Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Magnús Oláfsson góði, 1035—1047:
Von Thorsteinn, dem Sohne des Siðu-Hallr.

 

 

Thorsteinn, ein Sohn des Siðu-Hallr, fuhr in den Tagen des Königs Magnús góði von Island hinaus nach Norwegen, wurde dort ein Hofkavalier und erlangte des Fürsten Gunst.

Da begab es sich eines Sommers, daß Thorsteinn, um Handelsgeschäfte zu betreiben, eine Reise nach DýflininDublin antrat, und zwar ohne die Erlaubnis des Königs zuvor erbeten zu haben. Auch hatte er bei der Ausfahrt sich geweigert, den Landschilling„landaurar" hatte eine doppelte Bedeutung: 1. Afgift som betaltes til Norges konge af hver mand, som reiste ud af landet. 2 Afgift som Islaendingerne havde at betale kongen ved deres ankörnst til Norge. Der Landschilling war also ein königliches Regal und wurde erhoben beim Schiffsverkehr in Norwegen, nicht aber von der Ladung, sondern von der Person, und traf besonders die zahlreich herüberkommenden Isländer. zu zahlen, welchen der Gjalikeri,„gjalikeri" würde den Funktionen des heutigen Hafenkapitäns entsprechen. ein Beamter des Königs, von ihm erheben wollte. Thorsteinn hatte demselben erklärt, als Mitglied des königlichen Gefolges sei er zu dieser Abgabe des Landschillings nicht verpflichtet, und ebensowenig seine Fahrtgenossen. Der Hafenkapitän hatte dann auch nicht weiter darauf gedrungen.

Von Dýflininbegab sich Thorsteinn direkt nach Island und traf für dieses Mal nicht wieder mit dem Könige Magnús zusammen, vielmehr setzte er sich daheim fest auf seinem Hofe.

Magnús hatte dieses alles erfahren und erklärt, daß dem Thorsteinn für seine Person wohl der Ausfahrtsschilling hätte erlassen werden können, nicht aber seinen Leuten; auch vermöchte er sich nicht zu erinnern, ein derartiges Versprechen ihm gegeben zu haben.

„Aber jenes ist ja um vieles straffälliger", setzte er hinzu, „daß Thorsteinn, als mein Dienstmann, die Reise nach Dýflinin eigenmächtig unternommen hat, ohne zuvor von mir Urlaub und Erlaubnis eingeholt zu haben. Dafür belege ich ihn mit der Strafe der Friedlosigkeit. Ist das auch hart, so sollen doch andere abgeschreckt werden, Gesetze zu durchbrechen, selbst wenn es Leute von Bedeutung sind."

Im nächsten Sommer fuhr Thorsteinn wieder nach Norwegen und brachte mit eine Koppel edler Zuchtpferde. Sie landeten in Thrándheim.

Die Eingesessenen zogen sich indessen von Thorsteinn in auffälliger Weise zurück wegen der Strafe der Friedlosigkeit, welche der König auf ihn gelegt hatte.

So saß er denn stets einsam in seiner Herberge, nur umgeben von seinen eigenen Leuten.

Die mitgebrachten Zuchtpferde weideten draußen vor der Stadt auf Fluvellir und Thorsteinn ging täglich zu ihnen hinaus.

In der Residenz waren zu jener Zeit anwesend auch Einar ThambarskéifirEine sehr bekannte, historische Persönlichkeit. Eine Gesandtschaft, unter Führung von eben diesem Einar Thambarskéfir und Kálfr Árnason begibt sich nach Rußland, holt heim den damals 18jährigen Prinzen Magnús Olafsson, der als Kind dort lebte, und erhebt ihn auf den norwegischen Königsthron, welchen derselbe bis zu seinem Tode, 1047, auch behauptet. Einar blieb des jugendlichen Fürsten besonders treuer Freund und Berater. (Heimskringia, Kap. 104—251.) und sein Sohn Eindridi.

Eines Tages erging sich nun Einar draußen vor der Stadt und kommt dabei auch nach Iluvellir, wo jene isländischen Pferde weideten. Er betrachtete sie und spendet den Tieren hohes Lob.

Als er im Begriffe ist umzukehren, kommt auch Thorsteinn hinzu, begrüßt den Einar und fragt nach seinem Urteile, ob er die Pferde loben könne? —

„Sie sind ausgezeichnet", antwortet er.

„So bitte ich dich, nimm sie als ein Geschenk von mir!"

Einar aber lehnt dieses Geschenk dankend ab.

„Weiß ich doch", sagte Thorsteinn, „daß du Gaben annimmst von Männern, die nicht besser sind, als ich!"

„Das ist schon richtig", sagte Einar, „aber du stehst schlecht mit dem Könige. Darauf muß ich Rücksicht nehmen!"

„So muß ich mich bescheiden", antwortete Thorsteinn, und beide trennten sich.

Bald darauf kommt auch Eindridi, um die Pferde zu betrachten, und lobte sie ausnehmend. Er gestand, niemals schönere Tiere gesehen zu haben und fragte nach dem Namen des Eigentümers.

Thorsteinn trat an Eindridi heran und sagte: „Falls du Behagen an diesen Pferden findest, bitte ich dich, sie als ein Geschenk von mir anzunehmen!"

Eindridi nahm dieses Geschenk an und bedankte sich unter den Ausdrücken lebhaftester Freude.

Als Vater und Sohn spät, am Abende, sich trafen, erklärte Einar:

„Viel würde ich darum geben, hättest du jene Pferde nicht angenommen!"

Eindridi erwiderte, das wäre nicht seine Ansicht. Thorsteinn sei ein Mann, und dazu ein guter Kamerad, für den es sich schon lohne, etwas zu wagen.

Worauf Einar: „Nicht kennst du hinreichend den unbeugsamen Charakter des Königs Magnús, meines Pflegesohnes, wenn du wähnst, leicht erreichbar wäre der Ausgleich zwischen ihm und Thorsteinn! — Doch, versuche es!"

Eindridi lud nun zu sich auf seinen Hof Gimsar den Thorsteinn, welcher auch den ganzen folgenden Winter, im besten Einvernehmen, dort verweilte.

Einar war mit solcher Ladung wenig einverstanden und erklärte, jetzt wäre es Eindridis Sache, ausreichendes Bußgeld für den Thorsteinn anzubieten, ihn ginge die Angelegenheit weiter nichts mehr an!

König Magnús bekam es bald zu wissen, wo Thorsteinn seinen Aufenthalt genommen hätte, und verbarg vor niemandem sein Mißfallen darüber. Auch fehlte es bei Hofe nicht an Leuten, welche vor seinen Ohren Bemerkungen fallen ließen, wie diese, daß Vater und Sohn sich sehr unpassend benähmen, indem sie einem von dem Könige geächteten Manne bei sich Unterkunft gäben, obgleich der Fürst sie beide, Einar und Eindridi, stets mit höherer Gunst behandelt hätte, als irgend welche andern Leute in Thrándheim.

Doch gab Magnús jenen Zuträgern, welche dergleichen Äußerungen vor ihm fallen ließen, nur knappe Antwort.

Es war ein altes Herkommen, daß Einar und Sohn zu den Weihnachtsfestlichkeiten an König Magnús Hof sich begaben, und Eindridi sagte zu seinem Vater, daß er keinen Anstand nähme, auch in diesem Jahre dasselbe zu tun.

„Du bist frei in deinem Entschluß", sagte Einar, „indessen ich bleibe zu Hause und fände das rätlicher auch für dich!" —

Nichtsdestoweniger rüstete Eindridi seine Fahrt und nahm sogar den Thorsteinn zu seinem Gesellschafter mit. In Begleitung von zehn Knechten ritten beide aus und rasteten auf der Reise über Nacht in einem Hofe.

Am nächsten Morgen in aller Frühe hatte Thorsteinn draußen das Wetter beobachtet und kam herein mit der Meldung:

„Eine Reiterschar, Eindridi, nähert sich dem Hofe; nicht wenig der Mannen scheinen es zu sein. Und der Anführer gleicht deinem Vater!"

So war es auch. Einar tritt in das Haus und spricht, an seinen Sohn sich wendend:

„Ganz sonderbar ist dein Benehmen. Da reitest du hin zum Besuche des Königs Magnús und hast in deiner Gesellschaft diesen Thorsteinn! — Kehret um nach Gimsar. Ich werde den König aufsuchen, und selbst bei mir wird es aller Kunst bedürfen, daß ein Vergleich zustande kommt. Aber ich kenne euch beide, den Fürsten sowohl, wie auch dich! Nicht würdest du es verstehen, deine Worte so zu dämpfen, daß sie gefällig und doch wirksam sind. Dann würde es aber noch schwerer für mich sein, einen Ausgleich zu finden, wenn selbst zwischen euch beiden eine Spannung eingetreten ist."

Sie befolgten diesen weisen Rat. Eindridi und Thorsteinn kehrten nun um. Einar aber begab sich zur Stadt.

Höchst gütig nahm ihn der König auf, wies ihm den Ehrenplatz an, unmittelbar an seiner Seite, und zog ihn oft in die Unterhaltung.

Am vierten Tage des Weihnachtsfestes erfaßte Einar die Gelegenheit, beim Könige das Gespräch auf Thorsteinn und dessen Schuld zu lenken. Er äußerte seinen Wunsch nach dem Zustandekommen eines Vergleiches. Er rühmte Thorsteinns Manneswert. Er erklärte, nichts sparen zu wollen, soweit es in seiner Macht läge, daß jener bekäme für Leben und Land Freiheit und Friede! —

Der König erwiderte: „Laß uns von dieser Sache nicht sprechen. Denn das würde hart laufen, und deinen Zorn wecken!" —

Einar ließ darauf den Gegenstand fallen, und auch der König zeigte sich sichtlich davon befriedigt, daß das Gespräch nun eine andere Wendung nahm.

So verstrich die Zeit bis zum achten Tage des Weihnachtsfestes.

Da versuchte es Einar zum zweiten Male, die Rede auf Thorsteinn zu lenken, aber mit nicht besserem Erfolge, als früher.

Endlich, am letzten, dem dreizehnten Tage des Festes, sprach Einar zum Fürsten:

„Bitten wollte ich dich noch einmal, o Herr, in dem Anliegen, welches ich schon zweimal berührt habe. Gewähre Verzeihung dem Thorsteinn. Denn ich wagte zu hoffen, du würdest Gewicht legen auf meine Fürsprache!" —

Der Fürst erwiderte auch jetzt:

„Nein! Sprechen wir nicht davon! Kann ich es doch nicht verstehen, wie du dazu gekommen bist, einen Mann zu hüten und zu hegen, der meinen Zorn sich zuzog!" —

Einar darauf:

„Und ich wagte zu hoffen, Ihr würdet entgegenkommen meiner dringenden Bitte für diesen Mann! — Doch, was Eure königliche Würde anlangt, da wollen wir diese nach allen Seiten hin hochhalten, wie ich auch glaube, das stets bewiesen zu haben. Mehr Eindridi, als ich, war in jener Sache der Tätige. Und ich vermute, daß von seiner Seite vieles unternommen werden würde, bevor es gelänge, den Thorsteinn zu töten. Dann aber komme ich selbst, Herr, in eine schiefe Lage, wenn ihr beide, du und mein Sohn, zusammenstoßet, da Ihr ja nicht Bußgeld annehmen wollt für diesen Thorsteinn, sondern es vorziehet, gegen meinen Sohn zu streiten. Und doch vermag ich es nicht, das Schwert zu ziehen gegen Euch! — Ja, Herr, gegen Euch!" —

„Denn ich kann in meinem Herzen nicht den Gedanken aufkommen lassen, daß Ihr es wirklich vergessen hättet, wie ich Euch einmal aus dem Ostlande abholte, aus GarðaríkiRußland, um hier Euer Pflegevater zu werden. Seit jener Zeit habe ich redlich gestützt und gestärkt Euer Reich und Eure Macht! Und es war meine Sorge zu jeglicher Stunde, wie ich könnte Euer Ansehen heben und mehren!" —

„Doch jetzt ist es mein Entschluß, außer Landes zu ziehen, und nie seht Ihr mich wieder in Eurem Gefolge! — Dann mögen sich die Leute hier erzählen, wie wenig König Magnús bei jenem Handel gewonnen habe!" —

Einar sprang auf in tiefem Unmute, und wandte sich rasch dem Ausgange der Halle zu. —

Der König erhob sich und eilte ihm nach. Magnús schlang seine beiden Arme um Einars Hals, und rief:

„Heil und Segen über dich, mein Vater! — Nein! — Niemals soll ein Riß kommen in unsere alte Freundschaft! Nimm hin den vollen Frieden für jenen Mann, wie du ihn nur wünschest!" —

Da ließ sich Einar besänftigen. Aber Thorsteinn erhielt Verzeihung; ja noch mehr, die alte freundschaftliche Gesinnung ward ihm wieder aus des Königs Hand. —

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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