Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

13. Kapitel:

Heimwärts.

 

Þorfinnur und Grettir, Þorsteinn Drommund und Bersi mit ihrem Anhange gingen nun nach Hause und rüsteten sich, denn sie waren entschlossen, um keinen Preis Grettir, ihren Freund und Bruder, an den erzürnten Jarl auszuliefern.

Als der Jarl davon Kunde erhielt, befahl er allen seinen Mannen sich zu waffnen, stellte sich an deren Spitze und führte sie vor das Thor der Stadt hinaus.

Hier fanden sie bereits Þorfinnur und seine Leute in Schlachtordnung aufgestellt. Vor der Front standen Þorfinnur, Grettir, Þorsteinn Drommund und Bersi, bis an die Zähne bewaffnet, hinter ihnen eine große Menge gewaffneter Knechte, eine Schaar, der Macht des Jarl ebenbürtig, wenn nicht überlegen und an Entschlossenheit des Willens ihm gleich.

Bevor das Zeichen zum Kampf gegeben wurde, forderte der Jarl noch einmal die Auslieferung des Grettir. Ebenso bestimmt wurde diese von den Gegnern verweigert und dafür das alte Anerbieten, Reugeld zu zahlen, erneuert.

Der Jarl wollte davon nichts hören.

Þorfinnur und Þorsteinn aber erklärten:

„Es wird dir große Mühe kosten, den Grettir lebend in deine Hände zu bekommen, denn wir alle stehen hier bereit, ihn zu decken und sein Schicksal zu teilen. Man wird dich später schelten, wenn wir alle hier erschlagen auf dem Sande liegen, daß du das Leben dieses einen Mannes so teuer erkauft hast!“ –

„Und ich“, sagte der Jarl, „werde keinen von euch schonen, sondern meinen Willen durchzusetzen wissen!“ –

Es wäre nun wirklich zum Kampfe zwischen den beiden Parteien gekommen, hätten nicht andere wohlgesinnte Männer sich ins Mittel gelegt. Sie machten dem Jarl Vorstellungen und baten ihn, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. „Die Gegner sind stark und ihr Anhang groß. Der Ausgang ist zweifelhaft. Sie werden dir große Verluste zufügen, bevor du sie überwältigen wirst!“ –

Der Jarl sah dieses ein und ließ sich nun besänftigen. Man steckte die Schwerter in die Scheide. Dann nahmen die Unparteiischen die Verhandlung wieder auf und suchten einen Vergleich herzustellen.

Þorfinnur, Þorsteinn und Bersi forderten für Grettir sicheres Geleit und boten dafür eine Geldsumme an.

Der Jarl sagte:

„Das sollt ihr wissen, daß ich das für keinen Vergleich ansehe, was wir auch hier beschließen mögen. Gebe ich nach, so geschieht es einzig und allein deswegen, weil ich den Kampf gegen meine eigenen Landsleute nicht will. Doch, das sollt ihr merken, daß ihr in dieser Sache wenig rücksichtsvoll euch gegen mich gezeigt habt!“ – Þorfinnur antwortete: „Durch euer Nachgeben, mein Herr, legt ihr auch die größeste Ehre ein; auch überlassen wir es vollkommen eurem Ermessen, die Höhe der Geldbuße zu bestimmen!“ –

Endlich gab der Jarl nach und verbürgte dem Grettir Frieden und Sicherheit, doch nur unter der einen Bedingung, daß er mit nächster Gelegenheit Norwegen verlasse und nach Island zurückkehre.

„Seid ihr mit dieser Entscheidung zufrieden?“ fragte er. Sie sagten: „Ja, wir sind es!“ –

Außerdem zahlten sie dem Jarl ein hohes Reugeld, sodaß er damit zufrieden war.

Dann trennten sich die Parteien, aber ihr Abschied von einander war doch nur kühl.

Grettir umarmte seinen Bruder und seinen Freund Bersi, herzlich dankend für die empfangene Hilfe, und reiste dann mit Þorfinnur nordwärts ab.

Þorfinnur gewann durch diesen nachdrücklichen Schutz, den er Grettir geleistet, und durch die Tapferkeit, mit der er dem mächtigen Jarl widerstanden hatte, in ganz Norwegen großes Ansehen.

In Torfins Hause wurde Grettir mit aller Freundschaft gehegt und gepflegt, bis die Gelegenheit sich fand, auf einem Kaufmannsschiffe nach Island zurückzukehren. Zum Abschied schenkte Þorfinnur dem Grettir noch viele Kostbarkeiten, als Festkleider, einen gemalten Reitsattel und einen silberbeschlagenen Pferdezaum. So trennten sie sich als gute Freunde und Þorfinnur bat den Grettir: „Komm wieder zu uns, falls du noch einmal gen Norwegen steuerst!“ –

Es war Sommer und Grettir, legte die Seereise rasch und glücklich zurück. Den Blick in die blaue Flut gesenkt, und die Brust voll des Erlebten, sang er den zurückgelassenen Freunden ein Danklied:

Þorfinnur, du edler Held,

Zu den Walküren gesellt,

Stiegst mir zur Rettung herab,

Als schon wühlte mein Grab

Hel, das finstere Weib! –

Und ihr Beiden vereint,

Herzensbruder und Freund,

Kräftig an Schild und Speer

Dämpftet des Königs Heer,

Mir zu thun kein Leid! –

Island tauchte in der Ferne auf. Er durfte sein Vaterland jetzt wieder betreten; denn die drei Jahre seiner Verbannung, mit denen er einst fürs Skegge’s Totschlag bestraft war, waren vorüber.

Im Skagafjord landeten sie, ziemlich weit östlich von Bjarg, dem Edelhofe seines Vaters. Grettir nahm sofort ein Pferd und ritt heimwärts. Hier hatte sich inzwischen der Familienkreis um einen Spätling vermehrt. Ein vierter Sohn, den man Illuge genannt hatte, war den Eltern geboren.

Ásdís streckte dem heimkehrenden Grettir beide Hände warm entgegen, auch Ásmundur Haerulang empfing ihn viel freundlicher, als der Abschied gewesen war. Atli aber, der den Betrieb des Hofes jetzt mit dem Vater leitete, sah zu dem jüngeren Bruder, dem der Ruf seiner Heldenthaten bereits vorangeeitelt war, mit Bewunderung hinauf.

Grettir war unbestritten auf Island, wie in Norwegen der stärkste Mann, trotz des jugendlichen Alters von 17 Jahren, die er zählte.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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