Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

7. Kapitel:

Das Hünengrab.

 

Grettir wird von dem alten Karr angegriffen

Grettir wird von dem alten Kárr bei der Bergung des Schatzes angegriffen.
(Bild: Henry Justice Ford, 1902)

Þorfinnur war einer der reichsten und vornehmsten Häuptlinge in ganz Norwegen. Ihm gehörte nicht allein die ganze Haramsøya, sondern er hatte auch noch ausgedehnten Besitz auf dem Festlande. Den beiden Jarlen Eiríkr Hákonarson und Sveinn Tjúguskegg war er nahe befreundet. Im großen Rat des Landes, der Gesetz und Recht für Norwegen regelte, hatte er Sitz und Stimme und seine Stimme dort war von Gewicht. Selbst von heiterer Gemütsart, sah er gerne auch andere fröhlich, liebte gute Gesellschaft und das kreisende Trinkhorn.

Der Edelsitz, auf dem er wohnte, erhob sich nahe dem Meere in herrlichen, stolzen Gebäuden, denen die Festhalle mit den an den Wänden ausgespannten, kunstvoll gewirkten Teppichen und das feste Schatzhaus, gefüllt mit Kostbarkeiten aller Art, nicht fehlten.

Grettir fühlte sich in dieser Umgebung fremd und gedrückt, mehr geduldet als gesucht.

Þorfinnur gab dem Schiffbrüchigen, der, ohne Heimat, nicht wußte wohin? mit nordischer Gastfreundschaft das Brot an seinem Tische und die Lagerstatt in seinem Hause; aber er selbst liebte den wortkargen, linkischen, rothaarigen Gesellen nicht.

Grettir fühlte dies und zog sich noch mehr zurück. Das Weh der Fremde kam nun zwiefach über ihn. Er sehnte sich nach einem Freunde, nach Mitteilung und nach Trost. Er sehnte sich auch nach einer That, die seine grübelnden Gedanken bannen und Torfins Achtung ihm erzwingen sollte.

Beides, der Freund und die Gelegenheit zu rühmlichen Thaten, sollte sich finden.

Zu den Hintersassen Torfins auf der Haramsøya gehörte auch Auðunn, ein Bauer, schlicht und bieder, der seinen Hof Vindheim mit fleißiger Hand in bester Ordnung hielt. Hier suchte Grettir seinen Verkehr, hier ging es einfach zu, hier konnte er sich aussprechen, hier fand er Nahrung für sein Herz. Bald war er nur noch zu den Mahlzeiten in Torfins Hause, sonst aber bei Auðunn und oft bis in die späte Nacht hinein.

Eines Abends spät trennten sich Grettir und Auðunn. Sie traten aus der Pforte des Hofes. Die Luft war lind und die Nacht dunkel.

„Ich gehe noch ein Stück des Weges mit dir“, sagte Auðunn.

Indem sie hinschritten, leuchtete gegen Norden ein starkes Feuer auf, welches nicht wuchs, auch nicht abnahm, sondern mit gleichmäßiger Flamme brannte und, wie es schien, auf einem Hügel.

„Was bedeutet das?“ fragte Grettir.

„Es ist Bersir du fragst nach diesem Feuer nicht“, sagte Auðunn ausweichend.

„Bei uns in Island würden wir sagen, unter diesem Feuer liegt ein Schatz vergraben“, meinte Grettir.

„Vielleicht ein Schatz, vielleicht auch mehr als ein Schatz“, sagte Auðunn. „Es giebt Dinge, über welche der Mensch gut thut, nicht nachzugrübeln.“

„Ich bin ohne Furcht. Sage, was du weißt.“

„Nun gut! so höre.“

„Diese Flamme brennt alle Nacht, wenn die Geisterstunde anbricht, über jenem Hügel dort auf der Landzunge gen Norden. Der Hügel ist ein Grab, und dieses Grab gehört Kárr, dem Alten, dem Vater des Þorfinnur. Unter der Erde, so sagt man, sind starke Balken eingerammt, die eine Grabkammer umschließen. Dort sitzt der Tote, Kárr der Alte, auf seinem Stuhle, umgeben von seinen Schätzen. Aber seine Seele ist friedlos. Denn, seitdem er dort liegt, brennt Nacht für Nacht die Flamme auf seinem Grabe, und es spukt in der ganzen Umgegend.“

„Torfin, der Reiche, zog seinen Nutzen daraus. Ein Bauer nach dem andern, von diesem Spuk geängstigt, bot seinem Hof zum Kaufe an. Þorfinnur zahlte gut und nun gehört ihm die ganze Insel.“

„Vormals also nur der Edelhof?“ fragte Grettir.

„So ist’s!“ entgegnete Auðunn, „der Alte hilft noch nach seinem Tode dem Sohne das Erbe weiten.“

„Ich habe Lust, dieses Alten Bekanntschaft zu machen,“ sagte Grettir trocken.

„Mit solchen Dingen scherzt man nicht“, rief Auðunn.

„Mein voller Ernst“, erwiderte Grettir! „Morgen in aller Frühe bin ich in Vindheim. Halte Werkzeug bereit. Bei Tage will ich den Hügel aufgraben, bei Nacht in ihn hinabsteigen und den Alten besuchen.“

„Wag’ nicht dein Leben, Grettir!“ sagte Auðunn abwehrend, „mit Geistern kämpft man nicht. Und dann, denk’ an Torfins Zorn. Es ist seines Vaters Grab, das du anrührst. Ich rate dir: Laß davon ab!“ –

„Nur eine Probe, nichts weiter,“ sagte Grettir.

So schieden beide. Die Nacht verlief und früh am nächsten Morgen war Grettir schon zur Stelle. Das Werkzeug lag bereit.

Auðunn begleitete schweigend seinen Freund und zeigte ihm die Stelle.

Auf einer Landzunge, ins Meer sich vorstreckend, vom Gischt der Brandung umtobt, von Klippen rings umstarrt, lag das Hünengrab, einsam und ernst.

Grettir setzte den Spaten in die Erde und fing an den Boden abzuräumen. Er grub einen Schacht und arbeitete eifrig, bis er, tiefer und tiefer kommend, endlich auf Holzwerk stieß. Dieses klang beim Aufstoßen hohl und verriet darunter den leeren Raum. Inzwischen war der Tag zu Ende gegangen und die Sonne sank. Im Westen glühten auf Himmel und Meer wie im zornigen Feuer.

Auðunn hatte still dabei gestanden, ohne an der Arbeit teilzunehmen.

Grettir verlangte nun nach einer Axt, um ein Loch in die Bohlen zu hauen.

„Laß es nun genug sein,“ sagte Auðunn.

„Halbe Arbeit ist keine Arbeit!“ erwiderte Grettir.

„Unheimlich ist der Ort; die Nacht bricht an; mir graut,“ sagte Auðunn.

„Und mich gelüstet es zu sehen, was unter diesen Balken steckt. Gieb her!“ rief Grettir.

Er ergriff die hinabgereichte Axt, und unter den wuchtigen Schlägen entstand in der Bohlenlage ein Loch, groß genug, um eines Menschen Körper durchzulassen.

„Nun ein Tau!“ gebot Grettir. „Mach’s oben fest und paß gut auf, daß es nicht losläßt. Ich steige jetzt an diesem Seil hinab!“ –

„Grettir,“ bat Auðunn, „steig nicht hinab. Es kostet dir dein Leben!“

„Laß mich! Ich muß mich erkundigen, wer hier unten wohnt!“ rief Grettir. Inzwischen war es Nacht geworden. Der Wind ächzte in den Klippen, und hohl schlug die Brandung auf das Ufer. Grettir drückte seinen Körper durch das Loch im Balkenwerk hindurch und ließ sich langsam an dem Seil hinab. Ein häßlicher Modergeruch kam ihm entgegen. Endlich hatte er Boden unter den Füßen. Er ließ das Tau nun los und tastete, beide Hände vorstreckend, in der Finsternis umher, forschend, wie groß der Raum und was sein Inhalt? Nun stieß er mit dem Fuß an das Gerippe eines Pferdes, dann faßte seine Hand die Kante eines Stuhles. Auf diesem saß ein Mensch. Grettir glitt mit seinen Handflächen am Toten herab, vom Kopf zum Bart, vom Bart zur Brust, bis zu den Füßen. Die Füße standen auf einem Schrein. Er klopfte an die Wand des Kastens. Der gab einen Klang, wie von Silber.

„Der Schatz!“ sprach Grettir mit gedämpfter Stimme zu sich selbst.

Vorsichtig versuchte er nun den Schrein unter den Füßen des toten Mannes hervorzuziehen. Es gelang. Der Kasten war sehr schwer. Mit beiden Händen anpackend, trug er ihn dorthin, wo das Ende des Seils herabhängen mußte. Er fand es.

In diesem Augenblicke packte Jemand ihn, den Grettir, von hinten an. Er ließ den Kasten fallen und drehte sich um. Zwei starke Arme schlangen sich um seinen Leib, und ein kalter Hauch durchdrang ihn. Es entstand ein Kampf. Sie griffen einander nicht sanft in die Hüften und rangen miteinander. Alles, woran sie stießen, zerbrach. Der Hügelbewohner kämpfte angriffsweise, Grettir hielt sich in der Verteidigung. Endlich sah er, daß es hier gelte, seine Kräfte ganz zu gebrauchen. Nun schonte keiner von beiden mehr den anderen. Ringend zerrten sie sich hierhin, dorthin. Wo das Pferdegerippe lag, packten sie sich am schärfsten an und fielen wechselseitig in die Kniee.

Endlich stürzte der Hügelbewohner rücklings über, und unter dem Sturze gab es einen donnergleichen Krach.

Auðunn, der oben am Seile stand und horchte, glaubte, daß Grettir gestorben sei, verließ den Platz und, von Grauen überwältigt, floh er nach Hause.

Grettir war nicht tot. Er war der Sieger. Der Höhlenbewohner lag zu seinen Füßen. Nun setzte ihm Grettir das Knie auf die Brust und griff nach seinem Schwerte. Es war das Schwert Jökulsnaut, das die Mutter ihm scheidend in die Hand gedrückt. Nun sollte dieses Schwert ihm den ersten Dienst leisten. Mit seiner scharfen Schneide hieb er dem Höhlenbewohner nach dem Halse, sodaß der Kopf von dem Rumpf sich trennte. Er ergriff den Kopf und stellte ihn sorglich dem todten Manne an das Ende seines Rückens.

Nach altnordischem Glauben verhinderte diese Aufstellung des Kopfes das fernere Spuken des Toten.

Kárr, der Alte, trug ein kurzes Schwert umgegürtet. Grettir schnallte es ab und warf den Gurt um seine Schulter. Dann griff er nach dem Kasten und trug den Schatz nach dem Tauende hin. Jetzt rief er nach Auðunn hinauf. Keine Antwort! Er wiederholte lauter den Ruf. Vergeblich! Er rüttelte an dem Seil. Niemand erwiderte das Zeichen.

„Beide Hände brauche ich, sprach er zu sich selbst, um an dem Seil hinaufzuklettern! Und der Schatz? – Wie bring’ ich den hinauf?“

Tastend fand er einen Riemen in der Grabkammer. Er prüfte seine Stärke und legte ihn um den Kasten. Das Ende des Riemens aber schlang er um seinen Arm. So stieg er am Tau hinauf.

Oben wehte frisch die Morgenluft, und die Sterne erbleichten vor dem aufflammenden Frührot. Grettir reckte sich und schlug fröstelnd die Arme ineinander. Die Glieder waren ihm ganz steif geworden von dem Ringen mit dem alten Kárr. Dann zog er den Schatz an dem Riemen vorsichtig in die Höhe. Er lud den schweren Kasten auf die Schulter und ging nach Torfins Hof hin.

Hier saß der Hausherr mit seinen Leuten bereits beim Frühmahle.

Als Grettir in die Halle trat, sah Þorfinnur ihn zornig an und fragte: „Was hast du denn so Dringendes zu thun, daß du dich nach anderer Leute Speisezeit nicht richten kannst?“ –

Grettir antwortete: „Viele Kleinigkeiten fallen vor über Nacht!“ und setzte den schweren Kasten auf den Tisch. Den Deckel klappte er auf. Gold und Silber lag gehäuft darin. Dann zog er Kaars Schwert unter dem Mantel hervor und legte es oben über den Schatz.

Torfin’s Augenbrauen hoben sich, als er dieses Schwert sah; denn es war ein Kleinod seines Hauses, vererbt von Geschlecht zu Geschlecht, von hohem Alter und kostbarster Arbeit.

„Wo hast du diesen Schatz her?“ fragte Þorfinnur.

Grettir sang:

Zu deinem Ahn

Stieg ich hinab

Und holte den Schatz

Aus seinem Grab.

Die Flamme täuschte die Hoffnung nicht! –

Das wagt nur ein Mann!

Kein feiger Wicht! –

Þorfinnur antwortete: „Man sieht, vor Kleinigkeiten ist dir nicht bange, denn niemand hat bisher die Lust verspürt, jenen Hügel aufzubrechen. Aber, weil ich weiß, daß Geld und Gut, in der Erde verscharrt, schlecht angewandt sind, und weil du mir den Schatz brachtest, so will ich dir keine Vorwürfe machen.“

Und das Schwert ergreifend, welches einst sein Vater trug und so liebte, daß er es selbst im Tode nicht missen wollte, strich er zärtlich mit der Hand über die Klinge hin und sagte: „Um dieses Schwertes willen sei dir verziehen! – Es ist ein großer Schatz!“ –

Grettir sang:

Ich nahm dies Schwert

Nach rasendem Kampf

Von der Seite des Toten! –

Die kostbare Lohe der Helme,

Gieb sie zum Lohn

Dem redlichen Boten! –

Þorfinnur antwortete: „Du bittest auf schöne Weise um das Schwert. Aber bevor du es erhältst, mußt du noch eine zweite That thun, welche die Leute preisen. Mein Vater, so lange er lebte, wollte selbst mir dieses Kleinod nicht lassen! Darum nahm er es mit in sein Grab. Jetzt soll es mein sein!“

Grettir sang:

Wem dies Schwert noch wird zu eigen,

Das laß die Zukunft uns zeigen! –

Þorfinnur nahm den Schatz und setzte ihn in sein Schatzhaus, das Schwert aber hing er auf am Kopfende seines Bettes.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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