Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit des Königs Magnús Oláfsson berbeinn, 1093—1103:
Von Gisli Illhugason.

 

 

In den Tagen des Königs MagnúsKönig Magnús Oláfsson berfoettr, oder berbeinn = barfuß, oder mit nackten Beinen, gleich der Schottentracht, regiert von 1093—1103. fuhr von Island aus nach Norwegen ein Mann namens Gisli. Sein Vater hieß Illhugi und sein Großvater Thorvaldr. Dieser aber war ein Sohn des Tindr, und Tindr hatte zum Bruder den Illhugi svartiIllhugi svarti, wohnhaft auf Gilsbakki am Borgarfjördr, war ein großer Häuptling und der Vater des bekannten Skalden Gunnlaugr ormstúnga. Es kommt dem Dichter, durch Aufzeichnung dieser Genealogie, verfolgt bis ins dritte Geschlecht, darauf an, von vorne herein festzustellen, daß sein Held, Gisli, ein Mitglied der hohen Aristokratie auf Island ist..

Gisli war erst 17 jährig, als er diese Reise unternahm, ein bescheidener und schweigsamer Jüngling. — Gastliche Aufnahme fand er in Norwegen zu Forborði bei einem begüterten Manne, namens Hákon.

Den ganzen Winter über zeigte er sich teilnamslos, und schwermütig. — Da sprach zu ihm eines Tages Hákon: „Ich habe nachgedacht über deine Gemütsart. Dein Gesicht verrät stets eine tiefe Trauer, daraus schließe ich, entweder sinnst du hohe Tat, oder auf dir lastet eine schwere Schuld. Teil' dich mir mit! — Was trübt deinen Sinn? — Planst du ein schwierig Werk? — Ich vermag zu schweigen! — Willst du mich aber nicht in dein Vertrauen ziehen, sondern verschlossenen Sinns zu schwerer Tat dich von hier wenden, so wisse, daß mich dieses kränken muß!"

Gisli antwortet: „Du ratest recht. Und so vernimm denn die volle Wahrheit. Es lebt hier Gjafvaldr; ein Recke, der jetzt zum Königsgefolge zählt, so sagt man mir. Dieser Gjafvaldr samt seinem Schwager Thormóðr Kollason stellten beide dem Leben meines Vaters nach, doch jener hieb ihm die Todeswunde. Ich war des selber Zeuge, draußen in Island. Und nun ist dies mein Zweck; dazu kam ich her in dieses Land, um entweder die Vergeltung für meines Vaters Tod zu heischen, oder selbst den Tod zu finden!"

„Dein Vorhaben ist hoffnungslos", sagte Hákon. „Gjafvaldr befindet sich in der allernächsten Umgebung des Königs Magnús, als sein besonderer Freund. Wie soll ein fremder Auslandsmann sich da ihm nahen, unbemerkt? — Doch fürchte nichts! — Von meiner Seite wird dir keine Ungelegenheit!"

König Magnús hielt Hof in jenem Winter in Niðaróss, und Gjafvaldr stand bei ihm in hohen Ehren.

Gisli begab sich nach der Stadt und, beraten von Hákon, seinem Gastfreunde, gebrauchte er folgende List. Er goß heißes Wachs über sein Antlitz, und ließ jenes erhärten. Dies gab ihm das Aussehen eines kranken Mannes. — So saß er da und lauerte dem Gjafvaldr auf; doch fand er es nicht leicht, an ihn heranzukommen. —

Es war an einem Sonnabende, und noch früher Morgen. Gisli stand beobachtend auf der Straße. Da drang zu seinem Ohre auffälliges Geräusch. Er forschte, und sah den König Magnús hinschreiten mit ausnehmend starkem Gefolge. Auch Gjafvaldr war darunter. Siehe, da tritt ein Weib heraus aus einem Hoftore, ein Kind an der Brust. Es ist Gjavaldrs Gattin, Helga, des Thormóðrs Tochter. — Sie winkt ihren Eheherrn heran. Der verläßt die Gruppe und folgt ihr zur Zwiesprach, während der Fürst mit Gefolge rasch voranschreitet.

Das geschehen, folgt Gjafvaldr nach, allein auf der leeren Straße, sich zur Seite nur einen einzigen Mann.

Diesen Augenblick nützend, stürzt Gisli sich auf ihn, holt aus zum Schlage mit seiner Axt, und trifft die eine seiner Schultern, so daß der Arm vom Rumpfe sich abtrennte, freilich nicht völlig. — Gjafvaldr setzt sich zur Wehr. — Da trifft ihn ein zweiter Hieb von Gislis Axt auf die andere Schulter; und die Wirkung ist die gleiche, als zuvor. — Nun sinkt Gjafvaldr zu Boden!

Gisli rennt hinab zur Schiffsbrücke. Da liegt ein Boot, beladen mit Holzscheiten. Thorsteinn heißt der Eigner, ein isländischer Mann, gar klein an Gestalt. Gisli springt in das Boot zu Thorsteinn, wirft die Holzscheite über Bord, und rudert aus Leibeskräften hinüber nach BakkiEine kleinere Vorstadt auf der andern Seite des Niðflusses..

In die Mitte des Flusses angekommen steht Gisli im Boote auf und ruft zur Ladebrücke hinüber: „Die Wunden, welche Gjafvaldr erhielt, des Königs Geleitsmann, sind es schwere Wunden; der Hieb, war er tödlich; zu beidem bekenne ich mich als den Täter hiermit frank und frei! „Vigfús" = „Kampfesfroh", so hieß ich an diesem Morgen; und an diesem Abende will ich heißen „Ófeigr" (d. h. Todesfrei). — Dann erreichten sie Bakki und Gisli sprang ans Land. —

Nun hörte man das Trompetengeschmetter durch die Stadt schallen, und es beginnt die Jagd auf den Entflohenen, beides, zu Wasser, wie zu Lande. — Dieser Entflohene wurde gefunden, versteckt in einem Gebüsch, und zur Stadt transportiert.

Die Mannen des Königs wußten, daß es Thorsteinn gewesen war, welcher den Gisli über den Fluß geflüchtet hatte, und erklärten ihn für den Mitschuldigen. Auch ihm drohte nun der Tod.

Da sprach Gisli: „Rechnet ihm keine Schuld zu, denn er handelte gezwungen!" — Mit diesen Worten griff Gisli nach Thorsteinn, der ihm zur Seite schritt. — Das war ein so kleines Männlein, daß er dem Gisli kaum bis zur Achsel reichte. Gisli greift den Wicht, wirft ihn in die Luft und spielt mit ihm Fangball. — „Seht her", spricht er, „wie konnte dieser Knirps das Boot mir weigern, welches ich verlangte; er, den ich, wie ein Kind, hier wirble. Laßt ihn in Frieden fahren. Er ist unschuldig!" —

Das taten sie denn auch, und erklärten Gislis Worte für brav und ritterlich. — Gisli aber wurde in Ketten gelegt. Es waren starke Ketten, welche Haraldr Sigurðarson, der König, extra hatte schmieden lassen. Ihnen entwand sich noch kein Mann. Da saß er nun in einem unterirdischen Verliese, zu dem der Schlüssel in eines Weibes Hand lag.

Um jene Zeit war die Stadt gerade äußerst belebt. Drei Islandsfahrer lagen in ihrem Hafen. Eines der Schiffe stand unter dem Kommando von Teitr, dem Sohne des Bischofs Gizr. Auch der Priester Jón Ógmundarson, welcher später Bischof wurde, war ebenfalls dort. Kurzum, es fanden sich im ganzen in der Stadt Niðaróss nicht weniger der Isländer versammelt, als 300 Mann.

Der König Magnús war gewaltig erzürnt. Er hatte auf dem öffentlichen Platze, wo man das Recht sprach, bereits den Hochsitz eingenommen, und ihm zur Seite stand der Bischof der Stadt. Auch der Priester Jón, ein Freund des Bischofs, war zur Stelle.

Der König, gesonnen den Gisli töten zu lassen, war soeben im Begriffe, diesen Befehl zu erteilen, da schlug die Glocke an, welche den Beginn der Nachmittagsmesse ankündigte. — „Ist es denn schon 3 Uhr?" — fragte des König. „Man prüfe den Sonnenstand!" — So tat man, und fand, es sei gegen 3 Uhr!Bei der früh untergehenden Sonne, brach gleich nach ihrem Sinken der Sonntag an.

Da sprach der Bischof: „Herr! Laßt jenem Manne jetzt den heiligen Frieden des Sonntags zugute kommen, ist er gleich ein großer Sünder!" — „Das ist eine List von euch beiden", fuhr der König auf; „ihr schmiedet Ränke gegen mich!" — „Nein, Herr, sicherlich nicht!" sprach der Bischof. — „Doch, entscheidet selber was hier das Geziemende ist?" —

Gleich darauf, an demselben Abend, hielten auch die Isländer in der Stadt eine Zusammenkunft. Unter ihnen befanden sich manch ein Verwandter und manch ein Freund von Gisli. Sie berieten über den schwebenden Rechtsfall, und sonderlich, welch eine Stellung sie zu dieser Sache nehmen sollten? Aber gar schwierig und verwickelt erschien ihnen das Werk; und noch konnte man nicht darüber sich einigen. —

Der Sonntag bricht an, und ein Bote erscheint vor König Magnús, um ihm zu melden, Gjafvaldr bitte um seinen Besuch. Der König bricht auf und tritt an Gjafvaldrs Krankenlager.

„Nun wollte ich mein Haus bestellen, Herr; denn nicht weiß ich, welch eine Spanne Zeit mir noch verbleibt?— Auch Fürbitte möchte ich einlegen für Gisli. Schenkt ihm den Frieden, Herr; denn in mannhafter Art rächte er seinen Vater!"

„Dazu ist keine Hoffnung!" — antwortete der König. Doch Gjafvaldr fuhr fort: „Das weißt du, mein Fürst, gar lange habe ich dir gedient, und oft setzte ich mein Leben ein für das Deinige. Zu allem war ich bereit, was du mir auftrugst, war es gut, oder übel. Doch nun kann es wohl sein, daß dieses unsere letzte Zwiesprach ist. Ich hatte eine Unterredung mit geistlichen Herren, beichtete und empfing das heilige Nachtmahl. Dabei sagten mir jene Männer, ich würde selbst Vergebung finden, wenn ich vergeben wollte, was man mir Übles tat. Und, nun habe ich das Vertrauen, Herr, zu dir, du wirst mir nicht des Himmels Pforte verschließen wollen; denn sieh', ich liege hier, ein todeswunder Mann!"

„Fahr' wohl! — Fahr' wohl!" — sagte der König. — Dann zog er sich zurück; aber Gjafvaldr verschied bald darauf. —

Es war der Montag angebrochen; und in seiner ersten Frühe hielten die Isländer bereits eine Zusammenkunft.

In dieser ergriff Teitr das Wort: „Das würde für uns eine schwere Demütigung sein, falls unser Landsmann und Kamerad, dazu ein Mann von edler Herkunft, hier getötet werden sollte! — Und doch ist von uns allen zu bedenken, wie große Gefahr es mit sich bringen muß, in diesen Streitfall einzugreifen. Es handelt sich hier um den Einsatz von Person und Gut! — Darum ist dieses mein Vorschlag, wir gehen zu dem Thing, dem der König präsidiert. Doch wenn der Urteilsspruch dort nicht so ausfällt, daß Gisli sein Leben erhalten bleibt, nun denn, dann, Kameraden, gehen wir alle miteinander in den Tod, oder setzen unsere Sache durch mit dem Schwerte! — Zu dem Zwecke wollen wir jetzt einen Hauptmann wählen, mit der Verpflichtung, demselben zu folgen!"

„Du sollst unser Hauptmann sein!" riefen sie alle. „Deinem Befehle wollen wir gehorchen!" — Er darauf: „So macht euch denn bereit, mir einen Eid zu schwören, nicht zu sparen, weder euch selbst, noch euer Gut für das, was ich durchzusetzen gedenke in diesem Rechtsfalle!" —

Sie schwuren es. — Dann gingen sie alle ins Bad.

Schon wurde das Trompetensignal gegeben, zum Zeichen für des Thinges Anfang.

Teitr sprang aus der Badstube heraus. Er warf über ein Hemde, ein Leinenbeinkleid, drückte einen Goldreif auf die Stirne, zog an ein Wams aus Scharlach, gestreift in rot und braun, dazu gefüttert mit grauem Pelzwerk und mit Pelz verbrämt.

Alle Isländer waren alsbald zur Stelle. Auf jenes Trompetensignal hin strömten, in Hast, auch die andern Leute aus der Stadt zusammen, zum Thing. Da sprach Teitr: „Nun sofort nach dem Gefängnis, zu Gisli hin. Laßt uns eilen und zuvorkommen den Königsleuten!" Sie gingen im Laufschritt die Straße entlang, und laut hallten ihre Tritte wieder.

Aber das Weib, des Gefängnisses Beschließerin, schaute aus ihrem Fenster. Sie sprang hinab zu Gisli und meldete: „Nun bricht die Not über dich herein, die schwere! Da sind schon des Königs Mannen!" — Gisli darauf: „Mütterchen! — Laß uns das nicht anfechten!" — Und er sang ihr folgende Skaldenstrophe:

„Noch winket mir Freude;

Naht gleich sich der Tod,

Bereitet dem Dichter

Von feindlichen Kämpen! —

Mich schmerzet mein Fuß,

Geschmiedet in Eisen! —

Weib, gräme dich nicht! —

Wir alle sind sterblich!

Eins raubet mir niemand;

Das mutvolle Herz! —! —

Drum, letzten Sang sing' ich

Der siegenden Stärke!"

Da schlugen sie auch schon an die Gefängnistüre, daß sie krachte. Und Gisli zuckte leicht zusammen. — Es war Teitr, der eintrat. Er zerhieb des Kameraden Fesseln, und zog ihn in die Mitte seines Haufens. So schritten sie gemeinsam hin zum Thing.

Von der andern Richtung der Straße her kam auf sie zu Sóni, der Kommandeur der königlichen Leibwache. Sein Auftrag war es, den Verhafteten abzuholen. — „Ihr, Isländer, wäret nicht faul!" rief er ihnen zu. „Es scheint fast, ihr meint, das Urteil über jenen Mann gebühre euch, und nicht dem Könige! — Wahrlich! — Einen Denkzettel habt ihr verdient für euer Gebaren an diesem Morgen! — Und König Magnús geriet in Zorn schon um geringerer Missetat willen, als hier, wo einer seiner Kavaliere erschlagen ward von diesem Teufelskerl!" —

Als das Thing eröffnet war, stand auf Sigurðr mit dem Beinamen „ullstrengr" (die Wollenschnur) und sprach:

„Ich nehme an, den meisten ist hier bekannt, daß unser Kamerad Gjafvaldr erschlagen worden ist. Da kommt ein Mensch her aus Island und glaubt einen Rechtsanspruch an ihn zu haben, und greift in der Art es an, daß er sofort ihn erschlägt. Er mußte doch zuvor eine Genugtuung von ihm verlangen, wie das sonst unter Männern Recht und Brauch ist! — Das muß doch wohl bei uns, den Königsmannen, die Vorstellung wecken, als erachte man es für eine Kleinigkeit, des Königs Gefolgsleute nach und nach nur so abzublättern! — Greift diese Sitte um sich, die Hofleute ohne weiteres niederzustechen, so mag es schließlich dahin kommen, daß man dieses fortzusetzen versucht bis zur höchsten Spitze! Dann bleiben nicht verschont Könige, noch Volk. So ist es denn wohl klar, daß solch unerhörter Frevel auch unerhörte Pön verdient. Und, es ist auf keine Besserung zu hoffen, falls nicht zehn Isländer für einen von unsern Leuten niedergemacht werden! — In gleich scharfer Weise ist auch zu züchtigen ihre Dreistigkeit von diesem Morgen, daß sie es wagten, aus des Königs Gewalt einen Mann zu reißen!" — Er schwieg.

Da erhob sich Teitr, der Bischofssohn, und sprach: „Will der König mir das Wort gestatten? — Mir ward ein Auftrag!" — „Wer ist jener Mann?" fragte der König einen Herrn seiner Umgebung. — „Es ist Teitr, der Bischofssohn, Majestät!" — „Um keinen Preis gestatte ich dir das Wort; denn alle deine Reden würden hier nur verderblich wirken. Du hast's verdient, daß man die Zunge dir kappe!" —

Darauf erhob sich Jón Ögmundarson, der Priester, und sprach: „Will der Fürst mir ein kurzes Wort vergönnen?" — „Wer ist jener Mann?" fragte der König wiederum. „Das ist Jón, ein isländischer Priester." — „Dir gestatte ich das Wort", entschied der Fürst.

Nun hob der Priester Jón seine Rede an, wie folgt:

„Gott sei gepriesen, beide Länder, Norwegen wie Island, sind jetzt christlich. In vergangenen Zeiten wanderten Hand in Hand Männer und Teufel; aber jetzt ist der Teufel nicht mehr so dreist, daß er es wagen sollte, den Menschen selbst unter die Augen zu treten; nein, er schiebt Leute vor, daß sie seine Aufträge verrichten. Und ganz vor kurzem, achtet nur darauf, hat dieser böse Feind hier gesprochen, aus dem Munde dessen, der soeben seine Rede schloß. Getötet war nur ein einziger Mann, doch er lechzt danach, daß zehn Männer dafür hingeschlachtet werden sollen. Leute von solchem Schlage dürften wohl am meisten dazu beitragen, durch ihre Bosheit und durch ihre schlechten Worte zu untergraben Rechtschaffenheit und andere gute Sitten edler Menschen, wenn sie sticheln und stacheln zu Grimm und Graus, nur um dem Teufel eine Freude zu bereiten durch solch ein Hinschlachten christlicher Männer. — Und doch sind auch wir, Herr König, deine Diener und Degen nicht minder, als die Insassen dieses Landes! — Nun seid eingedenk, Ihr, die Ihr gesetzt seid hier auf dieser Erde, zu Häuptern und zu Richtern über das Volk; seid eingedenk, daß Ihr sollt Ebenbilder sein des höchsten Richters, der da kommen wird zum letzten Gericht, um zu richten alle Welt. — Herr, leget den größten Fleiß darauf, daß Ihr richtet hier ein recht, nicht aber ein schlecht Gericht! — Denn wisset, an jedem Thing und an jeder Versammlung nimmt teil der allmächtige Gott, er selbst, und seine heiligen Scharen. Ja, es besucht Gott gute Männer und rechtes Gericht! — Doch ganz ebenso kommt auch der Teufel mit seinen Sendboten, um zu besuchen böser Männer Wirken und ihr unrecht Gericht! — Aber das unterliegt keinem Zweifel, am Ende der Tage wird derjenige Richter erscheinen, welcher alles ins rechte setzt! — Urteilt nun selbst, mein Herr König, ob heißer und lang andauernder brennen mag das Feuer, welches gelegt ist an einen Eichenkloben, den man in den Ofen schiebt, oder das Feuerlein, welches geweckt wird aus dürren Zweiglein? — Wenn du nun, Herr, hier tust einen falschen Spruch, dann wirst du geworfen in dasjenige Feuer, welches sich entzündet am Eichenstamme; richtest du aber ein recht Gericht, nach deiner Wahrheit, dann ist sicher zu hoffen, daß du klar und hell hervorgehen wirst aus jenem Läuterungsfeuer, geweckt aus dürren Zweiglein!"

So schloß die Rede des Priesters Jón Ögmundarson. — „Streng waren deine Worte, Priester!" rief der Fürst; doch konnte man nicht finden, daß sein Unwillen darob erregt ward.

Nun stand auf Gisli, und stellte die Frage: „Willst du mir gleichfalls, o König, ein kurzes Wort verstatten?" — „Wer ist jener Mann?" — Als ihm Bescheid gegeben war, sprach er: „Nicht will ich dir das Wort verbieten!"

Da hob Gisli an: „Damit beginne ich meine Rede, daß ich hinweise auf meines Vaters Tötung. An dieser Tat waren beteiligt Gjafvaldr und Thormóðr. Ich war damals ein Knabe von sechs, und mein Bruder Thorvaldr ein Knabe von neun Jahren. Wir standen dicht daneben, wo unser Vater, eine Leiche, zu unsern Füßen lag. Da gab Gjafvaldr den Rat, auch uns, beide Brüder, zu töten. — Nun ist es nicht sehr männlich, Herr, was ich jetzt einzugestehen habe; nämlich bei jenem Vorschlage stieg ein Schluchzen in meiner Kehle auf!"

Der König unterbrach ihn: „Mannhaft hast du jenes aufsteigende Weinen unterdrückt!" —

Dann fuhr Gisli fort: „Ja, Herr, es ist wahr! — Ich habe hier lange gesessen, und dem Gjafvaldr aufgelauert. Zweimal hatte ich die beste Gelegenheit, ihn zu fassen. Doch das eine Mal unterließ ich den Anschlag aus Ehrfurcht vor der Kirche, und das andere Mal, weil die Drei-Uhr-Glocke zur Messe rief! — Und nun vertraue ich, Herr, um dieser Drei-Uhr-Glocke willen wirst du mir das Leben schenken! — Auch habe ich einen Sang auf Euch gedichtet, Herr König, und bitte um die Erlaubnis für dessen Vortrag." — „Es ist gewährt!" sprach der Fürst. — Gisli trug nun sein Gedicht in gewandter Weise vor, doch es lag keine große Skaldenkunst in ihm.

Darauf wandte sich Gisli an Teitr: „Kameraden, ihr habt, mir zu Liebe, große Entschlossenheit gezeigt; doch nicht länger will ich ernster Gefahr euch aussetzen. Ich gebe mich ganz in die Gewalt von König Magnús, und biete ihm hiermit an meinen Kopf!" — „Tue nach deinem Willen!" sagte Teitr.

Da warf Gisli seine Waffen fort, schritt über den Thingplatz hin, und legte sein Haupt auf des Königs Knie.

Dabei sprach er: „Tuet mit meinem Kopfe, Herr, jetzt ganz so, wie es Euch gefällt! — Dann darf ich Euch ja danken, wenn Ihr mir ihn wieder schenken solltet! Mein Wohl und mein Wehe seien gelegt ganz in Eure Hände!"

„Ich schenke dir deinen Kopf", entschied der König, „und ernenne dich, an Gjafvaldrs Stelle, zu meinem Dienstmanne. Setze dich in der Halle auf Gjafvaldrs Platz! — Empfange Speise und Trank an meinem Tische, und leiste mir gleich treffliche Dienste, wie er es tat! Diese Entscheidung fälle ich ganz besonders auch auf Grund jener Fürbitte Gjafvaldrs, meines Freundes! — Aber acht Isländer mögen hervortreten, als Bürgen. Ich lege auf Gjafvaldrs Tötung, als Strafe, sechzehn Mark Goldes. Die Hälfte dieser Summe erlasse ich zur Ausgleichung jener Schuld, welche auf Gjafvaldr selber ruhte. Doch jeder von euch Bürgen zahlt hier seine Mark!"

Die Isländer sprachen dem Könige ihren Dank aus, und erklärten sich mit dieser Entscheidung völlig zufrieden.

Schließlich wandte der Fürst sich noch an den Priester Jón besonders: „Deine Verteidigungsrede fand meine volle Würdigung. Deine Worte begleitete Gottes Beistand. Darum wünsche ich sehr, eingeschlossen zu werden in deine Gebete, denn sie vermögen wohl viel bei Gott! — Und dafür mag wohl dieses der Grund sein; dein Wille versteht und folgt dem Willen Gottes, des Höchsten!" — Jón sagte dem Monarchen seine fürbittenden Gebete zu. —

Eines Tages nun, als der Priester Jón die Straße entlang ging, meldete ihm ein Bote, Sigurðr ullstrengr, der in der Herberge liege, bäte dringend um seinen Besuch. Jón folgte und fand Sigurðr, der ihn folgendermaßen ansprach: „Ich weiß nicht, Priester, ob dein Wort mich getroffen hat? — Aber ich bin krank, und wollte dich bitten, für mich eine Messe zu singen!" — Jón versprach das, und segnete Sigurðr mit dem Zeichen des Kreuzes.

Da sagte dieser: „Große Kraft haben deine Worte, beides zu Wehe, wie zu Wohl! — Jetzt fühle ich, meine Gesundheit kehrt zurück!" — Sigurðr verehrte dem Priester Jón reiche Geschenke und sie schieden in Freundschaft.

Dieser Sigurðr war es, der, als erster, ein Kloster auf NiðaroshólmrNiðaroshólmr ist das heutige Munkehólm, in kurzer Entfernung, der Stadt Thrandhjem gegenüber gelegen. stiftete unter Dotierung reichlichen Grundbesitzes. —

Nach Schluß dieser Ereignisse begaben sich nach Island zurück, Jón, der Priester, und Teitr, der Bischofssohn.

Teitr wurde ein berühmter Mann, doch sein Leben war kein langes. Indessen Jón, der Priester, wurde Bischof zu HólarIm Jahre 1106 erfolgte seine Ernennung zum Bischof.— Hólar liegt im Norden der Insel Island, am Skagafjördr. Die Heiligsprechung geschah sodann im Jahre 1193., und ist später heiliggesprochen worden.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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