Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

5. Kapitel:

Die Reise nach dem Thing.

 

Man zog nach Süden, nach Þingvellir hin, wo um die Mitte des Juni aus allen Harden die Häuptlinge, die Bauern und das Volk zusammenströmten. Denn außer der gemeinsamen Gesetzesarbeit war hier Kurzweil genug zu finden.

Das Hochgebirge Tvídægra war zu überschreiten. Erst durch Wiesen, dann durch Gebüsch ging der Weg hinauf, an manchem Wassersturz vorüber, der von hoher Felsenstirn herniederdonnernd in die Tiefe schäumte. Dann ging es über nackte Felsen, der Blick ward frei und weit, und trunken sah das Auge über Feld und Wiesen hin, über die Höfe und Hütten der Menschen, welche wie zerstreutes Spielzeug tief unten zu den Füßen lagen. Und fern am Gestade blitzte auf das blaue Meer! – Bald hörten nun alle menschlichen Ansiedelungen auf. Die letzten waren die Sæterhytten, kleine Hütten, in denen der Hirte für die kurzen Sommerwochen sich einquartiert, um das Gras auf dem nahen Gebirgswiesen mit seinem Vieh abzuweiden. Endlich kam die Region des Schnees, der auch im Hochsommer den Angriffen der Sonne widersteht.

„Laßt uns eilen,“ sprach Þorkell, „schneidig weht der Wind hier oben, der Baum kriecht nur noch als Strauch zu unseren Füßen und das Moos verdrängt das Gras. Wir sind versorgt, wir haben Säcke, gefüllt mit Speisevorrath, an den Sätteln hängen; aber unseren Pferden fehlt das Futter. Bald kommt der Abstieg, dann giebt es wieder Gras und ein geschütztes Lager für uns zur Nacht!“

In der That, die kleinen Wasser rechts und links am Wege, welche bisher dem Reisenden entgegenrieselten, liefen jetzt mit ihm, ein sicheres Zeichen, daß der Kamm des Hochgebirges überschritten war, daß es nun abwärts ging. Die Sonne hatte schon den Horizont erreicht, allein sie senkte sich nicht in das Meer hinab. Es war Mittsommer und, nachdem sie funkelnd den Rand des Meeres mit ihren Strahlen übergossen, stieg sie wieder königlich am Himmel aufwärts, ohne Nacht den jungen Tag an den alten knüpfend.

Die Reisenden waren müde. Die Landschaft Fljótstunga (Ein Hof im Tal der Hvítá in der Nähe der bekannten Hraunfossar) war erreicht und ein günstiger Lagerplatz aufgefunden. Man sprang aus dem Sattel. Die Männer, vom langen Sitzen müde, reckten ihre Glieder. Den Pferden nahm man nur die Zäume ab, die Sättel nicht, und ließ sie laufen. Die einen warfen sich zur Erde und rollten sich, die anderen schlugen vor Freude hinten aus. Dann lief jedes, sein Gras zu suchen, wohin es wollte.

Die Männer lagerten um ein schnell angezündetes Feuer und bereiteten aus den mitgenommenen Vorräten die Abendkost. Dann streckte sich ein jeder hin ins Gras, mit seinem Friesmantel zugedeckt, und bald war des Reisens Last und Lust im traumlosen, festen Schlaf vergessen.

Die Sonne stand schon hoch, als sie erwachten. Von den Knechten besorgten die einen die Frühkost, die anderen gingen, nach den Pferden suchen. Von diesen hatten manche sich weit verlaufen, und das Pferd, von Grettir gestern geritten, war nun gar nicht aufzufinden. Endlich fand sich auch dieses. Aber der Sattel war unter den Bauch gerutscht und der Brotbeutel, an den Sattel geknotet, war verloren. Das Tier hatte sich über Nacht hier und da gewälzt und, wer weiß, wo nun der Ranzen lag? Doch missen ihn, das ging nicht! Für die ganze Reise war das Brot darin; bei andern war nicht viel zu borgen, da jeder nur so viel bei sich trug, als er selber brauchte, und auf dem Thingplatz gab es keine Speisehäuser, in denen man kaufen konnte.

Was thun? – Die übrige Reisegesellschaft, des Wartens müde, ritt voran, und Grettir blieb mit seinem Gaul zurück, ihn am langen Zügel führend, um kreuz und quer die Gegend nach dem verlorenen Ranzen abzusuchen.

Da sieht er einen Mann quer über die Haide laufen. Er ruft ihn an und fragt: „Wer bist du, Freund?“ –

„Skegge heiß ich, ich bin ein Knecht aus Ás im Vatnsthal und gehöre zum Gefolge des Þorkell.“

„Die anderen sind schon vorauf! – Was hält denn dich zurück?“

„Ich habe meinen Ranzen hier verloren und muß ihn suchen,“ sagt Skeggi.

„Just auch mein Geschick!“ wirft Grettir ein, „auch mein Ranzen ging über Nacht vom Sattel los und muß hier irgendwo im Grase liegen. – Laß uns gemeinsam suchen! Vereintes Leid ist halbes Leid!“

„Ich bin’s zufrieden,“ sagte Skeggi.

Sie suchten nun gemeinsam, rechts und links hinspähend.

Der Eine stieß mit dem Fuß an etwas Hartes. „Hier ist er!“ – Allein, es war ein Stein und nicht der Ranzen. Der Andere lief auf etwas Dunkles zu, das mitten auf dem Wege lag. Es war ein Erdhaufen!

So suchten sie lange vergebens.

Da setzte sich Skeggi plötzlich in den Trab, bückte sich, schrie auf und hob einen dunklen Gegenstand in die Höhe. Es war der gesuchte Ranzen! –

„Meiner!“ – rief Skeggi.

Grettir eilt hinzu, befühlt, besieht den Sack von allen Seiten und sagt: „Nein, der meinige!“ – „Ich erkenne ihn ganz genau!“ –

„Kannst du’s beweisen?“ schreit Skeggi, „denn viele Dinge sind sich ähnlich in der Welt, und doch nicht eins!“ –

„Ich schwör’s, der Sack ist mein!“ – ruft Grettir und packt ihn an.

„Wie? Du willst mein Eigenthum mir hier entreißen?“ schreit Skeggi und hält mit beiden Händen fest.

Sie fangen an den Sack hin und her zu zerren und keiner will dem andern weichen.

Grettir, fast noch ein Knabe, der Andere ein ausgewachsener starker Mann und dennoch stemmt sich Grettir und packt den Sack und hält ihn fest und weicht dem Gegner keinen Schritt.

„Du meinst“, schreit Skeggi, „Gewalt geht hier vor Recht! – Weil dein Vater reich und mächtig ist und ihr auf dem schönsten Hofe am Midjord wohnt, darum soll ich, armer Schlucker, weichen? – Ich, der Knecht!“

„Das meine ich nicht,“ ruft Grettir. „Von Rang und Ehre ist hier nicht die Rede. Ein Jeder hab und halt das Seine! Aber dieser Sack ist mein!“

„Daß doch der Auðunn hier wäre, dich zu würgen, wie letztes Frühjahr bei dem Ballspiel. Der hätt’ dich ja erdrosselt damals, wären die andern nicht hinzugesprungen! – Er hätt’s nur thun sollen!“

„Erdrossle du mich doch, wenn du es kannst! – Komm her!“

Und beide ließen nun den umstrittenen Ranzen fahren und stellten als Kämpfer sich einander gegenüber.

Skeggi griff nach seiner Streitaxt, holte aus und hätt’ den Grettir unweigerlich getötet, wenn dieser nicht mit seiner linken Hand, den Stiel der Axt packend, dicht über Skegge’s beiden Händen, mit scharfem Ruck sie an sich riß, sodaß Skeggi das Beil mußt’ fahren lassen.

Nun nimmt Grettir die dem Gegner entwundene Waffe in seine beiden Hände, holt aus und zielt nach Skegges Kopf. Er trifft und treibt die Axt ihm tief in’s Hirn, und tot fällt Skeggi nieder.

Grettir nimmt den Sack, um den der Streit entstand, es war der seine, von der Wiese auf, wirft ihn quer über den Sattel, sitzt auf und reitet den anderen Reisegefährten nach.

Skeggi war im Gefolge des Þorkell bereits vermißt worden. Als Grettir zu ihnen stieß, fragten viele: „Wo ist Skeggi?“ – „Sahst du ihn nicht?“ –

„Ein Troll hat ihn geholt! Die Axt, die Riesin des Kampfes, gähnte über seinem Kopfe. Sie biß ihn an. Ein Blutstrom quoll hervor. Und ich war bei dem Streite.“

„Ein Troll? – Du bist ein Narr! – Bei hellem, lichtem Tage wagt kein Kobold sich heraus!“

„Die Sach’ steht anders,“ sagte Þorkell. „Ich fürchte, Grettir, du hast den Mann getötet. Sprich, wie’s geschah?“

Nun erzählte Grettir wahrheitsgetreu den ganzen Vorgang. Þorkell wiegte ernst sein graues Haupt und sagte:

„Skegge war mein Gefolgsmann. Er hat Verwandte und die werden Sühne verlangen. Nun, das Geld, das sie als Buße fordern, nehme ich auf mich. Ich will es zahlen!“

Es galt auf Island nämlich nicht als Schande, für den Mord eines Blutsverwandten sich durch Barzahlung abfinden zu lassen.

„Aber,“ fuhr Þorkell fort, „wenn der Thing dich für den Totschlag mit Verbannung straft, das mußt du selber büßen, Grettir!“

„Was recht ist, will ich leiden,“ sprach Grettir.

„So steht dir’s frei“, schloß Þorkell, „entweder nach Haus zu deinem Vater zurückzukehren, oder nach dem Thing zu kommen und dich daselbst den Folgen deiner That zu unterwerfen!“

Grettir sprach: „Laß mich mit dir ziehen!“ –

Die Sache wurde von den Verwandten des Getöteten am Thing vor’s Gericht gebracht und Grettir ward verurtheilt. Drei Jahre lang sollte er außerhalb Islands leben. Und Þorkell haftete für die Vollziehung dieses Urteilsspruchs.

Der Thing war aufgelöst. Man ritt nach Hause. Die Häuptlinge nahmen den Weg über’s Sleðaás (Nordöstlich von Þingvellir, ein Bergkamm, aber kein Hochplateau), ein Hochplateau, und Grettir war mit ihnen. Hier nahm man Abschied. Aus dem Sattel springend schüttelten die Recken zum Abschied sich die Hände. Grettir stand seitwärts. Im Grase lag ein großer Feldstein und Grettir kam die Lust an, an diesem Steine seine Kraft zu proben. Er umfaßte den Stein und hob ihn in die Höhe. Alle sahen es und staunten, daß ein so junger Mensch so große Kraft besaß. Heute liegt der Stein noch an jenem Platze und wird Grettirshaf genannt.

Auch Grettir nahm hier Abschied von seinem Ohm und ritt nach Bjarg hinab. Befragt, erzählte er sein Schicksal.

Ásdís und Atli standen tief bewegt. Aber der Vater Ásmundur nahm es mit Kälte auf und sagte nur: „Du wirst ein Ruhestörer werden!“

Grettir war 14 Jahre alt, als er den Skeggi tötete.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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