class="titel_mitte">Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

6. Kapitel:

Der Abschied.

 

Asdis überreicht Grettir zum Abschied das Schwert

Ásdís überreicht Grettir zum Abschied das Schwert Jökulsnaut.
(Bild: Wikipedia)

Verbannt! – Drei Jahre lang fern von der Heimat das Brot der Fremde essen müssen und nicht zurückkehren dürfen, weil jeder einen totschlagen kann, wie einen herrenlosen Hund, das war nun Grettirs Los! –

Er hatte den Skeggi getötet, ja, aber in der Notwehr! Skeggi hatte den Streit begonnen, hatte ihn betrügen, ihm sein Eigentum entreißen wollen, ihn dann zuerst angegriffen! Da war denn in der Notwehr der tödliche Schlag gefallen! –

Grettir war roh und jähzornig, aber er war nicht schlecht. Den Frieden des Landes hatte er gebrochen, der schützende Friede des Landes wurde ihm dafür entzogen. Auf drei Jahre mußte er ins Ausland! Das war seine Strafe! –

Ásmundur hatte im Westen der Insel auf der Hvítársíða (Gebiet nördlich der Hvítá) einen Freund, Namens Hafliði. Im Fjord lag diesem ein schön gebordetes, starkes Schiff mit welchem er des Sommers Handel nach fremden Landen trieb.

Zu Hafliði sandte Ásmundur Boten mit der Frage: „Willst du meinen Sohn, Grettir, in die Fremde mitnehmen?“

Hafliði antwortete: „Ich habe gehört, daß der Grettir schwer zu bändigen ist. Aber um unserer Freundschaft willen will ich ihn mitnehmen.“

Zur Abreise wurde nun auf Bjarg gerüstet. Der Vater wollte zur Aussteuer des Flüchtlings nichts weiter hergeben, als Kleidung und Speisevorrat, kein Geld und keine Waffen.

„Du warst mir ungehorsam und hast also keinen Anspruch auf meine Güte“, sagte Ásmundur.

„Gieb mir, Vater, wenigstens ein Schwert mit in die Welt“, bat Grettir.

„Nein!“ sagte Ásmundur, „denn ich bezweifle, daß du einen nützlichen Gebrauch davon machen wirst. Von mir erhälst du keine Waffen.“

So schieden Vater und Sohn von einander kühl und unbefriedigt. Auch das Gesinde stand bereit, Abschied zu nehmen von dem Sohne des Hauses.

Viele der Leute wünschten ihm glückliche Reise mit ihrem Munde, aber nur wenige glückliche Heimkehr in ihrem Herzen.

Nur Einer ging mit dem Verbannten noch ein Stück des Weges mit, umfaßte ihn zärtlich und sprach ihm Mut zu. Das war seine Mutter! –

„Du bist nicht so ausgerüstet zu dieser Fahrt, mein Sohn, wie ich es wünschte und wie es für einen Mann von deiner Geburt sich auch geziemt.“

„Nein, Mutter, das bin ich nicht! – Ein Freigeborener trägt ein Schwert und ich habe keine Waffe!“

„Und du wirst ein Schwert in der Fremde brauchen! Mir ahnt das“, sprach die Mutter.

Mit diesen Worten zog Ásdís unter ihrem Mantel hervor ein bis dahin verborgen gehaltenes, kurzes Schwert, eine Waffe von köstlicher Arbeit und reichte sie dem Sohne.

„Nimm hin dieses Schwert, mein Sohn. Es stammt von meinem Großvater väterlicherseits, von Jökull. Er schwang es und vor ihm die übrigen Vatnsthalmänner. Allen brachte es Sieg! Nimm hin! Auch dir mag es von Nutzen sein!“ –

„Mutter“, rief Grettir, und umschlang Ásdís unter Thränen, „Mutter, das ist ein köstlicheres Geschenk, als alle Schätze dieser Welt!“ –

„Gottes Schutz und Segen über dich, mein armes Kind!“ sagte die Mutter, ihn zärtlich an sich ziehend.

So schieden sie.

Grettir gürtete das Schwert um seine Hüften und stieg zu Pferde.

Bald lag die Heimat hinter ihm.

Ohne Aufenthalt ritt er über das Gebirge hin, bis er im Westlande bei Haflidens Hof ankam.

Der nahm ihn freundlich auf. Das Schiff lag schon segelfertig. –

„Wie groß sind deine Reisemittel?“ fragte Hafliði.

„Ich habe keine“, antwortete Grettir bitter. „Du siehst, daß reiche Leute einen armen Schlucker aus dem Hause schickten. Ich habe nur diesen Friesmantel und dieses Schwert.“

„Das Schwert,“ sagte Hafliði, und betrachtete aufmerksam die wertvolle Waffe, „ist Bersir als dein Mantel.“

Die Norne des Goldes,

Die Mutter mein,

Reicht es mir heimlich

Aus ihrem Schrein! –

Wie wäre die Welt doch so kalt und trübe

Ohne den Trost der Mutterliebe! –

So sang Grettir.

„Man sieht es deutlich,“ sprach Hafliði, „deine Mutter hat am besten für dich gesorgt.“

Die Reise begann. An Bord stiegen Hafliði, der Steuermann Bárður sammt seinem jungen, anmutigen Weibe, Grettir und 20 Ruderknechte, von denen einige auch ihre Weiber mit hatten.

Das Schiff war ein Wikinger Fahrzeug, von starken Eichenplanken zusammengezimmert, am Bord wie am hohen Vorder- und Hintersteven mit Schnitzwerk reich gezirt. Die Schilde der in den Waffen geübten Ruderknechte hingen längs Bord mit den Buckeln nach außen gekehrt als Zier. Das Schiff wurde getrieben durch Segel, und wenn der Wind ausblieb, durch Riemen. Gesteuert wurde es durch ein breites, geschnitztes Ruder, am Hintersteven rechtsseitig angebracht.

Sie steuerten um das Vorgebirge Reykjanes und nahmen dann den Kurs nach Süden. Bald versank die heimische Insel in ihrem Rücken, und vor ihnen lag das offene Meer. Der Wind frischte auf, man nahm die Riemen ein und hißte die Segel.

Grettir hatte sich auf Deck zur Seite des Rettungsbootes, geschützt gegen den Wind, ein bequemes Lager aus Friesdecken bereitet und streckte sich bequem hinauf. Die Hände unter den Kopf gelegt, starrte er hinauf in die Wolken des Himmels und hinab in die Wolken seines Herzens. Er war wortkarg und sprach mit niemand. Nur, wenn des Steuermanns junges Weib vorüberging, warf er ihr freundliche Blicke und ein heiteres Scherzwort zu, was sie beides gern annahm. Die Mannschaft bemerkte das und wechselte darüber spitze Worte. Es ärgerte sie, daß dieser Grettir, dieser Thunichtgut, Tag für Tag, so faul da lag und nicht mit zugreifen wollte. Und, wenn sie ihm darüber beißende Bemerkungen machten, so rächte er sich durch noch kräftigeres Salz. Er machte Spottlieder auf die Matrosen, denen der Stachel nicht fehlte.

Der Sturm wuchs und die See ging hoch. Das Schiff stampfte. Viel Wasser kam über, und unten im Schiffsraume zeigten sich Leckstellen.

Die Mannschaft arbeitete schwer, um des Wassers Herr zu werden. Pumpen gab es damals noch nicht. Man half sich mit Schöpfeimern. Unten gefüllt, wurden die Eimer an Stricken hinaufgezogen und oben über Bord ausgegossen. Eine saure Arbeit! Da wurden die Arme der Leute müde.

Auch jetzt noch lag Grettir unthätig da, unbekümmert um die Drangsale der andern. Nicht Spott-, nicht Drohworte brachten ihn auf die Beine.

Erst als Baards junges Weib ihn freundlich bat, er möchte mithelfen, sprang er auf und half. Ja, er stellte sich freiwillig an den schlimmsten Platz unten in den Schöpfraum und füllte die Eimer. Zwei Mann zogen sie herauf und gossen sie über Bord. Das ging wie der Wind. Aber es dauerte nicht lange, so waren die zwei Männer oben ganz erschöpft. Sie wurden abgelöst von vier Mann. Auch diese konnten kaum so schnell ausleerten, als Grettir schöpfte. Nach einiger Zeit wurden sie abgelöst von 8 Mann, Grettir bediente auch diese, und seine Arme wurden nicht müde. Nicht eher ging er vom Platze, als bis das Schiff unten ganz trocken war.

Alles staunte über Grettirs große Kraft und von Stund’ an sprach jeder mit Achtung von ihm. Die Spottlieder hörten auf und er half nun freiwillig, wo es not that.

Aber das Wetter wollte sich nicht Bersirn. Der Sturm kam stark und stärker aus Westen. Die See ging hohl. Dichter Nebel hing bis auf die Kämme der Wellen herab. Das Schiff arbeitete stark, und konnte seinen Kurs nicht halten, es trieb immer weiter nach Osten ab.

Eines Nachts bemerkten sie plötzlich, daß das Schiff mit seinem Hinterteil auf eine Klippe aufsetzte. Es gab furchtbare Stöße. Das Wasser drang stromweise durch ein großes Leck ein, und sie sahen sofort: „Wir sind verloren“!

Man machte das mitgeführte Rettungsboot flott. Die Weiber und alles Bewegliche, was man in der Dunkelheit erraffen konnte, wurden hineingebracht; dann setzte man ab.

Zum Glück war in der Nähe eine Insel mit flachverlaufendem Strande, die das Landen gestattete. Dorthin brachten sie während der Nacht ab- und zufahrend, alle Menschen mit ihren Sachen, so gut es eben ging. –

Als der Morgen graute, entstand die Frage: „Wo sind wir?“ – Einige von den Matrosen, welche in diesen Gewässern bekannt waren, sagten: „Wir sind in Sunnmøre in Norwegen“. Und als die Sonne aufging, sah man auch deutlich das Festland und zwischen ihrem jetzigen Bergungsorte und dem Festlande eine größere Insel, auf welcher die Dächer mehrerer Bauernhöfe und ein Edelsitz deutlich zu unterscheiden waren. Die Ortskundigen sagten: „Das ist ist die Haramsøya!“ Sie hatten recht. Und der stattliche Edelsitz gehörte einem mächtigen Häuptlinge, namens Þorfinnur Kársson, dem Sohne des Kárr.

Auch von hier aus hatte man die Schiffbrüchigen bemerkt. Þorfinnur befahl sofort das große Schiff in Bereitschaft zu setzen. Sechszehn Mann konnten auf ihm an jedem Bord niedersitzen und rudern. Dreißig Leute stiegen ein und ruderten durch die Brandung zu der Unglücksstelle hin. Fast alle Kaufmannsgüter wurden geborgen. Dann sank das Schiff. Þorfinnur holte nun alle gestrandeten Leute auf seinen Hof und bot ihnen mit echt nordischer Gastlichkeit Wohnung und Speise an: Hafliði, den Schiffseigner, Bárður, den Steuermann und sein junges Weib, den Grettir und sämtliche Schiffsknechte. Dort blieben sie eine volle Woche, erholten sich und trockneten ihre Waren. Dann reiste die Schiffsgesellschaft ab nach Süden und wird in dieser Saga nicht mehr genannt.

Nur einer blieb als Gast auf dem Hofe Torfins zurück. Es war der Flüchtling, der Verbannte! Es war Grettir! –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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