Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

34. Kapitel:

Unstät und flüchtig.

 

Grímur Þórhallursohn auf Gilsbacka am Borgarfjord war der Bruder seines Schwagers Gamli. Grettir war ihm eng befreundet, und er wußte es, wenn einer, so hatte Grímur für ihn ein warmes Herz und einen klugen Rat. Hier hatte er vorgesprochen, als er zum zweiten Male mit gescheiterten Hoffnungen aus Norwegen zurückkehrte. An Grims Tische hatte er mit Sveinn jene lustigen Reime über die Södulkolla zusammengeknüpft. Grímur hatte ihm vor Jahren den klugen Rat gegeben auf die Arnarvatnsheide hinauszugehen. Grímur mußte wieder helfen. So trat er denn bei ihm ein mit der Frage:

„Freund, was rätst du mir jetzt anzufangen? – Wo soll ich hin?“ –

Grímur sagte: „Du weißt, Grettir, meine eigenen Mittel sind nur klein. Dazu fehlt mir das starke Gefolge, dich in meinen Schutz zu nehmen. Hätt’ ich beides, ich wollte nicht kargen. Aber so kann ich Thorers Wut nicht reizen. Er ist stark und mich zu zermalmen, ist ihm ein Leichtes!“ –

„Weißt du denn keinen Schlupfwinkel für mich?“ fragte Grettir. „Außer der Arnarvatnsheide keinen!“ erwiderte Grímur.

„Und diese ist mir gründlich verleidet durch jene falschen Gesellen! – Dorthin kehre ich nicht wieder zurück,“ erklärte Grettir.

„Nicht alle Menschen sind falsch! – Du triffst es ein andermal wohl Bersir!“ warf Grímur ein.

„Nein, nicht alle Menschen sind falsch, wenn auch das Unglück ein scharfer Prüfstein ist für die Aufrichtigkeit der Freunde. Björn in der Myraharde war mir ein redlicher Kamerad. Und auch die Arnarvatnsheide ließ mich einen gleichen finden!“ –

„Wer war das?“ fragte Grímur.

Nun erzählte Grettir von Thorers Angriff und von des Reifriesen kräftiger Hülfe. „Dieser Hallmund nahm mich dann mit sich, und ich blieb bei ihm. Beim Scheiden sagte er: ‚Sprich wieder bei uns vor, sobald du magst!‘“ –

„Ich würde in deiner Stelle dieser Einladung folgen,“ sagte Grímur.

„Ich muß nun wohl,“ versetzte Grettir. „Aber du vergißt, Freund, daß die Reifriesen nicht unseres Geschlechtes, daß sie nicht Menschen, wie wir, sind. Bei all ihrer Liebe und Hülfe, die ich dort erfuhr, habe ich dieses Gefühl des Fremdseins doch nie verloren! – Gleiches gesellt sich stets zu Gleichem!“ –

„Das thut’s,“ sagte Grímur. „Aber ein Friedloser, wie du, kann nicht immer leben, wie er mag. Die Not lehrt sich schicken, und zwingt zu entsagen!“ –

„Es ist bitter, geächtet zu sein,“ sagte Grettir. „Ohne Haus, ohne Familie, ohne Heimat! Auf ewiger Flucht! Wie ein räudiger Hund gehetzt, den jeder totschlagen kann! – Leb denn wohl! – Ich geh wieder zu Hallmund!“ –

Sie schüttelten sich bewegt die Hände, und schieden.

Grettir stieg die bekannten Bergpfade hinauf. Das graue, baumlose Gestein paßte zu seiner düsteren Stimmung. Aber, wenn er den Blick erhob zu dem hellen Junihimmel mit seiner rastlos wandernden Sonne, die nicht Zeit sich nahm unterzugehen, sondern ununterbrochen ihren Glanz ausschüttete auf die jubelnde Erde, dann kamen ihm doch wieder frohere Gedanken.

Er trat in die Behausung Hallmunds ein. Das Licht der einfallenden Sonne spielte auf dem Moos, das, wie ein kunstvolles Gewebe, die Wände überzog, leuchtete wieder auf dem Erz der zum Schmuck aufgehängten Wehr und Waffen.

Hallmund saß, und schnitzte vertiefte Figuren in ein Holzgefäß. Die Reifriesin, seine Tochter, stand am Heerde, und rüstete die Abendkost. Beide wandten sich, und grüßten den eintretenden Grettir wie einen alten Bekannten.

„Ich komme, wie du mir erlaubt hast, und suche dein Dach,“ sagte Grettir.

„Drei Jahre sind verstrichen,“ erwiderte Hallmund, „daß wir hier uns trennten; zu lange für unseren Wunsch, dich wieder zu sehen! – Sei willkommen!“ –

Auch die Reifriesin trat herzu, und legte ihre Hand in die des Gastes.

Dem Grettir that dieser freundliche Empfang wohl. Er vergaß, daß es Wesen anderer Art, Wesen nicht von seinem Fleisch und Bein waren, die ihn so herzlich an sich zogen.

Nach genommener Abendkost erzählte Grettir von seinen Erlebnissen in der Myraharde, und er fand aufmerksame Zuhörer, welche zu der Züchtigung des Gisle lachten, und seinem Siege bei Grettirsoddure ihren Beifall nicht versagten.

Dann streckte er sich auf das Lager nieder, das schon einmal seine Wunden heilen sah. Die Quellen, welche von dem Hochgebirge zu Thale stiegen, sangen ihm das Abendlied, und die reine Luft der Berge würzte seinen Schlaf.

Den nächsten Morgen erhob er sich froh und gestärkt. Es begann nun eine Zeit des Friedens für ihn, die ihm wohlthat. Er hatte hier nicht nötig, den Tagesbedarf sich zusammen zu schleppen, und dann selbst herzurüsten, was den Forderungen des knurrenden Magens eben nur genügte. Hier sorgte wieder, wie daheim in seiner Jugendzeit, eine freundliche und geschickte Frauenhand für seine Bequemlichkeit. Hier brauchte er nicht auf dem Lugaus zu liegen, und ringsum zu spähen, ob Feinde nahten. Hier auf diesen Bergeshöhen, die dem Himmel so nahe, dem Streit der Menschen so entrückt lagen, wohnte der Friede.

Es vergingen die Sommermonate rasch, und der Herbst brach an. Die früh in das Meer hinabsinkende Sonne kürzte wieder die Tage, und die Felsenstirnen der Berge tauchten sich wieder tiefer in die dichten Herbstnebel.

Grettir zog es mit Macht hin zu den wärmeren Thälern der Menschen.

Als er diesen Wunsch offen aussprach, lachte die Reifriesin, und sagte: „Ja, ihr Menschen seid doch anders geartet, als wir. Ihr seid Kinder der Sonne und zieht dem Lichte nach. Uns klopft froh das Herz, wenn hier oben der Schnee im Sturme wirbelt, und der Reif auf die Felsenstufen sich legt. Darum nennen die Menschen uns auch die Reifriesen. Wir haben unser Reich mitten zwischen den Gletschern!“ –

„Grettir, willst du thalabwärts steigen,“ sagte Hallmund, „so zeig ich dir eine Gegend, wo du hausen kannst. Sie bietet dir beides Sicherheit und Nahrung. Keines Menschen Fuß betrat jemals den Ort, und fette Schafe beweiden jene Triften. Du darfst von ihnen nehmen, denn sie sind mein.“

„Nenn mir den Ort,“ bat Grettir.

„Es ist das Geitland,“ (Geit zu deutsch Ziege) fuhr Hallmund fort, „und in seiner Mitte liegt ein verstecktes Thal, rings von Gletschern umgeben. Das Thal hat warme Quellen, und darum einen üppigen Graswuchs. Dort wohnt ein Halbriese, Namens Þórir, der zu meinen Knechten gehört, und mir die Schafe weidet. Er wird sich dir willig zeigen, und dich nicht hindern, wenn du von meiner Heerde lebst!“ –

Die Reifriesin aber trat herzu, und übergab dem Grettir einen blanken, kupfernen Kessel, nebst einem Feuerzeug, bestehend aus Stahl, Stein und Zunder.

„Hier, nimm dies Beides von mir als Gastgeschenk. Da ich nicht ferner für dich sorgen kann, so mußt du künftig dein eigener Koch sein. Dazu werden diese Geräte dir nützen!“ –

Grettir verabschiedete sich voll herzlichen Dankes, und stieg, von Hallmund geleitet, die Felsenpfade hinab.

Als er die Richtung nach Geitland hin gefunden hatte, nahm Hallmund Abschied.

Es war der letzte Händedruck, den sie wechselten. Beide sahen sich nie wieder.

Grettir ging immer weiter an Geitlands-Joekull vorbei, bis er an ein langes, schmales Stück Erde kam, welches von allen Seiten durch überhängende Gletscher eingeschlossen wurde. Er stieg in das Thal hinab.

Seine Wände hatten üppigen Graswuchs, durchsetzt mit kurzem Buschwerk. Die Thalsohle entlang, über blankes Gestein springend, floß ein klarer Bach. Die Luft hier war auffallend mild, weil erwärmt durch die heißen Quellen, welche allenthalben hervorbrachen. Sie schufen und erhielten dieses kleine Paradies, und verteidigten es gegen die Gletscher, daß sie nicht, vordringend, diesen grünen Sommer in ihre weißen Arme schließen durften.

„Hier bleib’ ich,“ sagte Grettir, froh sich umschauend, und suchte Material zusammen, zum Bau einer Hütte Steine, Erde und Strauchwerk.

Es wurde kein Palast, was er da baute, aber es wurde ein Notdach, und Grettir war nicht verwöhnt. Er hing seine Waffen an die Wand, und stellte den mitgebrachten kupfernen Kessel in der Mitte seiner Hütte auf einen niedrigen Heerd. Das Feuerzeug aber, nachdem es ihm die Flamme entzündet hatte, barg er wie einen großen Schatz.

Im Thale weideten viele Schafe, welche auffallend groß und fett waren, aber man sah keinen Hirten. Jeden Abend indessen, wenn die Dämmerung eintrat, hörte man vom oberen Ende des Thales herab das Rufen einer groben Stimme. Diesem Rufe folgte dann pünktlich die ganze Heerde.

Grettir nahm sich seinen Lebensbedarf aus der Heerde, und niemand sagte ihm etwas. Er fand, daß einer von diesen Hammeln mehr Fleisch hergab, als anderswo zwei.

Unter den Tieren war auch ein gesprenkeltes Melkschaf mit seinem Lamme, welches er wegen seiner Größe bewunderte. Er griff eines Tages das Lamm und schlachtete es. Es gab 40 Pfund Talg her, und sein Fleisch war vorzüglich. Als die Mutter ihr Lamm verloren hatte, folgte sie Abends nicht mehr der Heerde, wenn der Ruf des Hirten sie nach oben lockte, sondern stellte sich vor Grettirs Hütte auf, und wich nicht, und blökte unablässig die ganze Nacht hindurch, ihrem verlorenen Kinde nachrufend, sodaß Grettir kein Auge schließen konnte. Er bedauerte nun aufrichtig, dieses Lamm geschlachtet zu haben.

Seine Ernährung hier, die nur aus Hammelfleisch und Milch bestand, war eintönig genug, und setzte ihn besonders in Verlegenheit, wenn Fasttage kamen, welche zu halten, die christliche Kirche gebot. Dann half er sich auf diese Weise, daß er das feste Fleisch mied, und nur die Leber aß an Stelle von Fischen und Pflanzenkost, die hier nicht aufzutreiben waren.

Als er längere Zeit hier gewohnt hatte, bekam er Lust, den Hirten, dessen Stimme er jeden Abend vom oberen Thale herab rufen hörte, nun auch zu sehen.

Eines Abends, als der Vollmond das Thal beschien, folgte er der Heerde, welche in Sprüngen dem oberen Thale zulief.

Grettir kam, auf diese Weise von der Heerde geführt, an das Haus Thorers, des Halbriesen, der als Knecht des Hallmund dieses Thal abhütete.

Þórir stand vor seiner Hütte, und empfing den Grettir freundlich. „Du bist Hallmunds Freund, ich weiß es, und darum auch der meinige,“ sagte Þórir, und reichte Grettir die Hand.

Grettir schüttelte sie, und antwortete: „Ich lebe von deiner Heerde, und schulde dir Dank. Aber der Mensch lebt nicht vom Brote allein. Ich habe ein Verlangen, mich auszusprechen. Darum laß uns gute Nachbarn werden, und einander besuchen!“ –

Þórir führte den Grettir in seine Hütte. Hier sah es wohnlich und sauber aus. Um ein helles Heerdfeuer saßen zwei jugendliche Frauengestalten.

„Meine Töchter,“ sagte Þórir, und rief die Mädchen herbei.

Sie traten vor, und reichten Grettir die Hand.

Nun setzte man sich auf die gebleichten Schädel geschlachteter Büffel, deren Hörner als Armlehnen dienten. In flachen Holzschalen wurde die Milch von Schafen gereicht, welche, leicht gegoren, einen angenehmen säuerlichen Geschmack hatte, und, in die Schalen gegossen, lebhaft aufschäumte. Die Mädchen sahen den Grettir mit großem Interesse an. Je seltener ein Mann in diese Einsamkeit kam, um so mehr war ihnen alles an diesem Fremdling merkwürdig. Besonders seine Worte! –

Grettir hatte viel von der Welt gesehen, und verstand es, gut zu erzählen. Grettir hatte viel in seinem Leben erduldet, und noch mehr gethan. Griff er in seine Erinnerung, so griff er in einen Schatz! –

Im Fluge vergingen die Stunden am Heerdfeuer.

Als er aufbrach, hieß es einstimmig und dringend: „Auf Wiedersehn!“ – –

Durch das mondbeglänzte Thal schritt Grettir, längs dem murmelnden Bach, seiner einsamen Hütte zu.

Nicht Stolz erfüllte seine Brust über den Eindruck, den er unverkennbar bei diesen Halbwilden hinterlassen. Ein unendliches Weh überfiel sein Herz. Er dachte daran, was er hätte in dieser Welt werden können, und was es nun war! – Nach Ruhm und Glück hatte er von Jugend auf gedürstet; Ruhm und Glück hatten ihn beständig geflohen! Was war er denn mehr, als ein Abenteurer, ein Ausgestoßener, ein Geächteter?! – –

Es füllten Thränen seine Augen, als er die Thür seiner Hütte aufstieß, und sich dort auf das einsame Lager warf.

Diese Besuche wurden wiederholt. Sie kürzten das erdrückende Gleichmaß der Tage.

Aber, als die Frühlingswasser anschwollen, da schwoll auch Grettir sein Herz vor Sehnsucht nach den bewohnten Stätten der Menschen.

Sie liebten ihn nicht diese Menschen, sie haßten, sie verfolgten ihn; und doch konnte er sie nicht entbehren! –

Er verabschiedete sich von Þórir und seinen Töchtern, nahm seinen geringen Hausrat auf die Schulter, und wandte sich nach Süden. In Skjaldbreid richtete er einen flachen Stein auf, schlug ein Loch durch denselben, und markierte so die Richtung des eben zurückgelegten Weges. Denn, wenn man das Auge dicht an dieses Loch legte, sah man gerade auf die Bergschlucht hinab, welche in das Thorerthal einführte. Darauf begab er sich nach dem Südlande und dann nach dem Ostlande der Insel. Er verlebte hier den ganzen Sommer und den nächstfolgenden Winter. Er besuchte alle angesehenen Leute. Aber überall trat seiner Feinde Haß ihm hindernd in den Weg, sodaß niemand den Mut fand, für längere Zeit ihm Aufenthalt zu geben. Darauf ging er nach dem Nordlande, und hielt sich auch hier an verschiedenen Plätzen auf, ohne ein Bersires Geschick zu finden.

So waren drei Jahre vergangen, seitdem er die Myraharde verlassen hatte, und nirgends hatte er wieder festen Fuß fassen können! –

Unstät und flüchtig! – Ohne Liebe und ohne Halt! – Das war sein Los! – –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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