Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

21. Kapitel:

Die Schwimmprobe.

 

Wir verließen Grettir in dem Augenblick, als er in Hoerdeland angekommen, einen Küstenfahrer bestieg, um nordwärts zu gehen, nach Drontheim zu, dort König Olaf aufzusuchen.

Auf der Reise nach demselben Ziele befanden sich auch zwei andere junge Isländer, nämlich Þorgeir und Skeggi, Söhne des Þórir, eines angesehenen Häuptlings, der auf Gard im Adalthale wohnte. Þórir war ein welterfahrener Mann, hatte viele Reisen und gewinnbringende Handelsgeschäfte gemacht. In Norwegen war er sehr bekannt und erfreute sich der besonderen Gunst des Königs Olaf, sowie des Bischofs Sigurður, der es nicht für zu gering geachtet hatte, ein Kaufmannsschiff, welches Þórir in Norwegen sich hatte bauen lassen, mit seinem Segensspruch zu weihen. Dieses Schiff hatte nun ausgedient und sein Herr war des Reisens müde. So ließ er denn das Fahrzeug zerschlagen und als altes Holz aufbrauchen, welches in dem so holzarmen Island ein Schatz war. Dagegen die beiden geschnitzten Gallionsfiguren brachte er zur Erinnerung, wie zum Schmuck, über seiner Hausthüre in Gard an. Zugleich dienten ihm dieselben dort als Wetterpropheten. Denn, wenn ein sausender Ton in dem einen Bildwerk sich hören ließ, dann gab es sicher einen Sturm aus Süden, und, wenn in dem anderen, einen Sturm aus Norden.

Þórir, als weltkluger Mann, wollte die vorteilhaften Verbindungen, die er sich in Norwegen während eines fleißigen Lebens erworben hatte, für seine Familie fruchtbar machen, und, sobald er von dem entscheidenden Siege bei Naes und dessen glänzenden Folgen für König Olaf gehört hatte, beschloß er, seine beiden Söhne Þorgeir und Skeggi mit warmen Empfehlungen hinüber zu senden, damit sie als Hofleute in König Olafs Gefolge Aufnahme fänden.

In eben diesem Herbst waren sie, mit einem größeren Schiff im Süden von Norwegen landend, gleichfalls auf einen kleinen Küstenfahrer übergegangen, um durch die Schären nordwärts nach Drontheim zu ziehen.

Dieselbe Straße hinauf zog nun auch Grettir, und ein eigentümliches, für Grettir so schwer verhängnisvolles, Geschick ließ die Landsleute hier auf einander stoßen.

Es war ein unfreundlicher Tag auf der Scheide zwischen Herbst und Winter. Schneesturm und starker Frost hatten die Reisenden aufgehalten, ihre Glieder erkältet, ihre Kräfte erschöpft.

Des Nachts wagte man nicht die Reise fortzusetzen. Für solche Fälle lagen längs der viel befahrenen Wasserstraße hier und da am Strande Schutzhäuser, welche den Reisenden notdürftigen Unterschlupf für die Nacht gewährten.

In solch einen Schuppen flüchtete sich auch die Reisegesellschaft, mit der Grettir fuhr.

Habe und Lebensmittel hatten sie ans Land geschafft, und man suchte sich nun notdürftig in dem öden und kalten Raume für die Nacht einzurichten.

Aber eins fehlte ihnen, und das war doch das Notwendigste!! –

Draußen heulte der Sturm, der Schnee drang durch alle Fugen und in dem eisigkalten, finsteren Raume fehlte das – Feuer!! –

Kein Feuer, um daran die erstarrten Glieder zu erwärmen, kein Feuer, um daran eine Suppe sich zu kochen, und sie dem ausgekälteten Magen anzubieten; kein Feuer, um dem Zimmer Licht, dem Körper Leben, dem Herzen Mut zu geben!! –

Und woher dieses Feuer nehmen? –

Man verstand es damals, durch das Zusammenschlagen von Stahl und Feuerstein einen Funken zu erzeugen. Aber, um diesen Funken aufzufangen, dazu gehörte Zunder, der nicht immer zur Stelle war, und, um eine Flamme aus dem Fünkchen groß zuziehen, dazu brauchte man trockenes Reisig. Dieses fehlte unsern Reisenden hier völlig! – Woher sollten sie also Feuer nehmen? –

Man schickte sich an, ohne etwas Warmes genossen zu haben, in wollene Decken gewickelt, in den Ecken des unfreundlichen Raumes zur Nachtruhe sich hinzustrecken.

Da bemerkte einer der Reisenden, durch eine Thürspalte in die Nacht hinauslugend, einen Feuerschein in der Ferne.

„Dort drüben brennt ein Licht!“ meldete er.

„Ein Licht?“ wiederholten die Reisenden. Und, wie ein Freudenschrei, ging das Wort durch den Raum: „Ein Licht!“ –

„Ja, ja, ein Licht, ein Feuer!“ sagte einer der Matrosen. „Aber es ist weit; es ist jenseit des Sundes!“ –

„Wer uns von dort her einen Feuerbrand herüberholen könnte! – Der wäre ein Wohlthäter und ein Held!“ – So sagten die Kaufleute. „Und reich genug wollten wir ihn lohnen!“ –

„Könnt ihr nicht mit dem Schiff hinüberrudern?“ drängten die Kaufleute die Matrosen.

„Nein Herr!“ „Das ist ganz unmöglich,“ sagten die Matrosen. „Die Nacht ist rabenschwarz, der Sturm heult, der Sund ist breit und die Wellen gehen hoch! – Es ist ganz unmöglich!“ –

„In alter Zeit,“ warf Grettir ein, „hat es gewiß Männer gegeben, die das nicht für unmöglich hielten; die vor solch einem Wagestück nicht zurückbebten!“ –

„In alter Zeit!!“ – „Ja, was nützt uns das?“ sagten die Kaufleute. „Heut! In dieser Stunde! wo uns die Zähne im Frost zusammenschlagen und der hungernde Magen bellt! Heut, schaff’ uns den Helden zur Stelle, der uns den erwärmenden Feuerbrand herüberbringt!“ –

„Es ist kein Kunststück, das zu thun!“ warf Grettir ein.

„Willst du es wagen? Grettir!“ – „Willst du es wirklich?!“ riefen alle, aufspringend.

„Man sagt, du seist der stärkste Mann auf Island! Traust du dir das zu?“ –

„Ich trau’ mir’s zu! – Ja!“ – – – „Aber ein Gefühl in meiner Brust hält mich davon zurück! – Ich fürchte, wenn die That auch groß ist, mein Lohn wird klein und schlecht sein!“ –

„Wie kannst du so etwas sagen?“ fielen die Kaufleute mit Lebhaftigkeit ein. „Wie kannst du denken, daß wir so schlechte Kerle sind, daß sie den Dank schuldig bleiben!“ –

„Du siehst unsere Not! Kannst du uns helfen, so zaudere nicht!“ –

„Ich will den Versuch denn machen!“ entschied Grettir. Aber, ich wiederhole es noch einmal, eine Ahnung sagt mir: „Nichts Gutes werd’ ich hieraus ernten!“ –

Er warf seine Kleider und Waffen ab, legte weite Beinkleider an, that einen Friesmantel um, den er, mit einem Bastseil aufschürzend, fest um die Lenden gürtete. Endlich griff er nach einem Topf, um den Feuerbrand darein zu bergen, befestigte ihn an einer Schnur und warf diese Schnur um seinen Hals.

Dann stieß er die Thüre auf und trat in die finstere Nacht hinaus.

Der Sturm pfiff, die Schneeflocken fielen, das Meer schlug schwer an das Gestade.

Grettir warf sich in die Flut. Man hörte, wie er mit wuchtigen Armen die Wellen teilte.

Alle drängten sich an die Thür und starrten in die Finsternis hinaus und lauschten.

„Er ist von Sinnen,“ murmelten die einen. „Der kehrt nicht wieder,“ sagten die andern. „Die Wellen werden sein Grab! Horch! Wie sie, rauschend, schon sein Sterbelied singen!“ –

Fröstelnd schlugen sie die Thüre zu und drückten sich wieder in ihre Ecken.

Grettir schwimmt. Bald liegt sein Leib tief unten in den sich brechenden Wellen, bald hoch oben auf dem Kamm der schäumenden Flut. Aber er teilt mit Macht die Wogen. Die Sterne über ihm, das Feuer am jenseitigen Strande sind seine Führer. So hält er seinen Cours. Der Schnee gräbt sich in sein Haar. Eiszapfen hängen sich an seinen Bart. Er achtet es nicht. Er verfolgt sein Ziel, er erreicht es und steigt an’s Land.

Fester Boden wieder unter seinen Füßen! – Er schüttelt sich, er streckt die Glieder. Aber sein Friesmantel, vom Wasser voll gesogen, ist zu Eis erstarrt. Im weiten Bogen steht er bauschig ab von seinen Schultern, von seinen Schenkeln, und giebt ihm einen riesenhaften Umfang. Das Haar mit Schnee durchsetzt, Eistroddureln an dem Bart, so steht er da, mehr einem Ungetüm der Meere, als einem Menschen gleich.

Wenige hundert Schritte vom Gestade steht ein Haus, aus dem der begehrte Feuerschein in die Nacht hinausfunkelt.

Wüster Lärm, wie von Zechern, dringt aus demselben an den Strand.

Grettir schreitet auf das Haus zu.

Er stößt die Thüre auf, er tritt hinein.

Im Innern der Hütte, mitten auf dem Erdboden angezündet, brennt ein helles Feuer. Stroh in Bündeln liegt rings umher. Auf ihnen, wie auf Polstern ausgestreckt, liegen zechende Männer, zwölf an der Zahl.

Es sind Thorers Söhne Þorgeir und Skeggi mit ihrer Begleitung, die auf gleicher Fahrt, wie Grettir, hinauf nach Drontheim sind.

An dieser Seite des Sundes haben sie Unterschlupf in dieser Hütte gesucht vor dem Unwetter, wie die Kaufleute drüben. Und, um das Feuer gelagert, suchen sie die Kälte mit dem vollen Trinkhorn, kreisend von Hand zu Hand, zu überwinden.

Sie erkennen Grettir nicht; wie sollten sie es auch in dieser wundersamen Verkleidung. Sie halten ihn für ein Meeresungetüm, für einen feindlichen Dämon, der nahen Flut entstiegen.

Erschreckt springen sie von ihren Strohbündeln auf und starren den Eindringling an. Dann löst sich das Entsetzen, und sie greifen, was sie fassen können, die einen Ruderstangen, die anderen Lanzenschäfte, die dritten reißen Feuerbrände aus der Glut und schlagen auf das eingetretene Ungeheuer los, daß die Funken stieben.

Grettir stößt sie zurück und, rasch zum Feuer vordringend, ergreift er einen Feuerbrand, nicht, um als Waffe ihn zu brauchen, nein, er birgt ihn sorglich in dem Topf, der auf seiner Brust herabhängt.

Er hat den Schatz, um den er mit dem Einsatz seines Lebens hart gerungen; er birgt ihn sicher, und zieht sich nun, in der Verteidigung, langsam zurück auf demselben Wege, auf dem er kam.

Die Männer folgen ihm verblüfft, erfreut.

Das Ungetüm weicht vor ihrem Drohn zurück. Es stürzt sich wieder in das Meer, aus dem es kam; der Sieg blieb offenbar in ihren Händen! Und sie streckten sich wieder behaglich auf die Strohbündel aus, das überstandene Abenteuer mit Sang und Trank zu feiern, bis der Wahn die Knoten der Vernunft, der Schlaf das Band der Glieder löst.

Grettir legt denselben Weg zurück, auf dem er kam. Er durchteilt die Flut, durchquert den Sund und steigt ans Land.

Der sorglich gehütete Feuerbrand hält noch die Glut. In der Hütte wird es nun lebendig. Man trägt herbei, was brennbar ist. Der Funke teilt sich mit. Die Glut schwillt an. Die Flamme bricht hervor. Die Nacht wird hell und erquickende Wärme strahlt an die starren Glieder. Alles bricht im lauten Jubel aus und preist den Grettir.

„Dir ist niemand gleich!“ so rufen sie alle. „Du bist ein Held!“

Grettir wirft sein Eiskleid ab, schüttelt aus Haar und Bart den Schnee und streckt sich unter warmen Decken aus, bis Träume seine Seele umspielen, in denen Wogen branden, Flammen zischen und eine tapfere Menschenseele, zwischen beiden kämpfend, untergeht.

Der Tag erwacht, man treibt zum Aufbruch, zumal das Wetter gut und der Wind günstig war.

Als die Matrosen vom Lande abstießen und die Segel gesetzt hatten, entstand bei den Kaufleuten der Wunsch, quer über den Sund zu fahren, und den Platz samt den Männern aufzusuchen, von denen Grettir gestern den Feuerbrand herübergeholt hatte.

Wer malt aber ihr Erstaunen, als am jenseitigen Ufer kein Haus mehr zu sehen war, sondern nur noch ein Aschenhaufen, untermischt mit verkohlten, menschlichen Gebeinen.

Offenbar war in verwichener Nacht das Haus hier mit allen Leuten, welche darin gewohnt hatten, bis auf den Grund niedergebrannt.

Woher war das gekommen? –

Man denke an das offene Feuer mitten in dem Hause, an die Strohbündel dicht dabei, an die trunkenen Männer, auf diesen Bündeln liegend, zechend, und man wird leicht begreifen, wie da ein Brandur entstehen, und um sich greifen konnte.

Thorer’s Söhne gingen trunken und schlafend im Feuer zu Grunde durch ihre eigne Schuld.

Aber die Kaufleute wandten die Sache anders.

Es ist die Art gemeiner Seelen, die Pflicht der Dankbarkeit zu hassen, und sie gerne von sich abzuwälzen, sei auch das Mittel dazu noch so niedrig und gemein.

Die Kaufleute waren dem Grettir ihren Dank noch schuldig für seine kühne That von gestern! – Wie ihn zahlen? –

Ihr böses Herz gab es ihnen ein, als sie die Brandstätte umstanden, den Helden, dem sie sich verpflichtet sahen, herabzudrücken zum Verbrecher, den sie anklagen konnten.

Und ihr Mittel dazu war das giftdurchtränkte Wort.

„Grettir, bist du vielleicht an diesem Unglück schuld?“ so fragten sie, auf die angekohlten Menschenknochen zeigend.

„Du drangst gestern in das Haus hier ein, du rissest den Feuerbrand hier aus der Glut! Wie leicht verstreuen sich da die Funken. Das Stroh entzündet sich, zuletzt das Haus! Kein Zweifel, deine That, sie war die Ursache für dieses Brandunglück, für den Tod dieser Männer!“ –

„Ich sehe nun“, sprach Grettir ernst, „daß meine Ahnung von gestern wahr gesprochen hat: Ihr werdet mir die Wohlthat, euch den Feuerbrand geholt zu haben, nur schlecht belohnen!“ –

„Deine Wohlthat war das ärgste Bubenstück,“ schrieen die Kaufleute. – –

Oh, daß es doch der verderbten, menschlichen Natur inne wohnt, das Böse schneller aufzunehmen, zu glauben, zu verbreiten, als das Gute. Wie schnell schlägt bei der wandelbaren Menge das „Hosianna dem Sohne Davids“ um in das: „Kreuziget ihn!“ –

Die Schiffsleute, wie hatten sie noch gestern den Grettir bewundert und gepriesen, als er mit dem ersehnten Feuerfunken zu ihnen in die Hütte trat. Und jetzt sprachen sie es mit derselben Geläufigkeit den tückischen Kaufleuten nach: „Deine That, sie war das ärgste Bubenstück!“

Grettir sagte: „Ich erfahre es wieder, daß man bösen Leuten keine Handreichung thun soll!“ –

Man stieg nun in das Schiff und setzte die Fahrt gemeinsam fort.

Längs der Küste verbreitete sich schnell die Nachricht von den verbrannten zwölf Männern und, daß es Thorers Söhne aus Island mit ihrem Gefolge gewesen waren.

Und, wo die Kaufleute hinkamen, beeilten sie sich ihrerseits hinzuzusetzen: „Grettir, der Starke, Ásmundurs Sohn aus Island, ist es gewesen, der an ihrem Tode schuldig ist. Er hat die Hütte, in der die Männer nächtigten, in Brandur gesteckt!“ –

Da Grettir sich dieses heimtückische Gerede verbot, kam es zum Streit und in einem der nächsten Häfen verließ Grettir das Schiff.

So hatten sich denn seine guten Aussichten für Norwegen, ganz ohne seine Schuld, sehr getrübt. Ihn verfolgte ein boshaftes Gerede, gegen welches er sich nicht wehren konnte, und seine hochherzige That drohte, ihm zum Fluch zu werden! –

Er hoffte indes auf den gerechten Sinn des Königs Olaf, und eilte zu ihm zu kommen.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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