Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit der beiden Könige:
Eysteinn Haraldsson (1142—1157) und Sigurðr Haraldsson munnr (1136—1155):
Von dem Könige Eysteinn und Ívar.

 

 

Die folgende kleine Erzählung mag uns abspiegeln, was für ein Prachtmensch König EysteinnEs ist dieses Eysteinn Magnússen, welcher über Norwegen regierte von 1103 bis 1122. war, voller Güte und Fürsorge, bemüht, bei seinen Lieblingen ihres Kummers Quelle aufzufinden.

In des Königs nächster Umgebung befand sich der Isländer Ívar IngimundarsonÍvar Ingimundarson, der Skalde, aus vornehmem Geschlechte, verrät in den wenigen Bruchstücken, welche von seinen Gedichten erhalten sind, einen eigentümlich wehmütigen Ton; ein Zug, der wohl mit der hier mitgeteilten bitteren Lebenserfahrung zusammenhängt. Sein dichterischer Glanz ist nicht groß, sein Stil etwas trocken. Er dichtete Lieder auf König Magnús Oláfsson berbeinn, Sigurðr, den Jerusalemfahrer, und seinen Gönner König Eysteinn Magnússon, welche aber sämtlich nur in Fragmenten vorliegen. Das hier Erzählte fällt vermutlich in die Jahre 1112—1118., ein Edeling, von reichem Wissen, dazu ein geübter Skalde. Der König schätzte ihn hoch, und beehrte ihn mit seiner persönlichen Zuneigung, wie die jetzt folgende kleine Erzählung dafür den Beweis gibt.

Thorfinnr, Ívars Bruder, verließ ebenfalls Island, um König Eysteinn zu besuchen, und fand bei Hofe eine sehr freundliche Aufnahme um seines Bruders willen. Aber, das mißfiel dem jungen Manne, daß er, nicht um seiner selbst willen eingeschätzt wurde, sondern nur der Nachtreter seines Bruders sein sollte. Aus diesem Grunde zerfiel er mit dem Könige und rüstete die Heimkehr nach Island.

Doch, bevor die Brüder sich trennten, gab Ívar noch einen Auftrag dem Thorfin. Er solle sein Wort überbringen an Oddný, Jóans Tochter. Sie möchte auf ihn warten, und sich nicht verheiraten; denn unter allen Frauen schätze er sie am höchsten! — Darauf reiste Thorfinnr ab, kam glücklich in Island an, und faßte hier den Entschluß, selbst um Oddný zu werben, welche er auch erhielt.

Kurze Zeit später steigt Ívar in Island aus, und erkundet das Vorgefallene. Ihn bedünkte es, Thorfinnr hätte wie ein Schurke an ihm gehandelt! — Tiefgekränkt, kehrte er zum Könige Eysteinn zurück, und wurde ebenso freundlich von demselben aufgenommen, wie zuvor. — Ívar blieb auch hier sehr unfroh.

Der König merkte dieses, beschied Ívar zur Zwie-sprach, und forschte nach dem Grunde seines Mißvergnügens.

„Bei deiner ersten Anwesenheit hier hatte ich große Freude an deiner Unterhaltung. Nicht besorge ich, in irgend einer Weise dich verletzt zu haben. — Das geschah sicherlich nicht; ich weiß es! — Auch bist du ein viel zu verständiger Mann, um Kleinigkeiten übelzunehmen. Darum sag' mir, was quält dich?" — „Herr, den Grund kann ich nicht freiheraus bekennen!"

„Nun, so muß ich ihn wohl zu erraten suchen! — Sind es etwa Männer, welche dir hier mißfallen?" — „Nein, Herr!" —.

„Meinst du vielleicht, geringere Ehre von meiner Seite zu haben, als du wünschtest?" — „Das ist es nicht, Herr!" —

„Sahst du etwa irgend einen Gegenstand, hier im Lande, der dir so sehr gefiel, daß du ihn besitzen möchtest?" — „Nein, Herr! — Auch das nicht!" —

„Ja, nun wird es schwierig mit meinem Raten", spricht der König. — „Wünschest du dir die Verwaltung eines Landgutes?" — „Auch das nicht!" —

Dann fährt der König fort: „Sind es etwa Frauen in deinem Heimatlande, nach denen dein Sinn steht?" — „Ja, Herr, das ist es!"

„Nun denn, darüber sei nicht so unfroh! — Sobald der Frühling kommt, fahre du nach Island. Ich statte dich aus mit Hab und Gut, und gebe dir Brief und Insiegel als Empfehlung an Männer von Gewicht. — Welche das sind, weiß ich noch nicht; aber von allen steht zu erwarten, daß sie meine Worte respektieren werden, seien es nun Lob- oder Scheltworte, um dir das gewünschte Weib zur Ehe zu geben!"

Darauf antwortet Ívar: „Das kann mir nichts frommen!"

„Warum denn nicht?" — erwidert der König. „So will ich nachdrücklicher reden! — Ja, wenn auch ein anderer Mann jene Frau schon besitzen sollte, so werde ich es doch durchsetzen, und sie wird dein eigen!" — Ívar entgegnete hierauf: „Um vieles schwieriger, Herr, liegt der Fall. Der Gatte jenes Weibes ist mein leiblicher Bruder!" —

„Dann müssen wir abschwenken!" sagte der König. „Und doch weiß ich noch einen Rat. Nach dem Weihnachtsfeste unternehme ich eine Reise. Auf ihr stehen Festlichkeiten in Aussicht. Begleite mich! — Dort wirst du manch ein liebreizendes Mädchen zu sehen bekommen. Und, sind es nicht gerade Königskinder, werde ich um diese, oder jene, für dich werben!" —

Ívar erwiderte. „Herr, das würde meinen Zustand nur verschlimmern; denn immer, sobald ich schöne Frauen erblicke, muß ich jenes verlorenen Weibes gedenken! Und darüber wächst dann alle Male mein Kummer!"

„So will ich dir Vogtei und Land überweisen, wie ich bereits früher vorschlug! — Das wird dich zerstreuen!" — „Davon werde ich nicht froh!" sagte Ívar.

„So schenke ich dir Geld und Geldeswert, nimm es und befrachte ein Kaufschiff zum Besuche fremder Länder, wohin es dich treibt!" — „O, nein! Dahin steht nicht mein Sinn!"

„Nun ist meine Kunst am Ende! — Was in meiner Macht stand, das habe ich versucht! — Doch, nein, ein Mittel bleibt mir noch; nimmt es sich gleichwohl sehr unbedeutend aus neben den Dingen, welche ich bereits dir anbot! — Indessen, vielleicht schlägt gerade dieses am meisten an. — So höre denn! Rücke von jetzt ab täglich, sobald die Tafel aufgehoben ist, in meine Nähe. Sind es nicht gerade dringende Staatsgeschäfte, die mich beanspruchen, so plaudern wir, und du und ich, wir beide sprechen dann über jene Frau, alle Wege, was und wie du immer willst. Dazu will ich mir die Muße nehmen! — Denn das pflegt bisweilen den Leuten das Herz zu erleichtern, wenn über den Gegenstand ihres Kummers mit ihnen gesprochen wird! Dieses Rezept wollen wir nun befolgen. Und halt! —Jedesmal, wenn wir miteinander also geredet haben, dann nimmst du ein Geschenk von mir heim!" — „Ja, Herr, das will ich", sagte Ívar; „und habe Dank für deine große Huld!" —

So geschieht es nun. Sobald nicht Staatsgeschäfte den König beanspruchen, hält er oftmals Zwiesprach mit Ívar über jene Frau. Und diese Praxis wirkte. — Ívars Kummer legte sich schneller, als man erwartete.

Nach und nach erheiterte sich sein Sinn, und er wurde derselbe frohe und zu Scherzen aufgelegte Mann, welcher er in früheren Zeiten gewesen war. — Ívar trennte sich nicht mehr von König Eysteinn.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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