Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

24. Kapitel:

Auf Södulkolla.

 

Das Schiff, welches Grettir von Norwegen nach Island brachte, lief den Weststrand der Insel an und warf im Borgarfjord Anker.

Es war bereits Herbst. Aus der Umgegend kamen Männer geritten, welche teils das Interesse an der Ladung, teils das Verlangen nach Neuigkeiten herbeizog.

Grettir sprang ans Land und wurde von Bekannten gegrüßt.

Sie teilten ihm mit, was inzwischen auf Bjarg alles geschehen war, seines Vaters Tod, seines Bruders Atli Ermordung und der Beschluß des Alþingis, der ihn selbst über ganz Island hin für friedlos erklärte.

Hiobsposten genug.

Allein der Isländer, insonderheit der von guter Erziehung, legte seine Gefühle nicht an den Tag. Es galt das bei Männern für unschicklich. So verschloß denn auch Grettir den Schmerz, der sein Herz bei dieser Botschaft durchwühlte, hinter einem ruhigen und festen Angesicht.

Er war gezwungen, sich noch einige Zeit bei dem Schiffe aufzuhalten, denn er konnte in dieser entlegenen Gegend kein passendes Reitpferd zu seiner Heimreise auftreiben. Ein Stück landeinwärts auf dem Hofe Backa wohnte ein Bauer, Namens Sveinn, ein tüchtiger Wirt und dazu ein Dichter lustiger Lieder. Der besaß eine braune Stute, einen Schnellläufer, welche er Södulkolla, das heißt „Sattelschön,“ nannte.

Da der Besitzer dieses, sein Lieblingstier, kaum freiwillig einem Fremden zur Heimreise überlassen hätte, so beschloß Grettir das Tier heimlich zu besteigen; selbstverständlich, um es nach gethanenem Dienst wieder zurückzusenden. In einer Nacht brach Grettir auf, von den Schiffsleuten unbemerkt. Er warf über sich einen dunklen Mantel und ging zu Fuß, das Sattelzeug auf dem Rücken, an Thingnes vorbei nach Backa hinauf.

Es dämmerte schon der Tag, als er dort oben ankam.

Die braune Stute graste nahe bei dem Hofe, auf welchem noch alles schlief.

Er zäumte das Pferd auf, sattelte, und bestieg es.

Nun ging es im frischen Trabe in den anbrechenden Morgen hinein, den Hvitafluß hinauf und dann landeinwärts.

Er war schon bei Flokadalsau vorbei auf dem Wege nördlich von Kalfanes, als die Knechte auf Backa erwachten. Sie kamen heraus, vermißten die Södulkolla und meldeten das sofort ihrem Herrn.

„Es hat über Nacht jemand deine Stute bestiegen und ist mit ihr landeinwärts geritten! – Die Spuren sind deutlich erkennbar!“ –

Sveinn sprang aus dem Bette, ließ ein zweites Pferd satteln und bestieg es, um der Spur von dem Diebe seines Pferdes selbst zu folgen.

Grettir war inzwischen ohne Aufenthalt weiter geritten und hielt nun am Hofe Kropp, vor dem ein Mann, Namens Halle, stand, dem gab er folgenden Auftrag:

„Eile hinab mit fliegendem Fuß

Zum meerdurchfahrenden Schiffe.

Rufe es laut: „Am Hofe Kropp,

Sah ich den Mann mit dem Kopf voll Kniffe.“

Die Södulkolla unter sich,

Den schwarzen Mantel über sich! –

„Nun, Halle, fort und tummle dich!“ –

Der Mann stieg nun zu Pferde, um den übernommenen Botendienst auszurichten. Bei Kalfanes stieß er auf Sveinn, der auf ihn zugeritten kam, und ihn befragte:

„Hast du gesehn

Auf Sattelschön

Den frechen Dieb? – –

Kann ich ihn finden,

Werd ich ihn schinden

Mit manchem Hieb!“ –

„Ja,“ sagte Halle, „das verhält sich so. Oben am Hofe Kropp kam an mir vorbeigeritten auf einer braunen, flinken Stute ein fremder Mann, groß von Gestalt und in einen langen, schwarzen Mantel gewickelt, der gab mir folgenden Auftrag:

„Eile hinab mit fliegendem Fuß

Zum meerdurchfahrenden Schiffe.

Rufe es laut: „Am Hofe Kropp

Sah’ ich den Mann mit dem Kopf voll Kniffe.“

Die Södulkolla unter sich,

Den schwarzen Mantel über sich! –

„Nun, Halle, fort und tummle dich!“ –

„Ist das eine Keckheit von dem Mensehen,“ sagte Sveinn.

„So gerissen! –

Rasch vorbei! –

Ich muß wissen,

Wer er sei?!“ –

Grettir war inzwischen mit seiner flinken Stute in Deildartunga angekommen. Hier stand ein Weib am Wege. Dem sprach er folgenden Reim vor:

„Walküre des Goldes, herrliches Weib,

Melde dem Manne, der voller Leid“

Sucht Södulkolla:

„Ich, der Schenke von Odins Biere

Reite zur Nacht auf dem flinken Tiere

Noch bis Gilsbacka!“ –

Das Weib prägte sich den Vers ein. Dann ritt Grettir weiter.

Sveinn kam kurz darauf zur Stelle, sah das Weib am Wege stehen und fragte sie:

„Ei! Kam hier durch

Ein frecher Bursch,

Auf flinkem Tier? –

Das sage mir! –

Verdienten Streichen

Will er entweichen!“ –

Das Weib trat nun hervor und sagte dem Sveinn her das Lied, welches Grettir ihr eingeprägt hatte:

„Walküre des Goldes, herrliches Weib,

Melde dem Manne, der voller Leid“ –

Sucht Södulkolla:

„Ich, der Schenke von Odins Biere,

Reite zur Nacht auf dem flinken Tiere

Noch bis Gilsbacka!“ –

Sveinn dachte über den Sinn dieses Liedes nach, dann sagte er:

„Der Mann ist kein Dieb! –

Das ist mir lieb! –

Der Verse Meister! –

Allein, wie heißt er?“ –

Sveinn ritt im scharfen Trabe weiter. Es wehte und regnete stark. Endlich erblickte er von ferne den Reiter im dunklen Mantel. Bald tauchte die Gestalt auf, bald verschwand sie wieder, je nachdem der Weg sich hob, oder senkte.

Der Abend brach an, und Grettir, angelangt am Hofe Gilsbacka, sprang aus dem Sattel.

Grímur Þórhallursohn, der Bruder seines Schwagers Gamli, war hier der Hauswirt, empfing ihn mit offenen Armen, und führte ihn in sein Haus.

Ein Knecht nahm, auf den Wink des Herrn, der Södulkolla Zaum und Sattel ab, und ließ sie grasen.

Eingetreten, erzählte Grettir lachend, wie er zu dem Pferde gekommen sei, und wie er darob ernstlich verfolgt werde.

In demselben Augenblick reitet Sveinn auf den Hof, bemerkt die Södulkolla grasen, und steigt ab:

„Dort das Pferd! –

Hier der Herd! –

Wo der Mann,

Der drob kam? – –

Herr, ich bitte,

Zahlt die Miete!“ – –

Grettir, der eben im Schlafhause seine nassen Kleider abstreifte, hörte das Lied durch die Bretterwand hindurch und antwortete schlagfertig:

„Zu Grímur her ritt ich den Klepper

Der ist nur ein kleiner Kossäther! –

Solltest den Lohn nur streichen! –

Will mich vergleichen!“ –

Sveinn war denn auch zum friedlichen Übereinkommen bereit, faßte die Sache scherzhaft auf, und ließ allen Anspruch auf Entschädigung fallen. Man setzte sich zusammen in die Stube, und nach kräftiger Abendkost wurden die Trinkhörner auf den Tisch gesetzt, um reichlich am Schenktisch durch die aufwartenden Knechte mit Bier gefüllt zu werden.

Der Herbstregen schlug an die Außenwände des Hauses, aber mitten in der Stube auf festgeschlagenem Estrich brannte ein lustiges Holzfeuer, erfüllte den Raum mit behaglicher Wärme, ließ den Rauch zur Dachwölbung aufsteigen, und dort durch die offenen Luken entweichen.

Gemütliche Stimmung ergriff alle. Grettir und Sveinn wiederholten noch einmal die unterwegs geschmiedeten Reime, welche sie einander den Tag über zugeworfen hatten.

Man lachte und versicherte, sich nichts übel nehmen zu wollen.

Aus der Zusammenstellung dieser Verse entstand nun ein Ganzes; das nannten sie das Södulkolla-Gedicht. Und es lebt dasselbe noch heute in der Islands-Saga fort.

Am nächsten Morgen nahm Sveinn seine braune Stute Sattelschön wieder an sich, und zog heimwärts. Er und Grettir trennten sich als gute Freunde.

Als Grímur und Grettir nun allein waren, senkte sich doch der ganze Ernst der Lage schwer auf beider Herz.

Grímur erzählte ausführlich von Atli’s Tod und von dem Übermut des Thorbjoern Oexnamegin, der keine Sühngelder für den Totschlag Atlis angeboten hätte, sondern vielmehr so dreist auftrete, daß es fraglich erscheine, ob die Hausfrau Ásdís vor seinen Angriffen sich werde auf ihrem Hofe behaupten können.

Das trieb den Grettir schnell nach Hause.

Zu dem wollte er verhindern, daß irgend eine Nachricht über seine Landung auf Island, ihm voraus, nach dem Nordlande eilte.

Grettir nahm Abschied.

„Brauchst du Hülfe, dann komm zu mir,“ sagte Grímur.

„Ich bin geächtet!“ warf Grettir bitter ein.

„Das soll mich nicht hindern, dir als Freund zu dienen,“ versicherte Grímur.

„Ich weiß, du bist brav und treu,“ schloß Grettir.

„Später werde ich deiner Hülfe wohl bedürfen.“

Grettir schwang sich nun in den Sattel. Er mußte den Felsenrücken Tvidaegra überschreiten, um nach dem Nordlande zu kommen.

Spät Nachts erst traf er auf Bjarg ein, als schon alles schlief.

Er kannte genau die Einrichtung seines väterlichen Hofes, und wußte auch, welche Thüren zur Nachtzeit offen standen.

Noch heute verschließt man in Norwegen des Nachts die Hausthür nicht, selbst nicht in den Städten. Und wenn man sie verschließt, so geschieht das, nicht gegen Räuber und Diebe, sondern gegen Schnee und gegen die Stürme.

Grettir trat in das Schlafhaus ein, wo Herrschaft und Gesinde gemeinsam schliefen.

Nur für diesen Zweck, als ein gesondertes Gebäude, errichtet war das Schlafhaus, wie die Halle, bis in das Dach hinauf vertäfelt. Zwei Säulenreihen, welche das Gebälk trugen, teilten den weiten Raum in drei Schiffe. Das Mittelschiff blieb frei als Gang. Die beiden Seitenschiffe waren in einzelne Verschläge durch Scheidewände, von etwas über Manneshöhe, abgeteilt.

Diese Scheidewände waren bald aus Brettern gezimmert, bald durch ausgespannte Teppiche hergestellt. In solchen kastenartigen Verschlägen schliefen Knechte und Mägde, nach Geschlechtern getrennt, meist ohne Betten, nur auf Heu oder Stroh; manche in Schlafsäcken, manche nur mit einem Fell, oder mit einem Mantel zugedeckt.

Die Herrschaft und die vornehmeren Gäste dagegen schliefen im Hintergrunde desselben Schlafhauses auf erhöhter Estrade, gleichfalls in abgetrennten Kammern, jedoch in schön hergerichteten Betten, zu denen die Federn der vorzüglichen Eidergans das Material lieferten.

Die obere Luftschicht des weiten Raumes war allen Schläfern gemeinsam, und Öffnungen im Dach sorgten ausgiebig für beständige Lufterneuerung.

So war das Schlafhaus auf Island ein praktisch eingerichteter, großer, allen Regeln der Gesundheit wohl entsprechender Raum.

Grettir trat in das Schlafhaus auf Bjarg ein und tastete sich im Dunkeln durch den Mittelgang hinauf bis zur Estrade.

Seine Mutter erwachte von dem schlürfenden Schritt, hörte das Tasten der Hand, richtete sich in ihrem Bette auf und fragte vernehmlich: „Wer ist da?“ –

Grettir trat herzu und nannte leise seinen Namen.

Ásdís streckte ihre Arme nach ihm aus, zog ihn an sich, und küßte ihn zärtlich.

„Sei willkommen, lieber Sohn,“ sagte sie herzlich.

Dann schüttete sie dem heimgekehrten Kinde ihr volles Herz aus.

„Deinen Vater findest du nicht mehr,“ sagte sie. „Ásmundur Haerulang trug sein graues Haupt hinab zur Gruft. Und,“ setzte sie mit tiefem Seufzen hinzu: „An meinen Söhnen habe ich wahrlich nur kurze Freude. Atli, der mir vom größten Nutzen hier war, ist erschlagen. Und du bist, wie ein Verbrecher, geächtet. Illuge aber ist noch so jung, daß er nicht imstande ist, etwas zu leisten!“ –

„Atli ist hier auf seiner eigenen Hausschwelle getötet, und sein Tod ist noch nicht gerächt. Ein Weib hat, wie du weißt, auf Island kein Klagerecht. Auch würde Blutgeld den schweren Frevel nimmer auslöschen. Die Rache liegt nun in deinen Händen, Grettir! – Du mußt den Thorbjoern Oexnamegin züchtigen.“

„Tröste dich, Mutter,“ sagte Grettir, „Atli wird von mir gerächt werden, dazu bin ich hergekommen! Und wegen meiner Ächtung sorge dich nicht. Es ist noch nicht entschieden, wer in diesem Streite als der Stärkere sich zeigen wird, ich oder Þórir, mein Feind!“

Die Mutter stimmte befriedigt zu, und lehnte sich in die Kissen zurück. Grettir warf sich auf Atlis Bett, das noch unberührt auf seinem alten Platze stand, und erleichtert atmete seine breite Brust auf, für kurze Zeit, in dem Frieden und in der Luft des Vaterhauses.

Die Frauen auf Island besaßen keine politischen Rechte. Im öffentlichen Leben traten sie völlig zurück. Um so größer war ihr Einfluß im Hause. Hier werden sie oft die Schöpfer der Gedanken und Pläne, denen die Männer auf dem Thing ihre Stimme, auf dem Kampfplatz ihre Waffen leihen.

Besonders zäh zeigte sich auch das Weib auf Island in Verfolgung der Blutrache.

Eine Witwe zeigt ihren heranwachsenden Söhnen von Zeit zu Zeit immer wieder die treu aufgehobenen, blutdurchtränkten Kleider ihres erschlagenen Mannes, und sagte ihnen: „Diese Kleider eures Vaters müssen euch antreiben, starke Arme zu bekommen, um dereinst seinen Tod zu rächen!“ –

Eine andere Häuptlingswitwe trauert darüber, daß ihr nächster männlicher Verwandter, ihres Vaters Bruder, die ihm zukommende Pflicht, den Tod ihres erschlagenen Mannes zu rächen, zu lange aufschiebe. Als derselbe einst bei ihr zu Tisch saß, warf sie ihres Mannes blutdurchtränkten Mantel um seine Schultern so heftig, daß die getrockneten Blutklumpen des Kleides hart an Bank und Tischkante anschlugen und rief: „Wie lange zauderst du, Ohm?“ – „In diesem Mantel fiel mein Eheherr! Ich beschwöre dich bei Gott, daß du alle seine Wunden rächest! Sonst bist du eine Memme!“ – –

Eine Mutter führte ihren jüngeren Sohn in die Nähe eines Hofes hin, zeigte auf die Dächer hinab und fragte: „Wie heißt der Hof dort?“ – „Mutter, du weißt es! Tunga!“ „Und, wer wohnt dort?“ forschte das Weib weiter. „Mutter,“ sagte abwehrend der Jüngling, „auch das weißt du!“ – „Ja!“ sprach mit einem tiefen Seufzer die Witwe, „ich weiß es!“ – „Dort wohnt der Totschläger deines Bruders! Aber ich weiß auch, daß dir die Rache zukommt, und deine Arme hängen schlaff herab, ganz unähnlich deinen tapferen Vorfahren! – Bersir wäre es, du wärst ein Weib geboren, und dein verstorbener Vater hätte dich in die Ehe gegeben!“ –

So trieb in einer Zeit, wo die rohe Kraft noch nicht von Religion und Sitte gebändigt wurde, selbst das Weib den Mann an, die Ehre und das Recht des Hauses mit blankem Schwerte zu verteidigen.

Grettir hielt sich einige Zeit auf Bjarg auf, doch insgeheim, sodaß nur wenige um seine Anwesenheit wußten.

Eifrig zog er Kundschaft ein, was in der Nachbarschaft vorging, besonders ließ er beobachten den Thorbjoern Oexnamegin und sein Thun.

Da wurde ihm zugetragen: „Der Thorbjoern ist auf seinem Hofe nur mit wenigen Knechten! – Alle die anderen Leute sind oben auf den Bergwiesen beim Heumachen!“ –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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