Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Haraldr Sigurðarson harðráði, 1047—1066:
Von Stúfr, dem Blinden

 

 

Von Island, zugereist nach Norwegen, kam einst Stúfr, der Blinde. Er war ein Sohn jenes Thórðr, welcher den Beinamen „Köttr"d. h. die Katze führte, und dieser fand seine Erziehung im Hause des bekannten Coden Snorri. Thórðr Köttr aber war wiederum ein Sohn von Thórðr Glümsson und der aus der Laxdäla-Saga so sehr bekannten Gudrun, der Tochter des Ósvífr. Dieser Thórðr Glúmsson, Gudrúns Gatte, hatte indessen zum Vater gehabt den hochberühmten Skalden Glúmr GeirasonMan beachte zunächst die Sorgfalt, mit welcher der Stammbaum der vornehmen Geschlechter schon in jener Zeit geführt wird. Dieser Glúmr Geirason befand sich lange Zeit als Dichter an dem Hofe des norwegischen Königs Haraldr gráfeldr (Graumantel) 961—965.
Finnur Jónsson, Litt. Historie I, 535, Kopcnh. 1894.
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Stúfr war blind, aber dennoch ein wohlunterrichteter Mann, und ein guter SkaldeStúfr Thórðarson, oder kurz genannt auch Skáldstúfr, geboren auf Island ca. 1025, mag, etwa 35 Jahre alt, nach Norwegen gekommen sein. Das hier erzählte Znsammentreffen mit König Haraldr fällt mutmaßlich in den Winter 1062/63.. Seine Reise nach Norwegen fiel in die Regierungszeit des Königs Haraldr Sigurðarson. Dort angelangt, nahm Stúfr im UpplandeUnter Uppland verstand man die ostwärts gelegenen Landschaften des norwegischen Binnenlandes. sein Winterquartier auf dem Hofe eines wohlhabenden Bauern, der ihm mit Auszeichnung begegnete.

Eines Tages, stehend vor dem Eingangstore des Hofes, beobachteten die Männer in der Ferne einen ansehnlichen ReiterzugDie Nordlandshöfe waren angelegt meistens auf Hügeln, von denen aus man eine gute Umschau halten konnte., welcher seine Richtung auf den Hof zu nahm. Die Ausrüstung der Leute war eine glänzende. Der Bauer nahm das Wort:

„Ich bin nicht sicher, was das zu bedeuten haben mag? — Soviel ich weiß, wird der König hier nicht erwartet; und doch, dünkt mich, jener Reitertrupp ist einem Königsgefolge nicht ungleich!" —

Man blieb auf dem Beobachtungsposten. Und in der Tat, jene Reiter kamen auf den Hof gesprengt. Es war der König, den man zu empfangen hatte.

Nachdem Fürst und Bauer sich begrüßt, sprach der letztere:

„Herr, Eure gastliche Aufnahme wird nicht standesgemäß hier ausfallen!" —

„Ich komme dir unerwartet!" antwortet der König. „In Staatsgeschäften bereise ich das Land. Meine Leute sind angewiesen, selbst für sich und ihre Pferde zu sorgen; doch ich werde bei dir einkehren!" —

Der König war bei heiterster Laune, und, geleitet von dem Bauern, schritt er zu dem Hochsitze in der Halle.

„Nun geh' an die Arbeit, Bauer!" sagte der König, „und besorge deine Geschäfte, wie du magst, unbekümmert um mich!" —

„Mit Eurer Erlaubnis, Herr! Das werde ich tun!" —

Der Bauer zieht sich zurück; — der König aber läßt über die Bänke des Saales seine Blicke hingleiten und diese bleiben haften auf der Gestalt eines hochgewachsenen Mannes, welcher sich niedergelassen hatte nahe der Eingangstüre.

„Wer bist du dort?" — fragte der König.

„Mein Name ist Stúfr"Stúfr heißt eigentlich „Stumpf", also z. B. ein der Hand beraubter Arm., erwidert der Angeredete.

„Das ist so gut wie kein Name! — Aber wessen Sohn bist du?« —

Köttrsder Katze Sohn!"

„Dieser Name ist so nichtssagend, wie der andere!" sagte der König. „Wo wohnt denn jene Katze?" —

„Rate das, mein Fürst!" gibt Stúfr zurück, und lacht dabei hell auf. —

„Warum lachst du so?" fragt Haraldr.

,Ja, rate das!" erwidert Stúfr.

„Das dürfte mir schwer fallen, deinen Gedanken nachzuschleichen! — Doch ich habe eine Vermutung! — Dein Lachen entspringt wohl der Nachforschung, in welchem Winkel jene Sau gelegen haben mag, nach welcher mein Vater einst seinen SpitznamenDer Vater des Königs Haraldr hieß Sigurðr Syr (syr = die Sau). Dieser war einer der Kleinkönige in Norwegen und ehelichte Asta, die nachgelassene Witwe von Haraldr, und Mutter von König Oláfr helgi, so daß Oláfr (1015—1030) und Haraldr harðraði (1047—1066) Halbbrüder waren. erhielt?"

„Da hast du recht geraten, Herr!"

„Rück näher heran", sprach der Fürst. „Und laß uns plaudern!"

Das tat Stúfr. Und der König fand große Belustigung an dem Wortgefechte mit ihm.

Da tritt der Bauer wieder ein, und äußert seine Besorgnis, der König möchte sich langweilen.

„Durchaus nicht!" sagt der Fürst, „vielmehr dieser, dein Wintergast, unterhält mich auf das beste. Heut' abend soll er, beim Becher, mein Geselle sein!"

„Ganz nach Eurem Wunsche, Herr!" sagte der Bauer.

So geschah's denn auch. Zwischen dem Könige und Stúfr floß lebhaft die Unterhaltung hin und her, und Haraldr fand, Stúfr sei ein wohlunterrichteter Mann, trotz seiner Blindheit.

Als man dann aufbrach, um sich zur Nachtruhe zu legen, ladet Haraldr den Stúfr ein, ihn in sein Schlafzimmer zu begleiten, um die Unterhaltung dort fortzusetzen.

Dieser folgt.

Hier trägt Stúfr zunächst ein kurzes Gedicht vor. Nach Schluß desselben ermuntert der König zu mehreren.

Und nun deklamiert Stúfr noch etwa zehn kürzere Lieder, wenn nicht mehr.

„Kannst du auch etwas größeres mir bieten, als diese kleinen Gedichte? — Doch, wer war ihr Verfasser?" —

„Ich beherrsche ebensogut auch große Gesänge! — Von jenen kleineren Liedern, welche ich vortrug, bin ich der Autor. Doch, Herr, was dünkt Euch? Liegt poetischer Ausdruck in ihnen?" —

„Sicherlich!" bestätigte der Fürst; „sie sind eine gute Arbeit. Den Dichternamen verdient, wer sie schuf und vortrug, wenigstens bei sachkundigen Leuten. Auch ist deine Geschichtskenntnis zu loben!" —

„Doch nun laß uns vor allen Dingen schlafen gehen!" —

Am nächsten Morgen rüsteten König und Königsleute zum Aufbruche. Da trat Stúfr noch einmal an den König heran und sprach;

„Willst du mir eine Bitte erlauben?"

„Laß hören!" sprach Haraldr.

„Gelobe mir zuvor deren Gewährung!"

„Das ist nicht mein Brauch, selbst nicht bei Leuten, die mir näher stehen, als du! Doch deiner guten Unterhaltung wegen, die mich erfreute, will ich geloben!" —

Da bat Stúfr: „Zweck meiner Reise ist, ostwärts nach VíkVík die Landschaft auf dem Ostlichen Rande des Meerbutens von Christiania. zu gehen, um dort eine Erbschaft zu erheben. Gib mir Brief und Insiegel, daß mein Geld mir werde!"

„Die Anweisung soll geschehen!" sprach der König. —

„Willst du mir noch eine Bitte gestatten?" bat Stúfr weiter.

„Welche?«

„Gelobe mir zuvor deine Gewährung!"

„Wunderlicher Kauz, der du bist. Noch niemand hat in dieser Art zuvor mit mir verhandelt. Und doch! Es sei! Ich gelobe!" —

Da sprach Stúfr: „Ich wollte ein längeres Gedicht dir zueignen!"

Der König darauf: „Ich erwarte, das wird ein gutes Lied! — Die Erlaubnis ist erteilt!" —

„Willst du mir noch eine Bitte gestatten?"

„Was denn nun noch?" —

„Gelobe mir noch einmal zuvor, o König, eine Gewährung, und ich spreche!"

„Das muß ich nun dir versagen", entschied der Fürst. „Genug der Winkelzüge! — Sag deinen Wunsch!" —

Da rückte Stúfr mit seinem Anliegen heraus.

„Ich möchte in den Kreis deiner Hofkavaliere eintreten!" —

Darauf der König: „Nun ist es doch gut, daß ich dir kein bindendes Versprechen gab. Denn darüber muß ich zuvor die Meinung meiner Gefolgsleute anhören. Komme zu mir, sobald ich in Niðaróss angelangt bin!"

Darauf trennte man sich.

Stúfr machte flüssig seine Erbschaft, wozu ihm des Königs Wort verhalf, und reiste darauf zum Besuche des Fürsten, wo er eine gütige Aufnahme fand.

Auch ging sein Wunsch in Erfüllung! — Nach einstimmigem Beschlüsse aller Hofkavaliere ward Stúfr des Königs Geleitsmann.

Er dichtete später auf Haraldr ein längeres Lied zum Lobe seiner Taten, welches unter dem Namen der „Stúfsdrápa"Diese Stúfsdrápa ist ein Trauerlied über den Tod des Königs. Von demselben sind uns einzelne Stücke erhalten. Sie behandeln Haraldrs Reise nach dem heil. Lande, seine Vermählung mit der russischen Prinzessin Elisabeth, seine Kämpfe in Dänemark. Historische Tatsachen, welche er, nach seinem eignen Zeugnis, aus dem Munde des Königs erfuhr. wohlbekannt ist. —

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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