Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

14. Kapitel:

Auf Auðunnsstaetten.

 

Grettir in zeitgenössischer Tracht und Bewaffnung

Grettir in zeitgenössischer Tracht und Bewaffnung.
Illustration in einem isländischem Manuskript aus dem 17. Jahrhundert.

Seit jenem Ballspiele, an dem einst der Vierzehnjährige teilgenommen, waren nun drei Jahre vergangen. Die damaligen Teilnehmer, unter denen Grettir der jüngste gewesen, waren bereits Männer geworden, und saßen einige schon selbständig auf ihren Höfen.

Unter ihnen befand sich auch Auðunn.

Gegen diesen hatte Grettir vor drei Jahren im Ringkampf den Kürzeren gezogen. Auðunn wohnte auf Auðunnsstaetten im Víðidalur als selbständiger Bauer, genoß allgemeinste Achtung und galt als der stärkste Mann auf dem Nordlande.

Um so mehr gelüstete es den Grettir, ihn wieder zu sehen und seine Kräfte an ihm zu messen.

Es war um die Zeit der Heuernte.

Grettir suchte sich ein gutes Pferd aus, legte den gemalten Reitsattel und den silberbeschlagenen Zaum auf, beides die Geschenke von Þorfinnur. Er selbst zog seine kostbarsten Kleider an und waffnete sich mit Waffen von vorzüglicher Arbeit.

So stieg er zu Pferde und ritt von Bjarg nach Auðunnsstaetten hinüber. Der Weg war nicht weit, und bereits am Vormittage kam er dort an. Nur wenige Leute waren auf dem Hofe, denn alles war draußen bei der Heuernte.

„Wo ist Auðunn, euer Herr?“ fragte Grettir auf den Hof reitend.

„Der ist auf das Gebirge geritten nach der Sæterhytten (Sennhütte) und holt Mundvorrat!“

„Wann erwartet ihr ihn zurück?“

„Jeden Augenblick kann er kommen!“ –

„So bleib’ ich!“ –

Grettir nahm den Zaum seinem Pferde ab und ließ es grasen auf einer fetten Wiese, die unmittelbar am Hofthor lag. Er selbst ging in das Haus seines Vetters und trat in das leere Wohnzimmer. Hier warf er sich auf eine Bank, die mit einem Bärenfell bedeckt war und schlief fest ein.

Bald darauf kam Auðunn zurück. Er führte an der Leine zwei Pferde, beladen mit Lebensmitteln, und am Sattelknauf des dritten, auf dem er selbst ritt, hingen zwei Ledersäcke, gefüllt mit Skyr, einem weichen Käse, den man in Schnitten zum Brote aß. Er nahm die Last den Pferden ab und trug die Skyrbeutel in das Haus. Aus dem hellen Tageslicht in den Dämmerschein der Stube eintretend, war sein Auge geblendet und er sah den schlafenden Grettir nicht, noch weniger dessen ausgestrecktes Bein, welches, von der Bank herabgeglitten, quer über dem Fußboden lag.

Darüber stolpernd, stürzte Auðunn zu Boden, die Skyrbeutel unter sich, welche davon zerplatzten.

„Was ist das für ein Lümmel, der da liegt?“ rief Auðunn ärgerlich, indem er aufstand.

„Das ist Grettir, Ásmundurs Sohn aus Bjarg,“ rief Grettir, den der Sturz des Auðunn geweckt hatte.

„Du benimmst dich wie ein Narr hier! Was willst du?“

„Mit dir einen Gang thun!“ –

„So laß mich erst meine Lebensmittel bergen!“ –

„Thu’ das, wenn du niemand anders für dieses Geschäft hast.“

Auðunn bückte sich, raffte den aufgeplatzten Skyrsack auf und schleuderte ihn dem Grettir in’s Gesicht.

„Das zum Gruß!“ –

Grettir, festlich gekleidet, wurde durch den weichen Käse von oben bis unten besudelt. Das erschien ihm als ein weit größerer Schimpf, als wenn er von Auðunn eine tiefe Wunde bekommen hätte.

Grettir sprang auf und packte den Auðunn. Sie rangen mit einander und schonten sich nicht.

Auðunn merkte bald, daß Grettir jetzt viel stärker geworden war und mehr Kraft hatte als er.

Während des Ringens rissen sie sich in der Stube hin und her. Tische und Bänke fielen um. Das gab ein großes Getöse. Endlich stürzte Auðunn zu Boden. Grettir lag als Sieger auf ihm und umklammerte Auðunns Leib mit eisernen Griffen.

In diesem Augenblicke wurde die Thüre aufgerissen, und in dem Rahmen derselben erschien die hohe Gestalt eines kräftigen Mannes, bekleidet mit einem roten Mantel und einen blitzenden Helm auf dem Haupte.

Mit festem Schritt trat der Fremde auf den Menschenknäul, am Fußboden liegend zu, und fragte: „Wer ist das?“ –

Grettir nannte seinen Namen. „Aber wer bist du, der mich fragt?“ –

„Ich heiße Barde,“ sagte der Eingetretene.

„Bist du Barde, Gudmundsohn aus Asbjoernsnes?“ –

„Getroffen“, sagte Barde, „aber was machst du hier?“ –

„Ich und Auðunn spielten zum Zeitvertreib.“

„Das ist doch ein sonderbarer Zeitvertreib“, sagte Barde. „Aber ich weiß, ihr beiden seid einander sehr unähnlich! Du Grettir bist rücksichtslos und voller Übermut, Auðunn dagegen ist sanft und verträglich.“ –

„Laß ihn sofort aufstehen!“ –

Grettir sagte: „Mancher Mann mischt sich ohne Not in die Geschäfte anderer und versäumt dabei die eigenen. Näher läge es dir, scheint mir, die Tötung deines Bruders Hall zu rächen, als dich hier in meine und Auðunns Sachen zu mischen!“ –

„Ob Hall gerächt wird, oder nicht, soll die Zukunft zeigen,“ sagte Barde. „Doch jetzt fordere ich, daß du den Auðunn in Frieden läßt, denn er ist ein ehrlicher Mann.“

Grettir ließ nun den Auðunn los, aber widerwillig.

„Was war die Ursache eures Zankes?“ fragte Barde.

„Auðunn hat mich vor drei Jahren gewürgt, als ich noch ein Knabe war“, sagte Grettir. „Hüte dich, daß er dir zum Lohne für deine Hilfe von heute nicht auch einmal die Kehle zuschnürt!“ –

„Ich wußte nicht, daß du Ursache hattest, dich an Auðunn zu rächen,“ sagte Barde. „Aber ich rate euch, vergeßt das Geschehene und macht Frieden!“ –

Das geschah nun auch, zumal Grettir und Auðunn Vettern waren. Aber Grettir konnte doch weder dem Barde noch dessen Brüdern diese Einmischung in seine Angelegenheiten je vergeben.

Grettir stieg nun zu Pferde und ritt zusammen mit Barde fort.

Unterwegs sagte er zu seinem Begleiter: „Ich habe gehört, daß du in diesem Sommer einen Kriegszug nach dem Borgarfjord beabsichtigst. Ich biete dir dazu meine Begleitung an, obgleich du diese Hilfe nicht verdient hast!“ –

„Von Herzen gerne nehme ich, Grettir, dein Anerbieten an,“ sagte Barde.

Dann trennten sie sich.

Indessen nach wenigen Schritten machte Barde wiederum kehrt, ritt dem Grettir nach und sagte zu ihm: „Ich muß noch eine Bedingung stellen, nämlich diese, daß mein Pflegevater Thorarin mit deiner Begleitung einverstanden ist. Denn er hat über alles, was diesen Kriegszug betrifft, zu bestimmen.“

Grettir antwortete: „Mir scheint, das ist deine Sache. Ich wenigstens mache meine Unternehmungen niemals von dem Gutdünken anderer abhängig. Und das sage ich dir: Ich werde es dir sehr übel nehmen, wenn du meine Begleitung ausschlägst!“ –

„Ich fühle mich an die Zustimmung meines Pflegevaters gebunden,“ erwiderte Barde. „Du erhälst also Nachricht. Sollte sie anders ausfallen, als du wünschest, so nimm es gelassen auf!“ –

Sie trennten sich. Grettir ritt nach Bjarg zurück, und Barde Gudmundsohn zu seinem Pflegevater Thorarin, mit dem Beinamen der Fromme.

Als er dort eintrat, fragte ihn dieser: „Hast du dir zu deinem Zuge nach dem Borgarfjord Unterstützung gesichert?“ –

„Ja,“ sagte Barde freudig. „Ich habe zum Verbündeten einen Mann gefunden, der mir mehr helfen wird als drei andere!“ –

Thorarin schwieg eine Weile, dann sagte er ernst: „Du meinst doch nicht den Grettir, Ásmundurssohn?“ –

„Der Kluge errät immer das Richtige,“ sagte Barde. „Ja, er ist es, mein lieber Pflegevater, und niemand anders.“

„Wahr ist es,“ bemerkte Thorarin, „Grettir zeichnet sich vor allen Männern hier im Lande durch seine Stärke aus und kaum wird jemand ihn im Kampfe überwinden. Aber mehr als Stärke bedeutet doch das Glück. Und ich bezweifle sehr, ob Grettir das Glück auf seiner Seite hat. Du Barde brauchst aber zu deinem Unternehmen Leute, welche von Unglück nicht verfolgt werden. Grettir darf daher, wenn meine Stimme hier durchdringt, an diesem Zuge nicht teilnehmen!“ –

„Ich hätte nicht geglaubt, mein lieber Pflegevater, daß du mir das versagen würdest, einen Mann mit mir zu nehmen, der mutig ist und tapfer, mehr als drei andere, und der vor keiner Gefahr zurückbebt. Laß es uns nicht so genau nehmen mit dem, was du Glück nennst!“ –

„Dein Vorhaben wird dir gelingen, mein Sohn, wenn du mir folgst, sagte Thorarin entschieden; aber es wird mißlingen, wenn du ungehorsam bist!“

So wurde denn an Grettir ein Bote geschickt mit ablehnendem Bescheid.

Dieser war nicht wenig ergrimmt darüber und zog Kundschaft ein, wann die Rückkehr Bardes und seiner Genossen aus dem Südlande zu erwarten sei. –

Um die bestimmte Zeit ritt er nach dem Hofe Thoreyjargnup, welcher hart an der Heerstraße lag, die von dem Südlande nach dem Norden führte. Er nahm Stellung auf einem Hügel, von dessen Spitze aus man die beiden Enden leicht übersehen konnte.

Bald kamen auch sechs gewaffnete Reiter herauf. Es waren Barde und seine Genossen. Die Reiter hatten den Hof Thoreyjargnup hinter sich, und der Weg stieg nun steil an. Barde blickte auf und sah Grettir auf seinem Posten.

„Kennt ihr den Mann dort auf dem Berge, groß von Wuchs und stark bewaffnet?“ fragte er seine Begleiter.

„Nein, wir kennen ihn nicht!“ war die Antwort.

„Ich glaube, es ist Grettir, Ásmundur’s Sohn,“ sagte Barde. „Seine Absicht ist gewiß keine friedliche. Denn ohne Zweifel zürnt er mir, weil ich seine Begleitung zu diesem Kriegszuge ausschlug. Dabei haben wir sämtlich tiefe Wunden und werden uns schlecht verteidigen. Eyjulf, reite zum Hofe dort zurück und hole einige Mann zur Hilfe, damit wir gerüstet sind.“

Eyjulf sprengte zum Hof zurück. Barde aber ritt mit seinem Gefolge weiter. Als sie die Höhe erreicht hatten, stieg Grettir vom Pferde und stellte sich mitten vor sie hin auf den Weg.

Nach kurzem Gruß fragte er: „Was giebt’s Neues?“

Barde berichtete über den Verlauf seines Kampfes am Borgarfjord.

„Was für Männer hast du bei dir?“ fragte Grettir.

„Meine Brüder und meinen Schwager Eyjulf.“

„Jetzt hast du dich durch dein Schwert von der üblen Nachrede der Leute da unten befreit,“ sagte Grettir. „Zieh es noch einmal gegen mich. Ich habe Lust zu prüfen, wer von uns beiden der Stärkere ist?“ –

„Ich habe dringendere Geschäfte, als mich mit dir ohne die geringste Ursache hier auf der Landstraße herumzuschlagen!“ –

„Ich glaube Barde, dir ist bange! Wagst du nicht einen Gang mit mir?“ –

„Glaube von mir, was du willst“, erwiderte Barde. „Aber dir gereicht es nicht zum Ruhme, deinen Übermut zu steigern, der jetzt schon alle Grenzen überschreitet, und später dich verderben wird!“ –

Dem Grettir gefiel diese Weissagung nicht. Aber er überlegte sich doch den Angriff, da er nur einer gegen sechs war. Außerdem bemerkte er von dem Hofe Thoreyjargnup Leute herauskommen unter Eyjulfs Führung, augenscheinlich dem Barde zu Hilfe.

Grettir stieß darum sein Schwert in die Scheide, ließ die Reisigen an sich vorbeiziehen und kehrte zu seinem Pferde zurück.

Sie trennten sich ohne Gruß.

Grettir sagte später: „Ganz allein will ich gegen drei, auch gegen vier Mann fechten, aber gegen mehr als vier nur dann, wenn es mein Leben gilt!“ –

Ziemlich mißmutig nach diesem mißlungenen Handstreich kehrte Grettir nach Bjarg zurück und lag unthätig zu Hause, voll Verdruß, seine Kräfte nirgends erproben zu können. Er spähte allenthalben aus nach einer Aufgabe, des Kampfes wert.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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