Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

12. Kapitel:

Das Gericht.

 

Eines Tages gingen Grettir und Arnbjoern in den Straßen von Drontheim spazieren. Auf diesem Gange kamen sie an einem Thorweg vorbei. In diesem Augenblicke stürzte aus dem Thorweg hervor ein Mann mit erhobener Streitaxt, den Griff von beiden Händen umklammert. Mit ausgeholtem Hiebe zielte er nach Grettirs Kopf, der sorglos dahin schlenderte. Arnbjoern sieht es, erfaßt die Gefahr und giebt dem Grettir einen Stoß in den Rücken, sodaß dieser vorwärts taumelnd, in die Kniee fällt. Auf diese Weise streift nur die Axt Grettirs Schulter und schält ein Stück von seinem Fleische ab. Grettir springt auf die Füße, dreht sich um und zieht sein Schwert. Er erkennt seinen Angreifer. Es ist Hjarande.

Die Axt, von dem Schulterblatte abgleitend, war im wuchtigen Schlage so tief in den Erdboden eingedrungen, daß Hjarande längere Zeit brauchte, sie los zu rütteln. In diesem Augenblicke hieb Grettir nach Hjarande mit seinem Schwerte, und dieser Hieb trennte ihm den Arm von der Schulter.

Da stürzten aus dem Thorweg fünf Kerle hervor, dem Hjarande zur Hilfe.

Grettir und Arnbjoern stellten sich ihnen zum Kampfe gegenüber, zwei gegen sechs.

Der Kampf dauerte indessen nur kurze Zeit und endete damit, daß Hjarande und seine Begleiter sämtlich fielen bis auf einen Mann, der entkam, um das Geschehene dem Jarl Sveinn zu melden.

Der Jarl war über diesen Vorfall sehr erzürnt und berief sogleich eine Gerichtsversammlung auf den nächsten Tag.

Grettir stellte sich, begleitet von Þorfinnur.

„Du bist einer neuen Uebelthat angeklagt,“ sagte der Jarl, „am gestrigen Tage hier auf den Straßen Drontheims begangen an Bjoerns Bruder Hjarande und vier seiner Gesellen!“ –

„Ich gestehe die That zu,“ sagte Grettir. „Aber ich handelte in der Notwehr. Ich kann an meinem Leibe die Spuren aufzeigen, daß ich von hinten meuchlings angegriffen bin. Und ich hätte meinen Tod gefunden, wenn mich Arnbjoern nicht gerettet hätte!“

„Es ist schade“, sagte der Jarl, „daß du nicht erschlagen bist, denn du wirst noch das Grab vieler Männer werden, wenn du am Leben bleibst!“ –

Bersi aus Island hielt sich damals zum Besuch beim Jarl auf. Er und Grettir waren Jugendfreunde. Bersi vereinigte seine Bitten mit denen Torfins und beide drangen in den Jarl, er soll eine Geldstrafe bestimmen und dann dem Grettir Friede und Sicherheit im Lande verbürgen.

„Das ist gegen Recht und Herkommen“, sagte der Jarl, „hier einen Vergleich zu schließen, ohne daß Gunnar, Bjoerns und Hjarandes Bruder, zugegen ist. Bestürmt mich nicht! Daß Äußerste, was ich gewähren kann, ist dieses: Bis zum kommenden Frühjahr soll Grettir Friede und Sicherheit im Lande verbürgt sein. Dann will ich einen Gerichtstag halten und Gunnar soll seine Ansprüche geltend machen!“ –

Das Frühjahr kam.

Gunnar war Hausbesitzer in Tunsberg. Dorthin beschied der Jarl, der sich selbst um diese Zeit in jener östlichen Gegend aufhielt, den Grettir und den Þorfinnur. Beide folgten. In derselben Stadt wohnte auch Grettirs ältester Bruder Þorsteinn Drommund , der, in früheren Jahren von Island nach Norwegen ausgewandert, sich hier niedergelassen hatte. Er nahm den Grettir in sein Haus auf und versprach ihm allen Beistand, riet aber dringend, vor dem tückischen Gunnar wohl auf der Hut zu sein.

Wie notwendig das war, sollte sich bald zeigen.

Grettir hielt sich geflissentlich zurück. Er durchschlenderte nicht die Straßen der Stadt, wie in Drontheim; er wollte jeden Zusammenstoß mit Gunnar vermeiden.

So blieb er denn zu Hause, oder, wenn er ausging, suchte er geschlossene Räume auf.

Eines Tages saß er in einer Trinkbude, hatte seine Waffen abgelegt und über sich an die Wand gehängt. Das gefüllte Trinkhorn stand vor ihm.

Da plötzlich wird die Thüre dieser Trinkbude so hart aufgestoßen, daß sie fast zerspringt, und herein stürmen vier vollbewaffnete Männer.

Es war Gunnar mit seinen Genossen.

Sie stürzen auf den nichts ahnenden Grettir zu. Dieser springt auf und greift nach seinen Waffen, die über ihm an der Wand hängen. Dann zieht er sich in die Ecke der Trinkbude zurück, sucht Deckung hinter seinem Schilde und haut mit dem Schwerte um sich.

In dieser gedeckten Stellung war es schwer, ihm beizukommen. Einer seiner Schwertstreiche trifft Gunnars Knecht, der davon genug hatte.

Grettir dringt nun aus seiner Ecke vor und geht von der Vertheidigung zum Angriff über. Die Drei ziehen sich gegen die Thüre zurück. Hier fällt der zweite Begleiter Gunnars. Jetzt suchen Gunnar und sein letzter Mann zu entkommen. Doch dieser stolpert über die Schwelle und fällt, den Weg versperrend. Gunnar, dadurch aufgehalten, sucht sich mit seinem Schild zu decken, aber Grettir trifft ihn und haut ihm beide Hände an der Handwurzel ab. Er fällt auf den Rücken und empfängt dann von Grettir den Todesstoß. In diesem Augenblick kommt Gunnars Mann auf die Beine, läuft fort und meldet das Vorgefallene dem Jarl.

Jarl Sveinn wurde sehr zornig und ließ sogleich ein Gericht in der Stadt zusammentreten.

Als Þorfinnur und Þorsteinn Drommund das erfuhren, sammelten sie alle ihre Verwandten und Freunde und zogen mit einem starken Gefolge vor Gericht.

Þorfinnur trat zuerst vor den Jarl hin und sprach: „Deshalb bin ich hergekommen, daß ich Vergleich und rühmlichen Ersatz anbiete für die Totschläge, von Grettir begangen. Und Euch, mein Herr, allein überlasse ich die Entscheidung in dieser Sache, auf die Bedingung hin, daß dem Manne hier Frieden und Sicherheit verbürgt werde.“

Der Jarl antwortete sehr ungnädig: „Spät wirst du, Þorfinnur, müde, für diesen Grettir um Frieden zu bitten. Doch meine Meinung ist diese, daß du dich einer schlechten Sache hier annimmst. Grettir hat drei Brüder, einen nach dem anderen, erschlagen, welche sämtlich von so männlicher Gesinnung waren, daß keiner von ihnen den anderen in seinem Geldbeutel tragen wollte. Und es nützt dir, Þorfinnur, diesmal nichts, für Grettir zu bitten. – – – – – – – – – – – – – – –

Ich will nicht Gesetzlosigkeit in Norwegen einführen, indem ich für solche Verbrechen Geldbuße zulasse!“

Da trat Bersi, der Sohn des Skaldtorfu, vor den Jarl hin und bat gleichfalls um einen Vergleich für Grettir.

„Ich biete“, sagte er, „mein Geld und mein Gut an, damit dieser Vergleich zu Stande komme; denn Grettir ist aus vornehmer Familie und mein Jugendfreund. Ihr könnt, mein Herr, gewiß auch einsehen, daß es Bersir ist, einem Manne das Leben zu schenken und sich dadurch den Dank vieler Männer zu verdienen, als diesen einen Mann zu fordern und dabei Gefahr zu laufen, ihn nicht in eure Gewalt zu bekommen. Denn seiner Freunde sind viele, und sein Anhang ist mächtig. Es ist ein ehrenvolles Anerbieten für den Richter, die Größe des Reugeldes bestimmen zu dürfen. Weiset, mein Herr, dieses nicht zurück!“

Der Jarl erwiderte: „Bersi, dein Sinn ist edel und dein Arm ist stark; aber dennoch kann ich mich nicht bequemen, das Gesetz des Landes zu kränken, indem ich Totschlägern das Leben schenke!“

Endlich trat Þorsteinn Drommund vor den Jarl, begrüßte ihn und machte auch Vorschläge zu Gunsten eines Vergleiches für Grettirs.

„Ich bin sein Bruder, Herr, sprach er, und bitte gleichfalls unter Anerbietung meines Gutes um Leben und Frieden für den Bruder!“

„Daß du sein Bruder bist“, antwortete der Jarl, „habe ich nicht gewußt. Du beweisest aber deine Liebe zu ihm, indem du ihm helfen willst. Das ist recht und gut. Doch wir haben nun einmal beschlossen, zwischen euch keinen Unterschied zu machen. So lehne ich denn auch deine Bitte ab. Für diesen dreifachen Totschlag nehme ich kein Reugeld an, sondern fordere bestimmt Grettirs Leben. Ich will es haben, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet und koste es mir, was es wolle!“ –

Damit stand der Jarl entschlossen vom Stuhle auf und verließ die Gerichtsversammlung.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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