Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

11. Kapitel:

Der Zweikampf.

 

Im nächsten Frühjahr zog Grettir mit einem Küstenfahrer nordwärts, nach herzlichem Abschied von Þorkell, dessen Haus er in aller Freundschaft verließ. Sein Ziel war wiederum Vágar. Björn ging nach England. Er führte dorthin eines der Schiffe Þorkells, mit dem Auftrage, Waren in England einzukaufen. Das hielt ihn den ganzen Sommer dort fest. Gegen den Herbst segelte er heimwärts.

Grettir verweilte in Vágar, bis die Handelsflotte absegelte. Dann reiste er mit einem Küstenfahrer südwärts. Sie segelten bis zu einem Hafen, namens Gaulkar, welcher am Ausgang des Drontheimer Fjords liegt. Hier warfen sie Anker und schlugen ihre Zelte am Lande auf. Kaum waren sie damit fertig, so sahen sie ein anderes Schiff, von Süden kommend, in den Hafen einbiegen. Es war ein Englandfahrer, der nahe bei dem ihrigen vor Anker ging. Die Besatzung kam an Land.

Grettir und seine Kameraden schritten auf die Ankömmlinge zu, um sie zu begrüßen. Sie erkannten Þorkells Schiff und Þorkells Leute unter Bjoerns Führung.

„Es trifft sich gut“, redete Grettir den Björn an, „daß wir uns hier am dritten Orte treffen. Jetzt können wir unsere alte Rechnung sofort ausgleichen. Zeig nun, wie du einst prahltest, daß du stärker bist, als ich!“ –

„Hatten wir jemals einen Streit?“ warf Björn unsicher ein, „ich entsinne mich dessen nicht! Indessen, sollte ich jemals dich beleidigt haben, so bin ich bereit, Reugeld zu zahlen, so hoch, daß du damit zufrieden sein kannst!“

Grettir sang:

Wer brach mit der Faust des Bären Kraft? –

Wer riß den Mantel aus seiner Haft? –

Ich prahle nicht! –

Wer nahm mein Kleid mir wider Recht? –

Und warf es in des Bären Nest! –

Du! – Feiger Wicht! –

„Laß es gut sein!“ sagte Björn. „Ich habe mit Geld schon größere Beleidigungen abgekauft, als diese!“ –

„Und mich,“ erwiderte Grettir, „wagten bisher nur wenige so zu beschimpfen, als du. Für erlittenen Schimpf aber Geld zu nehmen, ist nicht meine Art! Einer von uns beiden soll heute diesen Platz nicht lebend verlassen. Und ich erkläre dich für eine feige Memme, wenn du es nicht wagst, mit mir zu fechten!“ –

Björn sah nun wohl ein, daß er dem Kampfe nicht ausweichen konnte, ging auf sein Schiff und waffnete sich.

Als beide sich gegenüber standen, stürzten sie auf einander los und kämpften mit der größten Erbitterung. Doch dauerte der Kampf nicht lange. Grettir war so sehr viel stärker. Und bald lag Björn tot auf dem Sande.

Bjoerns Kameraden führten das Schiff zurück zu Þorkell und erzählten das Vorgefallene. Þorkell war nicht überrascht, sondern sagte:

„Mich wundert nur, daß es nicht schon früher zum Kampfe zwischen beiden gekommen ist, denn Björn hat den Grettir über Gebühr gereizt und beleidigt. Der Ausgang konnte ja niemals zweifelhaft sein!“

Grettir ging zu seinem Freunde Þorfinnur und erbat nun dessen Schutz. „Ich freue mich,“ sagte dieser, „daß du jetzt einen Freund brauchst. Bleibe bei mir, bis jene Sache ausgeglichen ist!“ –

Der Jarl Sveinn hielt sich auf dem Hofe Stenker in Drontheim auf, als ihm Bjoerns Ende im Zweikampf gemeldet wurde. In seinem Gefolge diente Bjoerns Bruder, Namens Hjarande. Dieser war über die Nachricht, daß sein Bruder von dem Isländer erschlagen sei, sehr erbittert und erbat von seinem Herrn, dem Jarl, Beistand, um den Übelthäter mit allem Nachdruck zu verfolgen.

Sveinn willfahrte ihm, sandte Boten zu Þorfinnur und forderte den Grettir vor Gericht.

„Ich begleite dich,“ sagte Þorfinnur. Und beide machten sich reisefertig.

Sie kamen nach Drontheim, stellten sich dem Jarl, und dieser berief eine Gerichtsversammlung, in welcher Hjarande die Anklage stellte.

Die nähere Untersuchung ergab, daß Grettir von Björn oft gereizt und schwer beleidigt sei.

Dann ergriff Þorfinnur das Wort und sprach:

„Jarl Sveinn, du siehst hier einen Mann vor dir stehen, der sich um Norwegen wohl verdient gemacht hat. Er hat mit seiner Hand die Berserker erschlagen, welche uns überfielen, unsere Frauen beschimpften, unsere Höfe bedrohten. Die hat er durch seine Klugheit und Stärke bezwungen und damit dem Norden unseres Landes den inneren Frieden zurückgegeben!“ –

Der Jarl erwiderte: „Es ist wahr, was du sagst, Þorfinnur. Grettir hat unser Land von einer schweren Plage befreit!“ –

„Ich selbst“, fuhr Þorfinnur fort, „bin bei Grettir in tiefer Schuld. Ich bin darum bereit als Reugeld jede Summe für ihn zu zahlen, welche die Erben Bjoerns zufrieden stellen kann!“ Der Jarl sprach: „Ich rate dir, Hjarande, diesen Vorschlag anzunehmen, zumal Grettir so stark und der Kampf mit ihm ungleich ist!“ –

Hjarande lehnt es ab. „Ich will meinen Bruder nicht in meinem Geldbeutel mit mir herumtragen. Entweder räche ich Björn im Kampfe, oder ich teile sein Schicksal. Nur das Schwert kann hier entscheiden!“ –

Damit endete die Gerichtsverhandlung. Þorfinnur hielt es nun für geraten, den Grettir nicht allein in Drontheim umhergehen zu lassen; sondern er beauftragte seinen Vetter Arnbjoern, den Grettir auf Schritt und Tritt zu begleiten. „Es ist gewiß“, sagte Þorfinnur, „daß Hjarande dir heimlich nach dem Leben strebt!“ –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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