Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

22. Kapitel:

König Oláf.

 

Die Ereignisse, welche in diesem Kapitel erzählt werden, fanden statt im Jahre 1010.

König Oláf weilte in Drontheim und war über das Vorgefallene bereits unterrichtet, als Grettir dort eintraf. Einige Tage vergingen, ehe es diesem gelang, dem Könige vorgestellt zu werden.

Es geschah in einer Versammlung, in welcher der König die Edlen seines Reiches und die Fremden von Auszeichnung empfing.

Grettir trat vor den Thron des Herrschers und verneigte sich tief.

„Bist du Grettir der Starke?“ redete ihn der König an.

„So nennt man mich, Herr.“

„Du bist in der That kraftvoll von Gestalt! – Was ist dein Begehr?“

„Ich bin vor dich hingetreten, o König, weil ich hoffte, durch deinen Beistand von schwerer Beschuldigung mich zu befreien, die man gegen mich gerichtet hat. – Denn ich versichere meine Unschuld!“

„Ich weiß, um was es sich handelt“, sagte König Oláf; „aber es ist nicht gewiß, daß es dir gelingen wird, dich von diesem Verdacht zu reinigen, obwohl es mir scheinen will, daß du nicht vorsätzlich diese Leute verbrannt hast.“

„Erlaube Herr, daß ich den Vorgang schlicht erzähle, und so am besten die Beschuldigung widerlege!“ –

„So sprich! – Und sprich die volle Wahrheit!“ –

Grettir erzählte nun das Ereignis, wie von uns berichtet, und schloß mit den Worten: „Es waren, Herr König, alle jene Männer noch am Leben, als es mir gelang mit dem Feuerbrand das Haus zu verlassen! – Ich habe nichts weiter zu meiner Rechtfertigung, als mein eigen Wort. Jene Männer, die für mich zeugen könnten, und sicher zeugen würden, sind alle tot!“

„Genügt mein Wort dir nicht, so bin ich bereit auf jede gesetzlich zulässige Art von dieser schweren Anklage des Mordbrandes mich zu reinigen!“ –

Er verneigte sich und schwieg.

Der König antwortete: „Wo der Menschen Zeugnis fehlt, da mag der Allwissende, den wir anrufen, mit seinem Urteil eingreifen. Grettir, es ist unser Wille, zu erlauben, daß du durch die Eisenprobe dich reinigen darfst. Du sollst glühendes Eisen in deinen Händen tragen. Bleibt deine Haut dabei unversehrt, so sprach Gott für dich, und du bist gerechtfertigt. Zeigen deine Hände Brandwunden, so sprach der Allwissende gegen dich, und du bist schuldig! – Mag es dir gelingen!“ – –

Grettir verneigte sich und trat vom Throne zurück.

Er verließ die glänzende Versammlung, und suchte die Einsamkeit, um auf den entscheidenden Tag des Gottesgerichtes sich vorzubereiten durch Beten und durch Fasten.

In der Kirche sollte das Gottesgericht stattfinden, in dem altehrwürdigen Dom zu Drontheim.

In silbergrauem Gestein, kunstvoll gemeißelt, streben Säulen in die Höhe, breiten oben ihre Rippen fächerartig aus und schließen sich, einander begegnend, zu Gewölben fest zusammen. Leichtes Gitterwerk, in Stein gehauen, füllt die Fensteröffnungen und läßt dem durchquellenden Lichtstrahl freien Weg. Aus den Säulenknäufen schauen Köpfe von Drachen und Dämonen hervor, welche, geknebelt, auf ihren gekrümmten Rücken die aufstrebenden Bogen tragen, als Sinnbilder der unterworfenen bösen Gewalten, gelegt zum Schemel der Füße dessen, der die Welt durch sein Blut erlöst, durch seinen Geist geheiligt hat.

Ein stimmungsvolles Licht durchzieht die silbergrauen Hallen dieses altehrwürdigen Gotteshauses und spricht weissagend zum Herzen von dem Einklang und dem Frieden einer Bersiren Welt.

Der König und sein Gefolge, der Bischof und die Geistlichkeit hatten in die Kirche bereits ihren Einzug gehalten, und im hinteren erhöhten Raume vor dem Altare Platz genommen. Unten an den Stufen, welche zu diesem Hohen-Chor hinaufführten, standen Kohlenbecken aufgestellt, auf denen glühend gemachtes Eisen lag.

Das Schiff der Kirche war dicht gefüllt mit einer bunten, schaulustigen Menge. Angesammeltes Volk, das vergebens Einlaß gesucht, drängte sich draußen vor der Kirchthüre, und bildete eine Gasse für die Ankommenden.

„Hast du den Grettir schon gesehen?“ fragte ein Nachbar den anderen.

„Er ist ein Riese!“ Und, was für Arme und Schultern hat er! „Keiner kommt ihm gleich!“ –

„Er nimmt es auf mit zwölf Männern!“

„Du weißt nichts!“ sagte ein anderer. „Er hat in Island sogar mit bösen Geistern gekämpft und sie bezwungen!“ –

„Darum ist er selbst so böse geworden!“ warf ein dritter dazwischen.

„Die bösen Geister, die er knebelte, haben es ihm dafür angethan!“ –

„Wie ruchlos, jene zwölf Männer bei lebendigem Leibe zu verbrennen!“ –

„Ist’s denn bewiesen?“ warf ein vierter ein. „Und, wer rettete denn die anderen vom Tode des Erfrierens in jener Nacht?“ „Wer holte ihnen den Feuerbrand herüber?“ „Wer warf sich für sie in das eisig kalte Wasser?“ –

„Wer?“ – „Doch nur dieser Grettir!“ –

„Thust du’s ihm nach?“ fragte ein fünfter. „Das war doch keine Freveltthat! – He?“ –

„Was streitet ihr?“ beschwichtigte ein sechster. „Heut wird es ja entschieden!“

„Durch das Tragen von glühendem Eisen dort in der Kirche vor Gottes und des Königs Angesicht will Grettir sich von dieser Beschuldigung reinigen!“ –

„Still! Da kommt er! – Seht!“ –

Die Reihen schoben sich nun zusammen. Die Köpfe streckten sich vor und reckten sich in die Höhe! – Alles schwieg. – –

Grettir kam, geleitet von zwei Männern, Hofleuten des Königs. Er war schlicht gekleidet und ohne Waffen. Das Haupt war entblößt, das Antlitz ernst. Aus dem Auge sprach Zuversicht und Wahrheit, der Spiegel eines guten Gewissens.

Mit festem Schritt ging er einher.

Als er dem Portal des Doms sich näherte, glitten seine Blicke die verzierte Giebelwand hinauf und dieser Blick schien zu sagen: „Du, der du hier in diesem Hause wohnst, du Ewiger und Wahrhaftiger, der alles weiß, stehe mir jetzt bei und bezeuge meine Unschuld durch ein Wunder!“ –

Er betrat die Schwelle des Gotteshauses und schritt den Mittelgang hinauf.

Da trat plötzlich ein Knabe vor ihn hin, mitten in den Weg.

Der Knabe hatte ein seltsam düsteres Aussehen.

Er hob drohend die Hand gegen Grettir auf und rief:

„Oh, Schmach! In diesem Lande, das sich christlich nennt, dürfen Missethäter, Räuber, Diebe unverfolgt einhergehen, und es wird ihnen sogar erlaubt, öffentlich sich zu reinigen. Kann man auch anderes erwarten, als, daß jeder Missethäter sein Leben zu retten sucht, wenn die Gelegenheit dazu ihm so angeboten wird! Dieser Mann hier hat unschuldige Leute verbrannt, er ist überführt, und dennoch wird ihm gestattet, sich zu reinigen!“ –

Der Knabe warf seine Hände wild in die Luft, verzerrte sein Gesicht, und schrie:

„Du! – Du, nicht ein Mensch! – Nein! – Du Sohn von einem Ungetüm der Meere!“ –

Grettir, beschimpft von diesem Buben, verlor seine Fassung.

Er hob die Faust auf, und gab dem Knaben einen Schlag, daß er ohnmächtig zusammenbrach.

Dieser Schlag war gefallen in der Kirche, an einem geweihten Ort! –

Da erhob sich ein unbeschreiblicher Tumult.

Die einen sprangen zu und hielten Grettir fest, der sich, wie außer sich gebärdete.

Die anderen suchten nach dem Knaben, der soeben noch am Boden gelegen hatte.

„Wo ist er?“ – Nirgends war er mehr zu finden! –

„Wer war er?“ – Niemand kannte ihn! –

Auf geheimnisvolle Weise war diese Gestalt, wie gekommen, so verschwunden! –

Die Meisten legten sich später die Sache so zurecht, daß dieser geheimnisvolle Knabe ein böser Geist gewesen sei, erschienen, um den Grettir zu verderben.

Der Tumult pflanzte sich durch die ganze Kirche fort und erreichte den Hochsitz des Königs.

Der erhob sich und forderte Bericht.

„Der Mann, Herr welcher heute hier das Eisen tragen sollte, ist unter der Kirchenthür in Schlägerei geraten!“ so lautete die Meldung.

König Oláf stieg nun selbst die Stufen hinab, durchschritt den Mittelgang der Kirche und kam zu der Stelle, wo Grettir stand.

„Ohne Zweifel, wirst du Grettir von großem Unglück verfolgt. Es war alles hier bereit. Von schwerem Verdacht durftest du dich heute reinigen. Du hast es nicht vermocht. Durch Mangel an Besonnenheit hast du dir selbst den Weg versperrt!“ –

„O König, antwortete Grettir mit bebender Stimme, „es gab einst eine Zeit, wo ich hoffen durfte, größeren Ruhm und Ehre bei dir zu finden, als es heute scheint, daß ich erreichen soll. Dein großes Herz, das vielen Fremden Raum gab hier ihr Glück zu suchen, sowie meine Geburt, belebten diese Hoffnung!“

„Auch heute noch hoff’ und bitte ich: Nimm mich in deinen Dienst! – Mein Arm ist stark, und niemand wird dir treuer dienen!“ – –

„Das weiß ich,“ sagte der König, „an Kraft und Tapferkeit sind dir nur wenige gleich, unter denen, die jetzt leben. Aber das Unglück, welches dich verfolgt, ist zu groß! – Aus diesem Grunde kann ich dich in meinen Dienst nicht nehmen. Ein Fluch, so scheint es, liegt auf dir und deinem Thun!“

„Deine Bitte bleibt versagt!“

„Doch, da deine Schuld nicht fest erwiesen ist, magst du einstweilen in meinem Lande dich frei bewegen. Ein Jahr sei dir dazu gewährt. Sobald dies Jahr verflossen ist, fordere ich deine Rückkehr nach Island.

Dort, so sagt mir der Geist, wirst du deine letzte Ruhstatt finden!“

Der König winkte Entlassung, und verließ das Gotteshaus.

Grettir stand gesenkten Hauptes da, wieder um eine große Hoffnung ärmer für sein Leben.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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