Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Haraldr Sigurðarson harðráði, 1047—1066:
Von Halldórr, dem Sohne des Snorri goði

 

 

Halldórr Snorrason hatte in Begleitung Haraldrs fernab in MikligarðrKonstantinopel - Haraldr Sigurðarson hardrádi war in seiner Jugend zu in die Dienste des griechischen Kaisers getreten und wurde dort Anführer, Akoluthos, der Vaeringer. Vgl. das Nähere in der historischen Einleitung. eine Zeitlang gelebt, und kam nun in dessen Gefolge, von Osten her, über Rußland nach Norwegen. Hier genoß er große Ehre und Schätzung bei dem inzwischen zum Könige erhobenen Haraldr, welcher den Winter über in KaupángrKaupángr — (kaup = Handel, ángr = kleiner Fjord) — ist der, zu zweit gebräuchliche, Name für die Residenz der norwegischen Einheitskönige, nämlich für Niðaróss, das heutige Throndhjem, welche Residenz von König Oláfr Tryggvason 996 angelegt wurde. residierte.

Als nun der Winter vergangen war, und der Frühling anbrach, rüsteten die Leute zu ihrer Kaufmannsfahrt, und zwar zeitig, weil fast kein, oder nur sehr geringer Schiffsverkehr bisher hatte stattfinden können aus den Häfen Norwegens, solange der Krieg und die Kriegesnot zwischen Norwegen und Dänemark wüteten.

Ein Teil des Frühlings war schon verstrichen, als König Haraldr wahrnahm, wie unfroh Halldórr Snorrason aussah; darum fragte er ihn eines Tages: „Was steckt dir im Sinn?" —

„Ich sehne mich nach Island zurück, Herr!" war Halldórrs Antwort.

„Manch einer mag wohl noch mehr Heimweh haben, als du", sagte der König, „doch wie steht es mit deinem Reisegelde? — Ist dein Gepäck in Ordnung?" —

„Schnell wird das geordnet sein, dünkt mich; denn ich besitze nichts weiter, als dieses mein Alltagskleid!" —

„Schlecht sind da gelohnt langer Dienst und viel GefahrHalldórr hatte Haraldr auf sämtlichen Kriegszügen im Mittelmeere begleitet und auch das Gefängnis, in Konstantinopel, mit ihm geteilt, in welches Haraldr durch die Eifersucht der Kaiserin Zoe geworfen wurde.! Doch ich will dir schenken Schiff und Schiffsladung. Dein Vater soll sehen, daß du mir nicht umsonst gedient hast!"

Halldórr dankte ihm für die Gabe.

Wenige Tage später, bei einer Zusammenkunft, fragte der König den Halldórr, wie weit er gekommen sei mit dem Heuern seiner Matrosen?

„Alle Burschen haben bereits früher sich verdungen; ich kann keine Leute bekommen. Aus diesem Grunde, fürchte ich, muß das Schiff hier bleiben, welches Ihr mir geschenkt habt!" —

„Dann wäre es ja keine Gabe von Freundeshand! — Laß uns noch eine Weile warten und überlegen, auf welche Art wir Leute verschaffen könnten?" —

Nächsten Tag hörte man in der Stadt Hörnerklang, das übliche Zeichen, wenn ein Thing abgehalten werden sollte, und der Ausrufer verkündigte, der König wolle Bürger und Kaufleute sprechen.

Spät betrat der Fürst die Versammlung und seine Miene schien sorgenvoll. Er begann:

„Mir ist die Kunde geworden, daß Unfriede in meinem Reiche ausgebrochen ist, und zwar im Osten, in der Landschaft Vik. Sveinn, der Dänenkönig, an der Spitze eines Dänenheeres, gedenkt uns Schaden zuzufügen. Doch sind wir nicht gesonnen, auch nur einen Zollbreit unseres Landes preiszugeben. Aus diesem Grunde müssen wir verbieten das Auslaufen sämtlicher Schiffe, bevor die Steuer erhoben ist von einem jeden Fahrzeuge, beides von Leuten, wie von Last„landaurar", plur. von eyrir, = Öre, der Landesschilling, wurde in der Regel bei auslaufenden Schiffen erhoben nur von der Person, nicht von der Last.. Ausgenommen von solchem Befehle ist nur ein kleiner Kauffahrer, welcher dem Halldórr Snorrason gehört. Diesem ist gestattet auszulaufen nach Island. — Und, wenn diese Maßregel auch etwas strenge euch erscheinen sollte, da ihr bereits reisefertig liegt, so zwingt doch die Not uns zu solch einer Auflage. Wahrlich bequemer, so meinen auch wir, wäre es, in Ruhe und Frieden zu sitzen und offene Fahrt zu geben jedem nach seinem Willen!" — Darauf trennte sich die Versammlung.

Eine kleine Zeit darauf besucht Halldórr den König.

„Ist deine Reiserüstung beendigt?" — fragte der Fürst. „Hast du etliche Leute bekommen?" —

„Mehr wie genug, habe ich jetzt"; antwortet Halldórr. „In Haufen kamen sie zu mir, und baten um Fahrt, mehr als ich befriedigen konnte. Die Menge überläuft mich. Fast wird das Haus mir gestürmt. Und nicht Nacht, noch Tag, finde ich Ruhe vor dem Drängen der Menschen!" —

Nun befahl der König: „Halte du fest die Matrosen, welche du geheuert hast! — Und warten wir ab das weitere!" —

Nächsten Tag wurde dann wieder geblasen, und der Ausrufer verkündigte, der König wünsche noch einmal mit den Kaufleuten zu reden.

Diesmal brauchte man nicht auf den Fürsten zu warten; er war der ersten einer in der Versammlung. Und sein Antlitz erschien heiter.

Von seinem Sitze aufstehend, sprach er zu den Kaufleuten: „Frohe Botschaft habe ich zu künden! Was gestern euch gesagt wurde über ausgebrochenen Unfrieden, beruht auf einem falschen Gerücht. Darum wollen wir nun gestatten allen Schiffen freie Ausfahrt, wohin ein jeder trachtet! Kommt dann im Herbste heim; bringt uns Schätze mit. Und euch soll dafür werden, von unserer Seite, Gnade und Gunst!" —

Alle Handelsleute, welche da versammelt vor ihm standen, wurden dessen gar froh, und brachen aus in das „Heil dem Könige!" —

Halldórr fuhr diesen Sommer nach Island und verlebte den Winter bei seinem Vater. Den Sommer darauf aber kehrte er zurück nach Norwegen, um noch einmal in das Gefolge des Königs Haraldr einzutreten. Doch war er, wie berichtet wird, dieses Mal durchaus nicht gleich eifrig, denn zuvor, in der Aufwartung für die Person des Fürsten. Spät blieb er am Abende in der Trinkhalle noch sitzen, wenn der Fürst bereits zur Ruhe gegangen war.

Wir machen nun den Hörer bekannt mit Thórir, genannt der Englandsfahrer. Ein gewandter Kaufherr, ein vorzüglicher Segler, war derselbe lange zwischen den verschiedensten Ländern hin und her gefahren, und hatte dem Könige wertvolle Sachen, als Geschenk, mitgebracht. In des Fürsten persönliches Gefolge aufgenommen, stand er jetzt in hohem Alter. —

Dieser Thórir suchte Haraldr auf und sprach zu ihm: „Ein Greis bin ich nun, wie Ihr seht, und meine Lebenskraft ist erschöpft. Da meine ich denn, nicht mehr mithalten zu können mit Eures Hofgesindes Sitten, als da sind das Minnetrinken und dergleichen andere. — — Ich muß mich bescheiden, obwohl das lindeste und das liebste für mich ist, bei Euch zu bleiben!" —

Darauf der König: „Leicht ist hier der Ausweg, mein Freund; bleib in meinem Gefolge; trinke aber nie mehr, als dir beliebt; das geschieht mit meiner Erlaubnis!" —

Bárðr hieß nun ein Mann, stammend aus Norwegens Binnenlande, ein guter Kamerad, und noch jung. Dieser stand zu König Haraldr in einem besonders nahen Verhältnis, als sein Vertrauter.

Bárðr, Thórir und Halldórr waren Tischnachbarn beim Bankett. Da begab es sich eines Abends, daß der König an der Gruppe dieser Zecher vorbeischritt.

Eben, in dem Augenblicke, erhob Halldórr sein Trinkhorn und reichte es weiter an Thórir. Dieses Hörn, von gewaltigem Umfange, war völlig durchsichtig, so daß man klar hindurchsehen konnte. Halldórr hatte es etwa bis zur Hälfte ausgeleert, bevor er das Hörn dem Thórir hingab. Dieser setzt es nun an die Lippen, schluckt und schluckt, doch es wird ihm gar sauer, den Rest zu bewältigen.

Dieses beobachtend, spricht der Fürst: „Spät ergründet man doch der Leute Sinn und Wesen! — Halldórr, wie? Mit einem greisen Trinkgesellen treibst du da deinen Spott? — Schiebst ihm den größeren Teil im Horne zuHalldórr bitte die Pflicht gehabt, nach des Königs Meinung, mehr als die Hälfte auszutrinken, und nicht einen so starken Rest dem alten Thórir übrig zu lassen. Zeitweise teilten sich nämlich zwei Zecher in ein größeres Hörn, nach altnordischer Sitte.? — Dazu läufst du spät Abends zu leichtfertigen Dirnen, anstatt deinem Fürsten aufzuwarten!" —

Halldórr antwortete nichts auf diese Vorwürfe, doch Bárðr bemerkte, wie peinlich denselben des Königs Worte berührten. Daher, am nächsten Morgen, in aller Frühe, begab Bárðr sich zum Fürsten.

„Du bist früh auf, Bárðr!" spricht Haraldr.

„Zweck meines Kommens ist, Herr, Euch Vorstellung zu machen. — In unverdienter Weise habt Ihr, gestern abend, schwer getadelt den Halldórr, der doch Euer Freund ist. Ihr machtet ihm den Vorwurf, daß er sich beim Trinkhorne zach benehme! — Die Sache lag anders! — Jenes Hörn gehörte dem Thórir. Dieser hatte davon nur genippt, und stand im Begriffe, zum Mischkruge zu gehen, um dort es auszuschütten; da griff Halldórr nach diesem Hörne, nahm und trank, an Thórirs Stelle, es aus; mehr, als zur Hälfte! — Auch folgendes ist ganz sicher nicht die Wahrheit, wenn Ihr behauptet, daß Halldórr zu schlechten Weibern gehe. Der einzige Vorwurf, den seine Freunde ihm machen würden, ist dieser, daß Halldórr Euch fleißiger dienen könnte!"

Der König erwidert darauf, er und Halldórr würden sich über diese Sache schon verständigen, sobald sie sich träfen.

Dann begibt sich Bárðr zu Halldórr, um ihm mitzuteilen, der König habe sich freundlich über ihn ausgesprochen. „Selbstverständlich", setzt er hinzu, „mußt du dich nun beruhigen; der König wirft ja schnell dergleichen Worte hin, meint es aber nicht so ernst!" —

In dieser Weise machte Bárðr, mit Geschick, zwischen beiden den Vermittler. Immerhin verstrich noch eine geraume Zeit, während eine gewisse Entfremdung den König von Halldórr trennte.

Dann kam Weihnachten heran. Es war die Zeit, wo nach alter Sitte Trinkstrafen auferlegt wurden.

Eines Morgens nun, während der Jólfesttage, wurden früher die Glocken gezogen, als gewöhnlich. Es waren die Pagen, welche die Leute-Knechte dazu bestochen hatten. Deswegen kamen Halldórr, und mit ihm viele andere Recken, in Strafe. Sie mußten tagsüber im StrohAußerhalb, zur Seite der Eingangstüre des Bankettsaales, befand sich ein Winkel, angefüllt mit Stroh. Hier ließ man arme und geringe Leute sitzen über Tag, schlafen in der Nacht; während Edelinge ihren Platz fanden auf den Bänken der Halle. sitzen, und dort den Bußbecher trinken.

Halldórr setzte sich zwar auf seinen gewöhnlichen Platz, doch nichtsdestoweniger brachte man ihm das Strafhorn, welches er indessen ablehnte mit der Erklärung, er würde es nicht trinken.

Dieses ward dem Könige gemeldet.

„Kaum glaublich!" sagt der Fürst. „Er muß den Becher annehmen, wenn ich selbst ihn reiche!" —

Der König ergreift nun den Strafbecher und schreitet auf Halldórr zu.

Dieser steht vor dem Fürsten auf, welcher ihm befiehlt, das Strafhorn jetzt auszutrinken.

Halldórr antwortet: „Ich halte mich für schuldlos, und das mit vollem Rechte. Denn Ihr habt eine List gebraucht, und die Zeit des Läutens geändert, nur zu dem Zwecke, um Männer in Strafe zu nehmen!" —

„Dennoch wirst du dieses Strafhorn trinken müssen", sagt der König, „nicht weniger als die andern!" —

„Das mag sein", gibt Halldórr zurück, „daß du es fertig bringst, mich zum Strafhorne zu zwingen; doch wahrlich, nicht wäre Sigurðr Syr imstande gewesen, den Snorri goði zu ähnlichen Dingen zu pressen, wider seinen WillenHalldórr will damit sagen, Sigurðr Sýr, Haralds Vater, wäre an Macht und Einfluß damals kein stärkerer Mann in Norwegen gewesen, als sein eigner Vater, Snorri goði, in Island. Dieser hochmütige Vergleich verletzt den Stolz des Königs.!"

Er ergriff nun das Horn, und leerte es aus. — Hocherzürnt über solche Rede, schritt der König auf seinen Sitz zurück.

Da kam der achte Tag des Jólfestes, an welchem Üblicherweiseden Hofleuten ihr Sold ausbezahlt wurde. — Jene Silberlinge, mit denen man zahlte, führten unter den Höflingen den Spottnamen „Haraldsmischung". Denn sie hatten einen starken Zusatz von Kupfer.

Als Halldórr nun seinen Sold empfing, legte er ihn auf den Zipfel seines Mantels und betrachtete die einzelnen Stücke. Augenscheinlich war das nicht reines Silber. Da schlug er mit der andern Hand von unten gegen das Geld, so daß die Silberlinge auf den Erdboden sprangen, der mit feinem Häcksel überstreut war. —

Bárðr wies ihn zurecht: „Das ist unrecht von dir! Der König muß sich beleidigt fühlen, wenn seine Löhnung so verworfen wird!"

Worauf Halldórr: „Das schert mich wenig! Ich habe keine Furcht!" — —

Nach Schluß des Weihnachtsfestes ließ Haraldr seine Flotte in den Dienst stellen. Er beschloß, süd wärts mit ihr zu fahren, längs der Küste hin. Der König war fast reisefertig, da hatte Halldórr nicht einmal mit Packen begonnen.

Bárðr fragte ihn: „Warum rüstest du nichts?" — „Ich gedenke gar nicht mitzufahren; denn ich sehe, daß der König sich aus mir nichts macht!" — „Ganz sicher! Er will, daß du mitkommst!"

Bárðr begibt sich nun zum Fürsten, und meldet: „Halldórr will nicht packen!" — „Und du mußt doch wissen", fügt er hinzu, „daß du nur einen schlechten Ersatzmann finden würdest für Halldórr, auf dem Platze am Vordersteven deines Schiffes!" —

„Tu' ihm zu wissen, ich rechne auf seine Begleitung! — Und füge dieses noch hinzu: „Die Wortkargheit, welche eine Zeitlang zwischen uns geherrscht hat, bestehe nicht im Ernst!" —

Bárðr geht zu Halldórr und meldet ihm, der König wolle in keiner Weise auf seine Dienste verzichten. Auf des Freundes Zuspruch hin packt nun Halldórr seine Sachen und begleitet den König.

Eines Nachts dann, während sie segelten, rief Halldórr dem Manne, welcher das Königsschiff hinten steuerte, von vorne das Kommandowort zu: „Wende!" (vikja til!) —.

Doch der König befahl dem Steuermanne: „Gradaus!" —.

Halldórr wiederholte noch einmal, vom Vordersteven aus, den Kommandoruf „Wende!" —

Und abermals kommandiert der König: „Gradaus!"

Da schrie Halldórr: „Dicht vor dem Steven liegt ja eine Felsklippe!" —

Und in demselben Augenblicke ein Krach! — Man war auf einen Felsen gerannt, und zwar mit solcher Gewalt, daß der Schiffsboden barst, und die Mannschaft nur mit Hilfe der andern Schiffe sich ans Land rettete. —

Hier schlugen die Leute Zelte auf, um das Schiff auszubessern. —

Am nächsten Morgen erwacht Bárðr von einem Geräusch, und er sieht, wie Halldórr Bett und Gepäck zusammenschnürt. „Was schaffst du da, Kamerad?"

„Ich will auf ein Handelsschiff, welches hier nahe bei uns liegt! — Der Rauch von unserem Herde wird sich jetzt wohl scheiden, wenn jeder von uns seine Sonderstraße zieht. Ich kann es nicht mit ansehen, daß der König seine Schiffe ruiniert nebst andern Wertstücken, und dieses noch unter Beleidigungen für mich!" —

„Warte doch, Kamerad! — Inzwischen gehe ich zum Könige." —

„Früh bist du auf den Füßen, Bárðr!" sprach der Fürst, als der treue Vermittler vor ihm stand.

„Gefahr ist im Verzuge!" erwidert Bárðr. „Halldórr will fort. Er meint, du habest ihn unfreundlich behandelt. Und unrecht hat er nicht! — Es ist schwer, zwischen euch beiden den Makler zu machen! — Nordwärts will er, nach Thrándheim, zu seinem Schiffe, und dann zurück nach Island, dazu im vollen Zorn! — Das wäre nun eine wenig passende Trennung zwischen euch beiden! Dazu würdest du kaum, das ist meine volle Überzeugung, je einen andern Mann bekommen, gleich treu, wie er!" —

Der König erwiderte, man würde sich schon vergleichen. Und er seinerseits wolle den Vorfall vergessen.

Bárðr überbrachte dieses einlenkende Wort des Königs an Halldórr.

Doch der erwiderte: „Wozu soll ich ihm länger dienen? Ich bekomme ja nicht einmal meinen Sold unverfälscht!"

„Denk nicht daran! — Du kannst dir schon gefallen lassen, was selbst Hersen- und Jarl-Söhne mit in den Kauf nehmen! — Auch du verfuhrst in dieser Sache, letzthin, nicht gerade glimpflich; du schlugst die Silberstücke nieder in das Stroh und verwarfst sie! Bedenke doch, wie beleidigend so etwas dem Könige erscheinen muß!" —

Darauf Halldórr: „Das sehe ich ganz und gar nicht ein! Nicht ein einzigesmal habe ich so verfälscht meinen Dienst, als der König fälschte seinen Sold!* —

„Das mag wahr sein! — Und doch! — Warte noch auf mich! Noch einmal will ich zum Könige!" —

Bárðr erscheint dort und bittet den Fürsten: „Gewährt mir, Herr, ein Anliegen. Zahlt dem Halldórr seinen Sold in reinem Silber aus; denn er legt Wert darauf!" —

Der König gibt ihm zur Antwort: „Erscheint es dir nicht als eine Dreistigkeit bei diesem Halldórr, zu verlangen den Sold in einer andern Weise, als wie die Söhne von Hersen und von Jaden ihn beziehen? — Zumal unter solch einer Nichtachtung, mit welcher er sich benommen hat bei der letzten Soldzahlung!" —

Darauf Bárðr: „Hier fällt ins Gewicht, o Herr, der große Vorzug von Halldórrs Heldenart und die Länge eurer beiderseitigen Freundschaft! — Ich spreche nicht von deiner eigenen noblen Gesinnung, da dir bekannt sind Halldórrs Charakter und seine Aufrichtigkeit. Es ist ja das dein eigener Wille, ihn gut zu behandeln!" —

„Du hast recht!" sagte der König. „Bring ihm die Silberstücke."

So geschah's. Und Bárðr brachte dem Halldórr zwölf Öre reinen Silbers.

„Da siehst du", rief er, „der König hat's gewährt; und grad' so, wie du es wolltest!* —

„Dennoch", erwidert Halldórr, „kann ich nicht länger mit auf dem Königsschiffe fahren! — Will er meine Begleitung in Zukunft, so gebe er mir ein eigenes Schiff, und ein selbständiges Kommando!"

Darauf Bárðr: „Das gebührt sich nicht, Kamerad! Sollten Häuptlinge gezwungen werden, ihr eigenes Schiff dir abzutreten? — Du bist zu ehrgeizig!" —

Halldórr aber erklärte, seine fernere Begleitung hänge von dieser Bedingung ab.

Bárðr begibt sich nun noch einmal zum Könige und meldet demselben Halldórrs Gesuch.

„Und wenn eines solchen Schiffes Besatzung, welche Halldórr kommandiert", setzt Bárðr erläuternd hinzu, „von gleicher Tüchtigkeit ist, wie sein Kommandant, dann allerdings bedeutet das für Euch, Herr, einen starken Kraftzuwachs!" —

„Obwohl dieses eine sehr stolze Forderung ist", entschied der König, „so will ich doch nicht auf Halldórrs Dienstleistung verzichten!" —

Sveinn, gebürtig aus Lyrgja, war der Name eines norwegischen Häuptlings. — Den ließ der König jetzt zu sich rufen.

„Du bist", begann der Fürst, „ein Mann von altem Adel, dazu sehr erfahren. Ich wollte dich auf meinem Schiffe haben, um deines Rats mich zu bedienen."

„Du hast bisher andere Leute mehr zu deinen Räten gemacht, als mich", erwiderte Sveinn. „Auch bin ich zu solchem Dienste wenig tauglich! — Doch, wem hast du denn mein Schiff zugedacht?" — „Dem Halldórr Snorrason!" — „Nicht kann mir dies behagen, Herr, daß du einem isländischen Manne zuliebe mir mein Schiffskommando nehmen willst!"

Worauf der König: „Sein Adel zählt in Island um nichts geringer, als der deinige in Norwegen. Von jenen, die einst dorthin auswanderten, knüpfen viele ihren Stammbaum, und mit gutem Grunde, an die reichsten und berühmtesten Männer Norwegens!"

Es mußte nun so gehen, wie der König das wollte. Halldórr erhielt das verlangte Schiff. Haralds Reise ging ostwärts nach Vík, wo Gastgeber und Gastgebot seiner warteten. —

Eines Tages nun saß der König in der Halle beim Bankett in Gesellschaft vieler Recken, unter denen auch Halldórr sich befand. Da traten Halldórrs Matrosen ein, völlig durchnäßt, und meldeten, daß Sveinn mit seinen Leuten Halldórrs Schiff weggenommen und sie, die Wächter desselben, über Bord, ins Wasser, geworfen hätten.

Halldórr sprang auf, trat vor den Fürsten und fragte, ob er dieses Schiff, als ein Königsgeschenk, behalten, oder missen solle? —

„Gewiß! Behalten sollst du es!" rief der König, und befahl sofort seinen Leibwächtern, sich Halldórr anzuschließen, um mit sechs der schnellsten Schiffe Sveinn nachzusetzen.

So geschah's! — Sie verfolgten Sveinn nebst dessen Gesellen und stellten ihn. In die Enge getrieben, legte Sveinn das Steuerruder ein und hielt gerade auf das Land zu. Dort sprangen sie alle ab und flohen in einen nahen Wald. — Aber Halldórr hatte sein Schiff wieder und fuhr mit ihm zum Könige.

In den Sommermonaten begab sich der Hof zurück, nordwärts, in die Provinz Thrándheim, und es nahm der König über Winter seine Residenz in Kaupángr.

Sveinn aber saß in demselben Winter auf seinem Hofe zu Lyrgja. Von hier aus sandte er Boten an König Haraldr mit der Erklärung, er sei gewillt seine Schuld, betreffs jenes Schiffes, in des Königs Hand zu legen. Sein Vorschlag war, jenes Schiff dem Halldórr abzukaufen, wenn der König das gutheißen wolle! —

Als der König nun gewahr wurde, daß Sveinn seine Schuld ganz unter das Urteil seiner Hand stelle, beschloß er, in so linder Art den Streit zu schlichten, daß beide Parteien davon befriedigt sein sollten.

Er feilschte um das Schiff mit Halldórr, und kaufte es.

Nach Festsetzung des Preises, zahlte der Fürst diesen Betrag sofort bar aus, in Gold und reinem Silber, bis auf den Rest einer halben Mark in Gold, welche als Schuld zurückblieb. Halldórr forderte diesen Rest nicht ein, und der König kam auf denselben auch nicht zurück.

Der Frühling brach an. Halldórr meldete dem Fürsten seinen Entschluß, in den nächsten Sommerwochen nach Island zurückzukehren, mit dem Zusatz, eine Auszahlung jener noch rückständigen Schuld vom Schiffswerte wäre jetzt ihm willkommen.

Doch der König machte Schwierigkeiten, indem er gesonnen war, weder Halldórrs Forderung zu bewilligen, noch auch dessen Abreise zu hindern.

Halldórr setzte sein Schiff instand. Es war eine Frühlingsnacht. — Da führte er das Fahrzeug bis zur Flußmündung hinaus und machte sich ganz reisefertig. Der Fahrwind wehte günstig. —

Nun bestieg Halldórr ein Boot mit einigen Matrosen, ruderte rückwärts den Fluß hinauf, legte bei der Ladebrücke an, und zwar mit dem Hinterteile des Bootes (um bei eiliger Rückfahrt nicht erst wenden zu müssen); auch ließ er es nicht anketten, sondern ein Mann mußte das Boot festhalten. Den andern Matrosen aber befahl er sitzen zu bleiben, und zwar Hand am Riemen! — — So sollten sie auf ihn warten. Er selbst schritt zur Stadt hinauf in voller Waffenrüstung. Sein Ziel war das Königshaus und darin das Schlafgemach, worin König und Königin ruhten. Sein Eintritt verursachte ein Geräusch, wovon beide erwachten.

„Wer bricht da zur Nachtzeit in mein Haus?" —

„Halldórr ist's!" antwortet er. „Fertig bin ich zur Fahrt, günstig weht der Wind, und ist es nun an der Zeit, mein Guthaben einzukassieren!" —

„Nicht so jach!" ruft der König. „Warte bis zum Morgen. Dann wollen wir die Sache ordnen!" —

„Nein sofort!" gibt Halldórr zurück. „Ich will diesesmal nicht umsonst gekommen sein; denn ich kenne deine Schliche! — Sicherlich gefallen dir weder diese meine Nachtfahrt, noch meine Geldforderung. Wie du dich jetzt auch verstellen magst; mein Vertrauen in dich ist geknickt! — Auch das ist ungewiß, ob wir beide uns noch einmal so gegenüberstehen werden, wo ich der Art im Vorteile bin! — Das will ich jetzt ausnützen! — Dort an dem Arme der Königin sehe ich einen Ring. Mit ihm will ich meine Forderung decken. Gib ihn her!" —

Der König erwiderte: „So wollen wir die Wagschalen holen, und den Ring wiegen!" —

„Nicht bedarf es dessen", entgegnet Halldórr, „ich nehm ihn an für meine Restforderung. Suche dieses-mal nicht, mit Ränken dir zu helfen; sondern entschließe dich kurz!" —

Da sprach die Königin: „Gib ihm den Ring, welchen er fordert! Siehst du nicht, daß er, kampfgerüstet, dir jetzt überlegen ist?" — Sie streifte den Ring von ihrem Arme und reichte ihn Halldórr hin. Dieser ergriff ihn, dankte beiden für die Zahlung, und wünschte ihnen eine sanfte Nacht. —

In eiligen Schritten verließ er das Haus; dann hinab zum Boote. Seine Leute schlugen die Riemen ins Wasser und scharf zogen sie an. So erreichte man das Schiff. Der Anker wurde gelichtet, die Segel gesetzt. Es war nun früher Morgen, als sie das Kap umsegelten. Da ertönten auch schon die Hornsignale durch die Stadt und in Sicht kamen alsbald drei Kriegsschiffe, welche in voller Fahrt auf sie zuhielten. Der Wind war im Anschwellen, und scharf segelte der Kauffahrer. Als des Königs Mannen nun einsahen, daß Halldórr ihnen doch entwische, wandten sie um. Halldórr aber gewann die freie See und war ihrer Nachstellungen nun ledig. —

Günstiger Wind verblieb ihm bis nach Island hinüber. In späterer Zeit sind König Haraldr und Halldórr einander nie wieder begegnet.

In Island angekommen, richtete Halldórr sich ein auf dem Gut HjarðarholtIm Laxárdalr, ehemals erbaut von Oláfr paa..

Es war einige Jahre später, da sandte König Haraldr Botschaft an Halldórr Snorrason, er möchte noch einmal nach Norwegen kommen, um wiederum sein Gast zu sein. Hochgeehrt solle er werden, und, ausgenommen Hersen und Jarle, würde der König keinen andern Mann in Norwegen höher stellen, als ihn, falls er die Ladung annähme. —

Halldórr sprach, als er diese Ladung vernommen hatte: „Nicht gelüstet es mich zu verlassen was ich hier habe, um Haralds Gast zu sein. Bleibe ein jeder von uns auf dem Seinen! — Zur Genüge bekannt ist mir des Königs Sinn! — Ja, das stimmt! Er würde halten, was er verspricht. Er würde keinen andern Mann in Norwegen höher setzen, als mich, falls ich jetzt zu ihm ginge. Denn er würde mich knüpfen lassen an den höchsten Galgen, wäre ich nur in seiner Gewalt."

Sodann später, als König Haraldr hochbetagt war, sandte er, so sagt man, noch einmal zu Halldórr Snor-rason, und ließ ihn bitten um Zusendung von einigen Fuchsbälgen. Er wolle eine Bettdecke aus ihnen sich machen lassen, denn er bedürfe der Wärme! —

Bei dieser Botschaft, so sagt man, entfuhr dem Halldórr, etwas vorschnell, das Wort: „Alt ist nun auch jener Frühaufsteher geworden!" — Doch, er sandte ihm die gewünschten Fuchsfelle. Selbst aber fuhr Halldórr nicht wieder hinaus, seit jenem Abschiede in Thrándheim; vielmehr wohnte und wirkte er in Hjaröarholt bis zum hohen Greisenalter. Denn seiner Jahre wurden viele. —

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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