Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

17. Kapitel:

Der Stärkere über den Starken.

 

Grettir hatte nach jenem Pferdekampf unthätig zu Hause gesessen, verdrossen, daß sich kein Abenteuer ihm darbot. Der Sommer war zu Ende und die ersten Schneeflocken meldeten den Winter. Er ritt ins Vidithal hinab zu Auðunn.

Auðunn, der an jenem Julitage Grettirs eiserne Griffe gespürt hatte, war durch das Geschenk einer herrlichen Streitaxt ganz versöhnt und beide nun wieder gute Freunde. Grettir übernachtete auf Auðunnsstaetten und ritt dann weiter in’s Vatnsthal. Dort wohnte seiner Mutter Bruder Jökull. Dieser verband mit der Bewirtschaftung seines Hofes auch Handelsreisen nach fremden Ländern, war reich und stark, aber auch hochmütig.

Grettir wurde als Neffe herzlich aufgenommen und blieb drei Tage dort. Alles war in dieser Gegend voll von den bösen Streichen des Glam und von es den Verwüstungen auf Þórhallurstaetten. Grettir erkundigte sich genau nach allen einzelnen Umständen.

„Ich glaube ihr übertreibt,“ sagte er.

„Nein, alles die buchstäbliche Wahrheit,“ erwiderte Jökull.

„Nun, so hat der rechte Mann gefehlt, um den Spuk zu bändigen. Ich habe Lust hinüber zu reiten und dieses Glam Bekanntschaft zu machen.“

„Thu’ das nicht,“ sagte Jökull! „Bist du jetzt auch der stärkste Mann auf Island, so ist es doch etwas anderes mit Gnomen und Trollen zu kämpfen, als mit Menschen. Hier mag ehrliche Kraft entscheiden, dort siegt List und Teufelei. Und wenn du dein Leben dabei verlierst, welch ein Kummer für deine Eltern! Laß das, Grettir!“

„Oh, es ist nicht das erste Mal, daß ich solch einen Kampf wage,“ warf Grettir ein.

„Und der Ausgang?“ – „Es glückte mir!“ –

Nun erzählte er kurz seinen Besuch im Hünengrabe und seinen Kampf mit Kárr, dem Alten.

„So will ich auch hier nach Þórhallurstaetten hinüber und selbst zusehen, wie es dort steht.“

„Ich sehe“, sagte Jökull, „es ist vergeblich, dir zu raten! Der Tapfere ist nicht immer der Weise!“

„Und nicht jeder Prophet ist erleuchtet,“ gab Grettir zurück.

Sie trennten sich verstimmt ob dieser Stachelrede.

Auf Þórhallurstaetten wurde Grettir sehr freundlich empfangen.

„Wohin die Reise?“ fragte der Wirt, als sie beim Trinkhorne saßen.

„Bei dir zu nächtigen, war mein Wille,“

„Sehr willkommen! Doch es hat bisher den meisten die Lust gefehlt, hier die Nacht zu bleiben. Du weißt vielleicht nicht, daß es hier auf dem Hofe spukt. Und es würde mir leid thun, wenn dir, meinem Gast, hier ein Schaden zustieße. Geht es dir selbst nicht an’s Leben, so weiß ich doch gewiß, du verlierst dein Pferd. Bisher ging es allen so, die hier nächtigten!“

„Kommt es auf ein Pferd an?“ sagte Grettir. „Das ist leicht ersetzt!“ –

„Gut, so bleibe,“ rief Þórhallur froh, „und sei mir herzlich willkommen!“ –

Grettirs Pferd wurde nun in einen festen Stall geführt, und ein starkes Schloß vor die Thür gehängt.

Früh ging man zu Bette. Aber dem gespannt horchenden Ohre des Grettir, der noch lange wach blieb, nahte kein Laut, kein Gepolter auf den Dächern, kein Aufstoßen der Thüren. Alles blieb die ganze Nacht hindurch vollkommen still. Als am nächsten Morgen man sich begrüßte, sagte Þórhallur vergnügt: „Dein Hiersein, Grettir, hat uns Glück gebracht. Nach langer Zeit wiederum die erste ruhige Nacht! Doch, wie mag es deinem Pferde gegangen sein? Das laß uns sehen!“

Sie schlossen den Stall auf, beklopften und untersuchten das Tier von allen Seiten, fanden aber keine Spur von Verletzung an ihm.

Grettir sagte: „Entweder hört die Spukerei nun für längere Zeit auf, oder der Glam kommt nächste Nacht wieder. Ich werde darum noch eine Nacht hier bleiben und beobachten, was geschieht!“

„Nichts Lieberes kannst du mir erweisen,“ sagte der Wirt.

Grettir blieb, und auch diese kommende Nacht verlief alles ruhig. Der Glam kam nicht auf den Hof. Wer war froher als Þórhallur? Die Zukunft hellte sich wieder vor seinen sorgenvollen Blicken auf.

Nun sah man nach Grettirs Pferd. Freilich, hier stand es übel genug. Der Stall war erbrochen. Das Pferd war an die Thüre gezerrt. Seine vier Beine waren zerschmettert.

„Verlaß mich jetzt,“ sagte Þórhallur, „wenn dir dein Leben lieb ist, Grettir. Der Tod ist dir gewiß, wenn du bleibst; denn Glam wird dich die nächste Nacht selbst anpacken!“

„Sehen will ich doch den Schelm,“ erwiderte Grettir gemütlich. „Dieses Sehen ist, meiner Treu, der geringste Schadenersatz für den Verlust meines Gauls!“

„Mich gelüstet wenig nach diesem Anblick,“ sagte Þórhallur schaudernd.

Und nun erzählte er, wie der Glam schon damals ihm solch ein Grauen eingeflößt hätte, als er aus dem Walde auf ihn zutrat. Vollends jetzt, wo von jenem Kerl nur noch der Teufel übrig ist, der schon damals in ihm steckte. „Doch jede Stunde, die du hier bei mir bleibst, Grettir, ist mein Trost!“ – –

Der Tag neigte sich und man legte sich zu Bette.

Grettir aber wollte in dieser Nacht seine Kleider nicht ausziehen. Völlig gewaffnet warf er sich auf eine Bank, dem Bette Þórhallurs gegenüber. Er deckte sich mit seinem Friesmantel zu, wickelte den einen Zipfel desselben um die Füße, den andern zog er sich über den Kopf, doch so, daß er durch den Schlitz hindurch alles übersehen konnte, was im Zimmer vorging. Dann stemmte er seine Füße fest gegen die starke Seitenlehne der Bank.

Im Zimmer brannte trübe ein Licht und warf seinen matten Schein auf die Umgebung.

Wie wüst und unheimlich sah doch alles hier aus.

Die Stubenthür, mehrfach geborsten, war geflickt und mit neuen Brettern übernagelt. Dach und Seitenwände des Zimmers zeigten starke Risse und Löcher, notdürftig mit altem Hausrat zugestopft und zugestellt. Die Möbel waren aus den Ecken gerückt und beschädigt. Kein Stück des Hausrats war heil und ganz. Alles sah verwahrlost und ruinenhaft aus. Über diese Verwüstung warf das Nachtlicht seinen bleichen Schein und ließ alles noch spukhafter erscheinen.

Ein Drittteil der Nacht war schon vorüber.

Da hörte Grettir auf dem Hofe ein gewaltiges Dröhnen. Mit schweren Schritten stieg jemand auf das Dach und stampfte oben umher, so daß alles Gebälk knickte und knackte. Dann stieg es wieder vom Dache herunter und näherte sich der Hausthür. Diese wurde aufgestoßen. Ein Ungetüm trat ein. Als es sich zur ganzen Höhe aufreckte, reichte der riesenhafte Kopf bis in den Dachfirst hinauf. Die einzelnen Abteile des Schlafhauses trennten von einander nur niedrige Scheidewände aus Holz. Der nach oben spitz zulaufende Luftraum des Daches war allen gemeinsam.

Auf den Querbalken, welcher von Seitenwand zu Seitenwand unter dem Dachraum hinlief, legte das Gespenst die gekreuzten Arme und grinste in das Zimmer hinein. Der Hausherr ließ keinen Laut von sich hören und Grettir wickelte sich fester in seinen Mantel.

Glam bemerkte, daß etwas wie ein graues Bündel dort auf der Bank lag. Er schritt durch das Schlafhaus hindurch auf die Bank zu und griff in den Mantel.

Grettir stemmte seine beiden Füße fest gegen die Bankpfosten und hielt das Kleid stramm über sich.

Glams Griffe vermochten nichts.

Dann griff Glam zum zweiten Male zu.

Auch diesmal gab der Mantel nicht nach.

Nun griff das Gespenst zum dritten Male und zwar mit beiden Händen.

Jetzt gab der Mantel nach, und Grettir, der seine Decke fest umklammert hielt, kam dadurch aufrecht zum Sitzen.

Glam packte den einen Zipfel an, Grettir den anderen, so zerrten sie. Der Mantel riß in der Mitte durch und blieb zur Hälfte in Beider Händen. Das Gespenst betrachtete den Fetzen in seiner Hand, verdutzt über die Kraft des Gegners.

In diesem Augenblick sprang ihm Grettir an den Leib, umklammerte des Gegners Hüften und suchte durch den Druck der Fäuste den Rücken ihm ein zuknicken.

Das Ungetüm aber packte Grettirs beide Schultern an. So hielten sie sich gefaßt und rangen mit einander. Alles wich, wohin sie stießen. Hier zersplitterten Bankpfosten, dort zerschellten Tische. Grettir stemmte seine Füße fest, wo immer nur er einen Halt finden konnte. Aber das Ungetüm war riesenstark. Es zerrte den Grettir endlich aus dem Schlafhause heraus.

Auf der Diele fing der Kampf mit verstärkter Heftigkeit wieder an. Das Ungetüm wollte den Grettir ins Freie hinausschleppen. Dieser umklammerte mit seinen Füßen, was nur erreichbar war, und widersetzte sich aus voller Macht. Denn er sprach bei sich selbst: „Kann ich schon hier im Hause kaum mich wehren, so bin ich draußen verloren, wo mir jeder Rückhalt fehlt!“

Schon riß das Gespenst ihn zu der Hausschwelle hin. Die Thür stand offen und der Mond warf auf die Diele seinen hellen Schein.

Die Hausschwelle war von Stein und unter ihr der Boden hohl. Grettir hakte seine beiden Füße unter die Steinschwelle und hielt sich so fest.

Das Gespenst zerrt mit aller Wucht. Es beugt sich hinten über. Es verliert das Gleichgewicht. Es fällt. Es schlägt mit seinem Rücken hart auf den Boden auf, so daß der ganze Hof davon erdröhnt, und Grettir, wie eine Katze, springt auf das liegende Ungetüm und umklammer seine Brust.

In diesem Augenblick fliehen die Wolken und legen die Mondscheibe frei. Ihr Strahl fällt auf die verzerrten Züge des Gespenstes. Grettir sieht in die furchtbar rollenden Augen und, vom Todesschreck gepackt, sinkt er ohnmächtig an der Brust des Ungetüms zusammen.

Grettir hat später selbst gesagt, daß dieses der furchtbarste Augenblick seines Lebens gewesen ist.

Nun öffnet Glam den Mund und spricht, wie aus einem hohlen Grabe heraus, folgende Worte:

„Grettir, du hast dich sehr gemüht mir zu begegnen, nicht zu deinem Gewinn. Du bist stark. Aber erst die Hälfte jener Stärke hast du erreicht, die dir vom Schicksal bestimmt war. Du solltest doppelt so stark werden, als du bist. Nun du mir ins Auge sahst, sind deine Kräfte gebunden. Ich kann dir nicht nehmen, was du hast, aber ich kann verhindern, daß deine Stärke noch wächst. Bleibe, wie du bist. Viele werden noch vor dir erzittern. Aber nicht Ruhm, sondern Verbannung wird dein Los. Was du angreifst, wird dir mißlingen. Einsam und elend wird dein Ende sein!“ –

Als das Gespenst diese Worte ausgestoßen hatte, erwachte Grettir aus seiner tiefen Betäubung. Er sprang auf, riß das Schwert von seiner Seite und schlug Glam damit den Kopf ab.

Vorsorglich stellte er diesen Kopf an den Rücken des Ungetüms, nach altnordischem Aberglauben das Mittel, ferneres Spuken des Getöteten zu verhindern.

Jetzt kam der Hausherr heraus und, als er das Riesengespenst kopflos an der Erde liegen sah, und Grettir als den Stärkeren über dem Starken, da pries er laut Gottes Gnade und dankte Grettir mit den allerherzlichsten Worten.

Das Nächste, was sie thaten, war, den Leichnam des Ungetüms zu verbrennen. Die Asche thaten sie in einen Sack und vergruben diesen tief unter die Erde. Darauf gingen sie in das Haus zurück und der Tag ergraute.

Grettir legte sich zur Ruhe. Seine Glieder waren wie zerschlagen, und er sank in einen tiefen, bleiernen Schlaf.

Þórhallur schickte Boten zu all seinen Nachbarn und rief sie zusammen. Er erzählte die Ereignisse der verwichenen Nacht und den errungenen großen Sieg. Aller Meinung war: „Grettir hat nicht seines gleichen an Mut und an Stärke auf der Welt!“ –

Aus seinem tiefen Schlaf erwachend, stand Grettir auf, neu gestärkt. Er fand an seinem Bette kostbare Kleider liegen, Þórhallurs Geschenk. Denn nur noch Fetzen von seiner alten Kleidung hatte er abgestreift, als er nach dem Kampfe zu Bette ging.

Nach kräftiger Mahlzeit drückte er Þórhallur und seinem Weibe Gudrun zum Abschiede die Hand. Ein stattliches Pferd wurde vorgeführt. „Nimm das zum Andenken von mir,“ sagte Þórhallur, „und dazu unseren heißesten Dank!“ –

So schieden sie.

Auf dem Hofe Ás im Vatnsdalur hielt er an. Der Bauer Þorvaldur begrüßte ihn und hörte den Bericht über seine letzte That.

„Ja, es war die härteste meiner Kraftproben und die Länge des Kampfes machte ihn so heiß!“

„Füg zum Mut die Mäßigung,“ sagte Þorvaldur. „Überwinde nicht bloß Riesen, sondern überwinde auch dich selbst, Grettir, dann bist du der Held von Island!“ –

„Dein Rat ist weise“, sagte Grettir, „aber ich fürchte, nach diesem Siege über den Glam bin ich noch leidenschaftlicher geworden, als ich war, und würde jetzt noch schwerer Beleidigungen ertragen!“ –

Er ritt nach Bjarg zurück. Sein Thatendurst war fürs erste gestillt und der Winter stand vor der Thüre.

Grettir spürte nach jenem Ringkampf eine große Veränderung in seinem Wesen.

Er war dunkelscheu geworden! Wenn der Tag erlosch und die Nacht herauszog, dann ergriff ihn eine unerklärliche Angst. Er hatte Furcht, allein zu sein, oder durch das Dunkle zu gehen. Er glaubte allenthalben seltsame Gesichter zu erblicken. Dann floh er vor sich selbst. Dann ergriff ihn der Durst nach Menschen und nach Gemeinschaft.

„Das hat mir der Glam angethan,“ sagte er. „Glam hat mir seine Augen gegeben!“ –

Grettir war damals, als er den Glam besiegte, zwanzig Jahre alt! –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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