Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

19. Kapitel:

Ásmundur’s Testament.

 

Thorbjoern Oexnamegin war der nächste Verwandte des Ferdalang und ihm lag es nach Sitte und Recht ob, dessen Tod zu rächen. Je älter die Spannung zwischen den Thorbjörn’s und dem Hause Bjarg war, um so mehr mußte man auf einen baldigen hitzigen Ausbruch der Feindseligkeiten gefaßt sein.

Um diese Zeit fühlte Ásmundur Haerulang sein Ende nahen.

Noch einmal versammelte er seine Verwandten und Nachbarn nach Bjarg um sich und sagte ihnen sein Testament. Nicht schriftlich und geheim testierte man damals, sondern mündlich, offen, vor vielen Zeugen, überzeugt von der Unverletzbarkeit des gesprochenen Manneswortes.

„Ihr, meine Brüder, Verwandten und Freunde,“ sprach Ásmundur, „ich rufe Euch als Zeugen an, daß ich diesen Hof und alle meine fahrende Habe meinem Sohne Atli übergebe. Aber Feinde sind ringsum. Daher bitte ich Euch, meine Verwandten, steht ihm bei! – Über Grettir treffe ich keine Bestimmung. Sein Schicksal ist ungewiß. So stark er ist, so unbesonnen ist er und schafft sich und uns damit viele Fährnis, so daß er seinen Verwandten keine Stütze sein wird. Illuge ist noch ein Knabe; er wird aber dereinst ein wackerer Mann werden.“

Nach diesen Worten lehnte Ásmundur sein greises Haupt in die Kissen zurück und verschied.

Er hatte auf Bjarg eine christliche Kirche erbaut. Neben ihr wurde er auch begraben, unter dem Geleit aller Männer seiner Harde, welche in seinem Hingang einen schweren Verlust tief betrauerten.

Atli übernahm an der Seite der Mutter die Wirtschaft und führte sie mit allem Fleiß. Gegen Ende des Sommers beschloß er eine Reise nach dem äußersten Westen der Insel, nach Snaefellsnes, um dort getrocknete Fische für den Winter einzukaufen. Zu diesem Zwecke wurden sieben Pferde mitgenommen, um die gekauften Waren darauf zu verfrachten, nebst fünf Knechten.

Auf dem Hinwege sprach er auf Melar vor, um dort seine Schwester Rannveig und seinen Schwager Gamli zu besuchen.

Der Bruder Gamli’s, Grímur Torhallsohn, schloß sich ihm für diese Reise an. Nach Erledigung des Geschäftes kehrte die Karawane auf demselben Wege zurück.

Thorbjoern Oexnamegin hatte von dieser Reise gehört, und stiftete zwei junge Männer, den Gunnar und den Þorgeir, die Söhne Thorer’s auf Gard, welche gerade in seinem Hause zum Besuch waren, an, dem heimkehrenden Atli aufzulauern und aus dem Hinterhalt ihn zu überfallen.

Das geschah.

Sobald Atli’s Karawane Gard passierte, verlegten beide Brüder, unterstützt von sechs reisigen Knechten, ihm den Weg.

„Ihr Leute von Bjarg, gebt Genugthuung für Thorbjoern Ferdalang, den Grettir erschlug,“ riefen sie.

„Meine Sache ist es nicht, diese Buße zu zahlen,“ erwiderte Atli ruhig, „und dein Recht ist es noch weniger, sie zu fordern.“

„Wenn nicht mein Recht, so doch mein Wille,“ schrie Gunnar. „Auf, greift sie an! Laßt uns diese Gelegenheit nützen, so lange Grettir noch fern ist.“

Sie waren acht gegen sieben.

„Es kann uns weder Ehre noch Nutzen bringen,“ sagte Atli, „wenn wir uns gegenseitig unsere Knechte hier tot schlagen. Gunnar, stelle dich doch allein zum Kampfe mir gegenüber. Wir beide wollen mit einander den Streit ausfechten.“

Aber das wollte Gunnar nicht.

Nun kam es zum Handgemenge aller. In diesem tötete Atli den Gunnar. Þorgeir, der seinen Bruder fallen sah, wollte entfliehen, aber Grímur folgte ihm mit geschwungener Streitaxt und trieb diese so tief in des Gegners Rücken, daß er nicht wieder aufstand. Außerdem waren drei ihrer Knechte tot. Den letzten Drei schenkten sie das Leben.

Der Überfall war gescheitert. Die Leute von Bjarg hatten einen glänzenden Sieg erfochten.

Atli und Grímur verbanden ihre Wunden, ließen die Lasten wieder auf die Pferde schnallen, und zogen heimwärts.

Doch die Gewitterluft hatte sich durch diesen Zwischenfall nur verschärft. Der Doppeltod zweier Edler legte neuen Zündstoff um das alte Haus.

Darum blieben zum Beistande Atli’s den ganzen Winter hindurch in Bjarg versammelt Grímur, dessen Bruder Gamli und Atli’s älterer Schwager Glúmur óspaksson, der Sohn des Úspakur, seiner Schwester Þórdís Mann.

So stand die Familie einmütig zusammen in der Stunde der Gefahr.

Dies verhinderte einen Überfall während des Winters.

Aber zum Frühjahrsthing in Hunavatn meldete Thorbjoern Oexnamegin seine Klage an.

Beide Parteien zogen mit starkem Gefolge vor Gericht.

Auf Atli’s Seite standen alle seine Verwandten, zahlreich und mächtig.

Nach dem Rechtsgange durfte jede Partei einen Anwalt sich nehmen.

Atli wählte Þorvaldur, Asgeirssohn, und Thorbjoern wählte den prachtliebenden und klugen Soelve mit dem Beinamen der Hehre, weil er überall, wo er auftrat, sich Geltung zu verschaffen wußte.

Diese Anwälte hatten die Pflicht, auf einen friedlichen Vergleich hinzuwirken.

Auf Atli’s Seite wurde geltend gemacht, daß Thorer’s Söhne sich in den Hinterhalt gelegt und zuerst angegriffen hätten.

Dieses fiel schwer in’s Gewicht, ebenso Atli’s friedliebender Charakter, den jedermann kannte.

Die Entscheidung lief darauf hinaus, daß nur halbes Blutgeld für die Getöteten von Atli zu zahlen sei.

Dieser Vergleich wurde zwar angenommen, aber nur von Atli mit ganzem, dagegen von Thorbjoern mit halbem Herzen. Zögernd reichte er seine Hand. Dann wandte er sich ab, und in seinen finsteren Mienen stand geschrieben das Wort: „Unsere Rechnung ist noch nicht quitt!“

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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