Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Haraldr Sigurðarson harðráði, 1047—1066:
Von einem Segel, welches König Haraldr als Geschenk ausschlug.

 

 

Thorvarðr, ein Mann, stammend aus den Westfjorden Islands, führte den Spitznamen „Krähenschnabel". Er war wohlhabend und wacker, liebte das Reisen, und war allenthalben, wohin er kam, wohl gelitten. So landete er eines Sommers mit seinem Schiffe auch zu Niðaróss, in Norwegen, wo gerade der König Haraldr residierte. Im Gefolge des Königs befand sich zu jener Zeit auch dessen Schwager Eysteinn, mit dem Beinamen „der Birkhahn". Er war ein Sohn des Thorbergr und ein Enkel des Árni. Unter allen Recken wohl einer der Ausgezeichnetsten, stand er bei dem Könige im höchsten Ansehen. Thorvarðr löschte seine Schiffsladung und mietete ein Wohnhaus. Nach solcher Einrichtung ging er, um dem Könige Haraldr seine Aufwartung zu machen. Er fand denselben vor dem Portale seines Bankettsaales, und im Begriffe in denselben einzutreten. In diesem Augenblick geschah es, daß Thorvarðr den König folgendermaßen ansprach: „Heil dir! o Herr! — Dort unten, auf meinem Schiffe, habe ich ein Segel, das will ich dir zum Geschenk machenDie Sturlunga nennt in der Aufzählung von Geschenken, welche als passend erscheinen, um dieselben einem Könige anzubieten, Falken, Pferde, Zelte und „Segel".!"

Der König zog merklich die Augenbrauen zusammen, und erwiderte: „Es begab sich schon einmal, daß ich ein Segel von euch Isländern annahm. Ich zog es auf; natürlich in dem Wunsche, daß es mich vorwärts brächte. Doch es ging in Fetzen auf der Fahrt! — Nein, ich wünsche dein Segel nicht!"

Eysteinn versuchte zu vermitteln: „Geh' hinab, Herr, und nimm das Segel in Augenschein! — Es kann doch sein, daß es dir gut gefällt! — Fast vermute ich, du habest schon Dinge angenommen, deren Wert weniger deiner Schätzung entsprach!"

Der König antwortete kurz ablehnend: „Ich schau' nach dem Meinen, du magst schauen nach dem Deinen!" — Damit wandte er sich der Halle zu und niemand wagte es, weiter auf ihn einzureden.

Thorvarðr bietet darauf Eysteinn sein Segel zum Geschenk an, und ladet ihn ein: „Begleite mich hinab!"

Eysteinn folgt, und gewinnt bald die Überzeugung, niemals ein kostbareres Segel gesehen zu haben.

Mit herzlicher Danksagung nimmt er das angebotene Geschenk entgegen, und ladet den Geber ein zu einem Winterbesuche auf seinem Hofe. Dieser läge in der Landschaft Norömaeri, auf der GizkyEine Insel, vorgelagert dem Festlande Norwegen zwischen dem 62. und 63. Grade nördl. Breite, unweit dem heutigen „Molde"..

Doch der Winter verlief, ohne daß von Thorvarðr jene Einladung befolgt ward. — Als es nun Frühling wurde, setzt Thorvarðr sein Schiff in Bereitschaft. Er nimmt Richtung nach Süden, hält sich am Lande bis SólskelEbenfalls eine Insel, vorgelagert der Landschaft Norð-maeri., und gewinnt dort das offene Meer.

Eines Tages beobachten sie nun, wie ein Schiff, im raschen Laufe, nahe an ihnen vorbeifährt. Es war dicht besetzt mit Leuten von Steven zu Steven.

Auf dem Vorderdeck steht ein Mann schön und stattlich. Er trägt ein scharlachrotes Wams. — „Ist Thorvarðr dort an Bord?" ruft dieser Mann herüber.

Jener gibt selbst die Antwort zurück, und begrüßt den Fragenden als Eysteinn, welcher ihn also anspricht: „Wahrlich, lange hast du gezaudert, mich daheim aufzusuchen! — — Doch steig nun in mein Schiff herüber, mit so vielen deiner Leute, als dir beliebt. Du kannst zurzeit auf keinen guten Wind für deinen Kurs rechnen!"

Thorvarðr folgt dieser Einladung, wählt einige seiner Leute zu Begleitern, und sie fahren dann hinüber zu der Gizky.

Hier ist der Empfang ein gar prächtiger, und ein Gastmahl wird hergerichtet. Das Haus ist groß und vornehm ausgestattet. —So vergehen Abend und Nacht, und der Morgen bricht an.

Thorvarðr erwacht und sieht den Eysteinn bereits fertig angekleidet. Dieser berichtet: „Nicht günstig weht der Fahrwind! — Bleib noch heute unser Gast. Laß mich die Witterung für dich beobachten. Nicht länger sollst du aufgehalten werden, als bis der Wind umspringt!"

Diesen Tag über saßen sie nun beim Trinkhorne in fröhlichster Stimmung beisammen. — Dabei ergriff Eysteinn das Wort und sprach zu seinem Gaste: „Dafür, daß du dein befrachtet Schiff verlassen, mich hierher begleitet und mein Haus, als Gast, betreten hast, empfange, als ein Geschenk, dieses Wams!" — Geschnitten aus neuem Scharlachtuche, war das Kleid auf das Trefflichste hergerichtet.

Thorvarðr nahm aus des Gastgebers Hand diese Freundschaftsgabe an, und dankte ihm. — „Aber nicht etwa soll dieses Wams ein Lohn für dein Segel sein", setzte Eysteinn erklärend hinzu.

Auch diesen Tag sitzen sie beisammen und sparen des guten Trunkes nicht. — Den Morgen darauf spricht Eysteinn zu Thorvarðr: „Du solltest auch heute hier ruhig verweilen; denn noch ist der Fahrwind nicht günstig."

Darauf Thorvarðr: „Ich lege die Entscheidung in deine Hand!" — Nun wird alles noch viel vorzüglicher hergerichtet, das Getränk, wie auch die gesamte andere Bewirtung!

Währenddem läßt Eysteinn herbeibringen einen Mantel. Der war durchweg mit Pelzwerk gefüttert und hatte einen Überzug von Scharlachtuch; eine tadellose Arbeit!

„Dieser Mantel ist dein!" sagte Eysteinn. „Er ist die Gegengabe für das mir geschenkte Segel. Denn, er ist ebenso sehr der schönste unter allen Mänteln, wie dein Segel das schönste unter allen andern Segeln ist!" — Thorvarðr bedankt sich warm für diese Gabe.

Die Nacht entweicht. Früh wird Thorvarðr geweckt. Vor ihm steht Eysteinn und spricht: „Jetzt will ich dich nicht länger aufhalten; denn ein guter Fahrwind ist aufgegangen."

Sie setzten sich zur Morgenmahlzeil nieder und teilen noch den Abschiedstrunk. — Dabei sagt Eysteinn: „Es war dir nicht bestimmt vom Schicksal, daß der König dein Segel zum Geschenk annehmen sollte. Aber, dessen bin ich sicher, hätt' er es angenommen, sein Lohn wäre dem meinigen gleich gewesen! — Und doch, für dich liegt ein Fehlbetrag darin, daß es nicht eines Königs Hand ist, welche dir diesen Mantel überreicht! — Zwar kann ich nichts dafür, daß meine Würde kleiner ist, als die eines Fürsten. Aber, als Ersatz für diesen Unterschied an Würde, empfange diesen Goldring!"

Er streifte denselben von seinem Arme. — Thorvarðr nahm den Ring, und dankte.

Dann stieg er auf sein Schiff. Günstig wehte der Wind zur Fahrt nach Island. — Dort ist er geworden ein einflußreicher Mann, der viel von sich reden machte.

Im Verlaufe dieses Sommers begab es sich, daß König Haraldr neben Eysteinn aufwärts segelte, längs der Küste. Doch Eysteinns Segel zog viel besser an, und er überholte weit den Fürsten in der Wettfahrt. Da fragte ihn der König: „Woher hast du denn dieses ausgezeichnete Segel, das du da führst?"

„Es ist, Herr, das nämliche Segel, welches Ihr einst verschmäht habt!" — „In der Tat, ich sah niemals ein besseres Segel! Ein ausgezeichnetes Wertstück habe ich da abgelehnt!"

„Willst du, Herr, hier auf der Stelle dieses Segel eintauschen gegen das deinige? — Doch ich erbitte mir eine Zugabe bei dem Handel, nämlich eine Gabe von deinen Lippen, einen Kuß!" — „Warum denn nicht?" sagte der König, und ein Lächeln glitt über sein Angesicht. Dann trat er dicht an den Mast heran, und prüfte das Segel genauer.

„Bewundere nicht!" sagte Eysteinn, „sondern nimm! — Nimm das Segel, falls du es magst. Es ist mir lieb, wenn du jetzt zu der Einsicht gelangst, ein Wertstück in harter Weise ausgeschlagen zu haben!"

Der König dankte und ließ nun dieses Segel auf seinem Schiffe aufhissen. Aber, es erwies sich doch dabei ein Mangel. Das Segel war nicht kräftig genug für des Königs Langschiff, beim Wettfahren; denn dieses Fahrzeug war zu groß. Immerhin aber behielt es seine Schätzung als eine sehr kostbare Gabe!

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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