Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Magnús Oláfsson góði, 1035—1047:
Von Hreidarr, heimskr.

 

 

Thórðr Thorgrimsson, ein Isländer, war von kleinem, aber gefälligem Wuchs; dagegen sein Bruder Hreidarr heimskr„heimskr", abgeleitet von „heima" = Heimat, bedeutet in dem Altnordischen einen Menschen, der, an der väterlichen Scholle klebend, mit den Sitten und Einrichtungen fremderVölker unbekannt bleibt. Dann, im allgemeinen, einen „Tölpel" und einen „Einfaltspinserl". war ungeschlacht und häßlich; überdies galt er für kaum zurechnungsfähig ob seines geringen Verstandes. Robust und schnellfüßig, aber blöde, war er bisher stets zu Hause geblieben, während sein Bruder Thórðr, viel auf Reisen, sogar Kavalier des Königs Magnús góði geworden war, und dessen Gunst genoß.

Da, eines Sommers, als Thórðr sein Schiff zu Gäsir im Eyjafjördr fahrtbereit stellte, überrascht ihn sein Bruder Hreidarr.

„Was treibt dich her?« fragt Thórðr. »Ein wichtig Geschäft! Sonst war ich nicht hier!" — „Und das ist?« —

„Ich will auch nach Norwegen fahren!" erklärt Hreidarr.

„Solche Reise wäre für dich eine Torheit!" sagt

Thórðr. „Ich will dir einen andern Vorschlag machen; nimm allein für dich unser ganzes väterliches Gut! — Das ist an Wert mehr, denn halbmal so viel, als in meiner Reisezurüstung steckt."

„In diesem Falle wäre mein Verstand sehr klein, wenn ich eine so ungleiche Teilung annähme", entgegnete Hreidarr. „Ich gäbe mich selbst ja auf, wenn ich deinen Beistand entbehrte. Jedermann würde kommen, um Wertstücke mir zu entreißen, weil ich sie nicht so verwalten kann, wie es taugt. Das würde ich aber kaum mir gefallen lassen, wenn die Leute es darauf anlegten, mit List abzulocken, oder mit Gewalt zu nehmen mein Gut. Auch für dich ist es dann kein Gewinn, wenn ich die Leute schlage, oder andere Torheiten begehe wegen solcher Vorkommnisse, um dafür wieder geschlagen, oder verwundet zu werden für meine Übeltaten! Doch eins ist das Allergewisseste, es sollte dir wohl schwer fallen, mich hier, in Island, zurückzuhalten, wenn ich fahren will!" —

„Das mag sein!" erwiderte Thórðr. „Doch, wenn ich deinem Wunsche nun nachgebe, so verlange ich, daß du nicht zu andern Leuten über deine Fahrt sprichst!" —

Das versprach nun Hreidarr. Doch, sobald er dem Thórðr aus den Augen war, erzählte er jedermann, der es nur hören wollte, er würde, zusammen mit seinem Bruder, nach Norwegen reisen.

Darob tadelten manche Leute den Thórðr hart, daß er solch einen Narren mit sich in die Welt hinausnehmen wolle! —

Nichtsdestoweniger, nach Beendigung ihrer Reiserüstung, stachen beide Brüder in See, und landeten, nach glücklicher Fahrt in Thrándheim.

Es fiel diese ihre Ankunft in jenen Herbst, wo die beiden Könige Magnús und Haraldr, vereint, aus den Ostlanden kamenHaraldr Sígurdarson, der Oheim von König Magnús, war 12 Jahre lang in Konstantinopel Anführer (Akoluthos) der Vaeringer gewesen, und kehrte im Jahre 1046, mit großen Schätzen, von dort beim. Er wurde im Sommer desselben Jahres, durch den Vertrag von Akr, zum Mitregenten von seinem Neffen, dem Könige Magnús, angenommen. Die gemeinsame Regierung dauerte indessen nur etwas über ein Jahr, indem König Magnús bereits am 25. Oktober 1047, in dem jugendlichen Alter von 24 Jahren, starb. Diese hier geschilderte Begebenheit fällt also in den Spätherbst des Jahres 1046.. Darauf hielten sie auch ihren Einzug in die Residenz Niðaróss. Da geschah es, eines Morgens frühe, daß Hreidarr bereits auf den Beinen war, ehe die andern erwachten.

„Erwache, Bruder", rief er, „dumm bleibt, wer lange schläft! Eine Neuigkeit bring' ich. Da hab' ich gehört vor kurzem einen gar wunderlichen Klang!" —

„Wem glich der?"

„Einem Tierrufe! — Sehr stark hat es getönt; aber ich weiß nicht, was für ein Laut das war?"

„Stelle dich nicht so närrisch an. Das wird ein Homsignal gewesen sein." —

„Was soll das anzeigen?"

„O, geblasen wird sehr oft hier. Etwa zu einer Versammlung; oder, wenn die Schiffe an den Strand gezogen werden sollen." —

„Was tut man in einer Versammlung?"

„Da werden schwierige Rechtsfälle entschieden, oder andere Sachen, welche der König für gut befindet, einer Volksversammlung vorzulegen."

„Ob der König zu dieser Versammlung kommen wird?" —

„Sehr wahrscheinlich!" —

„Dort muß ich hin! Denn da liebe ich zu sein, wo recht viele Leute, auf einem Haufen, ich sehen kann!" —

„Dann sind wir beide grundverschieden", sagte Thórðr. „Und mir würde es um so besser erscheinen, je weniger du dorthin gingest, wo viele Menschen sind! — Ich werde nicht hingehen!" —

„Nichts nützt es, so zu sprechen", erwiderte Hreidarr, „wir beide müssen hin. Denn nicht wirst du es loben, falls ich allein hingehe. Mit dir ist es auch an der Zeit, den König Magnús, deinen Gönner, aufzusuchen, den du noch nicht sahst, seitdem er zur Stadt kam. Und mich wirst du nicht von diesem Gange abhalten!" —

Damit sprang er fort. —

Thórðr sah nun wohl, daß auch er gehen müsse. So folgte er denn, obwohl langsam; jener aber sprang weit voraus, so daß bald ein großer Zwischenraum zwischen ihnen lag.

Als Hreidarr bemerkte, wie Thórðr mit langsamen Schritten ihm folgte, sagte er: „Das ist wahr! Ein Mißgeschick ist es, klein zu sein, besonders, wenn sich keine Kraft dazugesellt. Und doch kann man, wenn auch klein und schwach, rasch sein. Aber nur Geringes, glaube ich, hast du erhalten von beidem. Besser wahrlich wäre es für dich, weniger schön auszusehen, aber dafür Schritt zu halten mit andern!" —

Thórðr bemerkte zu dieser Rede: „Nicht weiß ich, ob mir mehr schaden wird mein Mangel an Kraft, als dir deine Überkraft?" — ! —

„Bruder, greif mal in meine Hand mit gespreizten Fingern! — So! —" Und nun, da währte es nicht lange, daß Thórðr Hand von dem Drucke jener seines Bruders wie gelähmt ward. Hreidarr ließ ihn los und schritt voran. Er erreichte eine Anhöhe, von wo herab er viele Leute vor sich sah. Wie angewurzelt blieb er da stehen, und starrte auf die Menge, welche zur Volksversammlung zusammengeströmt war.

Thórðr holte ihn ein und sagte: „Gehen wir jetzt wie ein Paar wohlerzogener Leute, mein Bruder, und bleiben hübsch beisammen!" —

Hreidarr nahm sich zusammen, und so kamen sie zum Thing. Hier wurde Thórðr von vielen erkannt, und freundschaftlich begrüßt. Alsbald trat er auch vor den König Magnús, welchem er noch nicht seine Ehrfurcht bezeugt hatte, nach dessen Rückkehr zur Stadt. Er verneigte sich vor dem Fürsten, welcher seinen Gruß gnädig aufnahm.

So hatten sich dann bald nach dem Betreten des Things die beiden Brüder voneinander getrennt.

Den Hreidarr fanden die Leute ungeschlacht und ungeschliffen. Sie zogen ihn an den Rockschößen und zerrten ihn hin und her. Er sprach viel und lachte laut bei diesem Hin- und Herschieben der Menschen, welche es nicht wenig belustigte, mit dem Tölpel sich zu befassen.

Der König Magnús fragte den Thórðr um Nachrichten aus Island; auch ob er noch andere Männer, als Fahrtgenossen, von dort her mitgebracht habe, welche er etwa für den Hofdienst vorzuschlagen wünschte? —

„Meinen Bruder habe ich mitgebracht", erwiderte Thórðr.

„Der würde mir ja passen, wenn er dir gleicht!" —

„Ganz und gar nicht ist er mir gleich!" —

„Dennoch kann er brav sein! — Und worin besteht die Verschiedenheit zwischen euch beiden?" —

„Er ist sehr groß, häßlich von Aussehen, und wenig versprechend; ausnehmend stark, indessen gutmütig." —

„Doch mag mancherlei gutes an ihm sein", warf der König ein.

„Man hielt ihn für keinen klugen Kopf in seiner Jugend", berichtete Thórðr weiter.

„Mehr Gewicht lege ich darauf, was er jetzt ist! — Hat er denn seinen gesunden Verstand?"

„Nicht völlig unbesorgt bin ich um ihn!" —

„Warum brachtest du ihn denn mit ins Ausland?" —

„Herr! Er hatte gleiches Erbe mit mir, doch wenig Nutzen davon, denn er achtete nicht viel auf Geld und Geldeswert, sondern ließ mich schalten und walten, wie ich wollte. Nun schien es mir nicht richtig, ihm nicht nachzugeben in dem einen, warum er mich so inständigst bat, nämlich mit mir zu reisen, da er doch unbeschränkt mich verfügen ließ über unser ganzes Erbe! — Auch hatte ich die Hoffnung, er möchte, wie viele andere, von Eurer Gnade, Herr, einigen Teil erhalten, falls er Euch zu Gesichte käme!" —

„Ja! — Sehen will ich ihn!* entschied der König.

„Das könnte sogleich geschehen", antwortete Thórðr, „denn er hat mich hierher, zum Thing, begleitet. Er ist nur von den Leuten abgedrängt worden." —

Der König schickte nach ihm.

Als Hreidarr hörte, daß der König ihn zu sprechen wünschte, da richtete er sich stolz auf, sah wenig vor sich hin, und stieg über alles hinweg, was ihm im Wege stand.

Auf folgende Art war er gekleidet. Er trug eine Strumpfhose und ein graues, pelzgefüttertes Wams.

Als er vor den König hintrat, ließ er sich auf ein Knie vor ihm nieder und begrüßte den Monarchen ehrerbietigst.

Der Fürst sah ihn lachend an, und sagte: „Hast du einen Wunsch mir vorzutragen, so sprich es schnell aus. — Was begehrst du? — Denn auch andere Leute haben noch notwendig mit mir zu reden."

„Ja! Ich habe ein Anliegen, und es erscheint mir dringend", erwiderte Hreidarr. „Dieses ist es: Ich wollte Euch gerne betrachten, Herr König!" —

„Gefalle ich dir nun, da du mich siehst?" —

„Ganz gewiß! — Aber ich möchte Euch gerne noch genauer betrachten!" —

„Was kann ich dazu beitragen?" fragte der König. „Möchtest du, daß ich aufstände?" —

„Das möchte ich wohl", sagte Hreidarr.

Nun erhob sich der Fürst und sprach: „Glaubst du, jetzt genauer mich zu sehen?" —

„Noch nicht ganz genau", sagte Hreidarr, „aber es ist schon nahe daran!" —

„Willst du, daß ich meinen Mantel ablege?" —

Ja! Das wäre schön!" sagte Hreidarr.

„Aber, wir beide wollen uns doch zuvor", sagte der Fürst, „hierüber ein wenig verständigen. Ihr Isländer seid witzige Köpfe und zuweilen etwas dreist gegen hohe Herren. — Hättest du es vielleicht in deinem Sinn, hier einen Hokus-Pokus mit mir treiben zu wollen, da müßte ich mir das doch verbitten!"

„Keinem Manne, Herr, dürfte das in den Sinn kommen, deiner zu spotten, oder dich belügen zu wollen!"

Da legte der König seinen Mantel ab und sprach: „Glaubst du, jetzt mich so vollständig betrachten zu können, als du ein Verlangen trägst?" —

„O ja!" sagte er. — Dann ging Hreidarr im Kreise um den König herum und sprach leise vor sich hin, oftmals dieselben Worte wiederholend: „Wie schön! — Wie schön!" —

„Hast du mich nun so genau betrachtet, wie du das wünschtest?"

„Ja, Herr!"

„Na, und wie gefalle ich dir?"

„Nicht hat mein Bruder Thórðr übertrieben, wenn er so viel des Guten von dir sagte!"

„Kannst du etwas an dem Erschauten aussetzen; so etwas, was nicht jedermann auffällt, nicht jeder sieht?" —

„Das getraue ich mir doch nicht! Und sicherlich, ich könnte auch nichts tadeln! Weil wohl ein jeder wünsehen müßte, so geschaffen zu sein, wie du es bist, falls die Wahl ihm freistände!" —

„Da nimmst du den Mund recht voll!" — sagte der König.

„O, nein!" erwiderte Hreidarr. „Alle Leute würden zu viel gelobt, wollte man an dir nicht loben, was doch die volle Wahrheit ist! — Dies ist meine Meinung, und das hab' ich nun gesagt!" —

Darauf der König: „Finde etwas heraus, wenn es auch noch so klein ist!" —

„Nun denn, Herr; dann möcht' ich dieses aussetzen, daß von Euren Augen eins etwas größer ist, als das andere!" —

„Dieses hat bisher nur ein einziger Mensch bemerkt", sagte Magnús, „nämlich mein Oheim, König Haraldr."

„Nun wollen wir aber unsere Rollen tauschen", fuhr Magnús fort. „Jetzt will ich dich betrachten. Stell' du dich hin und lege ab dein Wams!"

Hreidarr zog seinen Pelz aus. Er zeigte sich, wie vorher bemerkt, als grundhäßlich und robust. Seine Hände waren groß und nicht sauber, weil nachlässig gewaschen. Sein Gewand war befleckt. Der König betrachtete ihn genau.

Da sprach Hreidarr: „Was meinst du, an mir zu finden, Herr?"

„Dieses meine ich! Kein Mensch wuchs jemals auf, der garstiger war, als du!" —

„Dasselbe sagen auch andere Leute! — Doch, ist irgend etwas an mir, was, deiner Meinung nach, zu loben wäre?" —

„Dein Bruder Thórðr behauptet von dir, du seist gutmütig!"

„Ja, das bis ich, Herr; aber mir scheint dieses ein Fehler zu sein!" —

„Du mußt doch einmal zornig werden können!" —

„Das war ein gutes Wort, Herr! — Aber wie lange mag das noch dauern?" —

„Das weiß ich nicht genau", antwortete der König, „doch sicherlich im nächsten Winter wird es wohl dazu kommen." —

„Heil deinem Worte, Herr! — Ja, das soll geschehen, wie du sagst!" —

„Bist du in irgend etwas geschickt?"

„Das kann ich nicht wissen, denn ich habe mich noch nie in etwas versucht!" —

„O, ich halte dich nicht für unfähig!" meinte der König.

„Heil deinem Worte, Herr! Denn sicher muß eintreffen, was du sagst! — Doch, für den Winter bedürfte ich wohl eines Quartiers!" —

„Nun, es steht deinem Bruder Thórðr frei", sagte Magnús, „mit einem zweiten, ja auch mit einem dritten Manne in mein Gefolge einzutreten, je nachdem er will; doch zweckmäßiger erscheint es mir für dich, dort Aufenthalt zu nehmen, wo weniger Leute sind."

„Das trifft zu; aber doch nicht ganz, Herr", erwiderte Hreidarr, „denn nirgends gibt es so wenige Menschen, daß nicht aufgegriffen wird, was man spricht, und am allermeisten, wenn dieses etwas Lächerliches ist. Ich aber bin kein Mann von vorsichtigen Reden, und schnell läuft mir mancherlei über den Gaumen. Da kann es nun geschehen, daß die Leute meiner Umgebung, sind es auch noch so wenige, mein töricht Wort hinaustragen unter die Menge, welche mich dann dafür verspottet, sie dreht und wendet zum Schlechten, was ich sprach, oder Närrisches tat. — Darum erscheint mir nicht von törichter Art dieser Vorschlag, daß ich lieber bleibe in der Gesellschaft solcher Leute, die mich behüten, wie z. B. mein Bruder Thórðr; ist es auch an einem Platze, wo vicls Menschen sind; als da, wo weniger Leute sich aufhalten, aber unter diesen doch keiner, der recht auf mich acht gibt!" —

Darauf entschied der König: „Du hast recht! Ihr beiden Brüder dürft gemeinschaftlich in mein Gefolge eintreten, wenn euch das besser so gefällt!" —

Als Hreidarr diesen Befehl des Fürsten vernommen hatte, sprang er fort und erzählte jedermann, der es nur hören wollte, wie ausgezeichnet gut seine Vorstellung beim Könige abgelaufen sei, vorzüglich aber seinem Bruder Thórðr teilte er mit, der Monarch habe ihm gestattet, den Winter über sein Gefolgsmann zu sein.

„Nun, da mußt du dich auch geziemend ausstaffieren an Waffen und Gewand", sagte Thórðr. „Uns fehlt ja nicht das Geld dazu; und Kleider machen Leute! — Besonders in des Königs Schloß muß jedermann sich noch sorgfältiger kleiden und halten, als irgendwo anders, damit nicht die Hofleute ihn verlachen!" —

„Du bist blind!" erwiderte Hreidarr. „Glaubst du, ich werde Staatskleider auf meinen Leib ziehen?" —

„Nun denn, so nehmen wir gutes Vaðmál zu deinem Anzuge."

„Ja, das ist schon passender", sagte Hreidarr.

Es wurde also, nach Thórðs Vorschlag, ein Anzug von gutem Vaðmál gekauft. Hreidarr kleidete sich sorgfältig an, und sah nun gleich ganz anders aus, als zuvor, immerhin noch häßlich genug, aber doch männlich.

Gleichwohl, als die beiden Brüder zum erstenmal unter die Hofleute traten, erschien Hreidarr ihnen von gar törichter Art. Er ward die Zielscheibe nicht immer feiner Witzeleien und Ausfälle von ihrer Seite. Sie vergnügten sich an vielerlei Sticheleien, in Worten und Werken wider ihn.

Doch er zahlte ihnen alles in barer Münze heim. Und als sie herausfanden, wie er über ihre Narrheiten stets nur lachte; dafür aber sie allesamt übertraf an Zungenfertigkeit, und ganz besonders auch an Kraftproben, da ließen sie ihre neckenden Angriffe gegen ihn fallen. —

Nachdem die beiden Brüder noch nicht lange Zeit in der Begleitung des Königs Magnús sich befunden hatten, geschah es, daß ein Kavalier dieses Magnús einen andern Edeling, der zum Gefolge von König Haraldr gehörte, getötet hatte.

Darob entstand eine Verstimmung zwischen beiden Herrschern.

Die Sache sollte ausgeglichen werden. Und eine Zusammenkunft zwischen Oheim und Neffe wurde verabredet zum Zweck persönlicher Aussprache über den schwebenden Fall.

Sobald Hreidarr davon hörte, König Magnús werde eine Reise antreten, um König Haraldr zu treffen, eilte er auch sofort zum Fürsten, und sprach:

„Nun habe ich ein Anliegen, um dessen Gewährung ich Euch bitten wollte, Herr König!" —

„Das ist?«

„Ich möchte Euch auf Eurer Fahrt begleiten! — Noch kam ich nicht weit hinaus, seitdem Ihr mich aufnahmt, und mich plagt große Neugier, zwei Könige beisammen auf einem Flecke zu schauen!" —

„Das ist schon richtig", sagte Magnús, „du bist kein weitgereister Mann. Aber doch; diesen Ausflug kann ich dir nicht gestatten. Denn es würde dir nicht frommen, unter die Hände von König Haraldrs Mannen zu fallen. Daraus könnte Verdruß entstehen, oder noch Schlimmeres. Denn jene Leute sind recht händelsüchtig, und manche unter ihnen wohl bar jeglichen Wohlwollens. Da mein' ich denn, falls sie dich dort foppen und reizen sollten, es könnte dich jener Zorn besuchen, nach dem du schon so lange verlangend ausschaust! Ich aber fände es für gut, dieser Zorn käme nicht über dich!" —

„Da spricht ein gutes Wort aus dir, Herr! Ja, aber nun möcht' ich erst recht mitfahren; wenn ich hoffen könnte, dort einmal in Zorn zu geraten!" —

Darauf der König: „Wolltest du auch dann etwa mitreisen, wenn ich es dir verbiete?" —

„Nicht anders, Herr!"

„Da glaubst du gewiß", meinte der König, „du dürftest dich gegen mich ebenso betragen, wie gegen deinen Bruder Thórðr, bei dem du immer deinen Kopf durchgesetzt hast?" —

Worauf Hreidarr: „O nein! Um so viel besser werde ich mich gegen Euch betragen, Herr, um so viel weiser Ihr seid, als er!" —

Der König glaubte nun sicherlich, daß es gar nichts nützen würde, den Hreidarr zurückzuhalten. Es war durchaus nicht so unwahrscheinlich, daß er einer Reisegesellschaft anderer dorthin sich anschließen würde, falls ihm verboten wäre, mit dem Fürsten zu gehen. Dann gestaltete sich aber die Lage nur noch um so schwieriger, wenn es galt, vorkommenden Falls, ihm einen Schutz zu gewähren! Aus diesen Gründen erlaubte der Fürst ihm schließlich die Begleitung auf seiner Fahrt.

Wer war froher darüber, als Hreidarr.

Er erhielt ein Reitpferd zur Benutzung. Doch schwer von Gewicht, und weil lange des Sattels entwöhnt, schäumte er über in seiner Reiterlust und stürmte auf seinem Gaule voran. Durch beides, Belastung und Bewegung, ward dieses Tier bald genug ganz und gar erschöpft, obwohl die Reise kaum erst begonnen hatte.

Als der König davon erfuhr, sagte er: „Das ist gut. Begleite jemand den Hreidarr zur Stadt zurück. Er soll nicht weiter mitreisen!" —

Doch Hreidarr wendet ein: „Soll das etwa die Weiterfahrt hemmen? — Ist auch mein Pferd niedergebrochen, was tut's? — Groß ist meine Schnellfüßigkeit, und sie wäre nichts wert, könnte ich nicht mit euch Schritt halten!" —

Es sprengten nun viele der Kavaliere heran, und wollten im Sattel sitzend mit ihm Wettrennen, um auf diese Weise seine Schnellfüßigkeit zu erproben, mit der er soeben geprahlt hatte.

Dieses Unternehmen schloß stets mit demselben Resultate, daß Hreidarr jedes Pferd überholte, welches mit ihm rannte. Dadurch wurden manche Tiere so erschöpft, daß deren Reiter aus dem Sattel steigen mußten.

Sie waren nun an dem Ziele angelangt, wo die Zusammenkunft beider Könige angesetzt war. Da sprach König Magnús zu Hreidarr:

„Halte dich jetzt in meinem Gefolge, und stets dicht hinter mir; denn ich habe nicht eine kleine Sorge um dich, was daraus werden sollte, wenn Haraldrs Mannen dir nahe kämen!" —

Hreidarr versprach des Königs Befehl prompt zu erfüllen: „Auch mir erscheint es um so besser, je näher ich Euch, Herr König, bleibe!" —

Dann fand die Begegnung beider Herrscher statt und die Besprechung ihres Streitfalles.

Haraldrs Mannen hatten schon zuvor von Hreidarr und seiner Einfältigkeit gehört. Und sie waren nun überaus vergnügt, als sie ihn selber ankommen sahen.

Und sobald beide Fürsten mit ihrer Zwiesprach beschäftigt waren, ging Hreidarr hin zu der Gruppe der Mannen Haraldrs. Diese nahmen ihn mit sich in einen Wald, der nahe lag. Hier zogen sie ihn bald an den Rockschößen zu sich heran, bald stießen sie ihn mit Püffen wieder von sich fort. Und so entstand ein doppelt Spiel. Bald flog er weithin, leicht wie ein Stroh bündel, bald stand er fest angewurzelt vor ihnen wie eine Wand, von der sie zurückprallten. Schließlich nahm aber das Scherzspiel doch diese Wendung, daß sie ihn gar zu roh behandelten. Sie schlugen nach seinem Kopfe mit den Stielen ihrer Äxte und mit den Scheiden ihrer Schwerter, derartig grob, daß er ganz zerschunden wurde. Doch, er lachte noch immer darüber, und erklärte, ihm mache dieses großen Spaß! So trieben sie es eine Weile weiter, indem ihre Belustigungen und ihre Handgriffe keineswegs feiner wurden.

Da sprach Hreidarr: „Jetzt haben Spaß und Spiel lang genug gedauert, laßt uns den Schluß damit machen; mich beginnt dieses Getreibe zu verdrießen. Wir wollen zu eurem Könige hingehen. Den möchte ich gerne anschauen!"

„Das soll nie und nimmer geschehen!" sagten sie. „Solch ein verdammter Kerl, wie du es bist, soll niemals seine Augen auf unsern König richten; lieber wollen wir dich, Teufel, zur Hölle schicken!" —

Ihn verdrossen diese Worte stark. Er glaubte auch zu sehen, daß sie wirklich Anstalten machten, zu tun, was sie drohten. Da stieg ihm das Blut zu Kopfe und ihn packte der Zorn! — ! —

Er langte sich denjenigen unter ihnen, welcher am dreistesten nach ihm griff und im Spiele am meisten ihn geschunden hatte; er warf ihn in die Luft und bewirkte, daß er kopfüber zur Erde stürzte, so hart, daß das Gehirn sofort aus dem geborstenen Schädel sprang.

Der Mann war tot.

Die übrigen überfiel ein Schrecken. Sie wurden wie gelähmt. So von übermenschlicher Kraft erschien ihnen dieser Mensch. Dann rannten sie alle davon, und gingen zu Könige Haraldr, dem sie vermeldeten, einer seiner Hofleute sei soeben erschlagen worden.

„Tötet ihn, der das verbrach!" befahl der König.

„Er ist nicht mehr zur Stelle", berichten sie; „er ist fort!« —

Hreidarr aber, so wird erzählt, begab sich sogleich, nachdem jene Hofleute davongerannt waren, zu seinem Könige Magnús, und berichtete, was geschehen.

„Weißt du jetzt", fragte der Fürst, „wie es ist, wenn man zornig wird?" —

„Ja, Herr, nun weiß ich das!" —

„Erscheint es dir aber auch jetzt noch von Nutzen zu sein, daß man zornig wird? — Ich fand, du warst so voller Neugierde darauf." —

„Nein, Herr, sehr vom Übel erscheint das mir! Denn mich packte ein so rasendes Verlangen, sie alle zu morden!" —

„Das war ja ganz und gar mein Vermuten, daß es sehr schlimm enden würde, wenn du einmal in den Zorn geraten solltest. Nun aber steht die Sache so, daß ich kein Vertrauen habe, du werdest hinreichend behütet bleiben, wenn du hier unter meinem Gefolge stehst, während der Zeit unserer beiderseitigen Besprechung. Denn Haraldr, mein Oheim, ist voller List. Und schwierig dürfte es werden, vor seinen Anschlägen dich zu schirmen!"

„Daher will ich einen Führer dir mitgeben, und dich entsenden nach den UpplandenDie nach Osten gelegenen Binnenlandschaften des Reiches. zu einem meiner HersenEin hersir, oder lendr-madr war zur Zeit des Einheitskönigtums Norwegens, in abhängiger Beamtenstellung, dasjenige, was früher zur Zeit des Föderativstaates die Kleinkönige, oder Gaugrafen, gewesen waren, nämlich Verwalter eines fylki, oder einer Provinz.; er heißt Eyvindr. Der soll dich verbergen vor König Haraldrs Griffen. Schicke ich dir aber Botschaft, dann kommst du wieder zu mir!" —

Hreidarr reiste zu Eyvindr, der ihn auf des Königs Befehl aufnahm.

Über jenen ersten Totschlag hatten die beiden Fürsten sich verständigt. Die Sache war gleich und glatt.

Doch über den Fall Hreidarrs kamen sie durchaus nicht zu einer Verständigung. König Haraldr verlangte Genugtuung für seinen erschlagenen Gefolgsmann; aber König Magnús behauptete, eben seine Leute wären es gewesen, welche den ganzen Streit angezettelt hätten. Er sagte, um so weniger könnte für diesen einen Erschlagenen eine Büßung beansprucht werden, als vielmehr sie alle die Schuldigen seien, weil sie alle den Hreidarr gereizt und angegriffen hätten. Und es wäre nur zu verwundern, daß Hreidarr sie nicht sämtlich über die Klinge hätte springen lassen! — So trennten sich die Fürsten für diesmal unversöhnt, weil König Magnús rundweg jegliche Buße für den erschlagenen Mann weigerte.

Nicht lange währte es, daß König Haraldr darüber verständigt ward, wo Hreidarr versteckt gehalten werde. Sofort brach er auf, und ritt, begleitet von 60 Gewaffneten, nach den Upplanden, zu Eyvindr.

Seine Ankunft dort hatte er so eingerichtet, daß sie des Morgens, in aller Frühe, erfolgte. Denn er wünschte den Eyvindr zu überraschen. Das aber mißlang. Eyvindr war auf seiner Hut, weil überzeugt, daß König Haraldr kommen würde, um nach Hreidarr zu suchen. So war er stündlich gerüstet auf solch ein Kommen. Auch jetzt, sofort, als der König von Norden heranzog, erhielt Eyvindr die Meldung. Seine Gewaffneten lagen für alle Fälle zusammengezogen, in der Hut eines Waldes, nahe dem Hofe. Ein Signal war verabredet für den Fall, daß man ihrer bedürfe.

Einige Tage nun, bevor König Haraldr eintraf, bat Hreidarr den Eyvindr um die Zustellung von etwas Silber und Gold.

Eyvindr fragte, ob er denn geschickt wäre, dieses zu verarbeitenDie Bearbeitung der Metalle durch Schmiedewerk und Guß gehörte zu den geübten Handfertigkeiten der Bauern auf den Nordlandshöfen, und fand ihren Platz in dem Erziehungsplane junger Edelinge nicht minder, wie die Übung in Wettspielen, welche die nachfolgende Saga von Hemingr so anschaulich macht. Ein gutes Beispiel ist dafür u. a. der Großbauer Thorsteinn Kuggason auf Ljárskógar auf Island, von dem berichtet wird: „Hafdi mikinn starfa fyrir thessari smid, thwfat hann var j&rngjördarmadr mikill (er besaß eine wohl eingerichtete Schmiede, denn er war ein sehr geschickter Metallarbeiter). Erst später entwickelte sich auch diese, lange geübte, Hausindustrie zu einem gesonderten Handwerke.?

Darauf Hreidarr: „König Magnús hat von mir gesagt, ich könnte wohl geschickt sein in mancherlei Dingen; etwas anderes weiß ich darüber nicht. Hab' ich mich auch noch nie versucht, so vertrau' ich doch dem, was der König sagt, er muß es ja wissen." —

„Was für ein Sonderling du bist!" sagte Eyvindr.

„Nun, das Material zu deiner Schmiedearbeit will ich dir schon liefern. Gib mir aber das Metal zurück, unverkürzt, wenn die Arbeit dir mißlingt. Glückt sie, dann behalte es."

Hreidarr wurde jetzt eingeschlossen in ein Haus, und war dort eifrig mit Schmieden beschäftigt. Nur wenig fehlte noch an der Beendigung dieses Werkes, als König Haraldr eintraf, wie oben vermeldet.

Eyvindr nahm den Fürsten ehrerbietig auf und bereitete ein treffliches Gastmahl.

Als sie beim Trinkhorne saßenEssen und trinken trennte man in den Nordlanden in alter Zeit. Beim Bankett wurde erst getafelt; dann, wenn die Speisen abgeräumt waren, wurden die Trinkhörner auf den Tisch gesetzt, und erst beim Trinkhorne begannen Zwiesprach und Sagavortrag, sowie andere Geist und Witz herausfordernde Belustigung (skemtan). wandte sich Haraldr an Eyvindr mit der Frage:

„Hält sich hier vielleicht bei dir ein gewisser Hreidarr auf? — Dann könntest du meine Freundschaft erwerben, wenn du diesen Mann freiwillig mir ausliefertest."

„Zurzeit ist er nicht hier", sagte Eyvindr.

„Das sehe ich", sprach der König, „daß er nicht hier in der Halle sitzt; doch ich bin nichtsdestoweniger überzeugt, daß er auf deinem Hofe und in deiner Gewalt sich befindet. Du kannst das nicht ableugnen." —

„Wenn dem auch so wäre", erklärte nun Eyvindr, „so vermöchte ich doch nicht höher einzuschätzen Eure Gunst, als die von König Magnús, so daß ich sollte unter die Axt Euch liefern den Mann, welchen mein Herr und Gebieter zu Schutz und Trutz mir anbefohlen hat." —

Eyvindr verließ die Halle, und schritt hinüber zu dem Hause, in welches Hreidarr eingeschlossen war. Da pochte dieser von innen an die Türe und verlangte, hinausgelassen zu werden.

„Schweig du!" sagte Eyvindr, „da ist König Haraldr angekommen, und hat den Willen, dich zu töten." —

Hreidarr fuhr fort, nichtsdestoweniger, gegen die Türe zu stoßen, und erklärte entschieden, daß er zu König Haraldr wolle.

Eyvindr sah nun wohl, dieser Hreidarr würde noch die Türe sprengen, wenn man ihn nicht hinausließe.

So bezwang er sich denn, und schloß auf.

„Alle grimmen Geister haben dich gepackt", sagte er, „daß du geradezu in den Tod dich stürzen willst! — Da ist dir eben nicht zu helfen!" — ! —

Hreidarr betrat nun die Halle, schritt auf König Haraldr zu, begrüßte ihn, und hielt folgende Ansprache:

„Herr! Laß ab von deinem Zorne wider mich. Denn ich kann dir in manchen Stücken von Nutzen werden, wenn du deine Huld mir zuwendest. Ich will deine Befehle ausrichten, ohne acht auf irgend eine Gefahr für Mannes Leib und Leben! Siehe Herr, da besitze ich ein Wertstück! — Darf ich dasselbe dir schenken?" —

Er setzte diesen Gegenstand vor den König auf den Tisch.

Das war nun ein Schwein, geschmiedet aus Silber und vergoldet. —

Der König betrachtete das vor ihm stehende Tier und sagte: „Du bist ein geschickter Bursche. Traun! Ich sah lange keine gleich gute Schmiedearbeit, denn diese hier!" —

Dann ging das Schwein in der Halle von Hand zu Hand. Einer zeigte es dem andern. Und alle stimmten zusammen in dem Urteile, niemals von solcher Art Schmiedewerk etwas Hübscheres erblickt zu haben.

„So will ich dir denn die Buße erlassen, Hreidarr", sagte der Fürst; „es scheint mir vorteilhaft, dich hinauszusenden zu größerem Werk. Du bist ein Mann, stark und unerschrocken, wie ich dich beurteile."

Das Schwein hatte jetzt die Runde durch den Saal gemacht und kam wieder zum Könige zurück.

Er nahm es noch einmal in seine Hand, und betrachtete nun noch genauer die Schmiedearbeit. Jetzt erst bemerkte er, daß dieses Schwein als eine Sau gebildet war. Brustwarzen befanden sich an ihm.

Augenscheinlich war das eine boshafte AnspielungDer Vater von König Haraldr, der Jarl Sigurðr, hatte im Volksmunde den Spottnamen „Syr" d. h. „die Sau" geführt. Haraldrs Mutter Ásta war in erster Ehe verheiratet gewesen mit dem Klein-Könige Haraldr, einem Enkel von Haraldr hárfagri, und hatte diesem geboren den späteren König Oláfr Haraldsson helgi, dann vermählte sie sich mit Sigurðr. Oláfr Haraldsson helgi und Haraldr Sigurðarson waren also Halbbrüder. Daß Haraldr sich hier über die, vielleicht nicht einmal absichtliche, Anspielung Hreidarrs so empfindlich zeigt, ist auffallend; da er in einer später mitzuteilenden Saga über Stufr, den Blinden, selber, in launiger Weise, auf diesen Spitznamen seines Vaters hindeutet. auf ihn selber, auf ihn, den Fürsten! —

Sogleich schleuderte Haraldr das Schwein weit von sich, und rief:

„Alle Teufel sollen dich holen! — Auf, ihr Mannen, und schlagt ihn tot!" —

Hreidarr aber griff das Schwein von der Erde auf, und sprach: „Was ist's denn weiter, als daß ich selbst mein Wertstück wiedernehme; willst du, König, nicht anders es belohnen, denn mit Untat!" —

Beim letzten Worte aber war er auch schon draußen, auf der Schwelle, und vom Hofe fort.

König Haraldr und seine Mannen stürzten aus der Halle hinaus, hinter ihm her, in der Absicht, ihn zu töten. Doch, da draußen fanden sie aufgestellt vor dem Tore den Eyvindr mit einer großen Schar Gewaffneter, welche an der Verfolgung sie hemmten!

Beim Abschiede von Eyvindr sah König Haraldr recht unzufrieden aus, aber Hreidarr entwich und rastete auf seiner Fahrt nicht eher, als bis er anlangte bei König Magnús.

Nach erfolgter Begrüßung fragte ihn der Fürst, wie es zwischen ihm und König Haraldr abgelaufen sei? — Worauf denn Hreidarr wahrheitsgetreu alles berichtete, und auch das Schwein vorzeigte.

„Sehr geschickt ist diese Arbeit geschmiedet, und es hat sich da König Haraldr, mein Ohm, zu grimmig gerächt für einen kleinen Spott, der doch von keinem Gewicht ist, verglichen mit der Hauptsache, um die es sich hier handelte. Du bist recht anstellig und erfinderisch! — Und niemals habe ich geglaubt, daß ein Narr so gut abschließen könnte; denn närrisch genug hast du dich zu Anfang gezeigt." —

Hreidarr hielt sich darauf noch eine Zeitlang bei König Magnús auf. Eines Tages nun trat er vor den Fürsten und sprach: „Gewährt mir, Herr, was ich Euch jetzt zu bitten gedenke!"

„Worum bittest du?"

„Um die Erlaubnis, Herr, Euch ein Lied vortragen zu dürfen, welches ich auf Euch gedichtet habe!" —

„Die Erlaubnis hast du!" — Hreidarr deklamierte nun seine Verse her.

Die Drápa war etwas steif und sonderbar; namentlich zu ihrem Anfange, jedoch sie besserte sich, je mehr sie fortschritt.

Als Hreidarr geschlossen hatte, sprach der Fürst: „Dein Lied dünkt mich seltsam; und doch gut klang sein Schluß aus. Nun, diesem Liedeslaufe gleicht ganz und gar der Lauf deines Lebens! — Auch sein Anfang war seltsam und wunderlich genug, doch es wird zum Besseren sich wenden, je mehr es voranschreitet. Danach treffe ich nun auch die Wahl für deines Liedes Lohn!" —

„Eine Insel liegt hier, gesondert, vor Norwegens Küste. Sie will ich dir schenken. Von üppigem Grase ist sie überwachsen, und fruchtbar ist ihr Land. Freilich ist sie nicht sehr groß."

„Das ist ein schönes Geschenk", sagte Hreidarr, „Eurer Huld und Gnade entsprechend! — Auf dieser Insel werde ich Norwegen mit Island vermählen!" —

„Nicht weiß ich, wie dir das gelingen wird?" — erwiderte der König, „doch das sehe ich voraus, manche Leute werden kommen, um dir die Insel abzukaufen, gegen andere Tauschwerte. Darum scheint es mir am besten, daß ich selbst dieser Käufer bin. Ich kaufe dir die Insel ab, damit du nicht betrogen werdest, wenn andere Leute darum feilschen. Ganz besonders aber aus dem Grunde, weil du keine Sicherheit hier zu Lande fändest vor König Haraldr. Denn leicht vorauszusehen ist dein Schicksal, wenn er einmal der unbeschränkte Herrscher hier im ganzen Lande sein wird. Und das wird sich zutragen, falls du länger hier im Lande bleibst!« —

Da gab der König Magnús dem Hreidarr für die Insel den Silberwert, und auf des Fürsten Rat kehrte er nun zurück nach Island. Dort erbaute er einen Hof in SvarfaðardalrAuf der Westseite des Eyjafjörðrs, im Norden Islands, wo sich noch heute in anmutiger und fruchtbarer Gegend der Hof Hreidarsstadir befindet., welcher seitdem den Namen Hreidars-stadir führte.

Mit seinem Lebenslaufe ging es nach König Magnús' Weissagung. Er schien den Leuten, je älter, um so tüchtiger zu werden. Benahm er sich zu Anfang wie ein halber Narr, so war das seinerzeit zumeist doch Verstellung gewesen! — Er lebte und wirkte in Hreidarsstadir bis zum Greisenalter, und viele tüchtige Männer befinden sich unter seinen Nachkommen.

Hier schließt die Saga von Hreidarr heimskr.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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