Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Die Staatengründungen der Normannen,
während der Víkingerzeit.

 

 

Die Bewohner von Island, Norwegen, Schweden und Dänemark, welche von den festländischen Chronisten, unbekannt mit den geographischen Unterschieden, willkürlich in den Sammelnamen Nordmänner, oder Normannen, zusammengefaßt werden, waren um das Jahr 790 p. Chr. in eine fieberhafte Bewegung geraten, deren Gründe die historische Einleitung aufgedeckt hat. Das Abströmen der dort sich entbindenden Volkskräfte ergoß sich in zwei Arme, von denen der eine den Osten, der andere den Westen zum Ziele nahm. Beide fanden in der Geschichte eine Sonderbezeichnung als Austr- und als Vestr- Víking. An diesem letzteren beteiligten sich vorwiegend Isländer, Norweger und Dänen, an jenem ersteren die Schweden. Doch, nach beiden Seiten hin, überdrüssig des wurzellosen Umherschweifens, entwickelte sich die Neigung zur Niederlassung in den angegriffenen Ländern, und es kommt, hier wie dort, zu normannischen Staatenbildungen, zum Teil von bleibender Dauer.

Wenn schon die Lektüre der soeben mitgeteilten 28 Musterstücke den Leser überzeugt haben wird, daß die Víkinger nicht jenes, nur auf Zerstörung ausgehende, professionelle Raubgesindel waren, wie es in der Vorstellung gallischer Mönche lebt, sondern Männer von starken Geisteskräften und einer nicht gewöhnlichen Noblesse der Gesinnung, so soll jetzt der Hinweis auf die von ihnen gestifteten Staatenbildungen solche Überzeugung noch stärken. Denn einen Anspruch auf Anerkennung, ja auf Bewunderung, hat die Geschichte noch niemals solchen Männern und solchen Völkern versagt, welche über der Zeiten Wechsel hinaus Dauerndes zu schaffen verstanden.

Die Normannenzüge, welche auf der Linie des Vestr-Víking sich bewegten, suchten vor allem die fränkischen Küsten auf. Das ihnen näher gelegene und an Bodenschätzen so reiche Friesland, die Gegend zwischen Zuidersee und Weser, erfuhr seltener ihre Einfälle. Vor seiner weniger zerfetzten Küste lagerten damals, als schützende Wellenbrecher, 23 Inseln, heute nur 14. Und das Innere, durchschnitten von zahlreichen Gräben, war ein gefährlicher Kriegsboden. Außerdem konnte jederzeit, durch das Öffnen der Schleusen, Seewasser eingelassen werden, um den eingedrungenen Feind zu vertreiben. So wird aus dem Jahre 1009 der letzte Versuch eines Einfalles der Normannen in Friesland erwähnt. —

Anders im Frankenlande! — Hier waren nach Karls, des Großen, Tode heftige Thronstreitigkeiten ausgebrochen, welche dem Reiche doppelt gefährlich werden mußten auf Grund seiner unnatürlichen Größe und des Gemisches seiner Völker. Bietet ein, in sich zerfallendes, Reich schon genug der Lücken und der Löcher für den lauernden Feind, so begingen Karls des Großen Enkel noch dazu den großen politischen Fehler, die Víkinger geradezu herbeizurufen, in dem Wunsche, verstärkt durch deren Schwert, ihre umstrittenen Ansprüche an die einzelnen Teile der sich auflösenden Monarchie durchzusetzen.

Die Wirkung dieser falschen Politik war die erzwungene Abtretung des unteren Seinegebietes an die herbeigerufenen Normannen als eines erblichen Herzogtumes, einschließlich der Bretagne, als Afterlehn. — Erzwungen! — Denn der spätere Vertrag von St. Clair (912), welcher in diplomatischer Festsetzung das staatsrechtliche Verhältnis jenes neugeschaffenen Herzogtums begründete, war nichts weiter, als eine nachhinkende Anerkennung der von den Normannen, nach geleisteter Schwerthilfe, dann tatsächlich auf eigene Rechnung unternommenen Eroberungen im Herzen Frankreichs. —

Unter den Normannenführern, welche entscheidend wirkten bei der Einnahme der Seineinsel, auf welcher der Kern des heutigen Paris stand, hatte den hervorragendsten Anteil gehabt, Gaungu-Hrólfr. Stammend aus dem Hause eines Kleinköniges in der Landschaft Thrándheim, war er wegen gewalttätiger Erpressung von König Haraldr hinn hárfagri auf Lebenszeit verbannt, und so zu einem Seekönige geworden. Jetzt erntete jener energische Mann für sich die Früchte der gallischen Eroberungen, brach mit dem bisherigen Víkingerleben und wurde, unter dem Namen „Robert", der erste Herzog der, aus der karolingischen Monarchie ausgeschnittenen, Normandie. Mit der Meßschnur in der Hand wies er seinen getreuen Mitkämpen ihre Ländereien zu, führte die zerstörten Kirchen und Stadtmauern wiederum auf und brachte das, lange verödet gelegene, Land zu musterhafter Ordnung und neuer Blüte.

Die seßhaft gewordenen Víkinger, welche hier ihre erste Staatenbildung auf dem Westteile des europäischen Kontinentes begründen, wurden normannische Barone und schmolzen alsbald zusammen mit den dort vorhandenen Romanen, indem sie, in Glauben und Sprache, deren Kultur annahmen.

Von diesem Herzogtume der Normandie, welches unter einem strengen Regimente zu einem Musterstaate sich entwickelte, strahlen nun die werbenden Kräfte des Víkingergeistes weiterhin aus.

Zwar die Unternehmungen in Spanien führten zu keiner Staatenbildung. Im Jahre 844 schon, hinaufschiffend den Guadalquivir, dringen die Víkinger tief ein in das Herz dieses Landes. Hier aber wird jeder dauernde Erfolg, jetzt wie später, gehindert durch das ebenso wachsame, wie schneidige, Schwert der Sarazenen.

Anders endet der unternommene Vorstoß nach Norden hin. Dort fand die staatenbildende Kunst der Normannen ihren ebenso reichen, wie dauernden Lohn.

Wilhelm von der Normandie, dem der glückliche Ausgang seines Unternehmens später den Beinamen der ,Eroberer" gab, besaß, zumal er unehelich geboren war, nur sehr entfernte Erbansprüche auf den Thron von England, erledigt am 5. Januar 1066 durch den eingetretenen Tod des kinder- und energielosen Eduard. Aber Entschlossenheit und Kraft ersetzten bei dem Normannenherzoge, was an Rechten ihm fehlte.

Gegen Ende September des Jahres 1066 verläßt Wilhelm mit 50000 Mann, verteilt auf 700 Schiffe, St. Valery und landet, nach stürmischer Meerfahrt, am Michaelistage an der englischen Küste bei Pevens-ey unweit Hastings. Alsbald tritt ihm dort der Prätendent Haraldr, der Bruder der nachgelassenen Witwe Eduards, mit einer gleichstarken Heeresmacht entgegen. Indessen das Ende der blutigen Schlacht, in welcher der Prätendent Haraldr fällt, entscheidet zu Wilhelms Gunsten. An diesen Waffensieg knüpfen sich dann geschickt geführte diplomatische Verhandlungen, und der Abschluß des kühnen Unternehmens findet seinen Gipfel auf dem großen Hoftage von Winchester, am Ostertage 1070, in der Krönung Wilhelms von der Normandie, durch den päpstlichen Legaten, zum Könige von England! —

Zu einem gleich glücklichen Erfolge sollte normannischer Wagemut führen tief unten, im Süden, auf dem Fuße der Apenninischen Halbinsel und dem benachbarten Sizilien.

Die Víkinger-Schiffe waren auf dem Becken des Mittelmeeres seit lange keine unbekannte Erscheinung. Sehr bald hatten sie, die Küsten der pyrenäischen Halbinsel umschiffend, auch die Straße von Gibraltar durchbrochen, und waren in größeren und kleineren Trupps an den Gestaden Südfrankreichs und Siziliens aufgetaucht. Sodann, als mit dem Jahre 1000 die christliche Mission im Norden Europas ihren Abschluß fand, wurden die Normannen, in besonderer Weise hingegeben dem, jene Zeit beherrschenden, Geiste religiöser Schwärmerei, die eifrigsten Pilger nach Rom und nach den Stätten des gelobten Landes. Dementsprechend stark war dann auch ihre Beteiligung an den bewaffneten Pilgerfahrten der Kreuzzüge.

Auf diesen Mittelmeerwegen diente den Víkingern zu einem willkommenen Ruhepunkte der Mons-Garganus in Süditalien. In das Adriatische Meer, nach Osten hin, weit vorspringend, trug dieses Kap ein vielbesuchtes Heiligtum, geweiht dem Besieger des Lucifer, dem Erzengel MichaelHeute „Monte St Angelo" wird erreicht von Manfredonia aus. Ein Aufstieg von 800 Meter. Der kriegerische Charakter dieses Schutzpatrones mußte die kriegerisch gesinnten Nordlandssöhne besonders ansprechen, und so kamen sie, als häufig dort landende Gäste, in einen lebendigen Verkehr mit dem Süden Italiens und dessen Bewohnern, welche bewundernd aufschauten zu diesen kraftvollen nordischen Reckengestalten,

Die politische Lage Süditaliens um jene Zeit, der Mitte des elften Jahrhunderts, bot das Bild der inneren Zersetzung und des aufreibenden Bruderkampfes.

Das alte lombardische Herzogtum BeneventDie gleichnamige Hauptstadt des Herzogtumes, Benevento, im Zentrum des fruchtbaren Campanien auf einem isolierten Hügel gelegen, und umschlossen von den beiden Flüssen Sabato und Coiore, besitzt eine sehr günstige strategische Lage., welches ursprünglich den gesamten Süden Italiens mit kraftvollem Arme umspannt hielt, erfuhr, fast gleichzeitig mit der karolingischen Monarchie, seine Auflösung, und ward in verschiedene Teile zerlegt, welche in Bruderfehden einander schwächten; ein Kraftverlust, der wachsen mußte unter dem beständigen Drucke von Osten her, aus dem Schöße des byzantinischen Reiches, und von Westen her durch die Angriffe der, in Sizilien seit 827 seßhaften, Sarazenen. Aus dieser allgemeinen Verwirrung hoben sich heraus nur einige blühende Gemeinwesen, wie Salemo, Amalfi, Sorrento, Neapel, Aversa, Capua, wohlhabend durch den gewinnbringenden Handel mit der Levante; indessen auch durch eingedrungene Üppigkeit erschlafft.

Wie nahe lag nun der Gedanke für die stolzen, aber schwertentwöhnten Herzöge und Patrizier jener Gemeinwesen, zur Ausfechtung der zwischen ihnen entbrannten Fehden die kriegstüchtigen, nordischen Gäste vom Monte Gargano herbeizurufen und sich zu verpflichten! —

Zwischen einer gelegentlichen Waffenhilfe und der Erwerbung fester Wohnsitze lag aber nur ein Schritt. Die jungen nordischen Recken hatten ein Interesse, in dem schönen, sonnenbeschienenen und reichen Italien zu bleiben; dagegen die Fürsten und Bürger von Benevent und Neapel, Salerno und Amalfi mußten die Dauer der herangezogenen militärischen Verstärkungen wünschen. Das Band der Verknüpfung beider, einander suchenden, Interessen bildete aber, nach dem Rechtsmittel jener Zeit, die Belehnung mit Burg und Acker.

So erhalten wir hier die Kristallisationspunkte von sich bildenden, zunächst kleinen normannischen EnklavenDie erste Belehnung solcher Art geschah im Jahre 1029, durch Aversa; eine Stadt gelegen auf der Mitte der Verbindungslinie zwischen Neapel und Capua. Sie bildet das Zentrum der durch Fruchtbarkeit so sehr ausgezeichneten Ebene des Volturno, welche sich erstreckt vom Monte Massico, im Norden, bis zum Cap Miseno, im Süden, indem ihr Rücken gedeckt wird durch die Höhen von Caserta., die aber, aus eigener Kraft sich weitend, nur harren der starken Hände, welche zu einer Staatseinheit sie zusammenfassen sollten. Und es vollzieht sich somit auch hier, in Unteritalien, derselbe Prozeß, welchem wir auf dem Gebiete des zerfallenden Karolingerreiches begegneten; nämlich der, als Söldner und Helfer ins Land gerufene, Víking wird schließlich Herr und Erbe des Reiches! — Und diese starken und klug zusammenfassenden Hände sollten sich finden! —

Selbstverständlich war der Wettbewerb um die abschließende Frucht des Schwertes unter den Siegern selber hier ein großer. Und es konnte solch ein Prozeß der Zusammenschmelzung zerstreuter normannischer Gemeinwesen zu einem Einheitsstaate um so weniger ohne die stärkste Reibung vor sich gehen, als neben dem Wettbewerbe unter den normannischen Baronen, von denen jeder dem andern sich ebenbürtig hielt, auf dem heißen Boden Italiens noch ganz andere schwere Kämpfe zu bestehen waren, nämlich der Kampf gegen Griechen und Sarazenen, gegen Lombarden und besonders auch gegen die mächtig aufstrebende Papstgewalt! —

Daß dennoch dieses Werk gelungen ist und zwar fünfen, in der Arbeit einander ablösenden, Brüdern, Söhnen eines wenig bemittelten Ritters aus der Nor-mandie, das ist ein Ereignis ohnegleichen in der Geschichte, und zeugt ebenso sehr von vorhandener Kraft, wie von Ausdauer und einer besonders hohen staatsmännischen Begabung.

Der Ritter Tankred von Hautville auf einer kleinen normannischen Burg im Departement de la Manche hatte zwölf streitbare Söhne; doch nur für einen einzigen ein schmales Erbe. Auch in seiner Halle fehlte der Sänger nicht, welcher, nach alter nordischer Skaldenart, die Taten der Väter pries und die Jugend dadurch zur Nacheiferung spornte.

Für die Kämpfe in Süditalien blieb nun, wenn es sich um die Heranziehung stärkerer Nordlandskräfte handelte, die geographisch so bequem gelegene Nor-mandie der natürliche Ausflußort. Denn schon längst hatten die auf dem Mons Garganus, als gelegentliche Gäste, erscheinenden Víkinger die Nachfrage nach der begehrten Schwerthilfe für Neapel und Capua, für Sa-lemo und Amalfi keineswegs decken können. So erschienen denn öfters, von jenen Plätzen aus entsandte, Boten in der Normandie, kostbare Gewänder und Waffen, als Geschenke, in ihren Händen, mit dem Auftrage, tapfere Ritter zu laden.

Auf diese Ladung hin zogen denn, unter vielen andern normannischen Baronen, gen Süden, ausgestattet mit keiner andern Mitgift, als dem väterlichen Segen auf dem Haupte, dem Schwerte in der Faust und dem alten Víkingergeiste in der Brust, verlassend die kleine väterliche Burg Tankreds von Hautville, einer nach dem andern, wie sie eben schwertreif wurden, auch die vier Brüder: Wilhelm, genannt der Eisenarm, Drogo, Humfred und Robert (oder Guiscard), hin nach Süditalien.

Diese vier gelten als die Begründer der Normannen-herrschaft in Apulien, Calabrien, Sizilien; dagegen der jüngste, der fünfte Bruder, Roger und dessen Nachkommen, nämlich Roger II., Wilhelm I., Wilhelm II. und Tankred, sind als deren Baumeister zu betrachten.

Daß es diesen fünf Brüdern gelungen ist, in sich handreichender Arbeit, die zentrale Leitung innerhalb des in Süditalien sich bildenden Normannenstaates an sich zu ziehen, unter hochgespannten Verhältnissen zu behaupten und einen Staat zu gründen mit festgefügter Verfassung und einer eigenartigen, blühenden Kultur; dieses ist ein, in der Geschichte fast einzigartig dastehender, Erfolg. Denn in der knappen Zeit von nur 156 Jahren, — gerechnet von 1038, wo Wilhelm, der Eisenarm, als fahrender Ritter, in Salerno landete, bis zum Jahre 1194, wo Tankred als letzter regierender König aus dem Hause Hautville in Palermo sein Auge schloß — waren jene, mit so bescheidenen Machtmitteln auftretenden, Männer gelangt, in raschem Aufstieg, vom Ritter zum Grafen, vom Grafen zum Herzog, vom Herzog zum Könige.

Dieser von ihnen gegründete Normannenstaat in Süditalien, nicht von großem Umfange, denn er reichte, umfassend Sizilien, Calabrien, Apulien, nur von dem Kap Passaro bis hinauf zum Mons Garganus; wurde gleichwohl durch seine treffliche innere Verwaltung zu einem Musterstaate in der Geschichte des Mittelalters und gelangte zu so hohem Einflüsse, daß um sein Bündnis die konkurrierenden Mächte jener Zeit, der Hof von Byzanz, die Kurie in Rom und das deutsche Kaiserhaus, eifrig warben.

Der Hof von Palermo gehörte zu den gebildetsten jener Tage; so sehr, daß nach Petrarcas und Dantes Aussage die moderne italienische Poesie dort ihre Wiege fand, und für seinen feinen Geschmack sprechen noch heute zu uns die wundervollen Bauten der Cappella Palatina im königlichen Schlosse zu Palermo, sowie ganz besonders auch des Domes und des Kreuzganges zu Monreale.

Auch gehörte der Hof von Palermo zu den reichsten des Mittelalters; denn außer den eigenen, sorgfältig verwalteten, Provinzen zinsten ihm fast sämtliche mohammedanische Emirate auf der Nordküste Afrikas.

Solch ein glänzendes Resultat zu erreichen, gelang den Normannenfürsten vor allem durch ihre weise Anpassung an die dort im Lande vorhandenen Kulturelemente. Nämlich von 827 bis 1072, wo sie den Normannen unterlagen, also während 245 Jahren, waren die Araber die Herren auf Sizilien gewesen und hatten hier einen, nach den leitenden Ideen des Islam aufgebauten Kulturstand geschaffen. Das war ihnen um so sicherer gelungen, als nach dem Zerfalle des römischen Weltreiches die Künste und die Wissenschaften bei den Arabern eine Heimstatt gefunden hatten und selbst zu frischer Blüte gelangt waren. Ihre Universitäten zu Cordova, Kairouän, Kufa und Bagdad besaßen um das Jahr 1000, lange bevor man in Deutschland an die Gründung ähnlicher Institute dachte, in Astronomie, Philosophie, Jurisprudenz und Medizin die Führung der Wissenschaften.

Dieses, dem Quorän entstammende, geistige Leben fanden die Normannen auf Sizilien vor, als eine ihnen überlegene Kulturmacht. Daß sie dieselbe in ihrem Werte erkannten und sich freimütig nutzbar machten, war ein Beweis hoher staatsmännischer Klugheit, zumal in einer Zeit, welche von dem Geiste scharfgespannter religiöser Unduldsamkeit, und dann ganz besonders von dem Hasse gegen den Islam, beherrscht war.

Daß die Bauten der Normannenkönige in Palermo mit Hilfe arabischer Baumeister errichtet worden sind, bezeugen noch heute folgende Monumente:

1. Die Kirche S. Giovanni degli Eremiti. Sie ist die Nachbildung einer Moschee, aber angelegt in Form eines ägyptischen Kreuzes. Der Langarm ist in drei überkuppelte Quadrate zerlegt. Die Art besonders, wie hier der Übergang aus dem Quadrat in den Kreis vermittelt wird, durch je drei auf die vier Ecken gestellte Bogen, welche nach Innen sich verjüngen; ist durchaus arabisch. In derselben Weise sind überkuppelt auch die Querarme. Der Campanile hält sich in Minaretform.

2. Die zwei im Palazzo Reale aus Rogers Zeit erhaltenen Zimmer haben die konstruktiven Linien, dem Innern eines vornehmen, arabischen Wohnhauses entlehnt. Namentlich das vordere, ein von vier Säulen umspanntes Quadrat, über welchem, hochgezogen, eine Laterne, mit seitlich einfallendem Lichte, sich erhebt. — Solch ein Raum bildet noch heute stets das Zentrum jedes größeren arabischen Wohnhauses.

3. In der Cappella Palatina zeigen der Fußboden, wie das hochgespannte Paneel, auf weißem Marmorgrunde farbige Bänder, überdeckt mit Arabesken. Die musivische Technik dieser Ornamente ist sicher byzantinisch, aber die Zeichnung ist durchaus arabisch.

4. Das ehemalige Lustschloß Wilhelms II, „La Cuba", heute umschlossen von dem Hofe einer Kavalleriekaserne, bietet nur den Rest einer Wanddekoration. Aber dieses Wenige ist für unsere Beurteilung von höchstem Werte. — Die Ecken, zur Vermittlung des Überganges aus dem Quadrat in den Kreis, sind hier ausgefüllt mit tropfsteinartig übereinander geschobenen Gewölbeteilchen. — Echt arabisch! — Sodann, die Fläche selbst ist überzogen durch Arabesken vertiefter Linien, in den Stuck gelegt. Eine Technik, wie man sie in den vornehmen arabischen Wohnhäusern der Nordküste Afrikas noch heute allgemein findet.

5. Die „Zisa", ein Sommerschloß Wilhelms L, zeigt im Erdgeschoß eine in der Hauptsache noch erhaltene, herrliche Kühlhalle mit einem, der Hinterwand entquellenden, Wasserfalle. Aufbau und Wandschmuck dieses, in Kreuzform angelegten, Raumes sind vollkommen arabisch. Ja, die Art, wie das Wasser, über eine Steintreppe fallend, dann in einem musivisch ausgelegten Kanäle, unterbrochen von zwei Quadraten, durch den Fußboden der Halle geleitet wird, erinnert ganz auffallend an die gleichartige Verwendung dieses fließenden Elementes zu dem Doppelzwecke für Kühlung und für Schmuck, in den kaiserlichen Mongolenschlössern zu Agra und zu Delhi; Anlagen, welche gleichfalls auf arabischer Kunst beruhen.

6. Roger II., welcher am Weihnachtstage des Jahres 1130 in der Kathedrale zu Palermo sich die Königskrone aufsetzte, trug zu dieser Feier einen Mantel, welcher in dem Jahre 1424, auf Befehl des Kaisers Sigismund, nach Deutschland gebracht wurde, um nebst andern Reichskleinodien in Nürnberg aufbewahrt zu werden.
Dieses Pallium, gewirkt in Palermo von arabischen Seidenwebern, hatte am Saume eine breite Borte, überdeckt mit einer arabischen Inschrift in kufischen Lettern. — Selbstverständlich enthielt diese Inschrift nicht Sprüche aus dem Quorän, wie dieses auf den Festgewändern mohammedanischer Fürsten der Brauch ist, sondern nur Angaben über den Ursprung dieses Mantels und das Lob seines Trägers. — Aber die Nachahmung der mohammedanischen Sitte auf dem Krönungskleide eines christlichen Königes ist doch höchst bezeichnend für dessen Geistesrichtung. Es ist nicht nötig, dieselbe zu erklären mit GregoroviusFerdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien III, 120. — Leipzig 1895, aus dem Wohlgefallen an dem Fremdländischen, oder aus politischer Klugheit, noch aus der Freude am Mystischen. Vielmehr, der Grund dieser Ornamentierung war kein anderer, als ein rein ästhetischer. — Die kufischen Buchstaben nämlich bieten in ihrer Verbindung zu Worten, außer dem ausgesprochenen Gedanken, zugleich die Darstellung der schönsten Arabesken. Zu Spruchbändern vereinigt, bilden sie noch heute, als Zitate aus den Suren, die Friese auf den Wänden der Moscheen, zeigen sich auf Truhen und an Schmuckgefäßen, überdecken Gewandstoffe und Teppiche in Form von eingewirkten Streifen und Rosetten. So wird, in eins, dem Sinne für Frömmigkeit, wie für Schönheit, genügt! — Ich fand diese Sitte durch den ganzen Orient verbreitet bis in die mohammedanischen Mongolenschlösser am fernen Ganges. Und die Wirkung war stets eine hoch künstlerische! — Wenn demnach Roger für seinen Krönungsmantel eine Borte in diesen schönen Verschlingungen kufischer Buchstaben befahl, so zeigte er damit lediglich, daß er ein volles Verständnis sich erworben habe für das Feingefühl, innerhalb der arabischen Kunstrichtung.

Die Normannenfürsten sämtlich eigneten sich die arabische Sprache bis zur Fertigkeit in Schrift und Wort an. Die jungen Prinzen erhielten, neben katholischen Geistlichen, auch gebildete Araber zu Lehrern und Erziehern. Die Zusicherung, bei Siziliens Unterwerfung den Mohammedanern gegeben, in Bezug auf Glaubensfreiheit, selbständige Justiz und Sicherheit an Person, wie Gut, wurde ihnen treu gehalten; so daß unter Roger II. zwei Kanzleien in Palermo tätig waren, die eine zur Erledigung der mohammedanischen, die andere der christlichen Angelegenheiten. — Nicht nach Religion, Geburt und Abstammung vergaben die Normannenfürsten in ihrem Heere, wie Staatshaushalte, die Stellen; sondern nach Fähigkeit und Fleiß. Selbst wichtige Vertrauensposten bei Hofe, wie der Vorsteher der königlichen Küche, der Kommandeur der Leibwache, das Portefeuille des Finanzwesens lagen oftmals in den Händen von Muslimen.

Die Mohammedaner ihrerseits aber lohnten diese ausgleichende Gerechtigkeit durch eine warme Anhänglichkeit an das regierende Haus, so daß der Historiker Scherif-el-Edrisi sein Urteil dahin zusammenfaßt: „Die Könige von Sizilien werden allen Königen durch ihre Macht, ihren Ruhm und die Hoheit ihres Strebens weitaus vorangestellt!"

Und der Untergang dieser nur aus fünf Herrschern zusammengesetzten, so glänzenden Dynastie fand seine Ursache nicht in politischen Fehlern, sondern lediglich in dem Verlöschen des Stammes. — Sizilien hat gleich friedliche Zeiten, gleich glänzende Jahre, wie unter der Normannenherrschaft, niemals wieder erlebt! —

So waren denn, und das ist das abschließende Resultat, auf dem Strome des Vestr-Víkings, im Gebiete romanischer und germanischer Nationen, drei wirkungsvolle Staats-einheiten|durch die Normannen geschaffen worden! —

Es erübrigt für uns jetzt nur noch die Untersuchung, ob zu einem ähnlichen Resultate auch die Ausstrahlung des Austr-Víkings geführt habe?

Dieser Richtung hatten sich besonders zugewandt die Bewohner Schwedens. Denn für die dort abfließenden Volkskräfte erforderte der Weg nach Westen hin, durch Sund und Belt, eine viel zu lange und gefährliche Fahrt. Bequemere Küsten winkten ihnen in Finnland, Rußland und den baltischen Provinzen.

Durch eben diese östlichen Länder zog sich seit uralter Zeit ein vielbegangener Handelsweg, welcher die Ostsee mit dem Schwarzen Meere, die nordischen Stämme mit den Völkern des Orients verband. Er hob an in dem heutigen Riga, lief, unter Benutzung der Düna, bis in die Gegend von Witebsk, dann kurzhin, über Land, zu dem oberen Laufe der Beresina, diese hinab bis zu ihrer Einmündung in den breiten Dnjepr, nächst der Wolga der bedeutendste Strom in Rußland. Indessen, bevor dieser das Schwarze Meer erreicht, auf seinem unteren Laufe, in der Gegend des heutigen Jekaterinoslaw, stellen sich, verteilt über eine Strecke von 70 Werst, der Schiffahrt sieben Stromschnellen hindernd in den Weg, Granitdämme, welche das Strombette von dem einen bis zu dem andern Ufer durchschneiden. Sechzig Tage im Jahre, zu der Zeit des Hochwassers, liegen sie hinreichend tief unter dem Wasserspiegel und hemmen den Verkehr nicht. Sie erzeugen nur Brandung und Wirbel, welche ein geschickter Steuerer überwindet. Anders in den übrigen Jahresteilen; da treten diese Granitschichten zu Tage und müssen mit Mühe umgangen werden.

Daß jene sieben Stromschnellen nun noch heute Namen von altnordischem Ursprünge tragen, ist ein Beweis, daß dieser Handelsweg, in alter Zeit, vorherrschend in den Händen der Normannen gelegen hat.

Von dieser großen Linie, welche den Norden mit dem Süden verband, sich abzweigend, lief noch ein zweiter Handelsweg. Er hob an in Kijew, bog scharf nach Osten und endete am Ufer der Wolga in „Itil", dem heutigen Astrachan. Hier saßen die Bulgaren, welche, als Mohammedaner, mit den Kalifen von Bagdad in lebhaftem Verkehr standen. Auch auf dieser Linie bewegten sich die Normannenzüge, und wir finden ihre Schiffe im Kaspischen Meere. So tauschten sich auf diesen Handelswegen aus, in reger Wechselwirkung, die Produkte des Nordens, als Pelzwerk, Bernstein, Walroßzähne, Häute, Kupfer, Sklaven mit den Erzeugnissen des Südens, wie Perlen, Edelsteine, Seiden- und Baumwollenstoffe. Und, wie lebhaft dieser Handelsverkehr sich gestaltet hatte, beweisen die Funde von zirka 20000 Stück byzantinischer und kufischer Münzen, herstammend zum Teil aus Buchära und aus Samarkand. Man grub dieselben aus ebenso sehr auf russischem Boden, längs der Dnjeprlinie und in Nowgorod, wie rings um den Ladogasee; als auch in Schwedens Festland und auf der Insel Gottland.

Diese zahlreichen Handelsreisen der Nordmänner durch das slavische Gebiet mußten, namentlich in den Knotenpunkten des Verkehrs, auch zu dauernden Niederlassungen führen. Es entstanden auf diese Weise die skandinavischen Handelskolonien: Ladoga, an der Südküste des Ladogasees, Nowgorod, an der Nordspitze des Ilmensees, Kijew, am mittleren Dnjepr und Korsun, bei dessen Einmündung in das Schwarze Meer.

Auf solche Weise ward, im Laufe der Zeit, ein andauernder Verkehr geschaffen zwischen Normannen und Slaven.

Diese saßen damals in den westlichen Gebieten, zwischen Nowgorod, Dnjepr und Weichsel, des, von Finnen, Tataren und Slaven, in ziemlich gleichem Stärkeverhältnisse, bewohnten, europäischen Rußlands.

Als Nomaden lebend, zerfielen diese Slaven in Stämme, nach patriarchalischer Sitte von Stammeshäuptern regiert. Aber zwischen Stamm und Stamm bestand nur ein loser Verband, dafür aber viel Neigung zu Eifersucht und Streit. Mit einem stark weiblichen Zuge in ihrem Wesen, uneins, zag, und wenig kriegerisch, hatten sie in ihrer Mitte diese Normannensiedelungen mit Bewohnern, ganz im Gegenteil, kühn, abgehärtet, tätig, kriegsgewohnt und mit einem starken Zuge zur Gemeinschaftsbildung. Das gab diesen letzteren ein hohes moralisches Übergewicht, welches leicht der Weg zur Vergewaltigung werden konnte.

Allein die Normannen widerstanden hier solcher Versuchung und empfingen schließlich die, ihnen doch, zufallende, Herrschaft über die Slavenstämme durch einen Akt entgegenkommender freier Wahl.

Die Verkettung der Umstände ergab sich also! — Das neunte Jahrhundert unserer Zeitrechnung zeigt unter allen Völkern Europas das Streben nach staatlicher Zusammenfassung. Wir begegneten diesem Zuge zum Einheitskönigtume bereits in den skandinavischen Ländern, als einem wesentlichen Anstoße zur Víkinger-bewegung. Auch die Slavenstämme rings um den La-doga- und Ilmensee wurden von diesem Zuge ergriffen und wünschten sich einen Heerkönig. — Doch keiner der vorhandenen Stammeshäupter fühlte in sich die Kraft zu solchem Amte. Da stand in einer ihrer Versammlungen auf ein Greis von Ansehen, namens Gosto-mysl, und gab den Rat, sich von auswärts, aus dem Reiche der starken Normannen, einen Herrscher zu küren. Dieser Antrag ward zum Beschluß. Man fertigte eine Gesandtschaft ab nach Schweden! —

Und es entschloß sich, solchem Rufe zu folgen ein, uns weder nach seinem näheren Wohnsitze, noch nach seinen Familienverbindungen, noch nach seiner Wirtschaftslage näher bekannter, Normanne, namens Hraerekr, welcher in slavischer Umlautung zu „Rurik" wurde. Er kam, nach der Angabe des Chronisten Nestor mit seinen zwei Brüdern, Sineus und Truwor, und einem starken Gefolge auf Schiffen „von jenseits des Meeres", und trat 864 die ihm angebotene Herrschaft an, mit seinem Wohnsitze in Nowgorod. Selbst die Bedingungen dieser Wahl sind uns nicht bekannt. Es scheint, die Sache geschah auf Treu und Glauben, indem der Gewählte versprach, ebenso in Rußland zu regieren, wie das in seinem Vaterlande Schweden rechtens sei. Hier bestand aber damals eine, durch Demokratie gemilderte, Monarchie. Auf diesen geographischen Ausgangspunkt Ruriks weist auch zurück derjenige Name, welchen später das von ihm gegründete Reich in der Geschichte erhalten hat, „Rußland" und die „Russen"! — Mit dieser Bezeichnung benannte sich keiner der vorhandenen Slavenstämme, aus denen Hraerekr den Einheitsstaat schmiedete. Vielmehr so benannten allgemein, zuerst Finnen, dann Slaven, jene, von jenseits des Wassers herüberkommenden, normannischen Handelsleute und Kolonisten, das heißt: als „Ruderer", mit dem Worte „Ruotsi", oder „Rhôs"Verwandt mit dem altnord. „róa" = rudern, und róðr, plur. róðrar = Das Rudern und die Ruderer.. Auf solche Weise ist nun aus einem, von den Finnen geschaffenen, von den Slaven angenommenen, Appellativ, welches in „Rusii" sich umformte, jener Name entstanden, welcher dann später von der herrschenden Kaste überging auf das, unter den Händen dieser „Ruderer", dieser Normannen, sich bildende neue Weltreich. Als historisches Ergebnis steht demnach fest, der Normanne Hraerekr erschien nicht als Eroberer in Rußland, sondern als erwählter Fürst der Nowgorod umwohnenden Slavenstämme. Durch Eroberung gewann er erst später ein zweites Gebiet dazu, die Landschaften rings um Kijew, und wurde so, in einer siebzehnjährigen Regierung (862 bis 879), durch Zusammenschluß der erworbenen Teilstücke, der Begründer des Russischen Staates. —

Es ist wohl selbstverständlich, daß der Gründer dieses jungen Reiches, wie auch seine Nachfolger, zu ihrer eigenen Stärkung, nach und nach, eine größere Anzahl von Stammesgenossen heranzogen, so daß nicht nur ihre Leibwache stets aus Normannen bestand, sondern auch die leitenden Stellen im Staate in deren Händen lagen.

Auf ihn, den glücklichen Stifter, folgte ein Mehrer des Reiches, der Normanne Helgi, slavisiert Oleg (879 bis 912), als Verwandter und Vormund des minorennen Ruriksohnes „Igor". Er erhob das, zentraler gelegene, Kijew zur Reichshauptstadt und stellte die entfernteren Provinzen unter Statthalter von normannischem Blute; also unter Beamte, abhängig von der Krone, die nicht wie, in ihren Lehnen sitzende, mächtiger und mächtiger werdende Vasallen schließlich der Regierung unbequem, ja gefährlich werden konnten.

Igor Rurikowitsch bewahrte, zur Herrschaft gelangt, in einer 33jährigen Regierung (912—945) die Integrität des Reiches.

Und sein Sohn Swâtoslaw (945—972), ein echter Víking, kriegs-und wanderlustig, der stets im Freien schlief, den Sattel unter dem Kopfe, und nur von Pferdefleisch sich nährte, hauste am liebsten an der Donau, inmitten seiner wilden Bulgaren; überlassend, auch nach erlangter Großjährigkeit, die Regierungsgeschäfte meistenteils seiner staatsklugen Mutter Helga (Olga). —

Diese Reihe tüchtiger Fürsten aus normannischem Blute gipfelte in Wladimir (972—1015), welcher den Namen des Großen sich erwarb und den des Heiligen erhielt. Er nahm das Christentum an für seine Person und auch für das Reich, in der Erwägung, daß die übrigen Staaten Europas durch eben jene Religion an Kultur und Geisteskraft gewonnen hätten.

Bei seinem Tode stand Rußland, bereits bündnisfähig und gesucht, in enger Beziehung zu den tonangebenden Höfen Europas. Wladimir selbst hatte zu seiner fünften Gemahlin die griechische Prinzessin Anna, eine Schwester der Theophania, Kaiser Ottos II. Gattin. Seine älteste Tochter, Predslawa, war vermählt an den König von Böhmen; die zweite Tochter, Premislawa, an den König von Ungarn; die dritte, Maria, an Kasimir von Polen, und sein Adoptivsohn, Swjatoslaw, heiratete des Polenkönigs Boleslaw Tochter.

Dennoch folgte auf diese glänzende Zeit unter Wladimir für Rußland eine Periode der Machteinbuße. Ja, erschöpft durch inneren Hader, wurde das Reich 1224 eine Beute der, aus Hochasien einflutenden, Mongolen. Und volle 250 Jahre dauerte diese Abhängigkeit, währenddem der Großfürst zu Kijew, als ein Lehnsmann, zu Zinsen hatte an den, in Zelten an der unteren Wolga sitzenden, Groß-Chan der Mongolen.

Diese Machteinbuße war hauptsächlich die Folge eines verderblichen politischen Prinzips.

Jene Zeit betrachtete, und nicht bloß in Rußland, das Staatsgebiet als ein Familiengut des Herrscherhauses, an welches jeder der Söhne gleichen Erbanspruch erhob. Dieser Rechtsauffassung folgend, zerlegte auch Wladimir sein Reich in Teilstücke und verteilte solche unter seine Söhne, als Teilfürsten, mit dem Auftrage, untereinander einen Bundesstaat zu bilden, mit der Spitze in Kijew, wo der älteste, als Großfürst, residieren sollte.

Allein, dieser Aufbau war viel zu künstlich, und das Verhältnis der Teilfürsten untereinander, sowie zu dem Großfürsten, viel zu unbestimmt; als daß nicht heißer Streit daraus entstehen mußte, welcher das regierende Haus zerriß und die Kräfte des Landes schwächte. Erst später, nach bitteren Erfahrungen, entwickelte sich auch für Rußland das gesundere staatsrechtliche Prinzip, daß Staaten nicht, gleich Privaterbschaften, geteilt werden dürfen, daß man die vorhandene Kraft zusammenhalten müsse, und nach dem Rechte der Primogenitur die Thronfolge zu geschehen habe! —

So liegt uns denn dieses Endergebnis vor! — Auch die Ausstrahlung des Austr-Víkings nicht minder, wie die des Vestr-Víkings, hat zur Bildung eines Staats geführt, und zwar eines solchen, dessen Stimme noch heute im Konzerte der europäischen Mächte von Gewicht ist! —

Alle diese normannischen Staatengründer, Rurik, Gaungu Hrólf, Wilhelm, der Eroberer und die fünf Söhne aus dem Hause Hautville waren Zeit- und Stammesgenossen jener Männer, welche in den dargebotenen achtundzwanzig Þaettir an den nordischen Königshöfen uns begegneten. Alle waren sie Víkinger, keineswegs nur ausgehend auf Raub und Zerstörung, sondern bereit auch zu pflanzen und zu pflegen. — Unter ihren Händen entstanden nicht bloß Trümmerhaufen, sondern auch Staaten; und kraft ihrer staatsmännischen Einwirkung erwachten ganze Völker, slavische, germanische, romanische, zu neuem Leben! —

Wenn bei dem Auftreten der Víkinger auf der Weltbühne die gallischen Mönche in ihre Sonntagsliturgie das Gebet einflochten: „Libera nos a furore Normannorum", so findet im Gegenteil die Geschichte begründete Ursache, dieses Auftreten zu preisen, und die, heute noch in der Politik lebenden, Spuren ihrer staatsmännischen Schöpfungskraft lobend anzuerkennen.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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