Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

4. Kapitel:

Ein Besuch.

 

Der Winter, welcher dieser Begebenheit folgte, war vergangen. Die Sonne kam wieder hoch und weckte neues Leben.

Der Edelhof Bjarg lag im Frühlingssonnenschein mitten unter den Wiesen, welche frisches Grün und neue Blumen schmückten.

Da stieg von den Bergen ein stattlicher Reisezug zu Pferde herab.

Der Anführer war schon vom Alter leicht gebeugt und weiß das Haar, aber die Wange frisch und die Faust griff noch kräftig in die Zügel.

Es war Þorkell krafla Þorgrímsson, der Schwager von Ásmundur Haerulang. Ihm folgten zahlreiche bewaffnete Knechte.

Þorkell, reich und edel von Geburt, bekleidete das Amt eines Goden im Vatnsdalur. Zu heidnischer Zeit Priester und Richter in einer Person, war nach Eintritt des Christentums das Priesterrecht den Goden abgenommen und auf die christlichen Bischöfe übertragen; doch Richter und Führer ihrer Harde (dt. Bezirk) waren die Goden geblieben und genossen als solche großes Ansehn.

Der Reisezug bewegte sich auf Bjarg zu. Man wurde dort erwartet, denn die innige Freundschaft, welche beide Schwäger verband, hatte es zur festen Sitte gemacht, daß diese Besuche in jedem Frühling ausgetauscht wurden.

Ásmundur und Ásdís hießen den Goden hoch willkommen. Und er hatte sich darauf eingerichtet 3 Tage hier zu bleiben. War doch vieles mit einander zu besprechen.

„Wie geht es deinen Söhnen, Ásmundur,“ fragte der Gast, „werden sie tüchtige Männer?“

„Atli, ja,“ sprach Haerulang. „Er erfüllt, was ich von ihm gehofft. Er ist vorsichtig, fleißig und gewissenhaft, in Kampf und Arbeit wohl geübt. Er soll den Hof einst erben und wird dadurch ein reicher Mann.“

„Also auch ein nützlicher Mann und dir ähnlich,“ schloß der Gast. „Aber was sagst du von dem zweiten, was wird aus Grettir?“

Ásmundur senkte das Haupt und sein Blick ward düster.

„Nichts Gutes, fürchte ich, wird aus ihm,“ war seine Antwort. „Er ist an Kräften stark, für seine Jahre auffallend stark, aber sein Gemüt ist hart und trotzig. Er hat mir schon schweren Verdruß bereitet.“

„Das verspricht nichts Gutes,“ sagte Þorkell, „Stärke ohne Weisheit bringt Gefahr!“ –

Das Mahl in festlich geschmückter Halle war beendigt. Haus, Hof und Garten auf einem Rundgang waren besichtigt und belobt. Am Abend saßen die beiden Männer wieder im traulichen Zwiegespräch am Feuer.

„Wie halten wir es, Ásmundur, in diesem Sommer mit unserer Reise nach dem Thing?“ begann Þorkell das Gespräch.

„Manch’ Jahr gingen wir zusammen hin,“ erwiderte Ásmundur.

„Und das waren frohe Fahrten!“ versicherte Þorkell. „Wenn nach langer, eisiger Winternacht die Sonne gesiegt und festlich über den Himmel schreitet, sodaß die Nacht kraftlos in ihrem Bette liegen bleibt und ein ewiger Tag die Stunden aneinandersäumt; dann stiegen wir zu Pferde. – Es folgte der Knechte-Schaar, die Pferde hoch bepackt mit Speisevorrat für mehr als eine Woche! So ging es nach dem Thing!“

„Auf grünem Plan,“ fuhr Ásmundur aus der Erinnerung schildernd fort, „schlugen wir auf das Zelt und richteten uns ein in der lustigen Behausung!“

Von allen Seiten strömten herbei die Freunde. Es giebt ein Händeschütteln, Grüßen, Fragen. Man setzt sich hin. Das Trinkhorn kreist und besprochen wird im Freundeskreise zuvor, was später zum Beschlusse wird in dem Rat.

„Doch auch der Widersacher stellt sich ein,“ rief Þorkell, „der Feind, der uns mit finstrer Stirn den Gruß versagt.“

„So ist’s,“ bestätigte Ásmundur, „denn auf dem Thing wird jeder Streit verhandelt, der in dem abgelaufenen Jahre den Nachbar von dem Nachbar trennte.“

„Und jede Sühne wird gezahlt nach festem Recht, das, wenn auch nicht geschrieben, ein jeder kennt von seinen Vätern her.“

„Und der Lögsögumaður (dt. Gesetzessprecher) sagt, was gilt. Er ist das Gewissen und der Mund im Volke.“

„Und wenn er hat gesprochen, fuhr Þorkell fort, dann schweigt der Thing. Die festgesetzte Sühne wird gezahlt, der Streit gilt für geschlichtet, versöhnt reicht man sich die Hand!“ –

„Ja,“ sagte Ásmundur, „so war es alter Brauch auf Isenland!“ –

„Und doch zum Thing kann ich dich diesen Sommer nicht begleiten,“ versicherte Haerulang, „so gern ich’s wollte. Das Alter fordert schon bei mir sein Recht. Die weite Reis’, das bunte Leben dort, bewegt und schön, so lang man jung, doch sehr ermüdend für den Greis, der des Hauses feste Sitte liebt. Dazu die Pflicht aufzumerken auf den vorgetragenen Streit, zu prüfen der Zeugen Wort, zu wägen nach Gebühr, wer Recht, wer Unrecht hat und darnach im Gericht die Stimme abzugeben; sieh’, das leistet der alte Kopf, der müde Leib nicht mehr! – Laß mich zu Haus!“ –

„Nun gut!“ sprach Þorkell, „so gieb mir einen deiner Söhne mit! Uebertrag dein Stimmrecht! Das ist erlaubt! Der Sohn darf für den Vater stimmen. Gieb Atli mit, er ist der Aeltere!“

„Den nicht,“ sprach Haerulang. „Ich kann ihn nicht entbehren. Er ist mir, wie die rechte Hand, in Haus und Feld. Und du weißt, wie viel zu thun ist, wie es gilt, die wenigen Tage des kurzen Sommers fleißig auszunutzen! Aber den Grettir, den kannst du haben! Der wird hier leicht entbehrt, da er jeder ernsten Arbeit Feind ist.“

„Einverstanden! – So gieb mir den Grettir mit. Ich werde ihn überwachen und anleiten!“

„Oh, er ist schlau genug, mir oft zu gerieben und zu findig. Unter deinem Rath und Beistand wird er mit Leichtigkeit die durch das Gesetz gebotenen Geschäfte an meiner Statt verrichten.“

„Abgemacht!“ schloß Þorkell.

Nach Verlauf von dreien Tagen schied nun der Gode, mit manchem Gastgeschenk bedacht, welches nach Landessitte Ásmundur und Ásdís dem Schwager mitgaben.

Der Sommer war nun da und die festgesetzte Reise nach dem Thing war fällig. Nach Verabredung sprach Þorkell bei dem Edelhofe Bjarg vor, um Grettir abzuholen. Er kam mit dem stattlichen Gefolge von 60 Mann. Denn alle freien Bauern, welche unter sein Godeamt gehörten, hatten sich ihm angeschlossen, dazu die Knechte.

Grettir war bereit und stieg zu Pferde froh gemut; denn viel versprach er sich von dieser seiner ersten Reise in die Welt.

Mit herzlichen Worten nahm der Gode Abschied. Ásmundur, Ásdís, Atli und die Leute standen lange und schauten grüßend dem Zuge nach, bis er hinter den Bergen verschwunden war.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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