Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

25. Kapitel:

Atli gerächt.

 

Es war ein sonniger Herbsttag. Da setzte sich Grettir zu Pferde und ritt westwärts über die Felsenrücken nach dem Hrútafjörðure. Sein Ziel war Thoroddurstaetten, der Hof des Thorbjoern, den er zur Verantwortung ziehen wollte für die Erschlagung seines Bruders Atli. Um die Mittagszeit kam er auf dem ziemlich leeren Gehöfte an und meldete sich durch Klopfen. Einige Mägde traten vor die Hausthür, und grüßten den ihnen unbekannten Reiter.

„Wo ist der Hausherr?“ fragte Grettir.

„Thorbjoern ist draußen auf den Wiesen beim Heumachen!“ –

„Allein?“ –

„Sein Sohn Arnor ist bei ihm!“ –

„Wie alt ist der Knabe?“ –

„Sechzehn Jahre!“ –

„Welches ist der Weg?“ –

„Herr, wenn ihr die Richtung nordwärts auf Reykir nehmt, werdet ihr die Wiese, links vom Wege, finden!“ –

Grettir grüßte die Weiber und ritt davon.

Er schlug den bezeichneten Weg ein, und traf bald das gesuchte Feldstück, auf dem das gemähte Gras in dicken Schwaden lag, schon zum Aufbinden trocken.

Thorbjoern war ein sehr starker Mann. Darum führte er auch den Beinamen Oexnamegin, das heißt, die „Kraft eines Ochsen“. Auch war er ein sehr fleißiger Wirt, den man fast niemals ohne Beschäftigung fand. So war er jetzt selbst mit dem Aufbinden des trockenen Heues beschäftigt, und sein Sohn half ihm dabei, außerdem eine Arbeiterin, welche beiden Handreichung that. Das waren die einzigen Menschen auf dieser abgelegenen Gebirgswiese.

Thorbjoern hatte soeben zwei große Heubündel zusammengeschnürt, die bildeten eine Pferdelast, und wurden, über den Rücken eines Pferdes geworfen, auf diese Weise thalabwärts transportiert.

Sein blank geschliffenes Schwert und sein breiter, eisenbeschlagener Schild, welche beide Thorbjoern zur Feldarbeit mitgenommen hatte, lehnten an den fertig geschnürten Heubündeln. Auch Arnors Waffe, eine Streitaxt, lag dabei.

Vater und Sohn waren im Begriff die zweite Pferdelast herzurichten, da ritt Grettir, vom Wege abbiegend, die Wiese herauf. Thorbjoern, von oben herab, bemerkt den Mann, und sagt zu Arnor: „Da kommt jemand von unten herauf. Er scheint uns zu suchen. Laß jetzt die Arbeit, bis wir gesehen haben, wer der Mann ist, und was er will?“ –

Grettir sprang aus dem Sattel, und ließ sein Pferd stehen. Man umschlang in diesem Falle die Vorderfüße des Pferdes mit einem kurzen Riemen, welcher ein Fortlaufen verhinderte.

Grettir hatte einen Helm auf dem Kopfe, ein Schwert an der Seite, und in der Hand einen langen, silberbeschlagenen Spieß.

Er setzte sich auf die Erde und zog aus dem Speer den Stift heraus, welcher Spitze und Schaft verband.

Er wollte dadurch vorbeugen, daß Thorbjoern den Spieß auf ihn zurückschleuderte.

Thorbjoern beobachtete von oben her das Thun des Fremden, und sagte:

„Der Mann scheint groß und stark, und, wenn ich nicht irre, muß das der Grettir, Ásmundurs Sohn aus Bjarg sein. Er glaubt gewiß triftigen Grund zu haben, uns hier aufzusuchen. Aber laß uns ihn männlich empfangen, keine Furcht an den Tag legen, und uns gewandt im Kampfe zeigen! – Höre mir zu, mein Sohn, und merke wohl auf! – Ich greife den Grettir von vorne an, und hoffe ihm gewachsen zu sein. Du aber umgehst ihn, und greifst ihn von hinten an. Schlage ihm dein Beil mit aller Wucht in den Rücken mitten zwischen die Schulterblätter! – Du brauchst nicht zu fürchten, daß er dir Schaden thut, denn ich fasse ihn von vorne; dir kehrt er ja den Rücken zu, und mit mir wird er genug zu thun haben!“ –

Mit diesem Schlachtplane erwarteten Vater und Sohn den Feind. Doch ihre Schwäche war, daß weder Thorbjoern noch Arnor einen Helm zur Stelle hatten.

Grettir schritt nun die Wiese hinauf, und, als er sich in Wurfesweite befand, schleuderte er seinen Spieß gegen Thorbjoern. Der Schaft steckte aber, nach Lösung des Stiftes, zu locker in der Spitze, sodaß mitten im Wurf Schaft und Spitze sich trennten. Das Geschoß fiel kraftlos zu Boden. Dieser Angriff hatte also versagt! –

Thorbjoern hielt nun den Schild vor sich, und zog das Schwert.

So schritt er zum Angriff gegen Grettir vor.

Dieser hatte zur Verteidigung nur sein kurzes Schwert.

Arnor suchte, wie sein Vater ihn geheißen, den Grettir zu umgehen, und hinter seinen Rücken zu kommen.

Doch Grettir bemerkte das und hieb, zunächst nur mit flacher Klinge, nach des Knaben Kopf, den er zu töten nicht die Absicht hatte. Aber der Schlag war doch so wuchtig, daß der Schädel davon barst und der Junge tot zu Boden fiel. Jetzt stürzte Thorbjoern mit aller Wucht sich auf Grettir und hieb nach ihm. Grettir fing den Hieb mit seinem linken Arme auf, den der Schild deckte. Gleichzeitig führte Grettir’s rechte Faust einen so wuchtigen Schwertschlag gegen Thorbjoerns Schild, daß die Schwertschneide den Schild des Gegners durchschlug, und selbst in Thorbjoerns vorgebeugtem Kopf so tief eindrang, daß das Hirn durchschnitten wurde.

Der Schwergetroffene stürzte zur Erde, zum Tode wund.

Grettir wischte nun seine bluttriefende Klinge am Heubündel ab, und stieß sie in die Scheide.

Sein Werk der Rache war hier gethan. Da lag hingestreckt der Mörder seines Bruders Atli an der Seite seines Knaben.

Er suchte nun auf der Wiese nach seinem silberbeschlagenen Spieß; konnte ihn aber im Grase nicht finden. Drauf ging er zu seinem Pferde und bestieg es. Nach isländischem Rechte mußte, wer einen Mann erschlagen hatte, sofort nach der That bei den Hausgenossen des Getöteten sich melden, und selbst das Geschehene anzeigen. Dadurch wurde die Tötung eine ehrliche Sache. Unterblieb diese Anzeige, so galt die That als gemeiner Mord.

Grettir ritt also hinab zu Thorbjoerns Hof, und bekannte sich dort selbst als den, welcher den Hausherrn samt seinem Sohne im Kampfe erschlagen habe.

Das Weib auf der Wiese, welches, hinter Heubündeln versteckt, dem Kampfe der Männer zugesehen hatte, holte nun Leute herbei, und sie schafften die Leichname nach Hause. Thorodd Drapastuf war der Bruder des Erschlagenen, und übernahm, nach der Leichenschau, die Pflicht der Blutrache.

Grettir aber ritt nach Hause.

Als er auf Bjarg eintraf, ging er sofort zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, dein Sohn Atli ist gerächt! – Sein Mörder Thorbjoern samt seinem Kinde liegen, erschlagen von dieser meiner Hand, auf der Wiese!“ –

„Das ist gut, mein Sohn,“ sagte Ásdís, „du thatst deine Pflicht! – In dir rollt das alte Heldenblut unserer Väter aus dem Vatnsdalur! – Aber dieses ist der Anfang deiner Leiden! – Denn nur zu gewiß ist es, daß Thorbjoerns Anverwandte dich hier nicht lange werden in Frieden wohnen lassen! – Was sinnst du jetzt zu thun?“ –

„Mutter,“ sagte Grettir, „hier kann ich nicht bleiben, schon um deinetwillen nicht. Du brauchst den Frieden im Hause. Bin ich fort, dann darf niemand dir ein Leid thun. Darum laß mich scheiden. Wahrlich, nur kurze Rast war unter deinem Dache mir beschieden!“

„Wo willst du hin, mein Sohn?“ fragte die Mutter.

„Nach dem Westlande zu unsern Freunden und Verwandten.“

Grettir machte sich nun zur Abreise fertig, und Mutter und Sohn schieden tiefbewegt.

Grettir ritt zuerst nach Melar am Hrútafjörður zu seinem Schwager Gamli, aber beide waren der Meinung, daß er hier vor den Verwandten Thorbjoerns nicht sicher sei, daß er noch weiter westwärts müßte. So durchschnitt er denn ohne Aufenthalt die Hochebene am Laxardal und hielt nicht an, bis er den Hvammsfjord erreichte. Hier lag der Hof Ljaskogar, wo der ihm befreundete Þorsteinn Kuggasohn wohnte. Den größten Teil des Herbstes hielt Grettir sich hier auf.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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