Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

15. Kapitel:

Der Roßkampf.

 

Pferdekampf am Hestatingshol

Hengstkampf am Hestatingshol.
Illustration von Andreas Schroeter Schelven Bloch, 1898.

Eine besondere Vorliebe hatte der Isländer für das Pferd. Pferdezucht und Pferdepflege wurden mit Fleiß und Verständnis betrieben und das Reiten von Kind auf geübt. Die Vornehmen hätten den Pferderücken gerne als ihr Adelsvorrecht behauptet, allein sie drangen mit diesem Anspruch nicht durch. Vornehm und Gering, Männer und Weiber, Alt und Jung, alle ritten und ließen sich das nicht nehmen. Kinder schon tummelten ihre Rosse und Knaben führten Kavalleriescheingefechte mit einander auf. Ja, im Isländischen Rechte gab es eine Bestimmung, daß der für blödsinnig und für erbunfähig erklärt werden sollte, welcher nicht einen Sattel regelrecht aufzulegen und ein Pferd nach Vorschrift zu besteigen verstünde. Man förderte geradeso wie bei uns die Pferdezucht durch Wettrennen, bei denen Preise ausgesetzt und gewettet wurde, was den Ehrgeiz so stachelte, daß die Besiegten zuweilen sich freiwillig den Tod gaben.

Neben dem Wettrennen stand der Roßkampf.

Zwei Hengste wurden gegen einander losgelassen und mit Worten wie mit Stößen zugespitzter Stangen zum Kampfe angefeuert. Die Tiere bissen wütend auf einander los, und wessen Pferd das andere zum Weichen oder gar zum Stürzen brachte, der hatte gesiegt. Dieser Sport war auf Island so beliebt, daß nicht bloß einzelne Pferdezüchter in diesen Kampf eintraten, sondern auch ganze Gemeinden. Sie ritten mit ihren Pferden auf. Jeder suchte sich seinen Gegner, mit dessen Hengst sich der seinige verbeißen sollte, und gewählte Richter entschieden über den Sieg. Oft endete aber diese Lustbarkeit, wie auch das Ballspiel, mit Rauferei und sogar mit Totschlag.

Atli schlug dem heimgekehrten Bruder zur Belustigung solch einen Pferdekampf vor. Er besaß einen ganz vorzüglichen Kampfhengst aus der Nachkommenschaft der Kengálu. Als Gegner meldeten sich die beiden Brüder Kormákur und Torgils mit ihrem braunen Hengst von dem Hofe Mel am Miðfjörður. Wir kennen diese bereits aus dem dritten Kapitel unseres Buches als Teilnehmer des dort beschriebenen Ballspieles. Sie wollten aber ihren Hengst nicht selbst vorführen, sondern hatten dazu ausersehen ihren Vetter Oddur mit dem Beinamen Ómagaskáld, der einsame Skalde. Oddur war aber nicht mehr der schüchterne Jüngling von vor drei Jahren, sondern ein unruhiger Kopf, unbändig und übermütig.

Als Kampfplatz war ausersehen die Ebene von Reykir, welche ein breiter und reißender Fluß durchströmte, der in den Miðfjörður sich ergoß. Hier hatten sich denn auch andere Besitzer mit ihren Kampfhengsten eingefunden und Zuschauer aus dem Hrútafjörður, wie aus dem Vatnsdalur, waren zugegen, also eine große Versammlung.

„Wer wird deinen Hengst vorführen?“ fragte Grettir seinen Bruder Atli, als sie von Bjarg aus zum Kampfspiele aufbrachen.

„Der Mann ist noch nicht bestimmt!“ entgegnete Atli.

„Laß mich das thun!“ bat Grettir.

„Dann aber kaltes Blut, mein Junge,“ sagte Atli. „Denn wir haben es hier mit rauflustigen Leuten zu thun!“

„Laß sie nur kommen,“ erwiderte Grettir. „Wer die geziemenden Grenzen überschreitet, wird es büßen!“ –

Die beiden Pferde wurden vorgeführt. Sie waren sehr aufgeregt und, losgelassen, rasten sie voller Wut gegen einander. Zuerst suchte jedes der Tiere seinen Kopf unter des Gegners Brust zu schieben, diesen hochzuheben und dann rücklings überzuwerfen; doch hier ohne Erfolg! –

Dann zogen sie sich wieder von einander zurück.

Nach einer Pause, in der sie sich mit erbitterten Blicken maßen, erfolgte nun unter furchtbarem Gebrüll Angriff auf Angriff. Wie Teufel schlugen sie hinten aus und bissen sich, wo sie einander nur packen konnten, so daß bald der Körper eines jeden mit Blut bedeckt war.

Die Führer auf beiden Seiten, Oddur und Grettir, hielten ihre Pferde bald am Schweif zurück, bald trieben sie dieselben wieder mit spitzen Stangen zum Angriff, auf diese Weise in den Kampf mit eingreifend.

Nach dem Pferde des Gegners indessen zu schlagen, oder zu stechen und so dem eigenen Tiere zu helfen, das war durch die Kampfesregeln streng untersagt.

Dennoch that das Oddur und stach nach Grettirs Hengst, wenn dieser gut angepackt hatte.

Grettir gab sich den Schein, als ob er das nicht merkte.

Die Pferde waren unterdessen kämpfend bis an den Rand des Flusses gekommen, der mit starkem Gefälle, breit und tief, die Ebene durchströmt.

Da stach Oddur wieder mit seiner Stange nach Grettirs Hengst, fehlte aber das Ziel und traf dafür Grettirs Schulter. Sie wurde, wenn auch nur leicht, verwundet.

In dem Augenblicke bäumten sich beide Pferde gegen einander kämpfend auf.

Grettir lief unter ihnen hindurch auf die andere Seite, auf welcher Oddur stand, gab diesem den empfangenen Stoß aber mit dem stumpfen Ende seiner Stange zurück und zerbrach ihm dabei drei Rippen. Der Stoß war so gewaltig, daß außerdem Oddur über den Flußrand hin in den Strom stürzte und mit ihm zugleich sein Hengst, den Oddur am Zügel hielt.

Einige sprangen in den Fluß nach, um Mann und Pferd zu retten.

Jetzt entstand ein allgemeines Rennen und ein Schreien.

Kormákur und seine Leute griffen zu den Waffen. Dasselbe thaten die Männer von Bjarg.

Als aber die aus dem Hrútafjörður und aus dem Vatnsdalur das sahen, traten sie dazwischen, beschwichtigten die Aufgeregten und verhinderten so den Kampf.

Doch die Erbitterung blieb in den Herzen zurück.

Als die beiden Brüder nach Hause ritten, sagte Grettir zu Atli: „Bruder, der heutige Kampf ist nur vertagt. Wir treffen uns wieder, wenn es nach meinem Willen geht.“

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).
Siehe auch Artikel Das Pferd bei den Wikingern hier auf Manfrieds Trelleborg

 

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