Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Haraldr Sigurðarson harðráði, 1047—1066:
Vor dem Sagavortrage eines Isländers.

 

 

Im Verlaufe eines Sommers kam ein Isländer, ein junger und flinker Mann, zum Könige HaraldrHaraldr Sigurðarson hardrádi, von 1047 bis 1066., nach Norwegen, und bat denselben um gastliche Aufnahme. Der König fragte ihn, ob er sich auf Saga und Sang aus alten Zeiten verstände? — Ja, versicherte dieser, er verstände sich auf den Vortrag historischer StoffeDiese kurze Erzählung bildet in der altnordischen Literatur ein sehr charakteristisches Beispiel dafür, wie der historische Stoff zeitgenössischer, oder auch vorvergangener Ereignisse von berufsmäßigen Sagaerzählern erworben, durch deren eigene Kunst gestaltet, und dann von ihnen zum Vortrage gebracht wurde; sodann auch, wie die genannten Leute durch solche Tätigkeit eine geachtete Stellung und klingenden Lohn an den Fürstenhöfen sich erwarben. Diese „frásögn" erhielt sich jahrhundertelang im germanischen Norden bei hohen, wie auch bei geringen Leuten, als ein sehr geschätztes Glied in der Kette der Volksbelustigungen („skemtanir"), — mit denen man, sonderlich im Winter, die früh einbrechende Nacht zu kürzen verstand..

„Dann sollst du mein Gast sein!" erwiderte der König. „Aber als Entgelt mußt du dich für verpflichtet halten, stets und ständig einem jeden, der das nur wünschen wird, durch Erzählung die Zeit zu kürzen."

Der Isländer geht auf dieses Abkommen ein, und erwirbt bald die Gunst sämtlicher Hofleute. Sie beschenken ihn mit Stoff und Kleid; der König aber legt Waffen in seine Hand.

So verstrichen Sommer und Herbst und es nahte das Weihnachtsfest.

Da wird der Isländer gar unfroh, und der König fragt ihn nach dem Grunde seines Harmes.

Dieser antwortete: „Es wäre nichts weiter, als eine Melancholie, die ihn von Zeit zu Zeit überfalle!"

„Nein, das ist es nicht!" sagte der König, „ich werde dir den Grund aufdecken! — Folgender wird es sein! — Du bist mit deinen historischen Stoffen jetzt am Ende! — Während des Winters hast du stets und einem jeden, der es verlangte, durch Erzählung die Zeit gekürzt. Jetzt aber bist du ärgerlich, daß der Stoff dir ausging, zumal das Weihnachtsfest vor der Türe steht!"

„Genau das ist es, wie du vermutet hast!" gestand nun der Isländer ein. „Doch eine Saga habe ich noch im Vorrate. Indessen möchte ich es nicht wagen, dieselbe hier, bei Hofe, zum Vortrage zu bringen. Denn sie behandelt deine eigene Reiseunternehmung hinab nach Griechenland!"

„Das ist gerade die Saga, welche ich am liebsten hören möchte", sagte der König. „Und von nun an bis zum Jólfeste bist du frei von deiner Verpflichtung, jedermann durch Erzählung zu unterhalten, zumal die Leute mit Festvorbereitung beschäftigt sind. Aber mit dem ersten Weihnachtstage sollst du diesen Sagavortrag beginnen, und denselben in Abschnitte zerlegen. Ich werde es so mit dir einzurichten verstehen, daß dein Erzählungsstoff nicht früher endet, als das JólfestDie Feier des Jólfestes dauerte bis zum Anbruch des heiligen Dreikönigstages (den 6. Januar); umspannte also, im ganzen, 13 Tage. selber!"

„Bekanntlich finden statt große Trinkgelage während der Jólzeit, dieses kürzt schon die Gelegenheit für deinen Sagavortrag; auch unterlasse du es durchaus, während deines Vortrages herausfinden zu wollen, welch einen Eindruck dein Sagen auf mich mache, ob einen guten, oder einen schlechten!"

So geschah es nun auch! — Der Isländer beginnt seinen historischen Vortrag mit dem ersten Weihnachtstage. Nachdem er eine Zeitlang gesprochen hatte, gebietet der König unerwartet Schluß.

Die Recken greifen zum Trinkhorne und tauschen ihre Meinung über das Gehörte aus.

„Es wäre doch eine Keckheit von diesem Isländer", meinten etliche, „hier dem Könige seine eigene Lebensgeschichte vorerzählen zu wollen! — Was der Fürst wohl dazu sagen möge?"

Andere lobten den Vortrag; wieder andere hielten ihn für weniger gelungen. — In dieser Weise setzte sich die begonnene Saga durch alle die Weihnachtsfesttage hindurch fort.

Aber der König ließ es sich in keiner Weise anmerken, ob ihm die Geschichte gefiele, oder nicht? — Indessen paßte er genau auf, daß man wohl aufmerke, und es geschah durch seine Anordnung, daß die Saga gerade mit dem letzten Jóltage abschloß.

So waren die Festtage hintereinander verlaufen. Und am Abende des dreizehnten Tags richtete der König an den Isländer die Frage: „Bist du nicht neugierig darauf, wie mir deine Saga gefallen hat?"

„Ich bange darum, o Herr!" — gab dieser zurück. — Worauf der König: — „Mir hat dein Vortrag recht Wohlgefallen, und nirgends blieb die Darstellung hinter der Bedeutung des Stoffes zurück! — Doch wer hat dich diese Begebenheiten gelehrt?"

Und nun berichtete der Isländer: „Das war meine Gewohnheit daheim, auf Island, einen jeden Sommer zum Thing zu reisen. Hier erlernte ich jedes Jahr ein neues Stück von dieser Saga, und zwar bei Halldórr SnorrasonHalldórr hatte nämlich teilgenommen an den Seekriegen, welche Haraldr im Auftrage des griechischen Kaisers, und an der Spitze der Väringer, im Mittelmeere führte und war dabei einer von seinen tapfersten Gefolgsleuten gewesen.!"

Dazu bemerkte der König: „Dann ist es in der Tat nicht zu verwundern, daß du die Begebenheiten so genau kennst. Und dieses Wissen wird dir zum Gewinn! Für jetzt bleibe bei mir, als ein willkommener Gast! Und das werde dein Recht, so oft du willst!"

Der König schenkte später dem Isländer eine erkleckliche Summe zur Unternehmung von Handelsreisen. — So wurde er ein gemachter Mann!

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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