Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

28. Kapitel:

Gefangen.

 

Snorri hatte sehr recht gehabt. Als Grettir erfuhr, daß man auf dem Thing seine ungerechte Verurteilung nicht zurückgenommen hatte, warf er alle Rücksichten ab. Und ungerecht war jene Verurteilung gewesen aus einem doppelten Grunde. Denn, einmal hatte Grettir Thorers Söhne in jener Nacht an der norwegischen Küste nicht verbrannt, so sehr auch der Schein wider ihn sprechen mochte, sodann hatte man ihn wegen dieser That verurteilt, ohne seine Rückkehr aus der Fremde abzuwarten, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, sich zu verteidigen.

Sein Gewissen sprach ihn frei.

Um so mehr mußte es ihn empören, sich so ungerecht behandelt zu sehen. „Kränkt ihr mein Recht, so kränke ich euer Recht wieder.“ Dieses wurde fortan der treibende Gedanke seines Handelns.

Er warf sich wild in den Kampf gegen eine Gesellschaft, welche ihn rechtlos ausstieß.

Grettir wählte zunächst zu seinem Aufenthalt jene Halbinsel, welche im Nordwesten von Island sich abzweigt, und durch eine Landenge von nur 7 Kilometer Breite mit der übrigen Insel zusammenhängt.

Diese Halbinsel ist sehr gebirgig; Isa-Arnar-Dorschfjord schneiden tief in dieselbe ein.

Nur ein einziger größerer Bauer wohnt auf ihr. Der Häuptling Vermund mit dem Beinamen Mjofe, das heißt, der Schmächtige, dessen Frau Thorbjoerg war. Sie ersetzte, was ihrem Manne an Leibesfülle gebrach; denn sie hieß Digre, das heißt, die Dicke, die Starkknochige.

Aber Thorbjoerg hatte nicht bloß einen kräftigen Körper, sie hatte auch einen kräftigen Willen.

Die anderen Insassen der Halbinsel waren nur Kleinbauern. Diese fing Grettir an zu brandschatzen. Den einen zwang er, ihm Kleidung zu liefern, den anderen Waffen, den dritten Eßwaren, dem vierten Pferde.

Alle empfanden das sehr übel; aber niemand wagte seine Forderungen, die er offen auf den Höfen stellte, abzuschlagen, selbst nicht eine saure Miene zu machen. In dem Grade hielt Grettir alle in Furcht.

Des Tages streifte er umher, des Nachts schlief er in einer Sæterhytten, hoch oben im Gebirge am Saume eines Waldes. Hirten hatten hier sein Quartier entdeckt, und trugen diese Nachricht geschäftig auf den Höfen umher.

Der Gefährte der Kühnheit ist oft die Sorglosigkeit.

Auch Grettir verfiel derselben. Er verkehrte oben harmlos mit den Hirten, und ließ sie in seine Gewohnheiten hineinblicken. Nur seinen Namen ihnen zu verschweigen, hatte er doch die Vorsicht.

Die Hirten verrieten alles, was sie von ihm sahen und hörten, an die Bauern. Und diese rotteten sich schließlich zusammen, 30 Mann.

Sie umschlichen den Wald, und nahmen die Zeit wahr, wo Grettir außerhalb der Hütte, auf den weichen Moosteppich hingestreckt, seinen Mittagsschlaf hielt. Die tiefen Atemzüge, die schlaff herabhängenden, wuchtigen Arme, alles verriet das entwichene Bewußtsein.

Diesen Augenblick hielten die Bauern für geeignet zu einem Angriff.

Ihr Kriegsplan war folgender: Zehn Mann werfen sich über den Schlafenden, und drücken ihn nieder, während die übrigen es versuchen, ihm Hände und Füße zu binden.

Gesagt, gethan! –

Aber Grettir, im rechten Augenblick erwachend, schleuderte die zehn Mann, welche ihn umklammern wollten, von sich. So kam er auf die Kniee. In dieser Stellung gelang es den Bauern, Taue um seine Füße zu schlingen. Er stieß zwar mit den Füßen nach den Angreifern, so wuchtig, daß zwei der Getroffenen in Ohnmacht fielen; aber die Übermacht der Gegner war doch zu groß, und in ihnen arbeitete der Stachel der Erbitterung, sodaß sie schließlich es fertig brachten, den Grettir zu binden. –

So lag denn der Riese geknebelt im Grase, und um ihn herum standen die 30 Bauern ratschlagend, was nun zu thun sei. –

Sie kannten glücklicherweise Grettirs Namen nicht, und wußten nicht, daß er ein vogelfreier Mann war, auf dessen Kopf ein Preis von 96 Lot Silber stand. Das aber wußten sie, daß einen Mann zu töten, den das Gesetz schützt, auf Island doch unter Umständen eine sehr teure Sache ist.

Daher entspann sich unter ihnen folgendes Gespräch:

„Helge, nimm du ihn nach Hause, und verwahre ihn, bis das Gesetz gesprochen hat!“

Helge antwortete: „Ich habe für meine Hausknechte dringendere Sachen zu thun, als diesen unbändigen Mann zu bewachen!“ –

„Thorkel, nimm du ihn mit dir!“ –

„Was?“ rief Þorkell, „Ich und mein Weib, wir wohnen auf einem einsamen Hofe allein! – Nein, in solche Grube laß ich mich nicht locken!“ –

„Thoralf, dann thu’ du’s! – Es ist nur bis zum nächsten Thing! – Du mußt ihn aber gut bewachen, und gebunden wieder abliefern, wie du ihn bekommen hast!“

„Ich bedanke mich dafür!“ – sagte Thoralf. „Bei dem Geschäft ist mehr Plag’, als Nutzen. Außerdem übersteigt das meine Kraft!“ –

Ähnliche Ausflüchte machten alle Bauern, welche nach einander aufgefordert wurden.

Diese Szene, in lustige Reime gebracht, wurde später unter dem Namen Grettirsfoersla, d. h. Grettirsfahrt, ein sehr beliebter Volksgesang auf Island.

Als die Kleinbauern lange hin- und hergestritten hatten, was mit dem Gefangenen zu thun sei, kamen sie endlich doch zu dem Entschluß: „Wir wollen das Reugeld an ihn wagen, und ihn gleich hier im Walde aufknüpfen!“ –

Als sie an die Vorbereitungen dazu gingen, sahen sie einen Trupp von sechs Reitern das Thal herauf kommen. Einer davon trug farbige Kleider.

„Das ist Thorbjoerg, die Frau unseres Häuptlings Vermund,“ sagten die Bauern.

Sie hatten recht.

Thorbjoerg ritt in Begleitung von Knechten zu ihrer Sæterhytten hinauf.

Als sie den Haufen der Bauern oben zusammen stehen sah, bog sie vom Wege ab, und kam auf die Leute zugeritten, welche ehrerbietig auseinandertraten.

„Was für einen Thing haltet ihr hier?“ fragte sie scharf.

Die Männer waren durch dies eingeleitete Verhör nicht überrascht, denn Thorbjoerg war wegen ihres männlichen und klugen Verstandes bekannt, und in Abwesenheit ihres Mannes kommandierte sie nicht bloß ihren Hof, sondern auch die Harde, d. h. ihres Mannes Häuptlingsbezirk.

Die Bauern erzählten das Vorgefallene.

„Und wie heißt dieser geknebelte Mann hier?“ –

„Wir wissen es nicht!“ –

Grettir nannte nun selbst seinen Namen.

Die Bauern sahen ihm verdutzt ins Gesicht, als sie seinen Namen hörten.

„Was bewog dich, Grettir,“ fragte Thorbjoerg, „mit Unfrieden gegen meine Thingmänner vorzugehen?“

„Herrin! man kann nicht immer höflich austreten, wenn einem der Magen knurrt, und von irgend etwas muß ich doch leben!“ –

„Es war ein Mißgeschick für dich, daß diese armseligen Schelme dich überrumpelten und banden.“

Dann, zu den Bauern gewandt, fuhr Thorbjoerg fort: „Was gedenkt ihr mit eurem Gefangenen zu machen?“ –

„Wir wollten ihn soeben hängen,“ riefen sie.

„Es ist möglich, daß Grettir dies verdient hat!“ – sagte Thorbjoerg. „Aber, ihr Männer vom Isafjord, ihr wollt einen Stein aufheben, der für euch zu schwer ist! – Zwar wird Grettir vom Unglück verfolgt, aber er ist doch aus einem vornehmen Hause!“ –

Dann, zu Grettir gewandt, sprach sie: „Welche Verpflichtungen willst du eingehen, falls ich dir das Leben schenke?“ –

„Was forderst du, Herrin?“ fragte Grettir.

„Du sollst,“ sagte Thorbjoerg, „mir schwören, hier am Isafjord fortan keinem mehr ein Leid zu thun, und an keinem von diesen Leuten, welche dich fingen, Rache zu nehmen!“ –

Grettir leistete den verlangten Schwur.

Darauf wurde er auf Befehl der Häuptlingsfrau losgebunden. Ein Knecht mußte sein Pferd ihm abtreten, und Grettir ritt nun an Thorbjoergs Seite nach ihrem Hofe hinab, als ein geladener Gast.

Vermund war von Hause abwesend, als dieses vor sich ging, und traf erst nach einigen Tagen ein.

Als er den Grettir unter seinem Dache fand, runzelte er die Stirn und fragte streng: „Was soll der Grettir hier?“

Thorbjoerg erzählte alles, wie es zugegangen war. –

„Warum schenkest du ihm das Leben?“ fragte Vermund.

„Dazu hatte ich viele Gründe!“ erwiderte Thorbjoerg. „Erstens werden die Leute dich für einen größeren Häuptling halten, wenn du ein Weib hast, welches kühn zu handeln wagt! – Zweitens würden Grettirs Verwandte es von mir am wenigsten erwarten, daß ich ihn töten ließe! – Drittens ist Grettir selbst ein großer Held!“ –

„Du bist ein verständiges und kluges Weib,“ sagte Vermund, „und ich danke dir für deine That!“ –

Dann wandte er sich zu Grettir:

„Es war doch ein sonderbares Mißgeschick, daß diese armseligen Wichte dich überrumpelten und banden, dich, den Riesen!“

„Mein altes Pech, nichts weiter,“ sagte Grettir, „lieferte den Löwen in die Gewalt der Ferkel.“

„Und, was beschlossen die Ferkel, als sie den Löwen geknebelt hatten?“

„Sie beschlossen, ihm zu geben den Lohn des Sigar, der einst den Hagbard, den Bräutigam seiner Tochter, hängen ließ.“

„Und, wer hinderte die Ferkel, zu thun, wie sie beschlossen?“ –

„Der Vogelbeerbaum, der einst dem Thor, als er badete, und dem Ertrinken nahe war, seine Hand entgegenstreckte! – Thorbjoerg heißt Vogelbeerbaum. – Er, der den Thor barg – (Thorbjoerg) – streckte auch mir die Hand der Rettung entgegen! – Thorbjoerg, dein Weib, ist über mein Rühmen weit erhaben!!“ –

„Und wer lud dich dann ein hier in’s Haus?“ – „Die Retterin des Thor schenkte dem Schuhriemen am Fuß von Odins Weib – (Odins Weib ist die Erde) – der Schlange (Grettir heißt Schlange) Friede und Leben. –“

„Grettir,“ sagte Vermund, das Scherzgespräch abbrechend, „du wirst dein Lebtag einen harten Kampf haben! – Sei künftig aber vorsichtiger, und hüte dich vor deinen Feinden! – Auch deine Freunde können dir nicht thun, wie sie wohl möchten. Wenn ich dich länger hier in meinem Hause herbergte, würde ich die Feindschaft vieler mächtiger Männer auf mich ziehen! – Darum rate ich dir, geh zu deinen Verwandten! – Auch von ihnen, wer dich nimmt, bringt ein Opfer, und setzt sich großer Gefahr aus! Du bist nicht ohne Schuld an deinem Schicksal; du hast nicht gelernt dich bezwingen, und willst mit dem Kopf durch die Wand! – Aber auch der Starke darf nicht ermangeln der Weisheit!“ – –

Grettir blieb noch einige Tage als Gast bei Vermund und Thorbjoerg, dann schied er.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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