Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

33. Kapitel:

Die Schlacht bei Grettirsoddure.

 

Þórður Kolbeinsohn raffte sich endlich auf, und organisierte in der Myraharde einen allgemeinen Aufstand gegen Grettir. An unzufriedenen und erbitterten Leuten fehlte es ja dort wahrlich nicht. Viele wünschten dem Grettir eins auszuwischen für manchen Verlust, für manchen bösen Streich, den sie von ihm erlitten hatten. Rauflustiges Volk lief außerdem, wie allenthalben, wo es Händel giebt, reichlich zu.

So bildete sich ein förmliches Heer. Auch Grettir war nicht mehr allein in seiner Höhle. Mut und Stärke ziehen immer mächtig an, sonderlich die Jugend.

So hatten sich zwei junge, rüstige Männer aus der Nachbarschaft zu Grettir gesellt. Und der eine von ihnen war Eyjulf, der Sohn des Bauern aus dem Hofe Fagraskogar. Diese jungen Leute waren seine freiwilligen Schildträger, die frohen Genossen seiner Beutezüge und seiner Abenteuer.

Þórður Kolbeinsohn hatte den Aufstand gegen Grettir in der Myraharde vorbereitet, aber die Stelle eines Führers lehnte er ab.

„Das überlasse ich meinem Sohne Arnor,“ sagte er. „Der mag an eure Spitze treten!“ –

Þorgils Ingjaldsohn, Arnors Vetter; Thorarin aus Akrar und sein Sohn Thrand; Þorfinnur aus Laekjarbug; Bjarne aus Joerfi; Finboge, Sohn des Thorgeier, und Steinulf Thorleifsohn aus Hraundal, waren die Häuptlinge, welche mit ihren Hintersassen zum Kriegszuge gegen Grettir sich bereit hielten.

Schon überlegte man den Angriffsplan, und einigte sich auf folgenden Beschluß. Die Myraharde wurde durchflossen von einem ansehnlichen Fluß Hita, und durch denselben in nahezu zwei gleiche Hälften geschieden. Die Streitkräfte sollten sich nun auf beiden Seiten dieses Flusses zusammen ziehen, und, getrennt, die Ufer aufwärts marschieren bis zum Fagraskogarfelsen. Hier sollte die Vereinigung beider Heerhaufen stattfinden zum gemeinsamen Angriff gegen Grettir.

Aus diesen Veranstaltungen sieht man, wie groß der Respekt vor Grettirs Kraft war.

Es war am Anfang des dritten Winters, nachdem er den Fagraskogarfelsen bezogen hatte, daß sich dieses Gewitter in der Myraharde zusammenzog.

Grettir nahm indessen von all diesem wenig Notiz. An Flucht dachte er nicht. Er setzte vielmehr seine Streifzüge in die Umgegend ruhig fort.

Soeben war er mit seinen beiden Begleitern südwärts in die Harde aufgebrochen, um sich für den Winter zu verproviantieren. Aus dem Hofe Laekjarbug holte er sich sechs Hammel, vom Hofe Akrar nahm er zwei Ochsen und etliche Schafe.

Diese Beute vor sich hertreibend, begab er sich auf den Heimweg.

Die Bauern benachrichtigten hiervon den Þórður Kolbeinsohn, und forderten ihn auf, den längst vorbereiteten Schlag gegen Grettir nun auszuführen.

Die Streitkräfte sammelten sich auf beiden Ufern der Hita, und zogen den Fluß hinauf. Den südlichen Haufen führte Bjarne aus Joerfi, den nördlichen Arnor, Thords Sohn.

Die auf beiden Ufern ausgegebene Parole lautete: „Tötet den Grettir! Bringt ihn, lebendig oder tot; aber bringt ihn!“ –

Grettir wollte soeben mit seiner Beute über den Hitafluß setzen, als die südliche Heersäule unter Bjarnes Führung auf ihn stieß. Rasch entschlossen suchte er nun eine schmale Landzunge zu gewinnen, welche weit in den Fluß hinein vorsprang. Auf diese Landzunge trieb er sein Vieh, welches er nicht preisgeben wollte, und befahl seinen beiden Begleitern, ihm den Rücken zu decken.

Die Enge des Zugangs zu dieser Landzunge bot den unermeßlichen Vorteil, daß hier ein einzelner Mann gegen eine Übermacht sich stemmen konnte.

Die Myramänner nahmen vor dieser Landzunge Aufstellung, und bereiteten unter Ausdrücken des Übermuts sich zuversichtlich zum Angriff vor.

Der Kampf entbrannte, und er wurde sehr heiß.

Grettir hieb wuchtig mit seinem Schwert um sich, und traf die auf ihn Eindringenden schwer. Einige fielen, andere wurden verwundet.

Betroffen über solchen Verlust wichen die Reihen der Myramänner mehr und mehr zurück.

Aber Thrand, Þorgils, Finboge, Steinulf spornten zu neuem Angriff an, und der Kampf wurde mit erbitterter Heftigkeit wieder aufgenommen.

Grettir sah wohl, hier gelte es das Äußerste. Fast verzweifelte er an seiner Rettung. Deshalb sann er darauf, sein Leben so teuer, wie möglich, zu verkaufen. Ein, zwei, drei der angesehensten Bauern sollten mindestens mit ihm fallen. So rannte er den Steinulf an, und spaltete ihm den Kopf bis zu den Schultern. Einen zweiten Hieb führte er gegen Þorgils Ingjaldsohn, und durchschnitt ihm den Hals. Thrand sprang vor, und wollte seinen Verwandten rächen. Grettir traf ihm den Oberschenkel, zerfleischte die Muskeln, und machte ihn kampfunfähig. Endlich schlug er dem Finboge eine schwere Wunde.

Als Thorarin so die meisten der Häuptlinge tot oder kampfunfähig auf der Walstatt liegen sah, da rief er: „Kameraden, laßt ab vom Kampf. Denn, je länger ihr kämpft, je größeren Schaden thut ihr euch selbst. Ihr überliefert nur eure besten Männer dem gewissen Tode!“

Sie folgten seinem Rat, und zogen sich zurück.

Zehn Männer waren gefallen, und fünf so schwer verwundet, daß sie ihr Leben lang Krüppel blieben. Der Rest trug leichtere Wunden davon. Unverletzt war niemand.

Grettir war überaus müde, aber nur leicht verwundet! –

Die zweite Abteilung der Myramänner, welche auf der nördlichen Seite des Flußes zusammengezogen war, hatte bisher in den Kampf nicht eingegriffen.

Um den Fluß zu überschreiten, mußten sie eine Furt benutzen, welche ziemlich weit oberhalb lag. Dieser Umweg hatte sie aufgehalten. Es stand dieser zweite Heerhaufe unter der Führung Arnors, Thords Sohn. Als derselbe das Schlachtfeld betrat, waren seine Kameraden bereits abgezogen, aber Grettir stand noch kampfbereit am Zugange der Landzunge.

Arnors Blick fiel auf die Toten, welche die Walstatt bedeckten und auf die Blutlachen am Erdboden, deren Tropfen den Abziehenden nachfolgten. Ihm schwand die Lust, sich in gleiche Gefahr zu stürzen.

Er steckte darum sein Schwert in die Scheide, und gab den Befehl zum Abzug.

Sein Vater, Þórður Kolbeinsohn, und die übrigen Myramänner haben ihn später dafür schwer getadelt, und es war ihre Meinung, daß er sich nicht als ein mutiger und tapferer Mann gezeigt habe. Der Ort, wo dieser Kampf stattgefunden hatte, erhielt den Namen Grettirsoddure d. h. Grettirs Landspitze, und wird noch heute gezeigt.

So endete diese denkwürdige Unternehmung.

Die Parole des Tages: „Schaffet Grettir zur Stelle, lebendig oder tot!“ war also nicht eingelöst worden.

Kleinlaut zogen die Gegner ab, welche so ruhmredig aufgezogen waren, und Grettir verließ als Sieger das Schlachtfeld.

Müde und verwundet stieg er mit seinen beiden Gefährten zu Roß, und ritt nach dem Fagraskogarfelsen zurück, die Beute mit sich führend. Als sie den Hof Fagraskogar passierten, welcher Eyjulfs Vater gehörte, stand die Schwester vor der Thüre, voll Erwartung über den Ausgang des Kampfes.

Grettir warf ihr vom Sattel aus folgenden Reim zu:

„Du Göttin vom Strome,

Der ins Trinkhorn steigt

Mit schäumendem Met,

Wir kommen so spaet,

Weil in den Tod geneigt

Zehn Mann diese Faust

Zum blutigen Lohne!“ –

Eyjulf nahm Urlaub, und trat mit seiner Schwester in das väterliche Haus. Grettir ritt mit dem zweiten Genossen zum Fagraskogarfelsen hin. Hier blieb er den ganzen Winter.

Durch diesen Sieg hatte er seine Feinde abgeschüttelt, aber auch seinen besten Freund sich entfremdet.

Björn war tief verstimmt.

Auch er hatte unter den Gefallenen manch einen wackeren Freund, manch lieben Verwandten.

Bei der ersten Zusammenkunft ließ Björn den Grettir seinen tiefen Mißmut fühlen.

„Du hast Verwandte und Freunde mir getötet, Grettir, das war gegen die Abrede!“

„Es thut mir wehe, dich erzürnt zu haben, Björn! Du bist mein Wohlthäter, und ich schulde dir Dank. Aber es galt die Verteidigung meines Lebens! Jene oder ich! Es gab keine andere Wahl!“ –

„Laß gut sein,“ sagte Björn. „Ich werde mein dir gegebenes Wort halten, und dich nach wie vor stützen. Aber lange kannst du nicht mehr hier bleiben. Sieh’ dich nach einem anderen Zufluchtsorte um!“ –

Diese Verstimmung Bjoerns wurde geschickt genährt durch die übrigen Häuptlingsfamilien der Harde, welche fast sämmtlich bei Grettirsoddure schmerzlichen Verlust erlitten hatten.

„Bjoern, du kannst diesen Unhold unmöglich länger auf deinem Grund und Boden dulden! – Du verdirbst es mit uns für alle Zeit!“ –

„Diesen Winter noch,“ beschwichtigte Björn die Murrenden, „laßt ihn hier. Er hat mein Wort. Das muß ich halten. Kommt der Sommer, dann zieht er fort!“ –

Und so geschah’s.

Der Winter verlief friedlich. Es kamen keine Zusammenstöße mehr zwischen Grettir und den Myramännern vor. Auch Björn hielt sein Freundeswort. Als aber der Sommer gekommen war, brach Grettir auf, und verließ die Gegend.

Er begab sich nach dem Borgarfjord zu Grímur, und bat ihn um seinen Rat: „Was er nun weiter thun sollte?“ –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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