Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit der beiden Könige:
Eysteinn Haraldsson (1142—1157) und Sigurðr Haraldsson munnr (1136—1155):
Von Einar Skúlason, dem Skalden.

 

 

Einar SkúlasonEinar Skúlason, entstammend einem vornehmen Geschlechte Islands, und selbst von hochherziger Gesinnung, ist der bedeutendste Dichter seines (des zwölften) Jahrhunderts. Geboren ca. 1090, kam er nach Norwegen bereits 1114 und war hier während eines halben Jahrhunderts der Freund aller regierenden Fürsten, als Sigurðr Magnússon, des Jerusalemfahrers (1103—1130), Haraldr gilli (1130— 1 136), Sigurðr Haraldsson munnr (1136—1155). Auch besuchte er die Höfe von Schweden und Dänemark. Von ihm sind außer zerstreuten Versen, wie z. B. die in dieser Erzählung mitgeteilten, erhalten fünf größere Arbeiten, wenn auch stark abgebröckelt: 1. Oláfs-Drápa. 2. Drápa auf Sigurðr, den Jerusalemfahrer. 3. Drápa auf Haraldr gilli. 4. Zwei Gedichte auf Eysteinn Haraldsson (1142—1157). 5. Ein Gedicht auf Íngi Haraldsson krypplingr (der Gebrechliche) 1136 bis 1161. — Einar verlebte nach mannigfachen Wanderungen und einem Leben, durchsättigt von Erfolg und Ehre, seine letzten Jahre in Norwegen und scheint auch hier gestorben zu sein. befand sich in dem Gefolge der beiden königlichen Brüder Sigurðr und EysteinnEs waren das die Brüder Eysteinn Haraldsson (1142 bis 1157) und Sigurðr Haraldsson munnr (Mund) (1136—1155); denn die Abfassung der hier genannten, berühmten Oláfs-Drápa fällt nachweislich in das Jahr 1152! — Nachdem in der Schlacht bei Ulstr, in Irland, den 24. August 1103, König Magnús Oláfsson berbeinn (Nacktfuß) gefallen war und das hinterlassene Reich Norwegen an seine drei, noch minorennen Söhne: Eysteinn (t 1122), Sigurðr, der öfter genannte Jerusalemfahrer (f 1130), und Oláfr (f 1115) übergegangen war, setzte sich die Reichsteilung fort, nicht zum Nutzen des Landes. von denen der König Eysteinn sein besonders warmer Gönner war. Dieser gab ihm eines Tages den Auftrag, König Oláfr Haraldsson helgi in einem Lobliede zu besingen.

Er dichtet ein solches und brachte es zum Vortrage in einer christlichen Kirche, im nördlichen Teile der Landschaft Thrändheimr. Dabei ereigneten sich Wunderzeichen. Ein köstlicher Wohlgeruch durchflutete den Kirchenraum. Und die Leute waren überzeugt, in diesem Wohlgeruche läge eine Hindeutung von seiten des verklärten Fürsten darauf, daß ihm dieses LobliedDieses Gedicht „Oláfs-Drápa", führt auch den Namen „geisli" = Strahl, weil darin König Oláfr helgi aufgefaßt wird als ein Gnadenstrahl aus dem Schöße Gottes an die Menschheit. Abgefaßt im Sommer 1152, ist es des Skalden beste Arbeit und uns fast ganz erhalten. gar sehr gefallen habe. Eysteinn schätzte den Einar hoch, und ernannte ihn zu seinem Hofmarschall.

Eines Tages nun hatte der König bereits an der Tafel Platz genommen, doch Einar war nicht pünktlich zur Stelle; denn er hatte sich in das Nonnenkloster zu Bakki begeben. Dafür tadelte ihn der Fürst mit folgenden Worten:

„Straffällig bist du geworden, weil du nicht bei Tische erschienst, obwohl du doch des Königs Skalde bist. Ich werde dich auch mit nichten von dieser Strafe lösen, es sei denn, du dichtest mir einen Vers, und bist mit demselben fertig, bevor ich hier mein Trinkhorn ausgeleert habe!" — Da sprach Einar, aus dem Stegreif, folgende Strophe:

„Von Sünden mich lösen,

Das taten,

Zu Bakki, die heiligen Fraun;

Doch ließen

Den biederen Marschalk

Nicht einen Bissen

Sie schaun! —

Da schwanden uns

Freuden und Wonnen

Bei Abadisse und Nonnen!" —

Mit diesem Verse war der Fürst wohl zufrieden.

Auch von dem Könige Sigurðr wird folgendes erzählt. Derselbe befand sich einst in Bergen, als dort in der Stadt Schauspieler eingetroffen waren. Einer von diesen, namens Jarllmadr, hatte an einem Freitage ein Ziegenlamm gestohlen und verspeist!Ein doppeltes Vergehen, da der Freitag allgemein damals als strenger Fasttag innegehalten wurde. Zur Strafe dessen ließ der König ihn ergreifen, und der Dieb sollte nun dafür Rutenstreiche erhalten.

Einar kommt hinzu und spricht: „Was habt ihr hier vor mit meinem Kameraden Jarllmadr?" —

Darauf der König: „Das magst du selber bestimmen. Einen Vers sollst du dichten. Und so lange Zeit, als du zu dem Gedichte brauchen wirst, so lange sollen auch die Stockschläge auf den Schauspieler fallen!"

„Ei, da wird Jarllmadr wünschen, daß nicht allzu schwer es mir werde, Wort und Reim zu finden." — Fünf Hiebe hatte der Wicht bereits erhalten, da erklärte Einar: „Mein Gedicht ist fertig!" — Und folgende Strophe sprach er:

„Jarllmadr, der Fiedler,

Erwischte ein Lamm

Im Hofe des Bauern! —

Nun mußt du bedauern.

Wortreicher Wicht,

Dein saftig Gericht! —

Die Freuden erbleichen

Bei wuchtigen Streichen!" —

Ebenfalls, zu Bergen, da begab es sich eines Sommers, daß Ragnhildr zur Stadt kam. Vermählt dem Páll Skaptason, war sie ein prachtliebendes Weib. Sie machte diese Reise auf einem Langschiffe und fuhr so stattlich daher, gleich wie ein Herse. — Nach einigem Aufenthalte in der Stadt Bergen rüstete sie wiederum die Heimreise.

Der König stand gerade auf der Ladebrücke und sah ihre Ausfahrt mit an. „Welcher meiner Skalden befindet sich hier zur Stelle?" fragt der Fürst.

Da tritt Snorri BárðarsonVon diesem Dichter ist außerdem, daß er aus dem Selárdalr, in den Westfjorden Islands, stammte, nichts bekannt. vor. Indessen dieser war kein sehr schnell findender Dichter, und verband auch diesesmal nicht so hurtig Wort und Reim, als der König das wünschte.

Da sprach der Fürst: „Schneller würde das gehen, wäre Einar hier bei uns." — Dieser hatte sich indessen ein wenig aus den Augen des Königs entfernt.

„Ist Einar in der Stadt, so hole man ihn herbei!" — Der Skalde erscheint und tritt auf die Ladebrücke.

„Willkommen, Skald!" ruft der Fürst. „Sieh einmal, da, diesen stattlichen Aufzug, welchen jene Frau sich bereitet hat! — Mache ein Gedicht darauf, und sei mit demselben fertig, bevor ihr Schiff jene Insel dort passiert!" — „Doch nicht ohne Lohn! —?" erwidert Einar.

„Welchen Lohn verlangst du?" fragt der König. — „Du sollst dich verpflichten und mit dir sechs deiner Kavaliere hier, eben die, welche dir, zur Seite, am nächsten, stehen, daß jeder von ihnen je eine Zeile meines Liedes im Gedächtnis behalte. Mißlingt das euch, so verehrt mir gerade so viele Schüsseln voller Honig, als der Verszeilen ihr nicht behalten habt!" — „Abgemacht!" sagte der König. — Dann rezitierte Einar sofort folgende Strophe:

„Die hohle Welle furcht der Kiel

Und trägt ein stolzes Weib.

Aus vollen Backen bläst der Süd

Und schwellt des Segels Leib.

Ob du die Welt durchwandert hast,

Nie trug ein Schiff,

So süße Last!" —

Da sprach der König: „Die erste Zeile von deinem Liede habe ich behalten: „Die hohle Welle furcht der Kiel." — Ja, helf Gott, auch die letzte behielt ich noch. Sie lautet: „Nie trug ein Schiff so süsse Last."

Aber, was dazwischen in der Mitte stand, nein, das wußte niemand, weder der König, noch einer seiner Hofgesellen! — Einar blieb lange in des Fürsten Gefolge, und ward von allen Kavalieren hochgeehrt!

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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