Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

31. Kapitel:

Unter Reifriesen.

 

Þórir aus Gard hörte mit tiefstem Mißvergnügen, daß sein gedungenes Werkzeug unterlegen, der Anschlag auf Grettirs Leben mißlungen, und dieser, wie stets, Sieger geblieben sei. –

Er erfuhr dieses alles auf dem Alþingi, zu dem er sich mit dem stattlichen Gefolge von 80 bewaffneten Leuten begeben hatte. Sein Entschluß stand nunmehr fest: „Jetzt, oder nie, muß ich diesen Grettir zermalmen!“

Mit seinen 80 Knechten wollte er auf dem Rückwege von dem Alþingi die Arnarvatnsheide kreuzen, den einen Grettir mit seinen 80 Mann angreifen, und ihn, wie er nicht daran zweifelte, durch seine Übermacht erdrücken.

„Es wird, wie mir scheint, immer schwerer, diesem Grettir an den Leib zu kommen,“ sprach er zu sich selbst, „so mag denn jetzt der entscheidende Schlag fallen!“ –

Grímur Þórhallursohn, der auf dem Alþingi gewesen war, hatte von diesen Plänen Thorers Kunde bekommen, und schickte schnell einen vertrauten Boten zu seinem Freunde Grettir hinauf, und ließ ihm sagen: „Sei auf deiner Hut! – Þórir in eigener Person rückt gegen dich an, und zwar mit großer Übermacht!“

Grettir erstieg einen Felsen, der einen weiten Umblick gewährte, und spähte nach den Reisigen aus.

Sie kamen, in Waffen starrend, angeritten, volle 80 Mann.

Fliehen, obwohl den Tod vor Augen, nein, das wollte er nicht! Das thät’ nur ein Feigling! Er wollte kämpfen, und fallen wie ein Held! Aber, bevor er fiel, wollte er sein Leben so teuer, wie möglich, verkaufen. Er zog sich an den Eingang einer Klamm zurück, ein Felsentunnel, von hohen Steinwänden eingeschlossen. Der Eingang war nur doppelt mannesbreit, und darum leicht zu verteidigen. Seine Flanken waren gedeckt, aber sein Rücken war frei; und wehe, wenn er von hinten überfallen wurde! – Dann war sein Untergang gewiß! –

In demselben Augenblick kam Þórir mit allen seinen Leuten aufgeritten, stellte sie vor den Eingang der Klamm in Schlachtordnung, und redete sie also an:

„Ihr Männer, dort steht Grettir, mein Todfeind, der geächtete Mann! – Den sollt ihr mir heut niederschlagen! Das ist jetzt ein Leichtes, denn er steckt in einer Falle, und aus dieser Falle kommt er diesmal nicht heraus!“ –

Grettir stand mit seinem breiten Gliederbau am Eingang der Klamm, von einem dunklen Felsenthor umrahmt, auf seinen großen Schild gelehnt, ein wuchtiges Bild.

Er hatte die Anrede Thorers an seine Mannen vernommen, und rief nun spottend hinüber:

„Ihr Leute, hört auf mich! Die Brühe ist noch nicht geschlürft, auch liegt sie gleich schon im Löffel!“ – „Ihr habt es keinen kurzen Weg euch kosten lassen, hier herauf zu kommen. Aber, ehe wir scheiden, wird mancher von euch einen Denkzettel an sich tragen, den er sobald nicht vergessen wird!“ –

„Greift an, ihr Leute, und achtet der eitlen Drohung nicht!“ schrie Þórir.

Der Kampf begann. Er entbrannte heißer und heißer. Speere flogen herüber, hinüber, Schwertklingen kreuzten sich, Lanzen splitterten.

Grettir stand wie eine Mauer! –

Aber Þórir hatte seinen Vorteil erkannt. Er warf die Hälfte seiner Leute in den Rücken des Grettir an den anderen Ausgang der Klamm.

„Faßt ihn von hinten! – Hat er nicht vier Arme, dann fällt er!“ –

Und am anderen Ausgange der Felsenschlucht wurde der Kampf thatsächlich aufgenommen. Deutlich hörte man von dort herüber das Zusammenschlagen von Schwertern.

„Mich wundert, daß ich im Rücken nicht angegriffen werde,“ dachte Grettir.

„Mich wundert, was dort drüben meine Leute aufhält, daß sie dem Grettir nicht in dem Rücken kommen,“ dachte Þórir.

Ein Bote wurde abgeschickt, den Sachverhalt zu erkunden. Dieser kam zurück und meldete:

„Herr, es geht hier nicht mit rechten Dingen zu! – Am anderen Ausgang der Klamm steht ein zweiter Grettir, und kämpft noch schärfer, als dieser hier. Drüben fallen von deinen Leuten doppelt so viele, als hüben!“ –

Thorers Leute schonten sich wahrlich nicht. Sie stürmten immer wieder vor, aber sie rückten nicht ein Zoll breit weiter. Grettir stand wie ein unübersteigbarer Damm, den vergebens die Flut hinaufleckt.

Von drüben her klangen die Schwerthiebe, untermischt mit dem Ächzen der Sterbenden; hier lagen die Toten in Haufen übereinander, und doch kein Erfolg!! – – Keiner! – –

Da gab Þórir das Signal zum Rückzug.

„Ich habe gewußt,“ sagte er zu seinen Leuten, daß Grettir ein Riese an Kraft ist, und, wie ihr seht, darauf mich eingerichtet; aber das habe ich nimmer gedacht, daß er auch der Zauberei mächtig ist. Der Augenschein hier beweist es, denn es fallen auf jener Seite, welcher Grettir den Rücken zukehrt, doppelt so viel Leute als hier. Männer, mit einem Troll haben wir es hier zu thun, nicht mit einem Menschen! – Brecht den Kampf ab!“ –

Thorers Mannen zogen sich auf das gegebene Zeichen von beiden Enden der Klamm zurück, sammelten sich zu ihren Pferden, saßen auf, und ritten nordwärts.

Achtzehn Tote ließen sie zurück, dazu waren viele von ihnen schwer verwundet.

Alle waren darüber einig: „Wir haben hier einen unrühmlichen Zug gethan!“ Und der Spott von allen Seiten blieb nicht aus.

Grettir wunderte sich sehr über die Flucht seiner Feinde. Indessen sie kam ihm erwünscht; denn er fühlte sich müde, totmüde von dem heißen Kampf! Auch fehlten ihm nicht die Wunden. Er wischte sein bluttriefendes Schwert am Moos der Felsenwand ab, und stieß es in die Scheide. Dann wandte er sich rückwärts, und schritt den Felsenpfad hinauf, dem anderen Ausgang der Klamm zu.

Hier sah er etwas Überraschendes.

Die riesige Gestalt eines Mannes lehnte dort an der Felsenwand, blutend aus vielen Wunden.

Grettir maß den Fremden mit fragenden Blicken.

Dieser regte sich nicht.

Grettir legte die Hand auf des fremden Mannes Schulter und fragte mit erhobener Stimme: „Wer bist du?“ –

„Hallmund ist mein Name,“ antwortete der Fremde.

„Hallmund?“ – – wiederholte Grettir, wie sich sammelnd über einer Erinnerung aus vergangenen Tagen.

„Ja, Hallmund! – Und, um dein Gedächtnis aufzufrischen, erinnere ich dich an den Kjoel! – Es sind jetzt drei Sommer her, da trafen wir am Fuße dieses Kjoel zusammen. Deine Hand griff dort in die Zügel meines Pferdes; ich aber zog sie an, daß du loslassen mußtest. Ich glaube, deine Finger haben dich an jenem Tage geschmerzt! – Auf diesen Schmerz legte ich heute ein Pflaster; und, ich denke, du kannst mit diesem Pflaster zufrieden sein!“ –

„Vollkommen!“ – fiel Grettir lebhaft ein, der sich jetzt jenes Tages genau entsann. „Vollkommen! – Du hast mir heute beigestanden, wie ein Kamerad und ein Held. Ich wünscht’ es ständ’ in meiner Macht, dir’s zu vergelten!“ –

„Komm mit mir in meine Berge,“ sagte Hallmund. „Teile Dach und Brot mit mir. Des Lebens hier auf der Heide wirst du ohnehin überdrüssig sein!“ –

„Ich bin’s,“ sagte Grettir. „Verrat, Nachstellung und Einsamkeit haben mir den Aufenthalt hier gründlich vergällt! – Laß uns zusammengehen, Freund!“ –

Sie gingen, die beiden wunden Männer, Schulter an Schulter, tiefer in die Berge hinein, und zum Balljoekul hinauf.

Im Herzen dieser Felseneinsamkeit, zu der keine menschliche Wohnung hinansteigt, welche scheu der Fuß der Tiere flieht, und nur die graue Moosflechte erklettert, liegt im ewig feuchten Bette die Brunnenstube für die Bewässerung der Thäler, für die Befruchtung der Werke fleißiger Menschenhand.

Vom bleichen Schnee ewiger Gletscher, welcher selbst der Julisonne trotzt, löst sich ab Tropfen um Tropfen. Sie fallen von Felsenstufe zu Felsenstufe; sie durchwandern, wie kleine Silberfäden, die grünen Moospolster; sie nehmen aus tausend Armen liebend ihre Zuflüsse auf. – Immer rascher, immer hurtiger wird ihr Schritt, immer vernehmlicher ihr Rieseln und ihr Rauschen. – Was sich anfangs verlangend suchte, friedlich mit einander ging, das drängt sich, treibt sich, peitscht sich nun leidenschaftlich vorwärts. – In Massen zusammengeknäult, bald breit sich auslegend, bald mit schäumender Wut sich pressend durch eine Felsenspalte, stürzt es vorwärts, wie von Furien des Wahnsinns getrieben, bis es, angelangt am jähen Rande der Felsenstirn, mit dem Gebrüll von tausend Donnern hinabstürzt in die Tiefe!! – –

Der Wanderer unten im Thale, zu dessen Füßen die stürzenden Wasser perlend wieder aufspritzen, steht und hebt seine Hände auf mit dem Gefühl heiliger Scheu zu diesen Wundern, welche immer neu herniedersteigen aus den rastlos spendenden Händen Gottes.

In jene unbelauschte Werkstatt ausströmender, alles befruchtender Wasser; in jene ernste, geheimnisvolle Welt der Berge stiegen jetzt auf, Schulter an Schulter, die beiden wunden Männer, Hallmund und Grettir! –

Ihr Pfad wurde öder und öder, die Luft frischer und frischer, und der Rundblick über das Felsenmeer unermeßlich groß und weit! –

„Hier, wo im Winter die Stürme mit den dichten Schneeflocken taugen, hier ist mein Reich,“ sagte der Reifriese, „und dort mein Haus,“ indem er auf den Eingang einer Höhle zeigte.

Sie traten ein.

Der Raum war groß und hoch. Oben durch eine Lichtöffnung brach der volle Strahl der Sonne. Säulen aus natürlich gewachsenem Gestein trugen aufstrebend die Wölbung. Die Wände waren von Moos überpolstert. Keulen, mit Wurfgeschossen gekreuzt, hingen zum Schmuck an den Wänden, dazwischen breite Schilde mit Schwertern. Auf dem Estrich stand ein schwerer Eichentisch, an seinen schmalen Enden wuchtige Sessel mit Armlehnen, an den Langseiten Bänke. Auf dem Tisch sah man Trinkhörner mit schwerem Silberbeschlag und eingefügten, ungeschliffenen Bergkrystallen, in kunstvoller Arbeit.

In der Mitte des weiten, stattlichen Raumes, auf einem Heerd, brannte ein Feuer. Daneben saß ein jugendliches Weib, dem Kopf in die Hand gestützt, und die Augen geheftet auf einen Runenstab, der, mit krausen Zeichen bedeckt, über ihren Knien lag.

Zu ihren Füßen kauerte ein großer, zottiger, gelber Wolf, dem als Halsband eine Natter diente. Zu Zeiten ringelte die Reifriesin die Natter ab, legte sie dem Wolf als Zaum in das Maul, und schwang sich auf des Tieres Rücken zum Ritt über die weiten Berge.

Beim Eintritt der Männer stand die Jungfrau von ihrem Sitze auf. Sie war groß und knochig gebaut. Aber ihr Gesicht war jugendfrisch, und ihr dunkles Haar in einen Knoten geschlungen.

„Du bist es Vater?“ sagte sie mit einem fast männlichem Klang in der Stimme. „Du kommst spät zurück, und nicht allein!“

„Es ist Grettir, der Starke, den ich dir bringe!“ –

„Grettir sei willkommen in unserm Reich,“ sagte die Reifriesin. „Mein Auge sieht dich heut zum ersten Mal, aber mein Ohr hat schon von dir vernommen! Denn der Ruf deiner Thaten, die dich uns, den Riesen, ebenbürtig machen, drang zu unsern Bergen herauf! – Hier, nimm den Willkommengruß!“ – Sie füllte das schwere silberbeschlagene Trinkhorn mit Met, führte es selbst an die Lippen und reichte es dann dem Gaste dar.

Grettir nahm das gefüllte Horn, und sprach: „Friede sei mit deinem Reich und mit deinem Hause!“ Dann trank er es auf einen Zug leer.

„Ihr seid beide wund,“ sagte die Jungfrau, die Blutspuren auf den zerfetzten Kleidern musternd.

„Wir kommen aus der Schlacht,“ sagte Hallmund. „Ich stand dem Grettir bei gegen Thorers Mannen auf der Arnarvatnsheide. Mein Schwert fraß zwölf, das seine sechs der feindlichen Männer, die alle das Aufstehen von der Heide nun vergaßen!“

„Ja, Jungfrau,“ sagte Grettir, „deinem Vater dank ich’s, daß ich lebend vor dir stehe!“ –

„Ich will euch beide heilen,“ sagte die Reifriesin. „Auf diesem Runenstabe stehen eingegraben die Namen heilkräftiger Kräuter. Ich werde sie mischen. Ihre Kraft hat mir noch nie versagt!“ –

„Legt ab Schwert und Gewand und sucht das Lager!“ –

Über weiches Moos breitete sie mit geübter Hand das dicke Fell des dunklen, nordischen Bären, rückte Kissen zurecht, und legte dazu die warme Decke von Williram.

„Ruhe ist die Mutter der Genesung,“ sagte sie. „Legt euch!“ –

Die müden Helden streckten sich auf die weichen Polster.

Die Jungfrau wanderte nun zwischen beiden Lagern geschäftig hin und her, wusch die Wunden mit dem reinen Wasser des kühlen Bergquells, mischte die Salbe, und legte sie auf.

Bald kam der begehrte Schlaf in Grettirs Augen. Er fühlte sich umgeben von wohlthuender Gemeinschaft. Er vertraute. Er schlief, erquickend und tief.

Die Wunden heilten, und der Sommer verlief. Vater und Tochter behandelten den Gast dauernd freundlich. Des Tags durchstreifte er mit Hallmund die Berge, und pflegte der Jagd. Abends am Feuer kürzten Saga und Sang die Stunden.

Aber, als der Sommer sich zu Ende neigte, sehnte sich Grettir nach der bewohnten Landschaft der Menschen zurück. Er wollte seine Freunde wiedersehen, sich mit ihnen zu beraten.

„Ich halte dich nicht auf,“ sagte Hallmund. „Du bist frei! Aber, wenn du wieder nach dem Südlande kommst, du kennst nun mein Reich, dann sprich bei uns vor!“ –

Grettir reichte Vater und Tochter, herzlich dankend, die Rechte. Dann schied er. Das Schwert um die Lenden, den Schild auf dem Rücken, den Speer, Eisen nach oben in der Faust, und, wie ein Stab, auf ihn sich stützend, so stieg er jene schmalen Felsenpfade wieder hinab, die er einst gekommen. Er wandte sich westwärts nach dem Borgarfjord, und von dort nach den Thälern am Breydafjord. Hier sprach er auf dem Hofe Ljaskogar bei seinem Vetter Þorsteinn Kuggasohn vor, der einst die merkwürdige Schellenbrücke von seinem Hofe zur Kirche hinüber gebaut, und einen Winter hindurch schon einmal Grettir geherbergt hatte.

„Deine Feinde, Grettir, wachsen an Zahl, und deinen Freunden hier im Westen entsinkt der Mut, dich zu herbergen. Daher rate ich dir, wende dich südwärts in die Myraharde. Dort ist Thorers Einfluß geringer! Dort wirst du Obdach finden!“ –

So sprach Þorsteinn Kuggasohn. Grettir beschloß seinem Rat zu folgen, und zog südwärts.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

Zum Inhaltsverzeichnis der Grettis Saga oder direkt Zum Tor

 

5,621,255 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang