Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

2. Kapitel:

Die Kindheit.

 

Der Hof Bjarg

Der Hof Bjarg im Miðfjörður heute
(Bild: Wikipedia)

Im Norden von Island am Miðfjörður am Húnaflói zwischen schwellenden Wiesen lag der Edelsitz Bjarg. Hier hauste Ásmundur Þorgrímsson hærulangur mit dem Beinamen Haerulang, d. h. der Grauhaarige, aus vornehmem Geschlecht, denn er war dem Könige von Norwegen, Olaf dem Heiligen, verwandt. Ihm zur Seite saß sein ehelich Gemahl Ásdís Bárðardóttir, klug und fromm, häuslich und fleißig. Sie war ein Weib mit starkem Herzen. Und ein starkes Herz brauchte sie, denn sie war von Gott zu vielen Leiden bestimmt. Beiden wuchsen auf zwei Töchter und drei Söhne. Die ältere Tochter Þórdís war an den edlen Glúmur Óspaksson vermählt, den Sohn des Úspakur, welcher auf dem Edelsitze Skriðinsenni (in den Westfjorden) wohnte. Und die jüngere Rannveig war vermählt an Gamli Þórhallsson, den Sohn des Þórhallur, welcher am Hrútafjörður auf dem Gute Melar hauste. Beide verließen früh der Eltern Haus, welches nun belebt wurde durch zwei heranwachsende Söhne. Denn der Aelteste, Þorsteinn, hatte auch bereits das Vaterhaus verlassen und sich in Norwegen, wo die Familie herstammte, in Tunsberg auf einem stattlichen Hofe angesiedelt. Von diesen zwei letzten Söhnen, die noch im Elternhause aufwuchsen, war Atli der ältere, freundlich und folgsam, mild und gutherzig, des Vaters Liebling. Der Jüngere war Grettir. Er ist der Held unseres Buches. Sein Name bedeutet Schlange. Und wie die Schlange des Feldes war er klug und listig zugleich. Seine Zunge war scharf und trotzig sein Sinn, sein Wesen zu Gewaltthätigkeit geneigt. Dabei war er auch körperlich häßlich. Brennend rot sein Haar und voll Sommersprossen sein Gesicht. Bis zum zehnten Jahre blieb er klein, dann wuchs er, aber mehr in die Breite als in die Höhe und wurde der stärkste Mann auf ganz Island. Sein Vater mochte ihn nicht, aber um so zärtlicher liebte ihn seine Mutter.

„Grettir, du bist zu wenig nütze,“ sprach eines Tages zu ihm sein Vater, „und doch zu alt, um nur zu spielen. Ich will versuchen dir eine Arbeit zu geben: Geh’ hinaus und hüte die Gänse.“

„Das ist keine Heldenthat,“ sagte Grettir, „doch gut für einen Thunichtgut!“ Der Vater sagte: „Auch kleine Arbeit, gut gethan, findet ihr Lob!“ –

Der kleine Grettir zog nun aus und trieb 50 alte Gänse vor sich her nebst einer Menge von Küchlein, denn es war Frühjahr und die Brutzeit vorüber. Das that er des Sommers manchen Tag. Aber bald war das Geschäft ihm leid. Die Gänschen waren dumm und träge und wollten nicht gehorchen. Der kleine Hirte verlor die Geduld, wurde zornig und schlug mit seinem Stecken auf sie los, sodaß er täglich weniger nach Hause brachte. Knechte fanden die kleinen Gänseleichen längs des Weges liegen und brachten sie dem Vater.

Ásmundur war sehr erzürnt, mehr noch über des Knaben rohe Gesinnung, als über den Verlust; denn es war klar, nur Mißhandlung hatte den kleinen Tieren die Glieder zerbrochen.

„Man wird dir dieses Handwerk legen, Bursche!“ – sagte der Vater.

„Jemand an schlechten Thaten hindern, ist Freundschaftsdienst,“ sagte der Knabe spitz und schlenderte fort.

„Halt! Bursch! Dir ist eine andere Arbeit zugedacht, wobei die Aufsicht näher liegt!“ –

„Jemehr man sich versucht, jemehr man lernt“, sagte der kleine Grettir, und stellte sich breitspurig vor den Vater hin. – „Was soll ich thun?“ –

„Du sollst meinen Rücken am Wärmfeuer kratzen“, sagte der Vater.

„Das ist zwar gute Arbeit, dabei werden die Hände warm, aber doch mehr Weiberwerk, als Mannesdienst“, sagte der Junge.

Indessen ein strenger Blick seines Vaters zwang ihn zur Pflicht.

Ein isländisches Wohnhaus bestand um das Jahr 1000 der Hauptsache nach aus drei Teilen, aus Halle, oder Wohn- und Empfangsraum, aus Schlafhaus und Feuerhaus, oft unter einem Dach vereinigt, oft auch getrennt. Das Feuerhaus enthielt in seiner Mitte, lang und schmal ausgezogen, die Feuerstelle, in einer Vertiefung des Estrichs angelegt und mit Feldsteinen rings eingefaßt. In dem sehr holzarmen Lande brannte hier das eine Feuer für alle Bewohner des Hauses. Hier wurde das Essen gekocht. Hier sammelten sich an den langen Winterabenden Herren und Knechte, Männer und Weiber. Hier an den Seiten des Langfeuers saßen auf niedrigen Stühlen oder beweglichen Bänken, oder an der Erde hockend die Leute. Man freute sich an dem Anblick der schönen, von Alters her heilig gehaltenen Flamme. Hier erzählte man sich von den vergangenen Tagen; hier prägte man sich die Geschlechtstafeln ein; denn von edlen Vorfahren abzustammen, war diesen stolzen, freiheitsliebenden Männern und Weibern eine wichtige Sache. Hier trockneten die Männer, zurückkehrend von Jagd- und Fischfang, ihre Kleider, entblößten auch einzelne Theile ihres Körpers, um recht die wohlthuende Wärme zu genießen, und Greise ließen sich gerne am Feuer von Kindern den Rücken kratzen. –

Die Herbstabende waren nun lang und kühl geworden und man fing wieder an das Feuer zu schätzen.

„Wo ist Grettir, der Taugenichts?“ fragte eines Abends Ásmundur, am Langfeuer sitzend.

„Der Leib wird alt und träg schleicht das Blut durch die Adern! Reib mir den Rücken, Junge! Doch tüchtig! Laß mich sehen, daß du dich munter rührst!“

„Gefährlich ist es, den Kecken zu reizen,“ sagte Grettir.

„Auf keckes Wort folgt harter Schlag!“ sagte der Vater. „Auf tummle dich.“

Der Knabe, hinter dem Stuhle des Vaters stehend, sieht eine Wollkratze auf der Bank liegen, welche eine der dienenden Mägde von ihrer Tagesarbeit hier zurückgelassen hat. Er greift nach dieser Kratze und, scharf aufdrückend, reibt er die Stahlbürste auf des Vaters Rücken hin und her.

Mit einem Schmerzensschrei springt Ásmundur auf, greift nach seinem Stock und holt zum wuchtigen Schlage gegen Grettir aus; dieser aber drückt sich eilends in den Winkel.

Durch den Lärm gerufen tritt Ásdís in das Feuerhaus und fragt: „Was giebt es hier?“ –

Der Knabe flüchtet sich zur Mutter und spricht: „Du Göttin des Flachses, dort, der Goldausstreuer wollte, daß ich ihm den Rücken kratzen sollte, bis meine beiden Hände brannten. Da griff ich ihn mit ungeschnittenen Nägeln an. Die Spuren siehst du deutlich!“ –

Doch die Mutter wies ihn streng zurück und sagte: „Grettir, du hast schwer gefehlt. Als Mann noch wirst du büßen, was du an deinem Vater hier gefrevelt hast. – Geh’!“ –

Mit dieser Arbeit wars nun auch zu Ende.

Nach einiger Zeit, es war nun Winter geworden, sagte der Vater: „Grettir, du kannst die Pferde austreiben und hüten!“

Denn die Pferde auf Island sind gewöhnt, den Schnee mit ihren Hufen wegzuscharren, und das Gras, welches sich unter dem Schnee frisch erhält, zu fressen.

„Das ist kalte Arbeit, aber männlich!“ sagte der Junge.

„Besonders empfehle ich dir die Stute Kengálu, sie ist klug und führt die ganze Heerde. Die Pferde dürfen so lange draußen bleiben, als sie selber wollen. Die Kengálu ist außerdem wetterkundig und wittert schon im voraus, wenn die Flüsse anschwellen, oder wenn ein Schneesturm kommt. Dann macht sie kehrt und läuft von selber in den Stall zurück. Bisher traf ihre Witterung immer ein. Darum brauchst du weiter nichts zu thun, als auf dieses kluge Tier zu achten. Geht die Stute auf die Weide, so folgst du ihr und hütest die Heerde; bleibt sie im Stalle zurück, so schließ die Thür und bleib’ daheim.“

Grettir nahm sich dieser Arbeit an. Das Weihnachtsfest war schon vorüber. Da trat starke Kälte ein und der Schnee fiel hoch, sodaß die Pferde draußen mit ihren Füßen tief den Schnee wegscharren mußten, um zum Futter zu kommen. Dennoch verließ die Kengálu jeden Morgen von selbst den Stall und die ganze Heerde folgte ihr und alle Pferde blieben solange draußen, bis die Kengálu mit lautem Wiehern das Zeichen zur Rückkehr gab.

Das geschah meistens nicht früher, als bis es ganz finster geworden war.

Grettir ritt nebenher in einen dicken Friesmantel gewickelt und sagte: „Es ist kalte Arbeit!“ –

Am meisten ärgerte es ihn, daß er selbst dem dummen Vieh gehorchen sollte; gehen, wenn sie ging, umkehren, wenn sie wollte, frieren, wenn es ihr beliebte, anstatt zu Hause am Feuer zu sitzen.

So faßte er denn gegen dieses Lieblingstier seines Vaters einen Groll und sann auf Rache.

Eines Morgens kam er in den Stall. Es war bitter kalt draußen. Die Kengálu stand noch an ihrer Krippe und fraß. Da schwang sich Grettir auf ihren glatten Rücken, zog sein Messer aus der Tasche und zerschnitt dem Thiere kreuz und quer das Fell, sodaß Blut hervorquoll. Vom Schmerz gepeinigt schlug das Pferd so wütend aus, daß die Hufe gegen die Wände donnerten. Grettir fiel herab, aber er sprang wieder auf die Füße und trieb nun die Kengálu mit ihrem wunden Rücken in die Kälte hinaus. Die anderen Pferde folgten. Doch der Kengálu verging die Lust zu grasen, sie bog beständig den Kopf nach ihrem Rücken und versuchte sich die Wunden zu lecken. Kurz nach Mittag machte sie dann kehrt und lief sammt der Herde nach dem Stall zurück. Grettir schloß den Stall, ging ins Feuerhaus und setzte sich ans Langfeuer. Er hatte seinen Zweck erreicht.

Der Vater Ásmundur sagte: „Wir werden in Kurzem einen Schneesturm haben, die Kengálu ist heut auf Mittag schon zurückgekehrt!“

„Oft irren sich auch die Weisen!“ – antwortete Grettir.

Die Nacht verlief und der Schneesturm blieb aus.

Am andern Morgen trieb Grettir wieder die Pferde hinaus, aber wieder konnte Kengálu mit ihrem wunden Rücken die Kälte nicht vertragen und kehrte auf Mittag, ohne gefressen zu haben, zurück.

Wieder sagte der Vater: „Es wird einen Schneesturm geben!“

Und wieder blieb der Schneesturm aus.

Nun schöpfte Ásmundur Verdacht und ging am dritten Morgen selbst in den Stall.

„Die Thiere sind nicht im guten Zustande,“ sagte er zu Grettir, „obwohl der Winter milde ist. Aber du, Kengálu, bist gewiß wie immer rund und fett,“ und strich dem Thiere zärtlich über den Rücken.

Das Pferd zuckte bei dieser Berührung schmerzhaft zusammen und Ásmundur sah nun die Wunden.

„Was ist das? – Grettir! – Dein Werk? – Du böser Junge, du!“

Der Knabe antwortete mit einem hämischen Auflachen und flüchtete.

Ásmundur verließ zornig den Stall und ging in das Feuerhaus.

Die Hausfrau Ásdís saß in der Mitte ihrer Mägde, mit Wollenarbeit beschäftigt.

„Ich hoffe, Grettir hat seine Sache gut gemacht,“ sagte sie zu dem eintretenden Herrn.

„Ja, so gut, daß ich die Kengálu todtstechen muß! Das arme Tier! Der böse Bube hat ihr mit seinem Messer in den Rücken geschnitten, daß die Felllappen herunterhängen. Er hat seinen Zweck erreicht; denn mir hat er nun für lange Zeit die Lust genommen, ihm eine Arbeit zu geben.“

„Ich weiß nicht, was ich mehr beklagen soll,“ sagte Ásdís, „daß du, Ásmundur, dem Knaben stets nur solche Arbeiten auflegst, welche seinen Widerspruch reizen, oder, daß er so ungefügig ist und alles schlecht ausrichtet.“

„Das soll ein Ende haben,“ sagte Ásmundur. „Vor meinen Aufträgen ist der Bube fortan sicher. Er mag nun im Hause am Feuer liegen und verweichlichen! Aber auf freundliche Behandlung von mir rechne er nicht mehr!“ –

Als am nächsten Morgen Grettir den Vater fragte: „Was ist heute meine Arbeit?“ erwiderte Ásmundur: „Vor meinen Aufträgen bist du sicher, du Taugenichts!“

„Dann werden wir uns,“ erwiderte Grettir spöttisch, „gegenseitig keine Unannehmlichkeiten mehr zu sagen haben!“ –

So wuchs Grettir auf, kalt zurückgewiesen von einem erzürnten Vater, aber um so wärmer beschützt von einer ihn verzärtelnden Mutter.

In diesen Zwiespalt gestellt, wurde sein Herz nicht Bersir. Er mied den Aufenthalt in der Halle und hielt sich zu den Knechten. Wurde seine Anwesenheit befohlen, so war er spröde und wortkarg. Um so mehr ließ er seiner Zunge flotten Lauf, wenn er unter dem Gesinde saß. Er dichtete auch Lieder, aber meist spottenden Inhalts.

War er bis zu seinem zehnten Jahre klein geblieben, so wuchs er seitdem um so schneller; aber mehr in die Breite als in die Höhe. Seine Körperkräfte wurden sehr groß und seine Lust zu hadern noch größer.

So verübte er als Knabe noch viele Bubenstreiche, die aber hier nicht erzählt werden. Das Mitgeteilte ist genug! –

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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