Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

27. Kapitel:

Eine Entscheidung.

 

Thingvellir

Þingvellir
(Bild: Wikipedia)

Im Juni dieses Sommers trat in Þingvellir für die gesamte Bewohnerschaft von Island der Alþingi zusammen, welcher für Grettir eine wichtige Entscheidung bringen sollte. Er selbst, wie seine Thaten, waren jetzt in aller Munde, und er besaß ebenso begeisterte Freunde, wie erbitterte Feinde. Seine Freunde lobten an ihm seine fast übermenschliche Stärke und seine uneigennützige Bereitschaft, wo es galt, beizuspringen und zu helfen. Seine Feinde schalten seine Rohheit, seine Händelsucht und seinen unerträglichen Übermut in Worten, wie in Thaten.

Es ist begreiflich, daß Þorgils Arasohn, als er mit ansehnlichem Gefolge beim Alþingi auftritt, von vielen umringt, und nach Grettir gefragt wurde, der, wie bekannt, sein Wintergast gewesen war.

„Wie hast du es nur fertig gebracht,“ fragte der Lögsögumaður Skafti, „drei so unbändige Gesellen, wie den Grettir und die beiden Blutbrüder den ganzen Winter hindurch unter einem Dach zu herbergen, ohne daß sie sich gegenseitig die Hälse brachen?“ –

„Ich verlangte von ihnen Frieden, und sie respektierten mein Wort,“ antwortete Þorgils.

„Grettir machte dir wohl die meiste Mühe?“ fragte Skafti weiter.

„Mitnichten! Die wenigste!“ erwiderte Þorgils. „Drohte Streit, so hatten meist die Anderen Schuld!“ –

„Alle drei sind ja Riesen an Kraft,“ sagte Skafti, „aber welchen von ihnen hältst du für den Mutigsten?“ –

„Mutig sind sie alle drei auf gleiche Art,“ sagte Þorgils, „aber zwei von ihnen haben doch auch wieder Furcht, jeder in seiner Art!“ –

„Wie das?“ fragte Skafti.

„Nun,“ antwortete Þorgils, „Thormod fürchtet Gott; denn er ist ein gläubiger Mann. Grettir fürchtet auch, aber die Dunkelheit, und zwar in einem solchen Grade, daß er es nicht wagt, irgendwo hinzugehen, sobald es finster geworden ist. Þorgeir dagegen, glaube ich, fürchtet nichts weder Gott noch Menschen!“ –

„Was du da sagst, Þorgils, ist treffend!“ – erwiderte Skafti.

Dann trennten sie sich.

Vor diesen Alþingi brachte nun auch Thorodd Drapastuf seine Klage gegen Grettir wegen Tötung seines Bruders Thorbjoern Oexnamegin. Eigentlich hätte diese Verhandlung erst vor den kleineren Hunavatens-Thing gehört, allein hier fürchtete der Kläger nicht durchzudringen wegen der großen und einflußreichen Verwandschaft des Grettir. So brachte er denn die Verhandlung gleich vor den Alþingi.

Hier waren die Richter zunächst der Meinung, daß von keiner der streitenden Parteien Blutgeld zu verlangen sei. Denn Atli starb um Thorbjoerns und Thorbjoern um Atli’s willen; also hebt sich die Schuld Zug um Zug auf.

Gegen diese Auffassung der Richter erhob Skafti Widerspruch.

„Nicht darauf kommt es hier an,“ sagte er, „die Getöteten in ihrem gegenseitigen Werte abzuschätzen. Sondern blickt, ihr Männer, auf den Thäter, der die That gethan hat. Hier findet ihr den Unterschied. Den Atli erschlug Thorbjoern, ein freier Mann. Der ist für die That haftbar, oder, starb er, so sind haftbar an seiner Stelle seine Verwandten. Wer aber erschlug den Thorbjoern?“ – Grettir! – kein freier Mann, sondern ein Geächteter, dem es vom Gesetz verboten ist, hier zu erscheinen, und seine Sache selbst zu führen. Gegen Grettir können wir also hier nicht verhandeln, noch weniger, mit irgend welchem Recht, ihn belangen!“ –

„Das ist mein Urteil.“ So sprach der Lögsögumaður Skafti.

„An wen habe ich mich denn in dieser Sache zu halten?“ fragt Thorodd Drapastuf.

„An Grettirs nächste Verwandte männlichen Geschlechts!“ entgegnete Skafti.

„Wer sind diese?“ fragte Thorodd.

„Das zu ermitteln, ist nicht Sache des Gerichts. Das ist deine Privatangelegenheit,“ entschied Skafti.

So blieb denn Thorbjoerns Tötung, und die Festsetzung der Strafe für diese That noch unentschieden.

Dagegen für Atlis Ermordung wurde von dem Gericht als Strafe festgesetzt die Zahlung von 80 Lot Silber. Und diese Strafe hatte der nächste Anverwandte des, inzwischen selbst erschlagenen, Übelthäters zu entrichten. Sie traf also den Thorodd Drapastuf.

Achtzig Lot Silber berechneten sich damals, wie folgt. Ein Lot Silber entspricht 1/38 Pfund, das ist 2 Mark 25 Pfennig nach heutiger Münze. Demnach waren achtzig Lot Silber gleich 180 Mark. Und, wenn man annimmt, gewiß mit Recht, daß damals das Geld einen zehnfach höheren Wert besaß verglichen mit heute, so ergiebt sich, daß Atlis, eines freien Mannes, Tod, zu jener Zeit gebüßt wurde mit einer Strafe von 1800 Mark nach heutigem Geldwert. Die Höhe dieser Geldsumme setzt eine große Wohlhabenheit bei den damaligen Großgrundbesitzern auf Island voraus.

Und wir haben noch stärkere Beweise für solchen Wohlstand.

Der Bauer Njaal, ein über die ganze Insel Island besonders angesehener Häuptling, wurde um das Jahr 1000 auf dem Alþingi verurteilt zu einer Geldstrafe von 90 Mark Silber, was einem jetzigen Werte von 33000 Mark in deutscher Münze gleichkommt.

Der Bauer Njaal bezahlte sofort auf dem Alþingi diese Buße, und entnahm den größeren Teil davon der mitgenommenen eigenen Kasse, nur den kleineren Teil borgte er von Freunden. Niemand nimmt aber seinen ganzen Baarvorrat auf solch eine Reise mit. Mit Recht sagen wir also: Welch eine Wohlhabenheit vertrat damals der Grundbesitz auf der heute so verarmten Insel Island! –

Thorodd Drapastuf ließ es nun sich angelegen sein, die nächsten männlichen Anverwandten des Grettir auffindig zu machen. Und es wurden als solche festgestellt seiner beiden Schwestern Söhne: Skeggi, der Sohn des Gamli auf Melar, und Úspakur, der Sohn des Glúmur óspaksson auf Eyre in Nitra; beides hochgemutete, junge Männer.

Die 80 Lot Silber waren von Thorodd noch nicht bezahlt und die Anklage gegen Grettirs Neffen war noch nicht erhoben.

Da trat Snorri, der Gode, mit einem Vorschlag dazwischen.

Er erfüllte jetzt das Versprechen, welches er verflossenen Herbst in seinem Hause dem Grettir gegeben hatte: „Ich will mein Wort zu deinen Gunsten auf dem Thing in die Wagschale legen!“ –

Er empfahl, daß die Anverwandten Atlis auf die achtzig Lot Silber verzichten sollten; dafür aber sollte Grettir aus der Acht entlassen werden. Und er fügte hinzu: „Mein Vorschlag ist von öffentlichem Werte.“ – – – „Grettir wird bei seiner Stärke viel Schaden auf der Insel anrichten, wenn wir ihn außerhalb des Gesetzes stellen. Und das geschieht, so lange er friedlos ist!“ –

Die Leute aus dem Hrútafjörður, Thorbjoerns Anverwandte, waren mit diesem Vorschlage einverstanden, und nicht minder auch die Leute aus dem Miðfjörður, Grettirs Anverwandte, indem diese erklärten, daß es ihnen auf Geld in keiner Weise ankomme, wo es sich um Grettirs Frieden und Sicherheit handle.

Doch, es konnte dieser Vergleich nur rechtskräftig werden mit Zustimmung Thorers, der Grettirs Ächtung vor Jahresfrist beim Alþingi beantragt und durchgesetzt hatte. Man fragte also bei Þórir an. Dieser indessen zeigte sich ganz unversöhnlich, und gab folgende Erklärung ab.

„Ich werde es niemals zugeben, daß dieser Grettir, den ich beschuldige, an Norwegens Küste meine beiden hoffnungsvollen Söhne so elend verbrannt zu haben, von seiner Acht loskommt. Er soll friedlos und rechtlos bleiben, so lange er lebt. Und hatte ich bisher einen Preis auf seinen Kopf gesetzt, so will ich diesen Preis heute verdoppeln! – Grettir muß sterben!“ –

So wurde denn durch Thorers hartnäckigen Widerstand jede Aussicht auf Grettirs Freilassung vernichtet, und die Verhandlung, dem Ziele bereits so nahe, wieder abgebrochen.

Thorodd Drapastuf zahlte, dem Spruch des Alþingis gemäß, die 80 Lot Silber Strafgeld für Atlis Ermordung an Gamli, Grettirs Schwager auf Melar, der dieses Geld für die Familie in Verwahrung nahm.

Aber für Thorbjoerns Tötung wurde kein Strafgeld vom Thing zugelassen, noch auch von Grettirs Verwandten gezahlt. „Denn“, so sagte der Lögsögumaður, „was sollen die Verwandten ihr Geld für Grettir verschwenden, wenn ihm dafür doch weder Friede noch Sicherheit zu Teil wird!“ –

Thorodd Drapastuf fühlte sich durch diese Entscheidung sehr gekränkt, und vereinigte sich nun in seinem Haß mit Þórir.

Beide setzten gemeinsam auf Grettirs Kopf einen Preis von 96 Lot Silber.

Dieses war etwas Neues auf Island, denn niemals zuvor war ein höherer Preis, als 48 Lot Silber, auf jemandes Kopf gesetzt worden.

Diese 96 Lot Silber machten nach unserm heutigen Geldwert aus 2160 Mark. Und wir werden sehen, daß diese hohe Summe doch viele anreizte, Grettir nach dem Leben zu trachten.

Snorri war mit dieser Abwickelung der Geschäfte auf dem Alþingi sehr unzufrieden. Er wiegte sein graues Haupt, and sagte:

„Sehr unklug handelt ihr, einen Mann von so großer Stärke, wie Grettir es ist, friedlos zu lassen. Nehmt ihr ihm des Gesetzes Schutz, so treibt ihr ihn damit an, selbst das Gesetz zu kränken, wo er es nur kann und mag! – Viele von euch werden das noch büßen und bereuen!“ –

So trennte man sich auf diesem Alþingi, ziemlich unbefriedigt.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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