Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

20. Kapitel:

Atli’s Ende.

 

Thorbjoern durchbohrt Atli mit seinem Speer

Thorbjoern durchbohrt Atli mit seinem Speer

Ein Mann, Namens Ale, diente als Knecht auf Thorbjoerns Hof; aber er war faul und widerspenstig. Oft von seinem Herrn gescholten, verlor dieser eines Tages die Geduld, warf den Knecht zu Boden und prügelte ihn durch. Die Folge war, daß Ale aus dem Dienst lief. Er ging nordwärts über die Felsen nach dem Miðfjörðursdal und meldete sich auf Bjarg zur Arbeit.

Atli wollte ihn nicht nehmen, besonders als er hörte, daß der Mann dem Thorbjoern aus dem Dienst gelaufen sei; vielmehr forderte er ihn auf dorthin zurückzukehren.

„Ich gehe nicht wieder zurück, koste es, was es wolle,“ sagte der Knecht. „Thorbjoern hat mich beinahe erwürgt. Dich rühmen die Leute als milde und gut. Laß mich bei dir arbeiten!“

Atli antworte: „Ich habe Dienstleute genug, und möchte mit Thorbjoern nicht in Streit kommen. Ich rate dir, geh’ zurück.“

„Herr, nur wenn du mich wegprügelst, werde ich weichen.“

Atli hatte ein weiches Herz und ihn dauerte der Knecht.

Nicht förmlich nahm er ihn also in seinen Dienst, aber er duldete, daß er blieb.

Ale ging nun mit Atlis Knechten jeden Morgen hinaus und schaffte, als ob er hundert Hände hätte. So trieb er es bis in den Sommer hinein.

Atli redete ihn niemals an, aber er ließ ihm, das Essen reichen.

Thorbjoern hatte erfahren, daß Ale auf Bjarg in Arbeit sei. Mit zwei Männern ritt er nun dorthin, um Atli zu sprechen. Als dieser aus dem Hause getreten war und den Ankömmling begrüßt hatte, sagte Thorbjoern:

„Noch einmal, Atli, suchst du alte Beleidigungen gegen mich zu erneuern! Warum hast du meinen Knecht in deinen Dienst genommen? Das nenne ich ein unredliches Betragen!“

„Ich hatte keinen Beweis dafür, daß Ale dein Knecht sei,“ sagte Atli. „Erbringst du den Beweis, werde ich ihn nicht behalten. Doch wider seinen Willen aus meinem Hause wegprügeln den Mann, das mag ich auch nicht.“

„Thu, was du verantworten kannst,“ sagte Thorbjoern. „Aber ich fordere mein Recht! Ich verbiete des Mannes Arbeit auf deinem Hofe und verlange seine Auslieferung.“

Atli machte eine abwehrende Bewegung.

„So komme ich noch einmal wieder,“ drohte Thorbjoern, „und es ist nicht gewiß, ob wir uns dann so friedlich von einander trennen, wie heute!“

Atli erwiderte gelassen: „Ich bleibe zu Hause und erwarte, was kommen wird.“

Als die Arbeitsleute abends nach Hause kamen, erzälte Atli sein Gespräch mit Thorbjoern und forderte Ale ernstlich auf, nun wegzugehen.

Ale antwortete: „Das Sprüchwort ist wahr, große Herren sind die Ersten, welche ihr Wort nicht halten! – Ich habe dir den ganzen Sommer hindurch gearbeitet, als gelte es mein Leben, in der Hoffnung, du würdest mich schützen! Niemals hätte ich geglaubt, daß du mich jetzt noch fortjagen würdest! – Herr, vor deinen Augen hier will ich lieber mich totschlagen lassen, ehe du deine Hand von mir ziehst und mich dem Thorbjoern auslieferst!“

Atli wurde von Mitleid für den Mann ergriffen, und fand kein Herz ihn fort zu schicken.

So verlief die Zeit.

Es war Heuernte und ein Regentag.

Die eine Hälfte der Knechte war droben auf den Bergwiesen, die andere unten am Fjord zum Fischfang.

Atli war nur mit ganz wenigen Leuten zu Hause.

Die Mittagsstunde war herangekommen, was man freilich an keiner Uhr ablesen konnte, die es nicht gab, sondern nur nach dem Stande der Sonne abschätzen.

Der Hof lag im tiefsten Frieden.

Da ritt Thorbjoern Oexnamegin auf den Hof. Er hatte einen Helm auf dem Kopfe, ein Schwert an der Seite, und in der Hand einen Spieß mit breiter Spitze.

Er ritt an die geschlossene Hausthür und pochte; dann aber zog er sich mit rascher Wendung hinter die Hausecke zurück, so daß der Öffnende ihn nicht sehen konnte.

Eine Magd steckte den Kopf zur Thüre hinaus und lugte in den Hof hinein. Da sie aber niemanden sah, so schlug sie die Hausthür wieder zu.

„Herr“, so meldete sie dem Atli, „es ist niemand draußen.“

In demselben Augenblicke giebt es wieder einen Schlag gegen die Hausthür, und zwar einen stärkeren, als zuvor.

Atli sprang auf.

„Ohne Zweifel ist da ein Mann, der mich sprechen will; doch, wie es scheint, in keiner freundlichen Absicht.“

Mit diesen Worten schritt Atli selbst zur Hausthür und stieß sie auf.

Es regnete draußen stark. Darum trat er nicht in’s Freie, sondern beugte nur den Oberkörper vor, indem er beide Hände gegen die Pfosten stemmmte.

Plötzlich sprang Thorbjoern vor die Thüre hin und setzte dem überraschten und wehrlosen Atli den Spieß auf die Brust, scharf zustoßend.

Der Speer drang tief ein und Atli brach zusammen.

„Das sind die breiten Spieße, die man jetzt meistens führt.“ Dies waren seine letzten Worte.

Die Weiber eilten herzu und sahen ihren Herrn tot auf der Hausschwelle liegen.

Thorbjoern Oexnamegin, der wieder zu Pferde gestiegen war, hielt still und bekannte sich laut zur That. Dann ritt er nach Hause.

Ásdís befahl, die Knechte vom Felde und aus dem Fjord zu rufen. Dann ordnete sie die Vorbereitungen zum Begräbnisse an und Atli wurde neben seinem Vater bestattet. Klug, leutselig, friedliebend, wie er gewesen war, schied er, allgemein betrauert.

Blutgeld wurde für Atlis Tod von seinem Mörder weder angeboten noch verlangt.

Es lag nach Gesetz und Recht dem Grettir ob, diese Genugthuung zu fordern, wenn er nach Island zurückgekehrt sein würde. Das schien noch lange hin. Und einstweilen saß Thorbjoern Oexnamegin, wenn auch von vielen ob dieser feigen That verachtet und gehaßt, doch unverfolgt auf seinem Hofe.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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