Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

26. Kapitel:

Die Blutbrüder.

 

Thorodd Drapastuf hatte als nächster männlicher Anverwandter es auf sich genommen, den Thorbjoern Oexnamegin und seinen Sohn Arnor an Grettir zu rächen.

Er ritt darum mit zahlreichem Gefolge nach Bjarg hinab, um Grettir dort aufzusuchen.

Auf Bjarg waren viele Leute versammelt. Man war auf sein Kommen und auf einen etwaigen Angriff gefaßt.

Ásdís empfing selbst den Thorodd Drapastuf, und sagte zu ihm:

„Grettir ist nicht zur Stelle! – Wäre er hier, ich würde es nicht leugnen! – Er ist fortgeritten! – Zu dem, dünkt mich, habt ihr wenig Grund zum Zürnen. Denn Grettir that nur seine Pflicht. Er hat seinen Bruder Atli gerächt, den Thorbjoern hier auf seiner Hausschwelle erschlug. Thorbjoern empfing zurück, was er uns selber angethan hat. Ich denke, wir sind quitt, und ihr könnt zufrieden sein! Ich wenigstens, um deren Trauer sich niemand von euch bisher gekümmert hat, bin mit diesem Schlusse der Sache sehr zufrieden!“ – –

Mit solchem Bescheide ritt Thorodd Drapastuf davon.

Das Forschen nach dem Aufenthalte des Grettir setzte Thorodd eifrig fort, und erfuhr endlich, daß er in Ljaskogar sich aufhalte.

Sofort sammelte er ein starkes Gefolge, um dahin aufzubrechen.

Gamli, Grettirs Schwager auf Melar, erfuhr von dieser Kriegsabsicht, und benachrichtete durch Eilboten Grettir und seinen Wirt Þorsteinn Kuggasohn.

Beide ratschlagten, was nun zu thun sei, und einigten sich dahin, diesen Angriff hier nicht abzuwarten; vielmehr riet Þorsteinn:

„Geh’ zu Snorri Þorgrímsson, dem Goden, und bitte ihn um seinen Beistand. Der verfügt über mehr Leute als ich, und kann dich gegen Thorodd Drapastuf wirksamer unterstützen.“

Grettir beschloß, diesen Rat zu befolgen.

Snorri wohnte auf seinem Hofe Tunga, nur wenige Meilen nordwärts.

Er empfing den Grettir wohlwollend; aber lehnte es ab, ihn als Wintergast zu herbergen.

„Ich bin jetzt alt,“ sagte er, „und mag geächtete Leute, denen Streit und Krieg auf dem Fuße folgen, nicht gerne bei mir haben. Kann ich dagegen mit meinem Wort auf dem Thing dir helfen, dann werde ich es zu deinen Gunsten in die Wagschale legen; den Aufenthalt aber mußt du dir wo anders suchen!“

So trennten sie sich.

Grettir ging nun noch weiter nach Norden und zog sich auf jene Halbinsel zurück, welche, eingeschnürt vom Breiðafjörður und Húnafjörður, nur durch einen schmalen Landarm mit dem übrigen Island zusammenhängt. Hier streifte er hinauf bis nach Reykjanes. –

Als Thorodd Drapastuf das hörte, brach er den bereits unternommenen Kriegszug wieder ab.

Indessen der drohende Winter mahnte den Grettir, sein umherschweifendes Leben nun aufzugeben, und ein festes, schützendes Dach zu suchen.

Ganz im Westen der genannten Halbinsel, dicht am Breydafjord, lag ein Hof Namens Reykhólar. Sein Besitzer war Þorgils, und dieser dem Grettir durch seinen Vetter Þorsteinn Kuggasohn bekannt. Hier klopfte er an, und bat um Winterquartier.

„Essen kannst du bei mir bekommen, wie jeder freigeborene Mann,“ sagte Þorgils, „aber es ist nicht von der besten Sorte!“ –

„Ich bin zufrieden, was es auch giebt,“ erwiderte Grettir.

„Indessen, noch einen Haken hat die Sache hier,“ fuhr Þorgils fort.

„Ich habe schon zweien anderen Geächteten Winterquartier versprochen. Es sind die Blutbrüder Þorgeir Hávarsson und Þormóður „Kolbrúnarskáld“ Bersason, zwei Hitzköpfe wie du, und es fragt sich, ob ihr drei mit einander werdet Frieden halten? – Aber Streit, oder gar Mord und Totschlag, das dulde ich in meinem Hause nicht.“

„An mir soll es in keiner Art liegen,“ versicherte Grettir. „Ich werde Frieden halten, um so mehr, als ich jetzt den Willen des Hausherrn kenne!“ –

Grettir blieb, und bald darauf trafen auch die Blutbrüder ein.

Blutbrüder waren Freunde, die aus geritzten Wunden ihr Blut hatten zusammenfließen lassen, und sich daraufhin Umarmung und Bruderkuß gaben. Sie hielten sich dann für ihr ganzes Leben unauflöslich verbunden.

Auch diesen Blutbrüdern gab Þorgeir dieselbe Ermahnung zum Frieden; und auch sie versprachen ihr Bestes.

In der That, obwohl beide Parteien zu einem Freundschaftsverhältnis nicht kamen, so fiel doch von keiner Seite ein beleidigendes Wort, aus Respekt vor dem Hausherrn.

Þorgils besaß die Ólafseyjar (Oláfs Inseln), welche, ungefähr 1 1/2 Meilen von Reykhólar entfernt, im Breydafjord lagen.

Reich mit Gras bestanden, dienten sie ihm als Fettweide für sein Vieh. Dort hatte Þorgils noch einen fetten Ochsen grasen. Der sollte nun geholt und zum Weihnachtsfest geschlachtet werden.

Die Blutbrüder übernahmen es, den Ochsen zu bringen, und Grettir bot sich ihnen als Helfer an.

Mit einem zehnrudrigen Schiff traten die drei ihre Fahrt an. Es war kalt, und der Wind wehte scharf aus Norden. Unter Segel gehend, erreichten sie bald die Oláfs-Inseln. Der Ochse wurde gegriffen, und es handelte sich nun darum, ihn an Bord zu schaffen. Zu diesem Zweck mußte das Schiff möglichst nahe an’s Land gebracht, und in der Brandung festgehalten werden.

Grettir fragte die Brüder, ob sie den Ochsen auf das Schiff tragen, oder das Schiff in der Brandung festhalten wollten? – Sie entschieden sich für das Erstere.

So sprang denn Grettir in’s Wasser bis an die Schultern, stemmte sich gegen die Schiffswand, welche der Insel abgekehrt war, und hielt so das Fahrzeug mitten in der Brandung fest, daß es sich weder hin noch her bewegen konnte. Währenddessen griffen die beiden Blutbrüder den Ochsen, und trugen ihn gemeinsam auf das Schiff. Dann schwang sich Grettir an Bord, und alle drei setzten sich an die Riemen, da auf der Rückfahrt der Wind entgegen war.

Thormod saß auf der vordersten Ruderbank, Þorgeir auf der mittelsten, zunächst dem Mast, und Grettir am Hintersteven. So ruderten sie in den Fjord hinein, und der Sturm nahm zu.

Þorgeir schrie: „Der Achterriemen bleibt zurück!“ –

Grettir entgegnete: „Gewiß, weil es vorne hapert!“ –

Da legte sich Þorgeir so mit Macht in die Dollen, daß beide brachen. Dann schrie er den Grettir an: „Indem ich hier den Schaden ausBersire, zeig’ du da hinten einmal, was du kannst!“ –

Grettir ruderte nun mit solcher Gewalt, daß seine beiden Riemen zersplitterten. Er warf die Stücke auf das Deck.

„Weniger ist Bersir, und nichts ruinieren am besten!“ – schrie Þorgeir.

Grettir griff nun nach zwei Holzbäumen, die unten im Schiffe lagen, legte sie statt der Riemen in die Dollen, und drückte so mächtig gegen das Wasser, daß das Schiff in allen seinen Fugen ächzte.

Unter dieser Arbeit waren sie, bei Sturm gegenan, bald zur Stelle.

Grettir fragte nun die Blutbrüder: „Wollt ihr das Schiff in die Schiffsscheuer hinaufsetzen, oder den Ochsen nach Hause bringen?“ –

Sie wählten das Erstere, und trugen das Schiff in die Scheuer hinauf, halb voll Seewasser, wie es war, dazu auswendig mit Eis überzogen.

Grettter nahm den Ochsen am Halfter und führte ihn zum Hofe hinauf. Da aber das Tier sehr fett war, so wurde es bald müde, legte sich, und wollte trotz alles Treibens nicht von der Stelle.

Während Grettir sich mit dem schwerfälligen Vieh abmühte, gingen die Blutbrüder schlankweg an ihm vorbei, und freuten sich seiner Verlegenheit.

Auf dem Hofe angekommen, fragte sie Þorgils: „Wo habt ihr denn den Grettir?“ –

Sie erzählten, an welcher Stelle, und in welcher Verlegenheit sie ihn zurückgelassen hätten.

Da schickte Þorgils Knechte ab, dem Grettir zur Hülfe.

Als diese halbwegs waren, sahen sie einen Mann entgegenkommen, der trug eine schwere Last. Sie schritten darauf zu, und erkannten Grettir, der den Ochsen auf seinen Rücken genommen hatte, und so trug. Sie entsetzten sich dermaßen über diesen Anblick, daß sie kehrt machten, und zum Hofe zurück liefen. Dort erzählten sie, was sie gesehen hatten. Alle Leute traten nun vor das Hofthor, um das Wunder anzustaunen. Auch Þorgils und die beiden Blutbrüder kamen heraus. Da kam Grettir herauf, und trug wirklich den Ochsen auf seinem Rücken.

Am Hofthor setzte er die Last ab.

Alle riefen laut ihren Beifall, und schüttelten Grettir die Hände für diese außerordentliche Leistung.

Nur Þorgeir wollte vor Neid schier platzen. Er suchte darum Gelegenheit, sich an Grettir zu reiben.

Eines Tages, kurz nach Weihnachten, ging Grettir allein ins Bad.

Baderäume befanden sich auf allen größeren Höfen in Island. Meist waren sie in einem besonderen, für diesen Zweck errichteten, Nebenhause. Man badete in erwärmtem Wasser, indem man eine der vielen heißen Quellen, die es in Island giebt, auffing, und in ein überdachtes Bassin leitete. Öfter noch badete man in heißem Dampfe. Ein großer Steinofen war in den Baderaum hineingebaut. Den erhitzte man stark, und übergoß ihn dann mit kaltem Wasser, wodurch reichlicher Dampf erzeugt wurde, der den ganzen Raum füllte. Übereinander angebrachte Holzgestelle, auf welche die Badenden sich streckten, gestatteten es, diesen Wasserdampf heißer, oder weniger heiß auf den Körper einwirken zu lassen. Nach dem Schwitzbade übergoß man sich dann mit kaltem Wasser, und massierte den Körper. Es war die heute noch in Rußland so allgemein beliebte Art des Badens. Auf den isländischen Höfen wurden diese Baderäume von Herren, wie von Knechten, von Männern, wie von Frauen sehr fleißig benutzt.

Grettir war ins Badehaus gegangen, selbstredend ohne Waffen.

Þorgeir wußte darum, und fragte seinen Blutbruder Thormod:

„Wollen wir hinabgehen, und dem Grettir in den Weg treten, wenn er aus dem Bade kommt?“ –

„Ich für mein Teil spüre keine Lust dazu,“ sagte Thormod, „und ich glaube, auch du wirst wenig Ehre davon haben!“ –

„Ich habe Lust, und will es versuchen,“ sagte Þorgeir.

Er lief den Abhang hinunter, und schwang seine blanke Streitaxt hoch in die Luft.

In diesem Augenblicke trat Grettir aus der Thür des Badehauses.

Als sie sich begegneten, sagte Þorgeir: „Ist es wahr, Grettir, was die Leute von dir sagen, daß du keinem Manne ausweichen willst?“

Grettir erwiderte: „Ob ich das irgendwo gesagt habe, weiß ich nicht genau; aber das weiß ich ganz gewiß, daß ich dir nicht ausweiche!“ –

Þorgeir holte nun mit seinem Beil zum Schlage aus.

Grettir griff ihm unter die Arme, warf ihn hart zu Boden, und kniete sich auf ihn.

Da schrie Þorgeir: „Thormod! – Wie? – Kannst du es ruhig mit ansehen, daß dieser Teufel mich würgt?“ –

Thormod packte darauf Grettirs Beine, und wollte ihn von Þorgeir wegziehen, aber er vermochte es nicht.

Thormod trug ein kurzes Schwert an der Seite, und riß es nun aus der Scheide.

In diesem Augenblick trat der Hausherr hinzu, und gebot mit lauter Stimme Frieden.

Sofort löste sich die Gruppe. Die Blutbrüder thaten nun so, als wenn ihr Angriff auf Grettir eitel Scherz gewesen sei.

Der Frühling brach an, und die Wintergäste verließen Þorgils Haus, ohne daß ein weiterer Zwischenfall die Eintracht gestört hätte! – Allgemein war die Verwunderung darüber, daß Þorgils es gelungen war, Monate lang, so übermütige und zügellose Leute, wie diese drei, in Schranken zu halten; und man erklärte ihn allenthalben für einen sehr tüchtigen Häuptling.

Grettir verabschiedete sich gleichfalls im Frühling, und ritt nach dem Dorschfjord. Als man dort ihn fragte: „Wie warst du mit dem Essen auf Reykhólar zufrieden?“ antwortete er: „Dann am meisten, wenn es bis zu mir hin reichte!“ –

Später suchte er das Westland auf. –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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