Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

32. Kapitel:

Ein Prahlhans.

 

Die Myraharde, welche sich rings um den Borgarfjord legt, hatte ihren Namen von Myra, zu deutsch Moorland.

Einer der angesehensten Häuptlinge in der Myraharde war Björn, der Sohn des Arngeir, auf dem Hofe Holm. Er hatte ein borstiges Wesen, liebte den Widerspruch, und begünstigte die Geächteten. Zu ihm zog Grettir. Und, weil beider Voreltern in Freundschaft gelebt hatten, war sein Empfang gut.

„Unter mein Dach dich zu nehmen, Grettir, das geht nicht! Bei aller Freundschaft nicht! – Denn über das ganze Land hin haben viele Leute schwere Klagen wider dich. Ich selbst würde mit diesen mich verfeinden, wollte ich dich herbergen. Aber hier, ganz in meiner Nähe, zwischen Felsen versteckt, und leicht zu verteidigen, ist ein Schlupfwinkel. Ich will ihn dir zeigen, und deine Lebensweise dort unterstützen! – Doch eine Bedingung stelle ich!“ –

„Welche ist das?“ fragte Grettir.

„Du sollst versprechen, meine Bauern nicht zu brandschatzen. Was du gegen die Andern unternimmst, soll mir gleich sein,“ sagte Björn.

Grettir war damit einverstanden.

Nun wies Björn den Grettir nach dem Fagraskogarfelsen hinauf. In der Mitte dieser Felsenwand lag eine Höhle, zu deren Öffnung ein Sandweg führte, so steil, daß nur mit Mühe ihn jemand erklimmen konnte. Ganz unmöglich aber war das Eindringen, wenn ein kräftiger Mann von oben her Widerstand leistete.

„Dies ist der beste Ort für dein Bleiben,“ sagte Björn. „Hier kannst du leicht dich verteidigen, und auch das Nötige zu deinem Unterhalt bekommen, teils aus der Myraharde, teils vom Seeufer!“ –

Grettir zog in die Höhle ein, hängte vor die Öffnung ein Stück graues Williram, machte sich ein Lager von Laub, über welches er eine Friesdecke warf, hing seine Waffen an die Wand, und die Einrichtung war fertig.

Björn besuchte oft den Grettir, und Grettir besuchte oft den Björn. Sie maßen und übten ihre Kräfte im Ringkampf, sie schwammen gemeinsam den Hitarfluß hinab bis zum Meere, sie bauten in diesen Fluß hinein einen steinernen Deich gegen die Stauwasser. Dieser Deich steht noch heute unerschüttert.

Grettir verlebte auf solche Weise einen ganzen Winter auf dem Fagraskogarfelsen, ohne daß jemand ihn angriff, obwohl er selbst Angriffe genug machte. Die Bauern der Umgegend spürten es, daß ein schlimmer Gast da oben eingezogen sei. Bjoerns Leute wurden geschont, wie das ausgemacht war, aber Thord’s Leute kamen dafür um so schlechter fort.

Dieser Þórður Kolbeinsohn war ein Häuptling wie Björn, lag aber mit diesem seit geraumer Zeit in Fehde.

Darum sah es Björn nicht ungern, wenn Thord’s Bauern durch Grettir gezwungen wurden, wider Willen diesen zu verproviantieren. Doch der Zorn gegen Grettir, welcher bei diesen Leuten zusehends wuchs, konnte nicht zur That ausbrechen, weil Grettirs Felsennest uneinnehmbar, und sein nächster Nachbar sein Verbündeter war! – –

Im Spätsommer dieses Jahres lief ein Handelsschiff in den Borgarfjord ein, dessen Besitzer und Führer Gisle war, Þorsteinns Sohn, ein Isländer. Er war stark und reich, aber sehr eitel. Er kleidete sich stets prächtig, trug die schönsten Waffen, und liebte es, viel Wind um sich her zu machen.

Þórður Kolbeinsohn war sein Freund, machte einen Besuch auf seinem Schiffe, plauderte mit ihm, betrachtete die mitgebrachten Waren, und suchte dieses und jenes davon für sich aus.

„Du hast Ungelegenheiten,“ begann Gisle, „mit einem Waldgangsmann, wie ich höre!“ –

„Ja, dem ist so! Grettir der Starke hat sich in einem Felsen in unserer Nachbarschaft einquartiert, und beraubt meine Bauern, ich vermute, aufgestachelt von Björn, der wie du weißt, von Alters her, mein Feind ist!“ –

„Mit Björn hast du noch immer nicht abgerechnet?“ – rief Gisle erstaunt.

„Ja, dann begreif ich es, daß du selbst mit einem einzelnen Vagabunden nicht fertig werden kannst!“ –

„Oho,“ brauste Þórður auf, „nicht fertig werden?!“ „Da haben schon ganz andere Kerle, wie ich, an diesem Grettir sich den Schädel gebrochen!“

„Spielerei! – Freundchen, Spielerei!“ sagte Gisle. „Laß mich die Sache in Ordnung bringen, sobald meine Ladung hier gelöscht ist!“ –

„Sieh’ dich vor, Gisle,“ warnte Þórður, „mit diesem Grettir ist schlecht spaßen!“ –

„Keine Sorge! Keine Sorge!“ sagte Gisle. „Ich habe härteren Strauß bestanden, als diesen. Als ich mit König Knut, dem Mächtigen, von Dänemark aus auf Heerfahrt zog, (Knut, der Mächtige, König von Dänemark, Norwegen und England, starb 1035) da hat mir niemand vorgeworfen, daß ich meinen Platz nicht behaupten kann. Falls ich mit dem Grettir handgemein werde, dann soll er mich und meine Waffen kennen lernen!“ –

„Bist du so siegesgewiß,“ sagte Þórður, „so hole dir doch den „Preis! – Es stehen 96 Lot Silber auf Grettirs Kopf!“ –

„Das ist viel!“ sagte Gisle. „Das ist viel! Um des Geldes willen, was thut nicht der Mensch alles, und besonders der Kaufmann?! – Also im Herbste, wenn meine Ladung hier gelöscht sein wird, beabsichtige ich zum Winteraufenthalt hinauf zu gehen nach Oelduhrigg auf Snaefellsnes! – Komm’ ich denn da an dem Fagraskogarfelsen vorüber?“ –

„Just vorüber!“ bestätigte Þórður. „Der Weg führt unten am Fuß hart vorbei!“ –

„Schon recht!“ fiel Gisle ein, „dann wird die Sache keinesweges auffällig. Ich reite, wie aus einem Spazierritt, nur von zwei Knechten begleitet; und dann unterwegs, so aus dem Handgelenk, wird die Sache abgemacht.“

„Vortrefflich,“ sagte Þórður.

„Aber,“ fiel Gisle rasch ein, „Freundchen, nicht geplaudert, nicht geplaudert! – Denn, bekommt Grettir Wind davon, daß ich es bin, der ihn angreifen will, so fliegt der Vogel, fürcht ich, aus dem Nest hinaus!“ –

Þórður verabschiedete sich, und schwieg.

Aber, haben nicht die Wände Ohren? wie das Sprichwort sagt.

Auf dem Schiffe hatten Freunde Bjoerns jenes Gespräch erfahren, und sagten es diesem Wort für Wort wieder.

Grettir erfuhr alles von Björn.

„Nun zeige deine Männlichkeit, Grettir,“ sagte Björn. „Wisch dem Prahlhans eins aus, daß er seinen Denkzettel behält, aber schone sein Leben!“ –

Grettir lächelte verschmitzt, und sprach nicht weiter über diese Sache.

Es war Spätherbst, und die Bauern holten ihre Schafe von der Alp in die Winterquartiere herab. Grettir lauerte solch einem Trupp auf, und griff vier Hammel, die er vor sich hertrieb. Sechs Bauern verfolgten ihn. Sie griffen nicht ihn selbst an, sondern sprangen nur um seine Beine herum, und versuchten es, das Vieh wieder von ihm abzudrängen.

Solcher Gestalt kam Grettir mit den Tieren nicht vorwärts. Das ärgerte ihn, er packte zwei der Bauern am Kragen, und warf sie den Abhang hinunter, sodaß sie ohnmächtig unten liegen blieben. Das benahm den vier andern die Lust, weiter um den Raub zu kämpfen.

Grettir griff nun die vier Hammel auf, hatte je zwei und zwei mit ihren Hörnern zusammen, warf sie paarweise über seine Schultern, und stieg so den Abhang zu seiner Höhle hinauf.

Gisle blieb auf dem Landungsplatz am Borgarfjord, bis die Ladung gelöscht, und sein Schiff für den Winter unter den Schuppen gestellt war. Tausend Dinge waren zu besorgen, und der Winter schon vor der Thüre, bevor der Aufbruch erfolgen konnte.

„Morgen reisen wir, Leute,“ sagte Gisle. „Ihr beiden,“ wandte er sich an seine Leibknechte, „werdet mich begleiten. Zieht eure Feierkleider an, damit der Waldgangsmann, dem ich zu begegnen hoffe, sieht, daß wir nicht Landstreicher und Bettler sind.“

So brach Gisle auf, stattlich und zuversichtlich, wie immer.

Als sie den Hitarfluß überschritten hatten, sagte Gisle zu seinen Begleitern: „Es ist mir erzählt worden, daß der Waldgangsmann dort oben zwischen den spitzen Felsen seinen Versteck hat. Meiner Treu! Da ist schwer hinaufzukommen. Aber ich hoffe, daß er zu uns herabkommen wird, um unsere Kostbarkeiten in der Nähe zu beschauen!“ –

„Ist er gescheit, so thut er’s,“ sagten lachend die Knechte.

Grettir war an diesem Morgen früh aufgestanden. Das Wetter war am Frost, und des Nachts war leichter Schnee gefallen. Er musterte, aus seiner Höhle heraustretend, den Fahrweg. Da sah er die drei Reiter von Süden herauf über den Hitarfluß kommen. Ihre Festkleider und blanken Schilde blitzten in der Morgensonne.

„Aha! ohne Zweifel der Gisle und seine Gesellen,“ sprach Grettir zu sich selbst, „wie immer aufgeputzt, wie zu einer Hochzeit. Die Bekanntschaft dieses eitlen Prahlers will ich doch heute machen!“ –

Er griff nach seinen Waffen, und lief den Abhang hinunter.

Gisle hörte den schrillen Laut herabrollender Kieselsteine, die unter Grettirs tretenden Füßen hinwegglitten.

„Da kommt jemand hurtig den Abhang herunter,“ rief Gisle seinen Begleitern zu, „er ist groß von Statur, und hat ohne Zweifel den Wunsch hier unsern Weg zu kreuzen. Zeigt jetzt, Leute, daß ihr tapfere Männer seid; denn hier ist ein guter Fang zu machen!“ –

„Sucht der Händel, so soll er sie haben!“ riefen die Knechte.

Mit diesen Worten sprangen sie von den Pferden.

In diesem Augenblick trat Grettir auf den Fahrweg, und griff nach einem Kleidersack, welcher an Gisles Reitsattel hing.

„Dies ist mein! Damit begnüg’ ich mich! Heute will ich einmal bescheiden sein!“ rief Grettir.

„Hände fort!“ kommandierte Gisle. „Du scheinst nicht zu wissen, wer vor dir steht!“ –

„Das scheint so!“ entgegnete Grettir. „Aber was macht das aus, wo es sich um solche Lumperei handelt!“ –

„Dem Lump ist manches Lumperei!“ rief Gisle. „Mir ist dieser Sack dreißig Mark Silber wert. Du bist ein unverschämter Geselle! Auf, Kameraden, faßt ihn! Laßt uns nun prüfen, wozu er taugt?“ –

Grettir sprang auf einen Stein zurück, der am Wege lag, und deckte sich.

Die Knechte drangen auf ihn ein.

Dieser Stein liegt noch heute an jener Stelle, und wird Grettirshaf genannt.

Grettir merkte sofort, daß Gisles Mut nur in seinen Worten steckte, nicht in seinen Fäusten. Denn er hielt sich während dieses Kampfes stets klüglich hinter seinen Knechten zurück. –

Einige Minuten lang kreuzten sie die Klingen, ohne einander zu schaden.

Des Hin- und Herfuchtelns bald überdrüssig, holte nun Grettir im Ernste aus, und hieb den einen Begleiter des Gisle nieder. Drauf sprang er vom Steine herab, und ging zum Angriff vor, so gewaltig, daß Gisle sich genötigt sah, am Fuß des Felsens immer mehr zurückzuweichen.

Dort fiel der zweite Knecht.

„Du verteidigst schlecht deine Kameraden,“ rief Grettir dem Gisle zu, „man kann nicht gerade spüren, daß du anderswo ein Held warst!“ –

„Nein, gegen den Teufel zu fechten, habe ich nicht gelernt!“ rief Gisle zurück. Mit diesen Worten warf er seine Waffen von sich, und ergriff die Flucht.

Grettir folgte ihm langsam, eingedenk der Mahnung des Björn: „Töte ihn nicht, aber züchtige ihn!“

Gisle warf nun in seiner Angst, um schneller laufen zu können, ein Kleidungsstück nach dem andern von sich.

Als er das Kaldathal, Asloegarflied und Kolbeinstaetten durchquert hatte, und an dem Ufern des hochangeschwollenen Haffjardar-Baches angekommen war, hatte Gisle nur noch sein Hemde an.

Grettir, der dem Flüchtling immer Vorsprung und Zeit gelassen hatte, sein Kostüm nach Bedarf zu vermindern, war nun des Spielens satt. Am Bachrande stellte er den Flüchtling.

„Sag mir, bist du der Gisle, welcher den Grettir, Ásmundurs Sohn hier antreffen wollte?“ –

„Angetroffen habe ich ihn,“ wimmerte Gisle; „aber, wie komme ich wieder von ihm los? – Behalte, Grettir, alle meine schönen Sachen, und laß mich um diesen Preis weiter ziehen!“ –

„Du magst für diesmal entwischen, du feige Memme, aber nimm diesen Denkzettel mit!“ –

Mit diesen Worten zog Grettir dem Gisle das Hemde über den Rücken, drückte diesen nieder, und ließ eine Rute, die er unterwegs geschnitten hatte, so wuchtig auf dem Gesäß des Prahlers, tanzen, daß Gisle wie toll umhersprang, und drehend und wendend sich den Schlägen zu entziehen suchte. Aber Grettirs Faust hielt mit eisernem Griff den Nacken des Gecken umklammert, und seine Rute schlug unablässig den Takt zu Gisles tanzenden Füßen.

„So, du Prahlhans, nun bist du abgestraft!“ –

Als Gisle auf die Beine kam, sprang er wie toll in den aufgeschwollenen Bach, und suchte sich hinüber zu retten. Zur Nacht kam er auf dem Hofe Hroßholt ganz erschöpft an. Dort lag er eine ganze Woche krank im Bette, da sein ganzer Körper aufgeschwollen war. Von hier aus brachten ihn die Leute in sein Winterquartier nach Oelduhrigg auf Snaefellsnes.

Grettir kehrte am Bachrande um, las auf dem Rückwege alles zusammen, was Gisle in seiner Angst weggeworfen hatte, und trug es sodann hinaus in sein Quartier nach dem Fagraskogarfelsen. Auch die Packpferde wurden seine Beute.

Als Gisle im Frühjahr zu seinem Schiff im Borgarfjord zurück wollte, gab er seinen Leuten strengsten Befehl, kein Stück seiner Habe am Fagraskogarfelsen vorbeizuführen. „Dort hat der Teufel sein Quartier!“ setzte er böse hinzu. Er selbst ritt, auf’s Ängstlichste das Binnenland meidend, auf dem Zickzackwege längs der Küste hin zu seinem Schiffe.

Im ganzen Myralande hatte sich die Nachricht von dieser Abstrafung des Gisle schnell verbreitet, und wurde viel belacht, von den Meisten auch gebilligt, welche dem Großsprecher solche heilsame Demütigung schon gönnten.

Nur Þórður Kolbeinsohn stimmte in das allgemeine Urteil nicht ein, sondern wurde auf den Grettir nur noch böser.

„Fort muß er von hier, oder sterben!“ Das war seines Herzens Meinung.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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