Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit der beiden Könige:
Eysteinn Haraldsson (1142—1157) und Sigurðr Haraldsson munnr (1136—1155):
Von dem Gull-Ásu-Thórðr.

 

 

Während der Regierungszeit des Königs EysteinnEysteinn Magnússon, regiert über Norwegen von 1103 bis 1122. welcher ein Sohn war von König Magnús berbeinn (d. h. Nacktfuß), kam aus Islands Ostfjorden herüber nach Norwegen ein Mann, namens Thórðr, wenig begütert. Doch seine schöne Gestalt zeugte von Kraft und ließ seine geringe Abstammung nicht ahnen. Dazu war er von gewandtem Wesen und ein guter Skalde! — Gelandet in Niðaróss, fehlte ihm das Geld, auf eigene Rechnung dort zu leben. So beschloß er denn, einen Dienst sich zu suchen.

Er trat eines Abends in das Gehöft einer Witwe, namens Ása. Sie war von vornehmer Herkunft und sehr reich. Außerdem eine nahe Verwandte der mächtigen Familie der BjarkeyíngrBesitzer der Bjark-ey, einer Insel, vorgelagert unter dem 60. Grad nördl. Breite der Küste Norwegens, wo die Provinz Hálogaland lag., deren Oberhaupt damals Vidkunnr Jónsson war. Auch mangelten ihr nicht andere einflußreiche Vettern.

Sie nahm den Thórðr an, zunächst für den laufenden Winter. Er verstand es vortrefflich, die Ása zu unterhalten mit Sang und Sagaerzählung. Sein Umgang stimmte sie zur Fröhlichkeit. So wurzelte er dort ein und blieb den Winter wohlgelitten. Die Hausfrau ward gegen ihn freundlicher und freundlicher, je länger er blieb; und die Leute flüsterten sich zu, daß sie miteinander gar zu vertraut würden. In der Tat, länger und länger wurden ihr Zusammensitzen und ihr Zwiegespräch. — Ása aber war keineswegs mehr eine junge Frau.

Als nun der Frühling anbrach, sagte Ása dem Thórðr, sie sei mit ihm wohl zufrieden gewesen. „Dafür will ich dir Geld vorstrecken, zu einer Handelsreise nach England. Der Verdienst geht zwischen uns halbpart." — Gern ging Thórðr auf diesen Vorschlag ein. Das Unternehmen glückte; im Herbste kehrte Thórðr heim; und den Winter verlebte er wiederum in Gesellschaft der Ása.

So ging es nun mehrere Sommer hindurch. Das Verhältnis wurde ein dauerndes. Thórðrs Zuversicht, wie Gewinn, wuchsen sichtlich, je länger er bei Frau Ása sich aufhielt. Und es geschah aus diesem Grunde, daß er nun den Beinamen: der Gull — (Gold) — Ásu-Thórðr erhielt.

Doch die Verwandten der Ása hielten das so geknüpfte Band für unpassend, und warfen ihren Groll auf Thórðr; der sich seinerseits den Anschein gab, als wenn er davon nichts bemerke.

Da begab es sich eines Tages, daß Ása den Thórðr aufsuchte, um ihm folgende Mitteilung zu machen: „Es hat sich hier zum Besuche bei mir angesagt Víðkunnr, mein Verwandter, und ist es mein Wille, daß du ihm alle Ehrerbietung erweisest, sowie jede Art von Dienstleistung. Auch gebe ich dir folgenden Rat. Dichte ein längeres Lied zu seinem Preise, und bringe dasselbe zum Vortrage während seines Hierseins. — Spare die lobenden Worte in diesem Liede nicht, denn gemeinhin sind hochgestellte Leute empfanglich für Schmeicheleien! — Wir haben es nötig, nichts zu unterlassen, daß er sich hier recht behaglich fühle. Nun säume mir nicht und verlege dich darauf, die passenden Worte zu finden. Dir ist geholfen, falls du Víðkunnr zum Freunde hast, wer immer auch als Feind dir hier in Norwegen gegenübertritt!" — Thórðr versprach, der Sache fleißig nachzudenken, und dichtete nun Strophe für Strophe sein Lied. —

Nicht lange darauf erschien denn auch Víðkunnr mit großem Gefolge, nahm auf dem Hofe Quartier, und es begann eine Reihe von Festlichkeiten. An einem der Tage trat dann Thórðr feierlich vor Víðkunnr hin, verbeugte sich vor ihm und sprach: „Ein kleines Lied, von mir gedichtet, habe ich für Euch in Bereitschaft, und bitte ich nun für dasselbe um Gehör!"

„Gehör sei dir gewährt!" sagt Víðkunnr. „Du bist der erste, welcher ein Lied mir darbringt, und es wird nicht ohne Folgen für dich sein, wie dein Sang mir gefällt ! — Doch lieg' ich dir wohl weniger am Herzen, als meine Base Ása."

Hierauf begann Thórðr den Vortrag seines Gedichtes. Es umfaßte 50 Strophen, und eine jede derselben schloß mit folgendem Kehrreim:

„O Víðkunnr Jónsson,

Du tapferer Held,

Vor dem kein Feind

Das Feld behält!" —

Nach Schluß dieses Vortrages regte sich allgemeiner Beifall. Am meisten aber bedankte sich dafür Víðkunnr. Seine Gesinnung gegen Thórðr schlug nun schnell um, dazu überreichte er ihm als Geschenk einen schweren Goldring, im Werte von etlichen Mark.

Doch Thórðr lehnte dankend diese Gabe ab, indem er bemerkte, daß er etwas viel wertvolleres von Víðkunnr erbitte, nämlich dessen Freundschaft! — Solche sicherte ihm denn auch Víðkunnr zu. Bald darauf reiste dieser nun auch von dannen, bedacht mit den trefflichsten Geschenken.

Die Zeit verstrich. Da, eines Sommers, als Thórðr wiederum aus dem Westen, von einer Englandsfahrt, zurückkehrte, segelte er mit seinem Schiffe aufwärts, hinein in den Niðfluß.

Der König Eysteinn befand sich eben jetzt in der Stadt, und es waren in seiner Begleitung viele der mächtigen Häuptlinge, als z. B. Sigurðr Hranason, Víðkunnr Jónsson und Ingimar aus ÁskrEin großer Hof im Süden Norwegens, in der Landschaft Hringariki.. Dieser letztere war überaus reich, und dazu ein sehr hochmütiger Mensch. Ingimar hatte bereits seine Schilfe an dem Bollwerke von Niðaróss vertaut, bevor Thórðr ankam. Die Leute rieten ihm daher, um Streit zu vermeiden, an einer andern Stelle, mehr oberhalb des Flusses, anzulegen. Doch Thórðr wies sie zur Ruhe, indem er entschied, daß das für ihn wohl kaum gefährlich werden könnte, an dieser Stelle zu landen. Als sie darüber noch sprachen, und die Ladung löschten, vermißte Thórðr sein Zelt, welches man aufzuschlagen pflegte über dem Vordersteven. Er betritt nun Ingimars Schiff und findet dort einen jungen Menschen, der auf dem zusammengerollten Zelte, welches er vermißte, ausgestreckt daliegt. Thórðr nimmt diesen Jungen samt dem Zelte, und treibt ihn heimwärts, vor sich her, auf seinen Hof. Dann beendigt man das Aufstapeln der Ladung.

Alles dieses wird schnell genug dem Ingimar hinterbracht, der darob in hellen Zorn gerät. Er begibt sich auf den Hof des Thórðr, und fordert denselben auf, schleunigst seinen Mann in Freiheit zu setzen. — Thórðr erwidert: „Das würde sich doch kaum schicken, einen Dieb entschlüpfen zu lassen, ist er gleich dein Mann!" — Worauf Ingimar sagt: „Ich würde dir doch raten, du Gull-Ásu-Thórðr, nicht länger meinen Knecht zu weigern, oder Leute hier zu Dieben machen zu wollen. Wahrlich, nicht verdiente ich den Titel eines Hersenlendr-madr, oder hersir, oder skatt-konungr waren die vom Könige angestellten Statthalter über eine größere Provinz. — Im allgemeinen wird aber auch ein reicher Privatmann, wenn er mit Glanz und Selbstgefühl auftritt, als „hersir" bezeichnet., wollte ich solch einem hergelaufenen Bettler, wie du es bist, erlauben, einen meiner Leute zu arretieren!" — Thórðr antwortet ihm mit folgender Skaldenstrophe:

„Was soll nur dein Dreuen,

Du stolzer Held? —

Stahl doch dein Knecht

Mein stattliches Zelt! —

Nicht gebe ich frei ihn,

Den Dieb, den frechen,

Dreuest du gleich mir

Mit Raufen und Stechen!"

Ingimar verließ, sehr aufgebracht, nun den Hof. Ása bestürmte jetzt Thórðr mit Bitten, zu Víðkunnr Botschaft zu senden, er möchte jetzt kommen, um seine Freundschaftszusage, und seinen Liedeslohn einzulösen. „Denn hart wird der Kampf dort, wo Ingimar steht." — Thordr folgte ihrem Rate.

Víðkunnr erklärt sich dazu sofort bereit, da das seine Pflicht und Schuldigkeit sei, und kommt im Laufschritt zu Thórðr, begleitet von einer ansehnlichen Schar von Gewaffneten.

Nicht dauerte es lange, da dringt zu ihren Ohren ein gewaltiger Lärm. — Ingimar rückt heran, und stellt an Thórðr die Forderung, sofort den Verhafteten loszugeben, andernfalls würde er den Hof stürmen.

Víðkunnr suchte nun zwischen beiden zu vermitteln, und führte aus, es sei doch am verständigsten, diesen Streitfall zu bringen vor die geordnete Richterbank. „Thórðr tat recht, den Dieb zu verhaften. — Unterließ er diese Verhaftung, so machte er sich ja selber schuldig!"

Ingimar antwortet ihm mit einem Sprichwort: „Ich bin zum Stechen da, spricht die Gabel! — Jener dort stand bisher allein! Da kam Víðkunnr! — Nun würde es sich schon schicken, wenn wir beide miteinander verhandelten, wir, die wir beide Hersen sind; aber nicht trete ich in einen Vergleich mit diesem Thórðr; wenn er auch gleich dein Schwager ist. — Aber freilich, du mußt ja darauf bedacht sein, wie du ihm lohnen magst jenes Lied, in welchem er seinen Spott mit dir getrieben hat!" — Nach diesen Worten kehrte Ingimar ihnen den Rücken.

Da wandte sich Vidkunnr an seine Mannen und befahl: „Boten rasch hin zu Sigurðr Hranason, meinem guten Freunde! Er möge sich eilen, herzukommen! So lasse ich ihn bitten! Sollte er eine Entschuldigung vorbringen, dann sagt, er möchte sich erinnern an denjenigen, welcher ihm einst vom höchsten Nutzen war, als die Finnen seinen Hof auf der Bjarkey angriffen!" — Die Männer enteilen, kommen an, und bestellen Víðkunnr Botschaft.

Sigurðr antwortet: „Ich glaube, es wäre passend, daß Víðkunnr und Ingimar unter sich allein diese Sache ausmachten. Denn jeder von ihnen beiden meint ja stets, daß er der Stärkere sei!" — Nun erinnern sich die Boten der Schlußworte Víðkunnr und tragen auch diese vor.

Da erwidert Sigurðr: „Ja, das ist wahr! — Niemand hat mir je eine gleich große Schwerthilfe geleistet, als Víðkunnr; und sicherlich legt er Wert auf mein Kommen. Laßt uns eilen!" — Alsbald gelangten sie zu Thórðrs Wohnung. Und schnell genug tritt das von ihnen Erwartete ein.

Es sammeln sich große Haufen bewaffneter Männer in den Straßen von Niðaróss, denn Ingimars Leute waren durch die ganze Stadt hin zerstreut! In hellen Haufen rücken sie an gegen Thórðrs Haus.

Da trat Ingimar vor, und sprach: „Jetzt wollen wir nach dem Manne suchen, Víðkunnr, falls er nicht freiwillig uns ausgeliefert wird! — Eure Lage ist nun um nichts gebessert gegen früher!" — Da antwortete ihm Sigurðr: „Laß uns hier handeln mit Mäßigung, Ingimar. Das wäre ein großes Unrecht, wolltest du uns das Haus zertrümmern, und dazu rauben einen Gefangenen des Königs. Die Leute werden es hier verstehen, ihr Recht vor dir zu behaupten, bist du gleich ein großer Held!"

Ingimar erwidert diese Anrede zunächst mit einem beißenden Sprichworte: „Nichts hilft es dem Hahne, hält ihm auch die Henne den Schild vor!" — Dann setzt er hinzu: „Das wäre für mich doch ein zu ungleicher Handel, ihr zwei gegen mich, den einen; dazu jeder von euch ein mächtiger Herse, und jeder ein tapferer Held. Aus diesem Grunde ziehe ich mich für jetzt zurück; jedoch nur in der Absicht, um ein drittes Mal wiederzukommen!"

Sofort nach seinem Abzüge sendet Sigurðr Boten hin zum Könige Eysteinn, und bittet denselben, ihnen zur Hilfe zu eilen. — Und, falls der König irgend welche Bedenken tragen sollte gegen solche Schwerthilfe, dann sollten die Boten folgendes Wort von Sigurds Seite bestellen: „Ich gedenke jenes Tages, wo ich, als der Letzten einer, mich getrennt habe von deinem Vater, drüben in den Westlanden, in IrlandIn der Schlacht bei Ulstr, auf Irland, am 24. August 1103, wo König Magnús Olafsson berbeinn fiel. Damals war es Víðkunnr Jónsson gewesen, der, an der Seite des Königs fechtend, den Iren, welcher dem Fürsten den Todesstoß gab, in zwei Stucke zerhieb.!"

Die Männer treffen den König, und bestellen Sigurðs Botschaft. — Eysteinn äußert zu ihnen: „Zwei so ausgezeichnete Männer sind doch schon in der Übermacht gegen den einen Ingimar!" — Da wiederholten aber die Boten dem Könige auch den Schlußsatz Sigurðs.

Dieses entschied. Der Fürst erklärte: „Augenscheinlich legen Sigurðr und Víðkunnr Wert darauf, daß ich komme. Und sie sollen sich darin nicht getäuscht haben!" — Sofort bricht der König auf mit einer sehr ansehnlichen Schar und stößt zu Sigurðr.

Wenig später kommt des Weges daher auch Ingimar, an der Spitze von 400 Gewaffneten, denen noch allerhand Volk sich angeschlossen hatte; und nun steht es wohl stark zu erwarten, daß diese Heerhaufen handgemein werden, sollten jene drüben sich nicht entschließen, den geforderten Knecht herauszugeben.

Der König wendet sich an Ingimar und spricht: „Nicht schicklich ist es für dich, Ingimar, hier, in der Stadt, einen solchen Tumult zu erregen, Haufen Volks zusammenzuziehen, und einen Bürgerkrieg im Lande anzuzetteln. Auch sind wir keineswegs gesonnen, unsere Sache preiszugeben. Vielmehr soll es auf die Entscheidung der Waffen hier ankommen!"

Ingimar half sich zunächst wieder mit einem Sprichworte: „Eisenkraut schneidet kein Buttermesser, sagt das alte Weib." Dann setzte er hinzu: „Nun bekommt es gar einen großartigen Anstrich, indem der König, in Person, auf dem Platze erschienen ist, um parteizunehmen wider uns. Da ist es ja freilich am gescheitesten für mich, diesesmal umzukehren!"

Nun ließ der König zu einem Thing blasen. Dorthin wurde der Dieb geführt, samt dem gestohlenen Zelte auf seinem Rücken. — Er wurde für schuldig befunden, verurteilt, und draußen, am Flußufer, aufgehängt.

Nach Vollstreckung dieses Urteilspruches wandte sich der König an Ingimar und fragte ihn: „Was, meinst du, wird das Los dieses Diebes in jener andern Welt sein?" — „Er wird es gut dort haben!" versicherte Ingimar, „weil für ein kleines Vergehen er den Tod erlitt."

„Nein", sagte der König, „er wird zur Hölle fahren!" — „Mit nichten", erwiderte Ingimar; „es greifen sehr falsch deine Hände, o König! — Denn du stützest hier die Sache jenes Talglümmels (MörlandiGemeint ist Thórðr, der Isländer. Mörlandi, auch Mörfjandi, ein Spottname für die Isländer. Ein Mann aus dem Talglande; denn mörr (= Talg) war dort ein Hauptausfuhrartikel.) und schändest dafür deine eigenen Leute. Aber das ist ja begreiflich. Es fehlten dir Mut und Tüchtigkeit, deinen eigenen Vater zu rächen, der in Irland einst erschlagen lag, wie der Hund neben dem Knochen! — Und das ist meine Meinung, daß dieser, dein Vater, in der Hölle sitzt, weil er kämpfend nach dem getrachtet hat, was ihm nicht gebührte!"

Mit diesen Worten wendet sich Ingimar zu seinen Schiffen und segelt ostwärts nach VíkVíkin ist gleichbedeutend mit Vingulmörk und Álfheimar, und bezeichnet die Gegend östlich vom Meerbusen von Christitnia. Hier erschlug er drei Vögte des Königs. Dann fuhr er südwärts nach Dänemark und nahm dort fortan seinen dauernden Wohnsitz.

Aber von Thórðr wird weiter erzählt, daß er bald darauf, unter Zustimmung Víðkunnr wie auch des Königs, die Ása zur Ehegattin nahm. Er erwarb den Ruf eines sehr wackeren Mannes.

Bis an seinen Tod lebte er in Norwegen. — Hier schließt die kleine Erzählung von dem Gull-Ásu-Thórðr.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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