Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

3. Kapitel:

Das Ballspiel.

 

Grettir besiegt Audunn beim Glima

Grettir besiegt Auðunn beim Glíma
(Bild: Akranes Museum Centre, Island)

Der junge Isländer wuchs auf nicht zwischen Dach und Estrich, sondern zwischen Himmel und Erde. Von Kind an so viel als möglich ein Leben im Freien, das war die Losung. So wuchs denn ein Geschlecht heran, gestählt gegen Wind und Wetter, gegen Eis und Glut: die Glieder des Leibes vor allem beherrschen zu können, war der Erziehung Ziel. Ein wohlerzogener Jüngling mußte können schwimmen und springen, laufen und ringen, fechten und reiten. Er mußte den Speer des Gegners in der Luft auffangen und wieder auf den Gegner zurückschleudern. Er mußte ein Schwert so schnell schwingen können, daß es aussah, als wenn es drei Schwerter wären. Er mußte mit der linken Hand in allen Dingen so geübt sein, als mit der rechten.

Doch auch den Geist vernachlässigte die Erziehung nicht. Schulen freilich fehlten; aber das Haus erzog, die Kameradschaft, das öffentliche Leben. Ein Lied aus dem Stegreif dichten zu können, war für jeden jungen Isländer eben so wichtig als Schwimmen und Fechten. Aus ihnen heraus bildeten sich die Skalden welche im Besitz herrlicher Gesänge die Königshöfe von Norwegen, Schweden, Dänemark mit Ehren besuchten und köstliche Geschenke heimbrachten. Auch gesetzeskundig zu sein, galt bei einem jungen Isländer für ebenso preiswert, als tapfer zu sein.

Was der Mann mit Waffen einst zu leisten hatte, das übte der Knabe vorausbildend im Spiele.

So war allgemein beliebt das Ballspiel. Große Lederbälle wurden mit einem Schlagholz durch die Luft getrieben. Der Gegner mußte den Ball auffangen und auf demselben Wege zurückschleudern. So übte man Geschicklichkeit und Kraft.

Es war Sitte, ein ganzes Turnier auf diese Weise zu veranstalten. Die benachbarten Gemeinden kamen auf einem bestimmten Platze zusammen und ergötzten sich an dem Wettstreit ihrer Kinder. Meist geschah das im Herbst. Zuweilen länger als eine Woche blieb man zusammen und herbergte in aufgeschlagenen Zelten. Diese gemeinschaftlichen, großen Spiele waren oft der Glanzpunkt des ganzen Jahres.

Damals lebten rings um den Miðfjörður und in dem benachbarten Víðidalur auf den zerstreuten Edelsitzen folgende Jünglinge, gleichalterig, befreundet und zum Theil verwandt: Bersi aus Torfustaðir, der nicht bloß ein guter Ballspieler, sondern auch ein guter Sänger war; die Brüder Kormákur und Þorgils aus Mel; Oddur mit dem Beinamen Ómagaskáld, d. h. der einsame Skalde; die Brüder Kálfur und Þorvaldur auf Ásgeirsá; dann Auðunn auf Auðunarstaðir und die Brüder Atli und Grettir aus Bjarg.

Atli hatte für diesmal die Leitung des Spieles übernommen und er sagte zu seinem Bruder: „Grettir, du bist nun schon 14 Jahre alt und darfst auch mitspielen!“

Grettir ließ sich das nicht zweimal sagen.

Die Spielenden schieden sich in zwei Teile, in denen Mann gegen Mann je nach dem Alter und der entwickelten Kraft gepaart waren. Grettir bekam zu seinem Partner seinen Vetter Auðunn, der zwar um einige Jahre älter war, aber mit dem der 14jährige Grettir behauptete, es aufnehmen zu können.

Beide schlugen einander den Ball zu. Auðunn hatte den ersten Wurf und er trieb den Ball so kräftig über den Kopf des Grettir hin, daß dieser ihn nicht mit den Händen greifen konnte, und der Ball, weit hinfliegend, über das junge Eis rollte.

Grettir war darüber erbittert. Er glaubte, absichtlich habe Auðunn seine überlegene Stärke ihm zeigen wollen. Doch bezwang er sich, lief und holte den Ball.

Nun war der Wurf an ihm, und er hieb den Ball dem Auðunn gerade vor die Stirne, sodaß Auðunn, zurücktaumelnd, sich nach der Stirne griff, die eine schmerzhafte Quetschung zeigte.

Auðunn raffte sich auf, faßte sein Schlagholz, holte aus und schlug nach Grettir; ein wuchtiger Hieb, dem dieser, gewandt zur Seite springend, auswich.

Nun entsteht ein Ringkampf zwischen beiden. Die übrigen Jünglinge schließen einen Kreis um sie. Alle sind erstaunt, wie Grettir, der vierzehnjährige, zupackt, wie er sich stemmt, wie er dem starken, um viele Jahre älteren Auðunn sich gewachsen zeigt.

Lange bleibt der Kampf unentschieden, doch endlich fällt Grettir und Auðunn setzt ihm das Knie auf die Brust. Erbittert will er ihn würgen. Da springen die anderen zu und trennen die Streitenden. Atli und Bersi greifen dem Grettir an die Schulter und suchen den Ergrimmten zu beschwichtigen.

„Ihr braucht mich nicht festzuhalten wie einen tollen Hund,“ spricht er. „Ein Knecht beherrscht sich nicht und packt zu; aber ein Edeling bezähmt seinen Zorn und sucht in Zukunft sich die Gelegenheit. Ich werde sie schon finden.“

Der Streit wurde für diesmal beigelegt. Nach diesem Zwischenfall ging das Ballspiel friedlich fort. Ohnehin waren Auðunn und Grettir ja Vettern.

Aber alle waren darin einig, daß Grettir im Verhältnis zu seinen 14 Jahren von überraschender Stärke sei.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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