Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

10. Kapitel:

Die Bärenschlacht.

 

Þorkells Haus war sehr gastfrei. Zu den Söhnen des Hauses gesellten sich Vettern und Neffen, welche wochenlang hier verweilten. Im Winter ruhte der Ackerbau und die Schifffahrt und so vereinigte sich denn das junge Volk zu Kampfspielen und Jagdabenteuern.

Grettir war mitten unter ihnen und alle erkannten seine überlegene Stärke an. Nur Einer nicht. Es war Björn, ein jüngerer Mann aus angesehener Familie und Þorkell verwandt. Er war gleichfalls Wintergast hier im Hause. Sein Charakter war nicht angenehm. Er war aufbrausend und jähzornig, eitel und hochmütig. Er besaß eine scharfe Zunge und sprach gerne Übles von den Leuten, sodaß mancher schon um seinetwillen das gastliche Haus Þorkells hatte verlassen müssen.

Mit Grettir stand Björn auf gespanntem Fuße. Er sah auf jenen, als auf einen armen Flüchtling, hochmütig hinab und ließ es an spitzen Reden nicht fehlen. Grettir, gewandt im Wort, wie in den Waffen, schenkte seinem Gegner nichts. Die Spannung zwischen Beiden wuchs und wartete nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch.

Ein reißender Bär hatte sein Winterlager verlassen und zeigte sich oft in der Nähe von Þorkells Gehöft. Er war so wütend, daß er weder Vieh noch Menschen schonte, sobald er beide antraf. Täglich gingen Nachrichten ein von Verlusten und Þorkell, der reichste Mann der Gegend, litt auch an Heerden und an Leuten den meisten Schaden durch diese Bestie. Björn und die anderen jungen Leute, Grettir ausgenommen, hatten oft spät Abends vor dem Hause allerlei Kurzweil getrieben und Lärm dabei gemacht. Die Leute sprachen:

„Durch solches Getöse gereizt, ist der Bär so wütend geworden!“ –

„Ihr habt mir die Bestie hergelockt durch euren Unfug! Nun könnt ihr dieselbe auch wieder vertreiben!“ sagte Þorkell eines Tages zu Björn und seinen Spielgesellen.

„Gut! Das ist uns ein willkommenes Abenteuer!“ erwiderte Björn. „Laßt uns zunächst den Versteck des Raubtieres aufsuchen!“

Grettir beteiligte sich absichtlich an diesem Unternehmen nicht, weil Björn sich zum Anführer aufwarf, und das mit der ihm eigenen Prahlerei.

Das Suchen hatte Erfolg. Die Gegend war überaus felsig. Fast senkrecht stürzten sich von dem Hochplateau die steinernen Wände in den Fjord hinab. In einer dieser Felswände war eine Höhle, deren Oeffnung dem Meere sich zukehrte.

Dort hauste der Bär.

Aber der Zugang war überaus schwierig. Ein schmaler Steg führte zwischen Klippen hinab. Vor der Höhle war nur ein kleiner Vorplatz zum Eintritt in dieselbe und zwar ohne alle Brustwehr. Ungeschützt senkte sich der Absturz ins Meer, welches in beträchtlicher Tiefe um die scharfen Klippen brandete.

Wer hier hinabstürzte, war unrettbar ein Kind des Todes.

Der Bär wohnte in diesem schier unzugänglichen Felsenneste. Ueber Tag hielt er sich still, aber des Nachts brach er aus. Keine Hürde war stark genug, die Schafe vor ihm zu schützen. Und kein Hirte wagte es, dem Raubtier sich entgegen zu werfen.

Björn kehrte mit seinen Gesellen von der glücklichen Suche zurück. Der Schlupfwinkel war aufgefunden.

„Sei froh!“ sagte er zu Þorkell, „das Nest des Bären haben wir! Damit ist die Hauptsache gethan!“ Und nun beschrieb er mit vielen Worten die Felsenhöhle und deren gefährlichen Zugang.

„Gut!“ sagte Þorkell, „wir wissen nun, wo der Feind steckt. Aber wer wird ihn überwinden?“

„Überwinden! Das nehme ich auf mich!“ prahlte Björn. „Paßt auf, wie dieses Spiel zwischen mir und meinem Namensvetter enden wird!“

Björn heißt nämlich im Norwegischen der Bär.

Grettir war bisher bei alledem ein stummer Zeuge gewesen und that auch jetzt, als wenn er von Bjoerns Prahlereien nichts hörte.

In der nächsten Zeit schlich sich Björn des Nachts, wenn alles im Hause schlief, wiederholt hinaus und blieb geraume Zeit fort. Die Kameraden merkten es, zischelten darüber und beschlossen, ihm aufzupassen.

Seine nächtlichen Besuche, das kam heraus, galten dem Bärenlager, aber immer kehrte Björn unverrichteter Sache zurück.

Eines Nachts wiederholte er diesen Gang. Er hatte seinen großen Schild mitgenommen. Björn erreichte den schmalen Pfad, der von der Hochfläche abwärts zu dem Bärenlager führte. Er horchte und aus der Tiefe herauf hörte er deutlich das Brummen der Bestie. Sie hatte also ihr Lager noch nicht verlassen. Björn legte sich nun quer über den Weg und zog seinen großen Schild, wie eine Decke, über sich. Es war sein Plan, unter dem Schilde hervor den über ihn hinweg schreitenden Bären zu verwunden und, glückte es, ihn tödlich ins Herz zu treffen.

Der Bär witterte die Nähe eines Menschen und darum verschob er einige Zeit seinen nächtlichen Raubzug. In diesem Warten wurde Björn müde. Ihn übermannte der Schlaf und er schlief unter seinem großen Schilde fest ein. Der Bär stieg nun aufwärts. Als er an die Stelle kam, wo der schlafende Mann lag, beschnupperte er den Schild, faßte ihn mit seiner Tatze, zog ihn weg und stieß ihn über den Felsenrand hinab.

Björn erwachte davon, sprang entsetzt auf und lief aus Leibeskräften nach Hause. Nur mit knapper Not entkam er der verfolgenden Bestie.

Seine Kameraden hatten aus einem Versteck den ganzen Vorgang belauscht. Am nächsten Morgen holten sie den halbzerschmetterten Schild aus den Klippen herauf, zeigten seine Risse und Sprünge umher als die angeblichen Wunden aus der großen Bärenschlacht und es gab nun der Spottreden und des Gelächters genug.

Weihnachten war nahe. Es fror stark. Das Futter wurde draußen knapp und die Ausbrüche des Bären wurden immer frecher. Dem entsprechend waren auch die Verluste Þorkells an seinen Herden größer. Und nichts war bisher erreicht trotz Bjoerns Prahlerei.

Da bot Þorkell eines Tages sieben der Stärksten unter seinen Leuten auf.

Die Bärenschlacht sollte nun in allem Ernst geschlagen werden.

In Þorkells Gefolge befanden sich auch Grettir und Björn. Grettir trug einen langen zottigen Mantel zum Schutz gegen die Kälte. Den warf er oben ab, als es zum Abstieg kam.

Dem Bären in seiner Höhle beizukommen, war sehr schwer. Der Zugang war schmal, steil abfallend und bot wenig Deckung. Nur einer hinter dem anderen konnte hinab. Björn trieb die Leute an, vorzugehen; aber sich selbst hielt er unter Deckung.

Die Verwegensten drangen vor und stießen mit ihren Speeren in die Höhle hinein. Aber der Bär wich diesen Stößen geschickt aus, ohne selbst zum Angriff überzugehen.

So verlief der Vor- und Nachmittag und man beschloß, ohne etwas erreicht zu haben, den Rückzug.

In diesem Augenblick ergriff Björn Grettirs langen zottigen Mantel, der, von ihm abgeworfen, oben lag und schleuderte ihn die Felswand hinab.

Er fiel gerade vor der Höhle des Bären nieder.

Die Bestie griff nach dem Kleide, zerrte es in die Höhle hinein und stampfte es wüthend unter seine Füße. Als Grettir auf die Hochfläche kam, suchte er dort seinen Mantel. Die Blicke und Finger der Anderen zeigten ihm den Weg. Er bückte sich über die Felsenwand und sah, wie der Bär soeben unten sein Kleid zerzauste.

„Wer von euch hat mir den Streich gespielt?“ fragte Grettir die Gesellen.

Björn trat hervor und antwortete keck: „Der es einzugestehen wagt!“

„Also du!“ sagte Grettir. „Nun, das verschlägt mir für heute wenig. Gehen wir ohne Mantel nach Hause!“ –

Unterwegs platzte dem Grettir der Gurt an seinem Wams. Er entschuldigte sich und blieb zurück.

Björn sagte zu seinen Begleitern spottend: „Paßt auf, Grettir bleibt nur zurück, um seinen Mantel aus der Bärenhöhle herauf zu holen. Er will sich die Ehre geben, den Bären allein abzufangen, den wir Achte vergebens angriffen. Er soll ja auch der Kerl dazu sein, obgleich ich noch keine Heldenthat von ihm sah, und besonders heute nicht!“ –

Þorkell dämpfte Bjoerns Spott und sagte: „Bjoern, ich weiß nicht, wozu du taugst? aber das weiß ich, daß du an Grettirs Tapferkeit und Muth nicht hinaufreichst. Uebrigens hüte deine Zunge! Er könnte es dir einmal derb eintränken!“ –

Björn warf den Kopf in den Rücken und sagte: „Auf Kommando lernte ich es bisher nicht, meine Worte setzen!“

Grettir war weit zurückgeblieben. Ein Hügel lag nun zwischen ihm und den Genossen. Er beschloß in der That umzukehren und allein dem Bären den Kampf anzubieten.

Grettir zog sein Schwert Jökulsnaut, die Gabe und das Andenken seiner Mutter. Er knotete einen Riemen um des Schwertes Knauf, warf den Riemen um sein Handgelenk und konnte nun nach Bedarf im Kampf zum Schwerte greifen oder auch die nackten Fäuste frei gebrauchen. So gerüstet stieg er den schmalen Felsenpfad zum Bärenlager hinab. Sobald der Bär des Mannes ansichtig wurde, sprang er in größester Wut auf und griff den Grettir an, indem er mit der linken Pfote nach ihm schlug.

Grettir parierte den Schlag mit seinem Schwerte, holte dann selbst zum Hiebe aus und durchschlug des Bären linke Klaue oberhalb des Gelenkes. Abgetrennt fiel die Klaue zu Boden. Der Bär hob nun die rechte Pfote zum Schlage auf und stützte dabei seinen schweren Körper auf den linken blutigen Stumpf.

Er vergaß, daß dieser kürzer geworden war, verlor das Gleichgewicht und fiel dabei in Grettirs Arme. Dieser ließ das Schwert nun fallen, welches am Riemen hängen blieb, griff mit beiden Fäusten nach des Bären Ohren und hielt die Bestie mit steifen Armen von sich ab, sodaß er nicht von ihr gebissen werden konnte.

Grettir hat später selbst gesagt, daß dies, seiner Meinung nach, die größeste Kraftprobe in seinem Leben gewesen ist.

Der Bär machte nun viele Anstrengungen, seinen Kopf aus den eisernen Griffen seines Gegners heraus zu winden. Dabei drehte er seinen dicken Leib zerrend hin und her. Bei einem dieser Seitensprünge kam er auf dem schmalen Vorplatz seiner Höhle dem Felsenrand zu nahe, verlor das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe, Grettir mit sich ziehend, der des Bären Ohren nicht fahren lassen wollte.

Es war ein Todesweg.

Aber der Leib des Bären, schwerer als der des Grettir, bewirkte, daß jener mit seinem dicken, zottigen Pelz zu unterst, und Grettir obenauf zu liegen kam.

Das war Grettirs Rettung.

Der Bär war durch dieses Aufschlagen auf die Felsen furchtbar zerquetscht. Das Beißen hatte er verlernt, aber noch lebte er. Grettir war unverletzt. Er griff nach seinem Schwerte und durchstach des Bären Herz.

So endete die Schlacht.

Nun kletterte Grettir wieder zur Höhle hinauf und holte sich seinen Mantel. Dieser war ganz zerfetzt. Aber zerrissen, wie er war, warf Grettir ihn um die Schultern, das schönste Siegeszeichen! Dann raffte er des Bären abgeschlagene Klaue auf und schob sie unter sein Wams! – So ging er nach Hause! –

Þorkell saß in der großen, von Fackeln beleuchteten Halle am Trinktisch mit seinen Gästen und Mannen.

Als Grettir in die Thüre trat, richteten sich aller Blicke auf ihn.

Das Haar zerzaust, das Wams blutbespritzt, die Fetzen des Mantels in langen Strähnen von der Schulter fallend, so stand er da, heldenhaft und drollig zugleich.

Den jungen Leuten stach der zerfetzte Mantel vor allem in die Augen und sie brachen in ein helles Lachen aus.

Grettir schritt auf den Trinktisch zu, zog unter dem Wams hervor des Bären blutige Tatze und warf sie zwischen die Zechenden auf den Tisch.

Jetzt begriff man den Zusammenhang und alles verstummte.

Dieses Verstummen war die größte Huldigung für Grettir. Die Ahnung des Großen, was geschehen war, überwältigte die Versammlung und schloß allen den Mund.

Þorkell fand zuerst das Wort, erhob sich und rief: „Wo ist nun mein Vetter Björn? Niemals sah ich deine Waffen so gut anbeißen, Freund! – Ich verlange jetzt von dir, daß du dem Grettir eine Ehrenerklärung giebst wegen des Schimpfes, den du ihm angethan hast mit dem Mantel!“ –

„Eine Ehrenerklärung?“ rief Björn hochfahrend. „Darauf kann Grettir bei mir lange warten. Ist es mir doch gleich, wie er meine Worte wägt und nimmt!“ –

Grettir sang:

Der Gott des Kampfes beschlich den Bär,

Wenn’s dunkelte, mit voller Wehr! –

Doch, brummt das Tier, so kneift er aus

Und flüchtet eilend sich ins Haus,

Es floß kein Blut! –

Niemand sah mich das Tier beschleichen.

Ein Tritt! – Ein Griff! – Da mußt es weichen!

Hab’ du nur Mut!! –

„Ich weiß es wohl, auf wen deine Stichelreden gehen,“ schrie Björn dazwischen. „Aber du verstehst deine Worte so zu setzen, daß andere dabei stets zu kurz kommen.“

Þorkell trat besänftigend dazwischen und sagte: „Grettir hat vollen Grund, dir, Björn, zu zürnen. Aber, das bitte ich, laßt den Streit hier ruhen. Ich werde dir Grettir für den Schimpf, welchen dir Björn anthat, volle Sühne zahlen. Dann sollt ihr versöhnt sein!“ –

Björn lehnte das ab. „Du kannst dein Geld Bersir anwenden, als zu Sühnegeldern für mich. Mein Blut fließt noch sicher in meinen Adern. Was zwischen mir und Grettir vorfiel, das laß uns beide allein mit einander ausmachen!“

„Topp! – Ich bin das zufrieden!“ sagte Grettir.

„Nun Grettir“, sprach Þorkell, „dann bitte ich um eins, thu’ dem Björn nichts zu Leide, so lange ihr hier die Gäste meines Hauses seid!“ –

„Das soll geschehen,“ sagte Grettir.

Björn warf sich in die Brust und prahlte: „Ich werde ohne Furcht stehen und gehen, wo auch immer Grettir mir begegnen mag!“

Um Grettirs Lippen spielte bei diesen Worten ein verächtliches Lächeln, allein er schwieg.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

Zum Inhaltsverzeichnis der Grettis Saga oder direkt Zum Tor

 

6,175,784 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang