Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

29. Kapitel:

Straßenräuber.

 

Es war nun Herbst, und Grettir ritt südwärts. Ununterbrochen setzte er die Reise fort, bis er nach Ljaskogar kam zu seinem Vetter Þorsteinn Kuggasohn. Dieser nahm ihn nicht bloß freundlich auf, sondern lud ihn auch ein, sein Wintergast zu werden. Mit Freuden griff Grettir zu und blieb.

Þorsteinn hatte eine sehr geschickte Hand für Holz- und Metallarbeit und übte diese Kunst fleißig. Auf seinem Hofe hatte er eine Kirche erbaut. Sie lag durch einen Fluß von den Gebäuden getrennt, und über jenen war er soeben im Begriff eine Brücke zu schlagen von sehr merkwürdiger Konstruktion; alles seine eigene Erfindung. Nämlich an den Enden der Tragbalken waren eiserne Bogen angebracht, und in diesen hingen Glocken, welche, wenn jemand über die Brücke ging, einen so starken Klang gaben, daß es eine halbe Stunde weit zu hören war.

Þorsteinn leitete die ganze Anlage, und arbeitete selbst eifrig mit. Ihm war Thätigkeit von je her ein Bedürfnis, so daß man ihn fast nie rasten sah. Dasselbe verlangte er auch von seiner Umgebung. Müssiggänger waren ihm äußerst zuwider. „Wozu hat uns Gott in die Welt gesetzt, wenn wir nicht arbeiten, und etwas vor uns bringen wollen?“ so sprach er.

Bei dem völligen Mangel eines Handwerkerstandes auf Island war man im weitesten Umfange angewiesen auf die Einfuhr von Kunst- und Gebrauchsgegenständen; besonders aber auch auf die Hausindustrie. Sie wurde sehr fleißig auf allen Höfen geübt, von Knechten wie auch von den Herren. An den langen Winterabenden beschäftgten sich die Frauen eifrig mit Spinnen, Weben, und Nadelarbeit; die Männer dagegen mit der Verarbeitung von Holz, Erz, und Eisen. In Sonderheit in der Kunst des Schmiedens, namentlich von Waffen, geübt zu sein, galt selbst für einen Edeling als Auszeichnung.

Grettir war auch geschickt. Namentlich seine Gewandtheit in Bearbeitung des Eisens war zu loben. Aber seine Arbeitslust war sehr ungleich. Er hatte von Jugend an nie gelernt, sich unter das eiserne Gebot der Pflicht zu stellen, sondern mehr unter die weichliche Hand der Laune. Ein störriger Knabe, wie er es gewesen war, hatte sein Vater bald die Geduld mit ihm verloren, und seine Mutter hatte ihn verwöhnt. So war er, sich selbst überlassen, aufgewachsen, und seiner aufschäumenden Kraft fehlte der zügelnde, ernstgeschulte Wille.

Grettir bezwang andere; aber er hatte es nicht gelernt, sich selbst zu bezwingen. Dieses wurde die Quelle seines stets neu werdenden Mißgeschicks.

Auch mit Þorsteinn verdarb er es. In die Hausordnung zwar fügte er sich höflich und friedlich. Und den ganzen Winter hindurch kam keinerlei Störung vor. Aber in die Zumutung Þorsteinns, anhaltend fleißig zu sein, fügte er sich nicht. Das gab zu wiederholten Reibungen Anlaß. –

Daher, als der Frühling kam, gab der Hausherr dem Gast einen nicht mißzuverstehenden Wink, abzureisen.

„Ich sehe, daß du nicht arbeiten willst, Grettir, und für dergleichen Leute habe ich hier keine Verwendung!“

Dazu kam, daß die Leute aus dem Hrútafjörður von Grettirs Aufenthalt Kunde bekommen hatten, und soeben sich sammelten zu einem Vorstoß gegen Ljaskogar.

Beides beschleunigte Grettirs Abreise.

„Wo soll ich nun hin?“ fragte Grettir seinen Vetter.

„Ich rate dir, nach dem Südlande zu gehen, und unsere dortigen Verwandten aufzusuchen!“ –

Grettir befolgte diesen Rat und wandte sich nach Süden, umsomehr, als diese Gegend fernab von dem Hrútafjörður, dem Sitz seiner Feinde, lag. So sprach er zuerst vor bei Grímur Þórhallursohn. Dieser überwies ihn an den Lögsögumaður Skafti auf Hjalti. Und von hier aus ging er nach Tunga zu Þórhallur, dem Sohne des Asgrim.

Alle waren freundlich zu ihm, bewiesen Achtung vor seiner ungewöhnlichen Kraft, und Mitleid mit seinem beklagenswerten Geschick; aber auf längere Zeit wollte ihn doch niemand herbergen, und sich dadurch dem Kampf mit seinen Feinden aussetzen.

Als sein letztes Quartier, der Hof Tunga, in seinem Rücken lag, war er ratlos: „Wohin?!“ – –

Die Landstraße lag vor ihm, welche das Nordland mit dem Südlande verbindet. Sie war als einziger Verbindungsweg viel begangen, und führte durch ein ödes Hochgebirge. Der beherrschende Mittelpunkt war der Berg Kjoel, von dem aus man einen weiten Blick hatte, und die beiden Hälften der Straße eine gute Strecke weit, überschauen konnte.

Da kam Grettir der Gedanke, am Kjoel sich in den Hinterhalt zu legen, und die vorüberziehenden Reisenden auszuplündern, um so das zum Leben Notwendige sich zu verschaffen.

Eine Höhle bot ihm Obdach. Decken, Mäntel, Waffen wurden den Ausgeplünderten abgenommen, besonders aber Speisevorrat; da die völlig öde Felsengegend nichts darbot.

So war denn Grettir tief gesunken! – Aus einer ritterlichen Gestalt war ein gemeiner Straßenräuber geworden! – –

Bereits wochenlang hatte er aus den Taschen Beraubter gelebt, die ihm dafür innerlich fluchten.

Da geschah es eines Tages, als Grettir auf seinem Lugaus stand, daß ein berittener Mann, von Süden herauf, die Straße kam. Er war kräftig von Wuchs, ritt ein schönes Pferd, und hatte silberbeschlagenes Zaumzeug. Am Leitriemen führte er ein zweites, hochbepacktes Pferd. Begleitung fehlte.

Der Reisende hatte seinen breitkrämpigen Hut tief in die Augen gedrückt, sodaß man sein Gesicht nicht recht sehen konnte. Dem Grettir gefiel das Pferd unter dem Sattel ausnehmend, und das zur Seite gehende, hochbepackte Handpferd barg gewiß reiche Beute.

Grettir ging darum auf den Reiter zu, grüßte ihn, und fragte:

„Wie heißt du?“ –

„Ich heiße Lopt“ (das heißt Luft) – war die Antwort.

„Aber dich,“ sagte der Fremde, „brauche ich nicht nach deinem Namen zu fragen, du heißt Grettir, der Starke, Ásmundurs Sohn! – Wohin führt dich dein Weg, Grettir?“

„Das ist noch unbestimmt,“ erwiderte dieser. „Aber ich habe ein Anliegen an dich, Lopt! – Gieb mir einen Teil von deinem Gepäck her!“

„Ich wüßte keinen Grund,“ sagte Lopt, „mit dir meine Habe zu teilen! – Oder willst du mir etwas abkaufen?“ –

„Hast du nicht gehört,“ sagte Grettir, „daß ich niemals zu zahlen pflege; und doch finden es die Meisten ratsam, mir zu geben, was ich verlange!“ –

„Oho!“ sagte Lopt, „dergleichen Bedingungen magst du anbieten, wem sie gefallen, ich lasse meinen Besitz solcher Weise nicht fahren. Zieh deinen Weg, Grettir, ich werde den meinen ziehen! – Leb’ wohl!“ –

Lopt drückte seinem Pferde die Hacken in die Weichen, und dieses sprengte an.

„So schnell, Freund, trennen wir uns nicht!“ schrie Grettir, und griff dem Reiter in die Zügel, dicht unter den Händen des Lopt.

Dieser sah dem Angreifer scharf in’s Gesicht, und sprach: „Nichts, nichts bekommst du von mir, Freund!“ – –

„Das wollen wir doch sehen!“ drohte Grettir.

In diesem Augenblick riß Lopt die von Grettir gefaßten Zügel mit solcher Gewalt an sich, daß Grettir, wider seinen Willen, loslassen mußte.

Grettir stand da, und starrte auf seine leeren Hände, die von dem scharfen Ruck des Gegners schmerzten.

Er dachte bei sich selbst: „Alle Wetter! Kräfte hat dieser Lopt!“ –

Grettir griff nun nicht ein zweites Mal zu, sondern begnügte sich mit der Frage: „Wohin führt dich dein Weg?“ –

„Dort, wo von Eisgletschern umstarrt, eine Höhle sich weitet, kann der Wurm der Erde, die Schlange, den Hallmund antreffen.“ –

Grettir sagte: „Es wird schwer sein, deine Wohnung zu finden, Hallmund, wenn du die Behausung nicht deutlicher beschreibst.“

„Gelüstet dich, mich aufzusuchen?“ fragte Hallmund. „So will ich es dir sagen!“ –

„Meine Wohnung ist im Balljoekull, nahe dem Borgarfjord!“ –

So trennten sie sich.

Grettir sah dem Fortreitenden lange nach.

„Der Mann ist stärker, als ich,“ sprach er zu sich selbst. „Es wäre mir schlecht ergangen, wenn es zum ernstlichen Kampfe zwischen uns gekommen wäre!“ –

„Ich spürte seine Kraft an dem Ruck der Zügel!“

So stand er, mit den Armen auf die Felswand gestützt, und schaute dem seltsamen Gast sinnend nach, der nicht bloß seine Hände zusammengedrückt, sondern auch sein Herz mit dem Fittich einer seltsamen Ahnung gestreift hatte. Grettir schaute über die nackten Felsen hin, weit nach den grünen Thälern seiner Heimat. Er gedachte der Geschwister, und vor allem seiner Mutter. Er sang:

„Illuge und Atli,

Ihr fehltet als Retter

Dem armen Grettir

Im drohenden Streit! –

Versagen die Arme

Im Kampfe zu taugen,

Dann trocknet die Augen

Ásdís, im Harme,

Das mutig Weib!“ –

Ihm war die Gegend hier verleidet, verleidet diese Art zu leben. Er wandte sich nach Süden. Nach Hjalti wollte er, zum Lögsögumaður Skafti, ihn um seinen Rat zu bitten.

Skafti hörte ihn an, und sagte:

„Man hat mir gemeldet, Grettir, daß du jetzt weniger friedlich dich benimmst, und selbst Leute beraubst, die sorglos ihres Weges ziehen. Das schickt sich nicht für einen Mann aus so guter Familie, wie du es bist. Lägen solche Klagen gegen dich nicht vor, dann könnte man deiner Sache sich nachdrücklicher annehmen. Aufnahme dir zu gewähren, ist mir nicht möglich. Ich bin der Lögsögumaður des Landes, und würde des Landes Gesetze nicht sprechen, sondern brechen, wenn ich geächteten Männern mein Haus öffnete! – Darum rate ich dir, suche solche Gegenden auf, wo du nicht nötig hast, um zu leben, andere zu berauben!“ – –

„Dein Rat ist gut, Skafti, und ich werde ihn befolgen,“ sagte Grettir. „Ich würde ja alle Menschen meiden, und mich in die äußerste Einsamkeit vergraben, aber es ist mir schier unmöglich, in der Dunkelheit allein zu sein. Und jetzt kommen wieder die kurzen Tage und die langen Nächte!“ –

„Grettir,“ sprach Skafti, „ein Geächteter kann nicht leben nach seinen Wünschen. Du hast Unglücksgefährten, thu’ dich mit einem von diesen zusammen. Aber sei vorsichtiger, als am Isafjord, wo Sorglosigkeit dir beinahe den Tod gebracht hätte.“

Nach diesem Rat verabschiedete sich Grettir.

Er ging nach dem Borgarfjord hinab, und sprach auf Gilsbacka vor bei seinem Freunde Grímur Þórhallursohn. Hier hatten sie einst mit Sveinn am Trinktisch gesessen, und die lustigen Reime über die Södulkolla zusammengeflochten. Wie hatte seine Lage seitdem sich doch verschlechtert! – Die Acht nicht aufgehoben! – Der Preis auf seinen Kopf verdoppelt! Die Zahl seiner mutigen Freunde, welche Lust hatten, für ihn einzusetzen Habe und Leib, schmolz zusehends zusammen. Auch Grímur Þórhallursohn fand es zu gefährlich, auf längere Zeit ihm den Schutz seines Daches anzubieten. Denn Þórir und Thorodd Drapastuf hatten nach dem Gesetz das Recht, und nicht minder auch den Willen, jeden zu überfallen, der den Geächteten herbergte.

„Ich kenne einen Platz für dich, Grettir, wo du hausen magst, der dir Schutz gegen einen Uberfall, und zugleich Lebensmittel zum Unterhalt bietet.“

„Welcher ist das?“ fragte Grettir.

„Das ist die Arnarvatnsheide mit dem Fiskevatn, einem fischreichen Binnensee. Dort baue dir deine Hütte auf, und nimm dir einen Knecht!“

„So will ich es machen,“ sagte Grettir. „Ich siedle mich dort an!“ –

Damit schieden sie.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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