Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

9. Kapitel:

In allen Ehren.

 

Vagar zur Zeit Grettirs

Vágar zur Zeit Grettirs.
(Bild: Zeichnung: Kari Storen Binns. Archiv: Lofotmuseet.)

Nach dem Weihnachtsfeste rüstete nun Þorfinnur zur Heimfahrt und gab vielen seiner Gäste beim Scheiden werthvolle Geschenke mit. Dann brach er mit seinem Gefolge auf. Als die Haramsøya in Sicht war und sie dem Landungsplatze sich näherten, bemerkten die Ruderknechte ein Schiff am Strande stehen und erkannten es sofort als das große Schiff Torfins. Þorfinnur fiel das sehr auf, da er dieses Schiff in der Scheuer zurückgelassen hatte und er ahnte nichts Gutes.

„Nicht Freunde sind es gewesen, die hier inzwischen gehaust haben,“ sprach er zu seinen Leuten besorgt und sprang als der Erste an das Land.

Sofort eilte er nach der Schiffsscheuer hin, sah das fremde, bunt bemalte Räuberschiff darin stehen und erkannte es als das Eigenthum der Berserker.

„Hier sind böse Dinge in unserer Abwesenheit vorgefallen,“ sagte er; „und ich wollte die ganze Insel und alle meine Habe darauf hingeben, wären sie nicht geschehen.“

„Wie meinst du das?“ fragten die Leute.

„Hier haben gehaust die ärgsten Spitzbuben, welche Norwegen kennt: Þórir Þömb und Ögmundur der Böse. Sie waren es, die hier gelandet sind. Und auf den Isländer – auf den verlasse ich mich nicht!“

Auch auf dem Edelhofe hatte man rechtzeitig Torfins Ankunft bemerkt. Die Hausfrau wollte ihrem Gatten stracks entgegeneilen, aber nicht ohne Grettir, der jetzt den Ehrensitz im Hause einnahm.

„Ich gehe nicht hinab,“ sagte Grettir. „Ich kann hier warten, bis Þorfinnur heraufkommt.“

„Mein Mann wird in größester Sorge sein, wenn er unten am Strande das fremde Schiff im Schuppen und das unsrige draußen findet,“ sprach die Hausfrau.

„Das kann mir gleich sein, ob dein Mann sich unten beunruhigt oder nicht. Wir haben hier oben auch Unruhe genug gehabt, während er sein Weihnachtsfest feierte,“ sprach Grettir.

„So erlaube, daß ich allein an den Strand gehe.“

„Es steht dir frei, zu gehen wohin du willst!“

Die Hausfrau eilt schnell dem Þorfinnur entgegen und umfing ihn auf das Herzlichste.

„Gott sei gelobt, daß ich dich unverletzt in meinen Armen halte,“ sagte Þorfinnur. „Und wie geht es dem Kinde?“

„Alles gut!“

„Ihr seid in Noth gewesen?“

„In großer Noth! Beinahe wäre uns ein solcher Schimpf zugefügt, daß ich ihn nimmer hätte verschmerzen können!“ –

„Und woher kam die Hilfe?“

„Dein Wintergast schützte uns! Das, sage ich dir, das ist ein Held!“ –

„Erzähle,“ bat Þorfinnur dringend. „Hier ist ein Stein. Laß uns niedersitzen!“

Nun erzählte die Hausfrau umständlich, wie alles zugegangen war, und rühmte Grettirs Mut, Klugheit und große Kraft.

Þorfinnur hörte schweigend zu, bis sie geendigt hatte. Dann sagte er nachdenklich:

„Das ist ein wahres Wort: Lange muß man einen Mann prüfen, um ihn zu ergründen! – Wo ist Grettir?“ –

„Im Hause.“

Dann gingen sie gemeinsam zum Hofe hinauf. Þorfinnur trat auf Grettir zu, umarmte ihn herzlich und dankte ihm mit vielen Worten wegen seines braven Verhaltens.

„Das versichere ich dich,“ sagte er, „auf mich kannst du rechnen. Ja, ich wünsche du kämst einmal in Not und brauchtest so recht einen Freund, damit ich dir zeigen könnte, daß ich zu jedem Opfer für dich bereit bin. Es steht dir frei, so lange und so oft bei mir dich aufzuhalten, als du magst. Und alle meine Leute sollen dir mit der größten Achtung begegnen!“

Grettir dankte dafür und sagte: „Ich hätte diese deine Freundlichkeit auch früher brauchen können!“ –

Den Winter hindurch blieb nun Grettir auf Torfins Hofe und wurde mit der größten Auszeichnung behandelt. Ja, durch diese Heldenthat wurde er über ganz Norwegen ein berühmter Mann, zumal an den Orten, wo der Mutwille und die Rohheit dieser Berserker schwer empfunden waren.

Als der Frühling anbrach, fragte Þorfinnur den Grettir nach seinen Plänen für die Zukunft.

„Ich will nordwärts nach Vágar (auch Vågar genannt), um die Meßzeit dort zuzubringen!“

„Gut! da steht dir so viel Geld zu Gebote, als du haben willst,“ sagte Þorfinnur.

„Danke! vorläufig brauche ich nur das Reisegeld!“

„Zu deinen Diensten steht alles, was ich habe.“

Als das Schiff bereit lag, welches Grettir nordwärts bringen sollte, und er von den Frauen sich verabschiedet hatte, begleitete ihn Þorfinnur persönlich auf das Schiff. Zum Abschiede reichte er ihm dort das herrliche Schwert, welches Grettir aus Kárr, des Alten, Grabe geholt hatte und das Þorfinnur für sein größtes Kleinod erklärte. „Nimm dies als Andenken von mir hin,“ sagte Þorfinnur. „Du hast jetzt die zweite That hier gethan, welche die Leute preisen und preisen werden. Und komm wieder zu uns, so oft du magst, besonders aber, wenn es dir schlecht ergeht und du meiner Hilfe bedarfst!“ –

Das waren die letzten Worte Torfins. So schieden sie.

Grettir reiste nordwärts nach Vágar.

Die Fahrt ging längs der Küste beständig zwischen kleinen Inseln hindurch, die wie ein Gürtel das Festland begleiten. Dieses stieg himmelan in Felsenterrassen auf denen dunkle Wälder von grünen Moosflächen, und diese wieder von Schneegipfeln abgelöst wurden, welche im Glanz der Sonne aufblitzten.

Bald fuhr man an Höfen vorbei so nahe, daß man das Hundegebell hören, die Hantierungen der Menschen beobachten und die Gebäude fast mit Händen greifen konnte.

Bald wich das Land wieder in Buchten zurück, Fjorde, welche tief in die Felsen einschneiden, und, an den braunen, senkrecht abfallenden Wänden vorbei, glitt das Schiff auf stahlblauer Flut.

Viele Fahrzeuge, bald unter Riemen, bald unter Segel, begegneten ihnen; denn die kurze Zeit der langen Sommertage kauft hier jeder aus zu Freundesbesuchen, wie zur Erledigung von Geschäften.

Je näher man Vágar kam, je belebtet wurde die Wasserstraße.

Hier war Meßzeit. Die Produkte des Nordens, kostbare Felle, Wallroßzähne, dem Elfenbein fast ebenbürtig, getrocknete und gesalzene Fische, Thran, bald aus der Leber der Dorsche gepreßt, bald aus den dicken Speckseiten der Wallrosse und Wallfische gekocht, tauschte man aus gegen die Erzeugnisse des Südens. Und neben dem Kaufherrn kam der Vergnügungsreisende hierher. Denn zur Meßzeit sammelte sich in Vágar allerlei fahrend Volk, welches Vorstellungen gab.

Und auch manchem aus der Fremde zugereisten Freunde begegnete man auf diesem Markte. Genug, Vágar war zur Meßzeit ein Platz so gut für Geschäfte, wie für Kurzweil.

Grettir wurde hier von vielen Fremden, zu denen die Kunde seiner Heldenthat gelangt war, mit Achtung und Wärme begrüßt. Man sammelte sich um ihn, man suchte seine Bekanntschaft, man wetteiferte, ihn einzuladen, nicht bloß zum kurzen Trunk, sondern auch zum längeren Aufenthalt daheim.

Er lehnte ab. „Ich gehe zurück zu meinem Freunde Þorfinnur,“ sagte er. So mietete er denn im Herbste einen Platz auf einem Küstenfahrer, welcher einem Manne, Namens Þorkell, gehörte. Der wohnte in Salft auf Hålogaland und war ein sehr angesehener Bauer. Als Grettir bei Þorkell abstieg, empfing ihn dieser sehr gut und bot ihm Winteraufenthalt in seinem Hause an. Grettir, durch seine Freundlichkeit gewonnen, gab die Weiterreise zu Þorfinnur auf und blieb diesen Winter in Thorkels Hause.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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