Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

Gretter der Starke - Grettis Saga Ásmundarsonar

1. Kapitel:

Der Schauplatz.

 

Karte zum Buch Gretter der Starke

Karte zum Buch Gretter der Starke.
(Bild: Dagobert Schoenfeld, 1896)

Ums Jahr 1000 war Island, vom Klima mehr begünstigt, als heute, ein reich bevölkertes, wohl angebautes Land. Während das Innere Lava-Wüsten und Gletscher bis zu Gipfeln von 8000 Fuß durchziehen, von nur wenigen Reitwegen gekreuzt, breiteten sich an den Fjorden und über die grasreichen Thäler der Küste hin wohlhabende Edelsitze aus, welche bis zu 40 gut eingerichtete Gebäude hatten und auf denen bis zu 100 Dienstboten gehalten wurden.

Die Besitzer, aus norwegischem Blute stammend, waren zu der Zeit, als König Harald Hårfagre (dt. Schönhaar; regierte Norwegen von 870–933) dort anfing, die freien Bauern zu knechten, ausgewandert und hatten vor den ausbrechenden Fehden hier im Schoße der vom blauen Nordmeer umspülten Insel Zuflucht für ihre Freiheit gesucht und gefunden.

Die Blutbrüder Ingólfur Arnarson und Hjörleifur Hróðmarsson, ums Jahr 874 mit Familie und Gesinde auf Island ankommend, waren die ersten Einsiedler gewesen. Ihnen folgten 3000 Familien nach, welche das genau geführte Landnámabók sämmtlich mit Namen verzeichnet, unter diesen solche aus königlichem Geschlecht.

Ihren kampfesfrohen Muth brachten diese Norweger in die neue Heimath mit und es ging unter den Nachbarn nicht immer friedlich zu. Man bestellte sein Feld, man hütete die Heerden mit dem Schwerte an der Seite. Das weite Meer, welches in tiefen Fjorden überall in die Insel einschneidet, forderte wie von selbst zu Schifffahrt und Handel auf. Und so stand denn das sturmfeste Schiff, im Winter sorglich unter dem breiten Schuppen geborgen, neben dem wohlgepflegten Viehstall, in dem Pferde und Kühe, Schafe, Ziegen und Schweine gehalten wurden, und zum Ertrage der fleißig bebauten Erdscholle gesellte sich der Handelsgewinn aus fremden Landen. Wohlhabenheit, gar Reichthum, von geringem Steuerdruck belastet, zeichnete im Durchschnitt die Bewohner aus, sodaß ein Häuptling, auf dem Alþingi zu einer Geldstrafe verurteilt, imstande war, nach unserem Geldwert 33 000 Mark aus seinem Wams als Buße herzureichen.

Hinter den Edelsitzen lagen die Gehöfte der Bauern. Hinter den Bauern standen die Knechte, alle in Waffen geübt und bereit, auf des Herrn Wink die friedliche Arbeit zu unterbrechen, und, ein stattliches Heer, entweder die Fehde mit einem benachbarten feindlichen Geschlechte auszufechten, oder auf dem Thing, wo im Redekampf das Recht ausgeglichen wurde, die Stimme ihres Herrn und das Ansehen seiner Person durch ein gewichtiges Gefolge zu unterstützen.

Und in der That, ein weichliches und feiges Geschlecht konnte auch hier nicht gedeihen, wo Winter und Meer den Vernichtungskampf gegen alles Leben immer wieder erneuerten.

Noch hatte das Christentum, im Jahre 1000 durch den Alþingi auf Empfehlung des Ljósvetningagoði (dt. Gesetzessprecher) Þorgeir Þorkelsson als Landesreligion angenommen und eingeführt, nicht die altheidnischen Vorstellungen und Sitten überwunden; aus den Felsenschluchten kommen noch die Reifriesenund die Dämonen hervor und greifen ängstigend und vernichtend in das Leben der Menschen ein und die Waffe des alten Weibes ist noch die gefürchtete Zauberformel.

Unsere Geschichte fällt in die Periode dieser politischen und religiösen Gährung von 995–1030, wo sich das nordische Reckengeschlecht in seiner ganzen Wildheit, aber auch in seinem hohen Adel offenbarte.

In dieser Umgebung und unter diesem Geschlecht spielen sich ab die folgenden Ereignisse, nicht Sage, sondern Geschichte, in welche historische Persönlichkeiten, wie Olaf der Heilige und Michael Kalaphates von Konstantinopel eingreifen.

Von Kamin zu Kamin erzählt, vom Großvater dem Enkel überliefert, während die Winterstürme das Dach umtoben, in einem sangesfrohen Geschlecht, wird der flüssige Stoff der Ueberlieferung endlich von der schriftkundigen Hand des Snorri aus dem Geschlecht der Sturlungen ums Jahr 1200 in das geschriebene Wort gefaßt. So liegt es uns in einer Urkunde vor, deren verschwiegenen Schoß wir hier zum ersten Male für die deutsche Lesewelt aufschließen.

 

Quellen:
Text:
Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld: Gretter der Starke - Grettis saga Ásmundarsonar, Einer alten Isländischen Urkunde nacherzählt (1896).

 

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