Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

16. Kapitel:

Das Gespensterhaus.

 

Im Forsaeluthale, welches sich vom Vatnsdalur westlich abzweigt, wohnte ein schlichter, aber sehr wohlhabender Bauer, Namens Þórhallur. Sein Urgroßvater Friedmund hatte bei der Besiedelung Islands dieses Thal in Besitz genommen, dessen Kinder und Enkel nun nach und nach zu Reichtum an Vieh, namentlich an Schafen, gelangt waren.

Þórhallurs Frau hieß Gudrun, Sohn und Tochter waren Grímur und Þuríður, beide fast erwachsen.

Es war ein glücklicher Familienkreis. Nur eins störte ihren Frieden. Es spukte auf dem Hofe, und es fiel dem Þórhallur aus diesem Grunde sehr schwer gute Dienstleute zu bekommen.

Er fragte bei vielen an, was er unternehmen sollte, um das Gespenst los zu werden, aber niemand wußte einen schicklichen Rat.

Þórhallur ritt jeden Sommer nach dem Alþingi.

Während im Mai jedes Jahres die 13 Bezirke der Insel sich einzeln zu ihren kleineren Thingen vereinigten, sammelte der Alþingi die Abgeordneten des ganzen Landes in der Mitte des Juni und dauerte etwa vierzehn Tage lang bis in die ersten Tage des Juli.

Sein Versammlungsplatz war die mit Gras bestandene Ebene, welche sich am östlichen Rande des Sees Thingwallavatn hinzieht, unweit der heutigen Hauptstadt von Island, Reykjavik. Diese Ebene, auf der einen Seite durch den See gedeckt, wird auf den drei übrigen Seiten durch aufsteigende Felswände umschlossen, welche nur ein einziger Engpaß durchbricht, der treppenartig aufsteigt.

Alles dieses macht die Þingvellir zu einem imposanten und leicht zu verteidigenden Sitzungssaale.

Der Oexarafluß, in einem herrlichen Wasserfall in die Ebene sich hinabstürzend, durchströmt sie. Zu beiden Seiten der Oexara liegen die Häuschen der Thingmänner. Ihre Wände sind aus Steinen und Lehm aufgeführt und oben oft nur durch ein Stück ausgespanntes Williram, ein grobes Wollengewebe, gedeckt. Im Mittelpunkt der Ebene stand der Gesetzesberg, eine aufspringende, breite Felsklippe, der von der Natur dargebotene, erhöhte Präsidentenstuhl. Auf ihm befand sich der Platz des Gesetzsprechers, des Vorsitzenden im Alþingi, der zugleich der vornehmste Mann im ganzen Lande war. Sein Amt beruhte auf der Wahl des Alþingis. Auf drei Jahre gewählt, war der Gesetzsprecher stets wieder wählbar. Und nicht viele Männer eigneten sich für dieses hohe Amt. Denn der Gesetzsprecher mußte alle Gesetze des Landes in seinem Kopfe haben und auswendig hersagen können. Dieses geschah in drei Abschnitten, verteilt auf die drei Jahre seiner Amtsperiode und zwar jedesmal auf dem Alþingi. Auf diese Weise sollte ein jeder durch Anhören die Gesetze des Landes sich einprägen. Ein geschriebenes Gesetzbuch bekam Island erst 1117.

Glückliche Zeit! Ohne Akten, ohne Folianten und ohne Druckerschwärze! Und glückliche Menschen von so gutem Gedächtnis! –

Der erste konstituierende Alþingi für Island wurde um das Jahr 929 abgehalten und er kam dann regelmäßig jährlich einmal um die Mitte des Juni zusammen.

Diese Versammlung vereinigte in sich die höchste gesetzgebende, so wie auf die höchste richterliche Gewalt des Landes, indem sie als Berufungsinstanz alle diejenigen Rechtshändel entschied, welche auf den 13 Sonderthingen des Landes nicht hatten geschlichtet werden können.

Die Beschlüsse des Alþingis wurden auf die einfachste Art bekannt gemacht, indem die Häuptlinge, von ihm heimgekehrt, jeder in seinem Bezirk die Bauern versammelte und mündlich das Beschlossene ihnen kundgab.

Diese Zeit des Alþingis, fallend in die herrlichen Tage des Juni, wenn die Sonne, unterbrochen durch keine Nacht, ihre unermüdlichen Strahlen der Erde zusendet, war die Hochsaison auf Island, die Zeit ernster, parlamentarischer Arbeit und zugleich die Zeit freundschaftlichen Wiedersehens und froher Lustbarkeit.

Und welch ein Blick! wenn man auf dem Gesetzesberge stand, im Rücken die schneebedeckten Gipfel des Gebirges Skjaldbreid, das Auge reichend bis an die blaue Flut des Thingwallavatn, zu den Füßen die grüne, sonnenbeglänzte Ebene mit den vielen Zelten und Hütten der Thingmänner und dem bunten Gewühl geschmückter, froher Leute. Hier das Volk, in einer ernsten Ratsversammlung zusammenstehend, dort in fröhlich plaudernden Gruppen umherwandelnd Frauen und Jungfrauen; hier die Schwertklingen im lauten Beifall zur Rede an die Schilde tönend, dort das Jauchzen der Mädchen und die Liebeslieder der Jünglinge.

Nein, kleine Leute waren es nicht, die sich hier in Tingwalla jährlich versammelten.

Þórhallur besaß gute Pferde und er ritt jeden Sommer nach dem Alþingi.

Einstmals begab er sich dort nach dem Zelte des Gesetzsprechers Skafti Þóroddsson, um dieses klugen Mannes Rat zu erbitten, wie er das Gespenst aus seinem Hause los werden könnte? Denn Skafti stand in dem Rufe, stets befolgenswerte Ratschläge zu geben, wenn man sich an ihn wandte.

Der Gesetzsprecher empfing in seinem Zelte auf dem Gesetzesberge den Þórhallur freundlich.

„Was giebt es neues?“ fragte er den Eintretenden.

„Ich bin hergekommen, dich um deinen Rat zu bitten,“ sagte Þórhallur ehrerbietig.

„Nur wenig vermag ich darin! Doch sag’ an, was du begehrst!“ –

„Ich kann keinen Schafhirten in meinem Dienste behalten. Einige werden durch wunderbare Unglücksfälle mitten in ihrer Arbeit weggerafft, andere laufen aus Furcht davon. Jetzt bin ich soweit, daß ich keinen Hirten mehr habe!“

„Es haust gewiß ein böser Gnom auf deinem Gehöft,“ sagte Skafti.

„Indessen, ich werde dir einen Schafhirten empfehlen, der ohne Furcht ist. Sein Name ist Glam, er stammt aus Schweden. Letzten Sommer ist er hier zugewandert. Groß und stark ist er an Gestalt, aber sein Wesen ist schroff und abstoßend. Er hat wenig Freunde.“

Þórhallur sagte: „Seine Sitten sind mir gleichgiltig, wenn er nur pünktlich seinen Dienst thut!“ –

„Kann ein so mutiger und starker Mann, wie dieser Glam, deine Schafe nicht hüten, dann kann es kein anderer,“ sagte Skafti.

Mit herzlichem Dank verabschiedete sich Þórhallur.

Es war kurz vor der Auflösung des Alþingis und alle Welt rüstete sich zur Abreise.

Þórhallur vermißte zwei seiner falben Pferde und machte sich auf, sie zu suchen. Ein Häuptling hätte das nicht gethan, aber Þórhallur war ja auch nur ein einfacher Bauer.

Er ging nach Sleðaás hinauf längs des Felsens Armannsfelt.

Da trat ihm ein Mann aus dem Walde entgegen, der führte auf einem Pferde Reisigbündel. Er war von riesenhaftem Wuchs, hatte große, blaue, hervorquellende Augen, und sein Haar war von wolfsgrauer Farbe. Sein Anblick erweckte Grauen.

Þórhallur prallte zurück, als er ihn sah, hatte aber gleich den Gedanken: „Das ist der mir von Skafti empfohlene Schafhirte!“

Auf seine Frage: „Wer bist du?“ antwortete der Fremde: „Ich heiße Glam!“ – „Und deine Beschäftigung?“ fragte Þórhallur. „Ich bin Schafhirte!“ – „Willst du in meinen Dienst treten?“ fragte Þórhallur. „Skapte hat dich mir abgetreten!“ – „Abgetreten?“ bemerkte erstaunt und rauh der Fremde. „Mein Dienst ist ein freier und wird dir nur unter der Bedingung nützlich sein, daß ich aus freiem Antriebe zu dir komme. Übrigens bin ich sehr kurz angebunden, wenn es nicht alles nach meinem Willen geht!“ –

„Auf dergleichen lege ich kein Gewicht,“ sagte Þórhallur einlenkend. „Tritt den Dienst nur bei mir an!“ –

„Das soll geschehen,“ sagte Glam. „Aber ist bei dir auf dem Hofe auch alles richtig?“ –

Þórhallur erzählte nun offen, daß es bei ihm spuke.

„Vor leeren Gespenstern fürchte ich mich nicht,“ sagte Glam. „Im Gegenteil, das lockt mich, in deinen Dienst zu kommen!“ –

„Du wirst Mut und Kraft nötig haben, um Stand zu halten,“ sagte Þórhallur.

„Ich komme,“ sagte Glam kurz. „Doch wann erwartest du mich?“ –

„Zu Anfang des Winters,“ sagte Þórhallur.

„Abgemacht!“ –

So schieden sie.

Þórhallur fand seine beiden Falben und ritt nach Hause, nachdem er Skafti für seinen guten Rat noch einmal gedankt hatte.

Der Sommer war nun vorüber, und Nordwinde, welche kalt durch die Thäler strichen, meldeten den Winter an.

Zur bestimmten Zeit stellte sich Glam auf Thorhalsstaetten ein und übernahm seinen Dienst. Er versah ihn ohne Mühe. Seiner groben Stimme folgten die Schafe und vor seiner Stärke schienen sich alle Gespenster zu verstecken. Aber niemand auf dem Hofe mochte den Glam leiden und am wenigsten die Hausfrau.

Es war in Þórhallursstaetten eine christliche Kapelle. Denn um das Jahr 1000, wenige Jahre vor Grettirs Geburt, war auf dem Alþingi das Christentum als Landesreligion angenommen. Aber Glam ging niemals zur Kirche, auch sah man ihn nie seine Gebete sprechen. Ja, die Leute auf dem Hofe sagten zu einander: „Der Glam glaubt an keinen Gott!“ –

Das grub die Kluft zwischen ihnen und dem unheimlichen Gast nur noch tiefer. Der Tag vor Weihnachten kam heran. Glam stand an diesem Tage früh auf und verlangte sein Essen.

Die Hausfrau sagte: „Am heutigen Tage pflegen christliche Leute zu fasten, denn morgen ist der erste Weihnachtstag!“ –

Glam erwiderte: „Ihr treibt viele lächerliche Dinge ohne den geringsten Nutzen. Ich glaube nicht, daß die Leute jetzt Bersir sind, als ehedem, da man von solchen Narrenspossen noch nichts wußte. Im Gegenteil, sie waren damals, als sie Heiden genannt wurden, viel vernünftiger, als heute. Ich will mein Essen haben, heut’ so gut, als sonst, und kein Geschwätz dazu.“

Die Hausmutter warnte noch einmal: „Ich weiß gewiß, daß es dir heute übel aufschlagen wird, wenn du eine so unchristliche That begehst!“ –

Glam forderte augenblicklich sein Essen.

„Sonst sei auf das Schlimmste gefaßt, Frau,“ drohte er.

Gudrun wagte nun nicht mehr zu widersprechen und fügte sich.

Als Glam sich satt gegessen hatte, ging er mit den Schafen hinaus, trotzig und in übelster Laune.

Die Luft war dick und nebelschwer. Es fielen große Schneeflocken. Nach allen Windrichtungen hin hörte man ein Heulen und Pfeifen in der Luft. Und gegen Abend wurde das Wetter noch schlechter.

Vormittags hörte man noch deutlich von oben herab die grobe Stimme des Schafhirten. Nachmittags wurde sie schwächer und schwächer. Gegen Abend fiel nun der Schnee ganz dicht, und es erhob sich ein Sturm.

Die Leute kamen aus dem Vespergottesdienst zurück, aber der Glam war noch nicht zu Hause.

Þórhallur wollte nach ihm suchen lassen, aber Schneesturm und Finsternis verhinderten es.

Auch über Nacht war Glam nicht nach Hause gekommen, und man verschob nun das Nachsuchen nach ihm bis hinter den Vormittagsgottesdienst des ersten Weihnachtsfeiertages.

Als die Leute hinausgingen, zu suchen, fanden sie die Schafheerde zersprengt. Einige Tiere steckten im Sumpfe, vom Schneesturm durchpeitscht, andere lagen oben im Gebirge, zusammengedrängt unter vorspringenden Felsen.

Von Glam war keine Spur.

Endlich hoch oben im Thale entdeckten sie eine Stelle, wo der frischgefallene Schnee zerstampft war und abgetretene, hart gefrorene Erde schollen umherlagen. Hier hatte augenscheinlich ein heftiger Ringkampf stattgefunden. Nicht weit davon lag denn auch der Glam. Er war tot, sein ganzer Körper schwarzblau angelaufen und der Leib hoch auf geschwollen bis zur Dicke eines Ochsen.

Ekel und Schauder ergriff die Leute bei diesem Anblick.

Sie versuchten den Leichnam aufzuheben, um ihn nach dem Friedhof zu bringen. Aber sie vermochten es nicht. Der Körper des Toten war schwerer als Eisen.

Nach Hause zurückgekehrt, meldeten sie Þórhallur den Befund.

„Woran ist eurer Meinung nach der Glam gestorben?“ fragt Þórhallur die Leute.

„Wir fanden von dem Orte aufwärts, wo ein Ringkampf stattgefunden hatte, das ganze Thal entlang große Blutlachen. Darum meinen wir, daß der böse Geist, welcher früher im Thale hauste, den Glam getötet, aber selbst so schwere Wunden im Kampf bekommen hat, daß er daran verblutete.“ Und in Wirklichkeit erschien seit jener Zeit der Gnom nicht wieder. Am zweiten Weihnachtstage wiederholte man den Versuch, mittelst eines Schlittens, vor den Pferde gespannt waren, den Leichnam des Glam auf den Friedhof zu schaffen, aber selbst Pferde vermochten ihn nicht von der Stelle zu ziehen.

Am dritten Weihnachtstage ging der christliche Priester in seinem Ornate hinaus, den Leichnam zu holen.

Nun war er ganz verschwunden.

Suchten die Knechte ihn, so lag er an seiner Stelle offen da. Kam der Priester, ihn zu holen, dann war er fort.

Dieses Versteckspieles müde, verscharrte man endlich ohne Sang und Klang den Glam, wo er gerade lag, in ungeweihter Erde. Einige Zeit nachher wollten Leute den Glam wieder gesehen haben. „Er war stets ein Verächter der Kirche,“ sagten sie; „darum hat er nun im Grabe keine Ruhe!“ –

Bei hellem Tage sah man ihn leibhaftig über den Hof, gehen und des Nachts rumorte es auf den Dächern wie von schweren Fußtritten, daß die Balken knackten. Weiber fielen in Ohnmacht, Männer rannten wie besessen davon. Und das ganze Thal war der Meinung: „Dieses ist ein schweres Unglück für uns!“

Im nächsten Sommer landete ein Schiff am Nordstrande. Es führte als Passagier mit sich einen Ausländer, Namens Torgoet, knochig, groß und von der Stärke zweier Männer.

Er war los und ledig, besaß nichts und suchte einen Dienst.

Þórhallur ritt zum Schiff hinab, den Mann zu mieten, welcher auch gerne zusagte.

„Aber der Platz auf meinem Hofe ist kein Platz für einen Feigling,“ sagte Þórhallur ehrlich. „Es spukt dort.“

„Ich verliere den Mut nicht, wenn ich Gespenster sehe,“ sagte der Fremde. „Das muß schon etwas sehr arges sein, was mich bange macht!“ –

„Gut, so komme zu mir!“ Sie würden handelseinig.

Thorgoet kam auf den Hof, verrichtete seinen Dienst als Schafknecht geschickt, treu und willig und war bei allen beliebt.

Glam huschte oft über den Hof und polterte des Nachts auf dem Dache, aber Thorgoet sagte gelassen: „Der Bursche muß mir näher kommen, wenn ich mich fürchten soll.“

Þórhallur warnte: „Es ist Bersir, daß ihr euch mit einander nicht einlasset.“

„Ihr seid doch wunderlich furchtsame Leute hier,“ meinte der Knecht. „Glaubt nicht, daß ich tot auf den Rücken falle, wenn ich von diesem Glam sprechen höre.“

Unterdessen verlief der Winter ohne besondere Zwischenfälle bis zum Weihnachtsfeste. Am heiligen Abende zog der Schafhirte, wie üblich, hinaus mit dem Vieh. „Gott behüt’ dich heute“, sagte die Hausmutter, „daß wir nicht wieder dasselbe Unglück erleben, als vor einem Jahr.“

„Sei ohne Sorge, liebe Hausmutter,“ erwiderte der Knecht. „Und komme ich nicht wieder“, setzte er scherzend hinzu, „nun, dann habt ihr eine Geschichte mehr euch zu erzählen!“ –

Zuversichtlich ging er fort.

Das Wetter war kalt mit starkem Schneegestöber.

Thorgoet pflegte sonst in der Dämmerung nach Hause zu kommen, aber an diesem Abend kam er nicht.

Die Leute gingen zum Vespergottesdienst und kamen wieder heim. Thorgoet war noch immer nicht zur Stelle. Nun fürchteten alle ein Unglück. Der Hausvater wollte noch denselben Abend suchen lassen, aber die Leute weigerten sich, bei Nacht ihr Leben zu wagen und mit Gnomen und Kobolden sich einzulassen.

Doch am ersten Weihnachtstage nach dem Kirchgang und dem Mittagsessen begann das Suchen nach dem vermißten Schafhirten.

Alle waren überzeugt, sein Verschwinden hänge mit dem Glam zusammen, und so suchte man zuerst die Gegend ab, wo Glams Grabhügel lag.

Hier fand man denn auch den Thorgoet mit gebrochenem Genick und zerschmetterten Beinen.

Man hob ihn auf, brachte ihn in die Kirche und begrub ihn christlich auf dem Friedhofe.

Der Glam dagegen spukte fortan nur noch ärger, als zuvor, auf dem Hofe.

Alle Leute kündigten dem Þórhallur den Dienst und zogen ab bis auf einen alten Futterknecht, der auf dem Hofe geboren war und sich von seiner Herrschaft nicht trennen wollte.

„Was soll aus dem armen Vieh werden, wenn auch ich fortgehe?“ sagte er.

Der Winter neigte sich zu Ende. Da ging die Hausmutter eines Morgens in den Kuhstall, um die Kühe zu melken, was sie nun selber thun mußte, da alle Mägde fortgelaufen waren. Als sie den Stall betrat, hörte sie ein großes Gepolter und lief erschrocken zurück, den Hausherrn zu rufen. Beide kamen und riefen mit lauter Stimme nach Ole, dem alten Futterknecht. Er gab keine Antwort. Nun gingen sie durch den Stall in die Scheune. Auf der Schwelle der Scheune lag der Knecht regungslos. Sie befühlten ihn und fanden sein Kreuz gebrochen.

Nun ergriff den Þórhallur und sein Weib Gudrun ein furchtbares Grauen. Sie rafften ihre wertvollsten Stücke zusammen, die sie bergen konnten, und verließen nun selbst mit ihren Kindern in eiligster Flucht den Hof, um den Rest des Winters bei Verwandten zuzubringen.

Auf dem leeren Hofe wütete der Glam weiter. Alles Vieh, welches zurückgeblieben war, erdrosselte er. Ja selbst auf die Nachbarhöfe sprang der Spuk über und Reisenden, die durch das Thal zogen, tötete er das Pferd unter dem Sattel und den Hund an der Seite. Die ganze Gegend kam in Verruf.

In den dunklen Tagen war der Spuk am ärgsten. Wenn die Sonne stieg, ließ er nach.

Um die Mitsommerzeit wagte es Þórhallur, wieder auf seinen verödeten Hof zurückzukehren. Es war ihm nun doppelt schwer Leute zu bekommen; aber er richtete sich ein, so gut es eben ging. So lange die Sonne hochstand, war es erträglich, aber mit Einbruch des Herbstes brach der Schrecken wieder los.

Da traf den Þórhallur und sein Weib Gudrun der allerschwerste Schlag. Ihre einzige Tochter Thuried, von der beständigen Angst erschöpft, zehrte ab und starb trotz aller Pflege hin. Alles Sorgen, alles Flehen war umsonst. Das ehemals blühende Forsaeluthal schien unrettbar der Verwüstung preisgegeben.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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