er 300 Fische. In mehreren Trachten schleppte der starke Mann diese Last hinauf zu seiner Hütte.

„Diesmal soll mir der Fang nicht verschwinden,“ sprach Grímur zu sich selbst. „Ich passe die ganze Nacht hindurch auf.“ –

Zu diesem Zweck schnitt er ein Loch in die Thür seiner Hütte, durch welches hindurchlugend, er bequem den ganzen Vorplatz übersehen konnte.

Ein Dritteil der Nacht war verlaufen. Da hörte er jemand mit schweren Schritten den Hof betreten. Der Fremde war von riesenhafter Gestalt, und trug auf seinem Rücken einen schweren Kasten, den er auf die Erde niedersetzte. Dann sah der Riese sich forschend ringsum. Die Hütte lag da in schweigender, nächtlicher Einsamkeit, der Vorplatz war leer, und kein Laut regte sich. Rasch bückte sich der Fremde, griff mit beiden Händen in den Bottich, langte Fische heraus, und warf sie hinüber in seinen Kasten, den er bis zum Rande füllte. Es war mehr als eine Pferdelast. Der Riese hob dann den vollen Kasten mühelos auf seine Schulter.

Grímur hatte, hinter der Thüre lauernd, durch das Loch hindurch alle diese Bewegungen scharf beobachtet. Nun griff er nach seiner Streitaxt, stieß die Thüre auf, und sprang ins Freie.

Mit beiden Händen die Axt fassend, holte er aus, und traf mit wuchtigem Schlage des Riesen Hals, sodaß die Schneide des Beils tief in das Fleisch eindrang.

Der Verwundete machte eine rasche Wendung, und lief südwärts über die Berge hin, den schweren Kasten auf seinem Rücken.

Grímur verfolgte ihn, denn er wollte wissen, ob die Wunde tötlich sei. So gelangten sie zum Balljoekull, wo der Verwundete in eine Höhle einbog.

Grímur folgte nicht, sondern trat am Höhleneingange in den Schatten eines Felsens, von wo aus er, was im Inneren der, durch ein Feuer erleuchteten, Höhle, vor sich ging, leicht übersehen konnte. Er sah am Heerde ein Weib sitzen von starkem Gliederbau, aber mit nicht unschönen Gesichtszügen. Sie erhob sich, und ging dem verwundeten Manne, der mit dem Kasten auf dem Rücken eingetreten war, lebhaft entgegen.

Dieser warf die Last ab, und stöhnte laut auf.

Aus der breiten Halswunde, nach der er griff, quoll reichlich Blut hervor.

„Warum blutest du? – Vater!“ – fragte das Weib.

„Niemand poche auf seine Stärke! Mein Sterbetag ist gekommen! Rüste mir das letzte Lager, Kind! – Mut und Mannheit verlassen mich jetzt!“ –

„Sag an, was ist geschehen? – Vater!“ fragte das Weib, und geleitete den Wankenden, sorglich ihn stützend, nach seinem Bette.

Er streckte sich aus, und sie legte Tücher auf die Wunde, um das Blut zu stillen.

In Absätzen teilte er mit, was geschehen, und wie er zu dieser Wunde gekommen sei.

„Der Mann, der nach dir schlug,“ sagte die Tochter, „hat sein Werk vollauf gethan! – Die Wunde reicht bis auf den Knochen, und alle Adern sind durchschnitten. Man kann es ihm nicht verdenken, daß er seine Kraft gebraucht hat, denn du hast ihn schlecht behandelt!“ –

„Er hatte kein Recht in Grettirs Haus zu wohnen, und dort in meinem Teich zu fischen,“ sagte Hallmund. –

Denn Hallmund war es, der hier zum Sterben sich hinstreckte.

„Wer, meinst du,“ fragte die Reifriesin, „wird deinen Tod rächen?“

„Ob das je geschehen wird, wer weiß es?“ sagte Hallmund. „Grettir ist wohl der Einzige, auf den ich rechnen kann. Er hat ein treues Herz und einen starken Arm. Doch dieser Grímur, der mich schlug, wird Glück haben in dieser Welt, das sage ich dir!“ –

Dann ruhete der Verwundete ein wenig, und schloß die Augen. Die Tochter sank an seinem Bette nieder, und barg ihre Angesicht in beide Hände.

Er strich mit seiner Hand liebkosend über das herabfallende, volle Haar, und sagte weich: „Weine nicht, Kind! – Laß uns die letzten Augenblicke nützen! – Nimm deinen Runenstab, und grabe darauf ein, was ich dir singe!“ –

Nun begann Hallmund mit matter Stimme ein Lied.

Er sang, wie er dem Grettir einst die Zäume aus den Händen geruckt, daß sie schmerzten. Er sang, wie er, Rücken an Rücken mit Grettir, Thorers 80 Mann geworfen, daß 18 davon das Aufstehen vergaßen. Er sang, wie er mit Reifriesen und Halbreifriesen gekämpft, und sie bezwungen; wie die Erdgeister samt den Elfen und den Gnomen seine Macht gespürt! –

Das alles schnitt die Tochter, während der Riese singend sprach, mit einem Messer in den Stab von Buchenholz ein, den sie auf ihrem Schoße hielt, in Runen, nicht Buchstaben, sondern Merkzeichen, von denen jedes nicht einen Laut, sondern ein Wort, oft einen ganzen Satz bezeichnend, für das Gedächtnis festhielt. –

Dieses Lied bekam den Namen Hallmunds-Kvida, (Kvida heißt auf deutsch Gedicht) und lebt noch heute in der Isländer Gedächtnis. Mit dem letzten Worte erstarb auch Hallmunds Stimme. Er streckte seine Glieder, und war nicht mehr! –

Laut schluchzend warf sich die Tochter über die Leiche ihres Vaters! – Da trat Grímur aus seinem Versteck hervor.

Sein Tritt weckte die knieende Frau aus ihrer Betäubung. Sie richtete sich auf und sah ihn fragend an. Das dunkle Haar hatte sich gelöst, und umfloß Haupt und Schultern, gleich wie ein Trauerschleier. In ihren Wimpern hingen Thränen. Die Hand hielt sie, wie abwehrend, gegen den Eintreten vorgestreckt.

„Wer stört hier die Totenklage einer Tochter?“ fragte sie vorwurfsvoll.

„Ich folgte deinem Vater von der Arnarvatnsheide herauf,“ sagte Grímur.

„Du folgtest einem wunden Manne! – Sag an, wer schlug die Wunde?“ –

„Meine Hand!“

„Deine Hand!?“ – rief die Reifriesin und richtete sich drohend auf. „Warum kommst du denn her nach solcher That? Willst du auch mich töten?“ –

„Nein, ich kam hierher, um dich zu trösten!“ sagte Grímur mit weichem Klang in seiner Stimme. „Ich hörte deines Vaters Sterbelied, und sah deinen Schmerz!“ –

„Es ist vermessen, mit der Hand trösten zu wollen, welche die Wunden schlug!“ –

„Sie schlug sie in der Notwehr! – Ich suchte nicht den Streit. Ich verteidigte nur, was mein war. Es war die dritte Nacht, daß ich um den sauren Schweiß meiner Tagesarbeit betrogen wurde. Hättest du es ruhig mit angesehen, wenn jemand dich bestahl? – Gieb dem Recht die Ehre!“ –

„Ich hätt’s nicht!“ – sagte sie stolz. „Unrecht bringt Unheil! Es bleibt wahr!“ –

„Meine Hand schlug ungern! Laß dir’s sagen! Und, da ich nun in deinem Schmerze hier dich sah, wünscht’ ich zwiefach jenen Schlag zurück!“ –

Sie trat auf Grímur zu, und reichte ihm die Hand.

„Ist so dein Herz gesonnen, so laß uns Frieden schließen!“

Grímur schlug in die dargereichte Rechte ein, und sagte:

„Jeder muß fort von hinnen, wenn seine Stunde schlägt! – Auch uns wird sie schlagen!“ –

Grímur half der Reifriesin nun ihren Toten beklagen, und seinen Leib bestatten.

Er blieb mehrere Tage in der Höhle, und lernte, am Feuer mit der Riesin sitzend, die Hallmunds-Kvida aus ihrem Munde. Dann stieg er wieder nach der Arnarvatnsheide hinab, und blieb dort noch den folgenden Winter.

Eines Tages kam Þorkell Eyjulfsohn herauf, um Grímur zu töten. Sie kämpften miteinander. – Grímur trug den Sieg davon; schenkte aber großmütig dem Überwundenen das Leben. Als Widervergeltung nahm Þorkell den Grímur in sein Haus auf, half ihm ins Ausland fort, und streckte die Mittel dazu ihm reichlich vor.

Im Ausland wurde Grímur ein angesehener Kaufmann.

Diese hochherzige Gesinnung beider Männer fand in Island allgemeines Lob.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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