Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

8. Kapitel:

Die Berserker.

 

Weihnachten war nahe, das herrliche Fest. Und, wenn irgendwo, so mischten sich hier noch lange die altheidnischen Vorstellungen mit den neuen christlichen Gedanken. Die heidnischen Vorstellungen von dem Weihnachtsfest waren diese gewesen:

Nach langer Winternacht erwacht der Sonnengott Freyr wieder. Seine Scheibe entzündet sich. Das Geburtsfest der Sonne beginnt in der Nacht zum 25. December und dauert 13 Tage lang bis zum 6. Januar, wo der Sieg des Lichtes sichtbar wird und die neue Zeit beginnt.

In diesen heiligen 12 Nächten verlassen die Götter ihre himmlischen Burgen und halten Umzug auf Erden. Sie segnen die Wasserquellen und segnen die Fruchtbäume. Die Menschen jubeln der Ankunft der Himmlischen entgegen. Sie schöpfen von dem geweihten Wasser und heben es in Krügen auf. Sie schütteln die Obstbäume, daß sie für das kommende Jahr den Segen empfangen und fruchtbar werden. Sie zünden Freudenfeuer auf den Bergen an. Und die Erde flimmert in ihrem winterlichen Glanze. In Wald und Feld wird es auf dem Schneeboden immer frischer und lichter. Die Sonne spiegelt sich wieder in tausend Eiskrystallen. Die Bäume sind bis zu den äußersten Zweigen in feinkörnigen Reif gehüllt, und auf Bergeshöhen und in Thalgründen sieht man ausgebreitet das eine, weite, große, strahlende Schneegefilde. Das ist das Júlfest der Alten, so genannt von Hjól, dem Rade der Sonne.

Mit Leichtigkeit trat die christliche Vorstellung ein in diesen überlieferten Gedankenkreis und füllte die heidnische Form aus mit ihrer Offenbarung.

Christus, das Licht der Welt, der Trost der Heiden, geboren in der Nacht zum 25. December, überwindet die Mächte der Sünde, der Schuld und des Todes und bringt der sündigen Welt Erlösung und Frieden. Am 6. Januar, welcher zum Epiphaniasfest wurde, kamen die drei Könige des Ostens, die Erstlinge der Heidenwelt, und sinken im Gebet nieder an der Krippe zu Bethlehem.

So war Anfang und Ende gefunden für eine christliche Feier, die sich genau dem Rahmen des heidnischen Festes anschloß. Lange wogten noch heidnische und christliche Vorstellungen durcheinander. Aber das bindende Band für beide war ein und dasselbe, die Freude und der Jubel über den Sieg des Lichtes im Bereich der Natur, wie im Reich der Gnade. „Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“ –

Þorfinnur bereitete sich zur Feier des Weihnachtsfestes vor. Nicht auf seinem Edelhofe auf der Haramsøya wollte er es diesmal feiern, sondern auf seinen Besitzungen am Festlande. Hier sammelten sich leichter die vielen geladenen Gäste, von denen die meisten in dortiger Gegend wohnten.

Zu keiner Zeit des Jahres öffneten sich soweit die gastlichen Thore eines nordischen Hauses, als in der Weihnachtszeit. Dann herrschte auf Herrensitzen wie in Hütten allenthalben Behagen und Heiterkeit. Aller Streit ruhte. Bei frohen Gelagen vereinigten sich die Sippen. Knechte feierten und jeder Fremdling, wo er auch einkehrte, war als Gast willkommen. Bier und Met kreisten im Trinkhorn. Julbrot und Julgrütze wurden aufgetragen, und als Festbraten wurde in die Halle gebracht ein ganzer gebratener Eber, Freyers Tier. Der Hausvater erhob sich, legte feierlich seine rechte Hand auf des Ebers Kopf und gelobte, ein ehrlicher Verwalter seiner Güter, ein treuer Gatte, Vater und Herr im Hause für das kommende Jahr zu sein. Die Gäste wiederholten dann, ein jeder für sich, Handauflegung wie Gelübde.

Þorfinnur hatte diese Festfreude verdient, denn er kam von harter Arbeit.

Der Jarl von Norwegen Eiríkr Hákonarson wollte eine Reise machen zu seinen Schwager Knut, dem Mächtigen, König von England. Die Regierung sollte in dieser Zwischenzeit übergehen auf seinen noch minderjährigen Sohn Håkon Eiriksson, dem als Vormund zur Seite trat sein Ohm, der Jarl Sveinn Hákonarson, Eirik’s Bruder.

Um diese Ordnung zu bestätigen, war der große Rath des Landes versammelt worden, die Lehnsmannen und die unabhängigen reichen Bauern, zu denen auch Þorfinnur gehörte.

Eiríkr hatte sich der Regierung seines Landes stets mit großem Nachdruck angenommen. Und eine feste Hand that not, denn freche Räuber störten des Landes Frieden.

Berserker, welche ihren Namen führten von ber (bloß oder nackt) und serker (Panzer), weil sie ungeharnischt in den Kampf gingen, indem ihre Wut ihnen die Schutzwaffe ersetzte; diese hatten in Norwegen den Raub zu einer Art von Recht erhoben. Am hellen Tage zogen sie vor die Edelhöfe und forderten den Besitzer zum Zweikampf heraus und, wenn er unterlag, so verlangten sie als Kampfpreis sein Weib, oder sein Gut. So ertrotzten und erfochten sich viele dieser umherziehenden Berserker ein Stück Land, ein Mädchen, oder, was sie sonst begehrten.

Eiríkr beschloß nun, den Zweikampf für Norwegen ganz zu verbieten, und erklärte alle Berserker, welche irgendwo den Frieden stören sollten, für vogelfrei. Dieser Gesetzentwurf wurde gleichfalls dem großen Rate vorgelegt, welcher sich vor Weihnachten um Jarl Eiríkr versammelt hatte.

Þorfinnur, ein kluger und beredter Mann, war mit besonderem Nachdruck für das Zustandekommen dieses Gesetzes eingetreten.

In der Verhandlung über dasselbe wurden in Sonderheit genannt zwei Brüder, welche unter den Berserkern die wildesten waren: Þórir Þömb und Ögmundur illi, der Böse. Sie stammten aus Hålogaland und waren größer und stärker, als alle anderen Männer. Wo sie hinkamen, da brach der Schrecken aus, da raubten und plünderten sie. Sie entführten verheiratete Frauen, behielten sie bei sich einige Wochen und brachten sie dann ihren Männern wieder zurück.

Es geschah besonders auf Torfins Antrag, daß Þórir Þömb und sein Bruder Ögmundur, der Böse, sofort des Landes verwiesen und für vogelfrei erklärt wurden. Den so Verurteilten blieb das nicht verborgen, wem sie in Sonderheit diese Verbannung zu danken hatten.

Die gesetzgebende Versammlung war zu Ende. Jarl Eiríkr ging, wie beschlossen, nach England, Sveinn ergriff die Zügel der Regierung und Þorfinnur kehrte auf seinen Edelhof nach der Haramsøya zurück. Er rüstete sich nun zur Weihnachtsfahrt.

Torfins Frau wollte diesmal nicht mitreisen. Ihre Tochter, schon völlig erwachsen, war krank. Zu ihrer Pflege blieb die Mutter zurück.

Das Schiff auf dessen Bordseiten je 16 Mann sitzen und rudern konnten, wurde flott gemacht, und mit 30 Freigeborenen schiffte sich Þorfinnur ein. Die Fahrt ging nach dem Slysfjörður, wo sein Edelhof lag. Hier erwartete er viele Gäste.

Grettir blieb zum Schutz der Frauen zurück und zwar nur mit acht Hausknechten. Das konnte man wagen, denn diese 13 Tage des Weihnachtsfestes waren eine allgemein anerkannte, durch Gesetz und Brauch geheiligte Friedenszeit.

Es war der Tag vor dem Feste. Draußen war klares Wetter und Windstille. Die Tochter des Hauses war schon so weit genesen, daß sie, begleitet von ihrer Mutter, im Freien auf und ab gehen konnte.

Auch Grettir stand am Ufer und folgte mit seinen Augen den Schiffen, welche längs der Küste nordwärts und südwärts fuhren, alle gefüllt mit geputzten, jubelnden Menschen, welche der Stätte ihrer Einladung, dem Weihnachtsschmause, zueilten. Schon neigte sich die Sonne zum Untergang. Da sah Grettir ein Schiff auf die Haramsøya zusteuern. Es war nicht groß, aber von Steven zu Steven sah er Schilde längs Bord gestellt, sodaß der Rand des einen Schildes stets den des andern deckte. Dazu war das Schiff über Wasser bunt bemalt. Die Insassen ruderten sehr stark und steuerten geradesweges auf Torfins Hof zu.

Am Strande stand die Schiffsscheuer, ein geräumiger Schoppen, unter welchen man das Schiff brachte zum Schutz gegen die Witterung, wenn es nicht gebraucht wurde.

Sobald das fremde Schiff den Grund berührte, sprang die Besatzung ins Wasser. Grettir zählte sie. Es waren 12 Mann. Sie benahmen sich auffallend dreist, denn sie hoben ohne Umstände ihr Schiff in die Höhe und trugen es aus der See auf den Strand. Dann liefen sie zu der Schiffsscheuer hin, unter welcher das große Schiff Torfins stand. Niemals hatten weniger als 30 Mann dieses große Schiff nach der See hinabgezogen. Aber diese 12 Mann zogen es mit dem ersten Ruck bis an den Strand. Dann faßten sie ihr eigenes Schiff und hoben es in die Scheuer. Es kam dem Grettir so vor, als wenn diese Leute auf dem Hofe nicht willkommene Gäste sein würden. Dazu war er allein im Hause mit nur acht Knechten.

Sofort machte er sich seinen Plan. Er ging den Fremden freundlich entgegen, begrüßte sie sehr gewandt und fragte, wer sie seien und wie ihr Anführer heiße? Der Verlangte trat vor und sagte: „Ich heiße Þórir mit dem Beinamen Þömb und das ist mein Bruder Ögmundur. Die Uebrigen sind meine Gesellen. Ich hoffe, daß euer Hausherr uns kennt! – Ist Þorfinnur zu Hause?“

Grettir sagte: „Ihr seid Glückskinder! – Denn, wenn ihr die Leute seid, für welche ich euch halte, dann seid ihr zur guten Stunde gekommen. Der Hausherr ist fort mit allen seinen Männern und kommt erst nach dem Weihnachtsfeste zurück. Aber die Hausfrau und die Tochter sind zu Hause. Und, wenn ich hier einen Schimpf zu rächen hätte, keine Bersire Gelegenheit könnte ich mir dazu wünschen! – Dazu findet sich hier alles in Hülle und Fülle, Bier und Speisen und was sonst das Herz erfreut.“

Þórir hatte den Redestrom des Grettir nicht unterbrochen. Dann wandte er sich zu Ögmundur und sagte:

„Treffen wir es nicht gerade so, wie ich es vorausgesagt? Das paßt gut, um an Þorfinnur Rache zu nehmen für seinen Anteil an unsrer Verbannung. Und dieser Mann hier in seiner Geschwätzigkeit kommt uns dabei trefflich zu statten!“

„Freund, dein Name?“

„Grettir!“

„Nun Freund Grettir, man braucht sich keine Mühe zu geben, um allen Bescheid von dir zu bekommen!“ –

Grettir erwiderte: „Jeder Mann ist Herr über seine Zunge. Und nicht mit Worten bloß will ich euch hier bedienen. Für eure Bewirtung auch will ich sorgen, so gut ich es vermag. Kommt nun mit mir in das Haus!“

„Wir nehmen es mit Dank an!“

Als sie den Hof betreten hatten, nahm Grettir die Hand des Þórir und führte ihn in die Stube.

„Macht es euch hier bequem! Ihr werdet müde und durstig sein von dem vielen Rudern. Oder wollt ihr erst die nassen Kleider ablegen?“

Die Hausfrau war nebenan in der Halle. Sie ließ die Wandteppiche aufhängen und alles schön in Ordnung bringen zum morgenden Weihnachtsfeste.

Als sie Grettir nebenan so geläufig und so freundlich sprechen hörte, was sonst doch nicht seine Art war, stand sie still und horchte. Dann ließ sie durch eine Magd ihn zu sich rufen und fragte:

„Wen empfängst du denn darinnen so zuvorkommend?“

Grettir erwiderte: „Hausfrau, es ist ratsam Gäste gut zu empfangen! – Hier ist gekommen der Bauer Þórir Þömb mit 12 Mann, die wollen das Weihnachtsfest bei uns feiern. Und das trifft sich gut, denn wir sind hier im Haus nur sehr wenige.“

Die Hausfrau erwiderte: „Ich rechne den Þórir nicht zu den Bauern, noch zu den rechtschaffenen Leuten, sondern zu den Räubern und ärgsten Bösewichtern. Ich für mein Teil hätte mit Freuden die Hälfte meiner Habe dafür hingegeben, wenn sie nicht gekommen wären, zumal jetzt wo der Hausherr fort ist. Und du, Grettir, wenn du so freundlich mit ihnen thust, dann lohnst du nur schlecht dem Þorfinnur dafür, daß er dich als einen schiffbrüchigen und landfremden Mann in sein Haus aufnahm, und den ganzen Winter wie einen Freigeborenen behandelt hat.“

Grettir erwiderte: „Es ist Bersir, Hausfrau, den Gästen die nassen Kleider auszuziehen, als mich zu schelten. Dazu wird sich noch genug Gelegenheit finden!“

Durch dieses erregte Zwiegespräch angelockt, trat Þórir Þömb selbst in die Halle ein und sagte:

„Hausfrau, sei nicht so böse! Es soll nicht dein Schade sein, daß dein Mann nicht zu Hause ist. Einer von uns soll seine Stelle bei dir vertreten. Auch deiner Tochter und den Mägden soll es an Gesellschaft nicht fehlen!“

„Das war männlich gesprochen,“ sagte Grettir. „So hat denn hier niemand ein Recht, sich über sein Schicksal zu beklagen!“

Alle Weiber rannten nun aus der Halle, überwältigt von Zorn und Scham.

Grettir aber wandte sich zu den Berserkern und sprach: „Macht es euch bequem. Gebt her, dessen ihr euch entledigen wollt, eure nassen Kleider und eure Waffen. Waffen erregen immer die Furcht der Weiber. Und so lange die Weiber Furcht haben, werden sie euch nicht gefällig sein!“

„Ich scher’ mich dem Teufel um das Murren der Weiber“, sagte Þórir. „Aber du bist ein ganz anderer Kerl, als all die anderen Leute hier auf dem Hofe. Laß uns Kameradschaft machen!“

„Das steht bei euch“! Sagte Grettir. „O, ich verstehe mich darauf, zwischen Leuten und Leuten einen Unterschied zu machen.“

Darauf legten die Berserker auch die Waffen ab.

„Nun zu Tisch!“ rief Grettir. „Und vor allem einen guten Trunk, denn ihr seid ohne Zweifel vom Rudern durstig!“ –

„Hol’s der Teufel, das sind wir!“ riefen alle Berserker durch einander, „und keiner soll sich dabei lumpen lassen!“

„Aber wo ist der Keller?“

„Den zeig ich euch,“ sagte Grettir. „Oder, noch Bersir, ihr macht mich zu eurem Mundschenk. Ich weiß im Keller Bescheid und hol euch vom Besten herauf.“

„Einverstanden!“ riefen alle.

Grettir stieg nun in den Keller hinab und holte Bier herauf und zwar von dem stärksten, welches da war.

Er schenkte davon voll ein und sparte nicht. Sie aber spülten es nur so in großen Zügen herunter.

So saßen sie lange Zeit bei einander und Grettir erzählte, während sie zechten, ihnen seine lustigsten Geschichten, so daß die Stimmung immer lauter und wilder wurde.

Von den Leuten des Hofes aber zeigte sich niemand. Es fühlte keiner Lust unter diese Gesellschaft sich zu mischen.

Da sagte Þórir: „Ich habe noch keinen Fremden angetroffen, den ich so schnell lieb gewonnen habe, als wie dich, Grettir. Sage mir, womit können ich und meine Kameraden deine Dienste hier lohnen?“

Grettir erwiderte: „Zur Zeit kann ich den Lohn noch nicht abmessen. Aber, falls wir, wenn ihr hier abzieht, noch so gute Kameraden sind als jetzt, dann wollen wir Brüderschaft schließen. Zwar bin ich Keinem von euch an Stärke gleich, aber ich bin auch kein Feigling. Ich werde nie von großen Unternehmungen abraten!“ –

Die Berserker schlugen zustimmend mit ihren Fäusten auf den Tisch und riefen: „Auf der Stelle wollen wir Brüderschaft schließen!“

Aber Grettir wehrte ab und sagte: „Ein Trunkener weiß nicht, was er thut. Darum wollen wir uns damit nicht beeilen. Vielleicht überlegt ihr es euch noch anders!“

„Oho!“ schrien sie alle durch einander, „wir ändern unsere Meinung nicht!“ und klopften dabei dem Grettir derb, vertraulich auf die Schulter.

Der Tag neigte sich nun zum Abend und es fing an dunkel zu werden. Da bemerkte Grettir, daß seine Gäste nach und nach anfingen vom Trinken schläfrig zu werden.

„Scheint es euch nicht an der Zeit, zu Bette zu gehen?“ fragte Grettir.

Þórir erwiderte mit lallender Zunge: „Mir scheint’s!“ – „Und ich werde jetzt mein Versprechen einlösen, welches ich der Hausfrau gab!“ –

Grettir ging nun aus der Stube und rief laut in der Vorflur hinaus: „Geht jetzt zu Bett, ihr Weiber, so befiehlt der Bauer Þórir!“

Die Weiber wünschten dem Grettir dafür alles Böse und ihr Jammern klang wie das Heulen vieler Wölfe.

In demselben Augenblick traten die Berserker aus der Trinkstube.

Grettir fragte sie: „Wollen wir nicht in die frische Luft gehen? Ich werde euch noch das Schatzhaus des Þorfinnur zeigen!“

Sie willigten ein.

Das Schatzhaus war ein sehr großes und festes Gebäude auf eingerammten Pfählen frei über dem Erdboden errichtet. Zu seiner Thür, die in festen Schlössern lag, führte eine breite Treppe, mit einem Geländer versehen.

Grettir schloß das Schatzhaus auf und sie traten ein.

Im Innern zeigte er ihnen die reichen Schätze. Dabei hin- und hergehend, fingen die Trunkenen an rauflustig zu werden und stießen den Grettir neckend und lachend hin und her.

Er, auf diese Scherze eingehend, wich ihren Püffen aus, indem er bald seitwärts bald rückwärts sprang.

So merkten sie es nicht, daß er allmählich sich zur offenen Thür hinzog. Und, einen günstigen Augenblick benutzend, sprang er ganz zur offenen Thür hinaus und warf diese dröhnend in das Schloß. Draußen schob er dann noch die schweren Riegel vor.

Die Trunkenen begriffen nicht sofort die Lage. Sie hielten es für Scherz, für Zufall. Und bei den mitgenommenen Fackeln besahen sie weiter eifrig die Kostbarkeiten des Þorfinnur, überlegend, wie sie alles morgen unter sich verteilen und einsacken wollten. So verging eine gute Zeit.

Grettir lief alsbald zum Wohnhause zurück und, die Hand auf der Thürklinke, schrie er aus Leibeskräften: „Wo ist die Hausfrau?“

Diese antwortete nicht aus Furchtsamkeit.

Grettir schrie weiter: „Wo sind die Waffen? – Hier ist ein guter Fang zu machen!“

Jetzt antwortete die Hausfrau: „Waffen sind schon da! Aber, wozu willst du sie brauchen?“

„Davon später!“ sagte Grettir. „Jeder thue jetzt, was er vermag, denn die Gelegenheit ist günstig!“

„Gott helfe uns in Gnaden aus dieser großen Not!“ flehte die Hausfrau. Dann sagte sie schnell: „Ueber Torfins Bette hängt der große Spieß, den Kárr der Alte trug, auch Helm und Harnisch und das kurze Schwert. Gute Waffen, wenn gut der Muth ist, der sie trägt!“ –

Grettir gürtetete das Schwert um und griff nach Helm und Spieß. Dann rannte er wieder hinaus.

Die Hausfrau befahl nun den Knechten: „Folgt jenem braven und muthigen Manne!“

Vier von ihnen ergriffen Waffen und folgten. Die anderen Vier wagten es aber nicht.

Den Berserkern wurde die Zeit in dem Schatzhause doch nun zu lang. Grettirs Abwesenheit fiel ihnen auf und sie schöpften Verdacht von möglicher Treulosigkeit und Verrat. Sie gingen zur Thür und rüttelten an derselben. Sie war fest verriegelt. Sie untersuchten nun die bretternen Seitenwände und rissen an den Planken, so daß alles krachte und knackte. Endlich gelang es ihnen, ein Loch durchzubrechen und sie kamen auf die Gallerie hinaus, von dort aus auf die Treppe. Hier kam die Berserkerwuth über sie alle und sie heulten wie Hunde.

In demselben Augenblick stürmte Grettir herbei und aus aller Macht warf er den Spieß auf Þórir, gerade als dieser über das Geländer springen wollte. Der Wurf traf und der Spieß drang dem Þórir mitten durch die Brust so wuchtig, daß er hinten zwischen den Schulterblättern wieder hinausfuhr. Hinter Þórir stand Ögmundur, sein Bruder, der vorwärts drängte. So kam es, daß der Spieß, welcher aus Thorers Rücken hervorschoß, auch ihm in die Brust ging. Beide Brüder sanken also auf diesen einen Wurf des Grettir tot zu Boden. Jetzt sprang ein jeder der Uebrigen über das Geländer, wo er gerade stand. Grettir griff einen nach dem andern an. Entweder hieb er nach ihnen mit dem Schwerte, oder er stach nach ihnen mit dem Spieß. Sie verteidigten sich, da sie waffenlos waren, mit Knütteln, welche auf dem Hofe lagen, oder, was sie sonst erraffen konnten. Und es war ihrer großen Kräfte wegen lebensgefährlich in ihre Nähe zu kommen. Da tötete Grettir ihrer zwei. Die vier bewaffneten Hausknechte kamen jetzt erst näher. Sie hatten nämlich nicht darüber einig werden können, welche Waffen ein jeder von ihnen anlegen sollte. Sie gingen nun vor, wenn die Berserker, von Grettir bedrängt, zurückwichen, ergriffen aber die Flucht, wenn jene wieder Front machten. Da waren im Ganzen nun sechs von diesen Räubern gefallen und Grettir war ihr Bezwinger gewesen. Die sechs Uebrigen flohen nach der Schiffsscheuer hin und bewaffneten sich dort mit ihren Ruderstangen. Grettir verfolgte sie dorthin. Hier in der Schiffsscheuer entbrannte noch einmal ein heißer Kampf und Grettir bekam so starke Schläge von ihnen mit den Ruderstangen, daß er nahe daran war verstümmelt zu werden.

Unterdessen standen die Hausknechte auf dem Hofe und prahlten mit ihren Heldenthaten. Die Hausfrau befahl ihnen zu gehen und nach Grettir zu sehen. Dazu waren sie aber nicht zu bewegen.

In der Schiffsscheuer tötete nun Grettir noch zwei Berserker. Die letzten Vier räumten dann auch diesen Platz und flohen nach verschiedenen Richtungen aus einander, je zwei und zwei.

Die Zwei, denen Grettir auf den Fersen folgte, flüchteten über Feld bis auf den Hof des Auðunn und verschanzten sich dort in einer Scheune. Hier entbrannte nun ein letzter, heißer Kampf; aber auch hier blieb Grettir Sieger und tötete Beide.

Er war nun völlig erschöpft und ganz steif in seinen Gliedern von der großen Anstrengung.

Die Nacht war schon stark vorgerückt. Dichte Schneeflocken fielen und es war schneidend kalt. Deshalb vermochte Grettir nicht mehr nach den zwei übrigen Berserkern zu suchen. Er ging darum nach dem Hofe Torfins zurück. Die Hausfrau hatte in den Fenstern des oberen Stockwerks Licht angezündet, damit der Heimkehrende die Richtung nicht verfehle. Dank dieser Aufmerksamkeit fand Grettir mitten in diesem Unwetter sich nach Hause.

Als er die Schwelle betrat, ging die Hausfrau ihm entgegen und bewillkommte ihn herzlich.

„Du hast,“ sagte sie, „eine rühmliche Heldenthat gethan und mich, mein Kind und unser Gesinde vor einem Schimpf bewahrt, dessen Folgen wir nie hätten verschmerzen können!“

Grettir antwortete: „Mir scheint, daß ich jetzt ungefähr derselbe Mann bin, wie gestern Abend, als ihr mich so sehr schaltet!“ –

Die Hausfrau entschuldigte sich: „Wir kannten dich noch zu wenig und wußten nicht, daß du ein so großer Held bist. Alles, was ich habe, steht zu deinen Diensten, soweit es mit Ehren geschehen kann. Aber ich weiß gewiß, daß, wenn Þorfinnur zurückkehrt, er dich für deine Heldenthat noch Bersir lohnen wird!“ – Grettir sagte: „Vorläufig ist keine Belohnung nöthig; deine Freundlichkeit aber nehme ich an! Diese Nacht, hoffe ich, werdet ihr ungestört von den Räubern schlafen können.“ –

Grettir, obwohl ihm Alles zu seiner Stärkung angeboten wurde, trank doch nur ein wenig und legte sich dann vollbewaffnet diese Nacht schlafen.

Des Morgens, als es dämmerte, bot man die Insassen der Insel auf und suchte nach den zwei noch übrigen Berserkern, die gestern Abend entschlüpft waren. Am späten Nachmittag fand man sie endlich unter einem Felsen versteckt. Sie waren aber bereits gestorben, teils vor Kälte, theils an den empfangenen Wunden.

Darauf schaffte man alle erschlagenen Berserker an den Strand und begrub sie dort gemeinschaftlich. Alle Bewohner der Insel waren nun sehr froh, daß sie von diesen Gästen befreit waren.

Als Grettir vom Strande nach Hause kam und die Hausfrau ihm entgegentrat, sang er:

„Zwölf Bäume, geknickt von meiner Hand,

Zwölf Riesen von mir in den Tod gesandt;

Was sahst du Großes in dieser Welt,

Wenn diese That dir nicht gefällt?!“ – –

„Gewiß sind nur wenige unter den jetzt lebenden Männern,“ sagte die Hausfrau, „die an Stärke dir gleichkommen!“ –

Sie nötigte den Grettir auf dem Hochsitze in der Halle Platz zu nehmen, wo sonst nur der Hausherr saß und erwies ihm damit alle Ehre. Inzwischen nahte die Zeit, wo man Þorfinnur von seiner Reise zurückerwarten konnte.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

Zum Inhaltsverzeichnis der Grettis Saga oder direkt Zum Tor

 

6,625,371 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang