Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Oláfr Haraldsson helgi, 1015—1030:
Von Óttarr svarti, dem Skalden.

 

 

Óttarr svarti (d. h. der Dunkelhaarige) hatte längere Zeit sich am Hofe des Schwedenkönigs Oláfr aufgehalten und dort ein Loblied auf ÁstriðrÁstriðr, zur Zeit der Entstehung dieses Liedes noch Jungfrau, wurde später des Königs Oläfr Haraldsson helgi (1015 bis 1030) Gemahlin., des Königs Tochter, gedichtet. Diese Drápa erregte in hohem Grade das Mißfallen des Königs Oláfr Haraldsson; denn das Lied bewegte sich in so feurigen Ausdrücken, daß diese fast zu einer Anklage wurden.

Als nun Óttarr nach Norwegen kamEs geschah dieses im Jahre 1022. Die Vermählung des Königs Oláfr mit Ástriðr hatte stattgefunden 1019. — Óttarr war der Sohn der Schwester Sighvatrs. Näheres in Finnur Jónsson, Den oldnorskc og oldisUndske Littertaturs Historie I, 587 ff. köbenhavn 1808., ließ König Oláfr ihn sofort verhaften und in den Kerker werfen. Der Skalde Sighvatr war ein naher Verwandter (Oheim) Óttarrs und außerdem ihm verknüpft durch warme Freundschaftsbande. Er suchte daher den Óttarr in seinem Gefängnisse auf und zwar bei Nacht.

„Wie geht es dir?" fragte er.

„Ich habe schon schönere Tage erlebt!" gab dieser zurück.

Sighvatr forderte ihn nun auf, die Drápa ihm vorzusprechen, welche er auf die Königin Ástriðr dereinst gedichtet hatte.

Das tat Óttarr.

Ja! — Sehr starke Ausdrücke hast du da allerdings in deinem Liede gebraucht", sagte Sighvatr, „und nicht zu verwundern ist es, daß dieses Gedicht des Königs Mißfallen erregt hat! — Nun wollen wir beide uns daran machen und diejenigen Strophen umdichten, welche am anstößigsten sind. Dann aber dichte du ein zweites Lied zum Lobe des Königs. Der Monarch wird jene Drápa von dir hören wollen, welche du auf die Königin verfaßtest, bevor man dich zum Tode führt. Hast du ihren Vortrag geschlossen, dann sofort beginne mit dem zweiten Liede, welches du jetzt zum Preise des Fürsten fertigen sollst, und trage ebendasselbe vor, bis etwa der König dich unterbrechen sollte!"

Óttarr tat nach Sighvatrs Rat. Er beendigte diese Drápa zum Lobe des Königs Oláfr in jenen drei Tagen, welche er im Kerker saß.

Dann ließ Oláfr den Dichter sich vorführen. Dieser begrüßte den Monarchen ehrerbietigst, welcher indessen von diesem Gruße keinerlei Notiz nahm.

Vielmehr befahl er ihm folgendes: „Dieses ist jetzt mein Rat und mein Wille, Óttarr! Du sollst hier zum Vortrage bringen jenes Lied, welches du einst auf die Königin Ástriðr gedichtet hast. Sie ist hier anwesend, um ihren Ruhm zu vernehmen!"

Ástriðr saß an der Seite ihres Gemahls.

Óttarr ließ sich nun auf ein Knie vor dem König nieder und trug in dieser Stellung jenes Lied vor. Man sah, wie der Fürst während des Vortrages die Farbe wechselte. Am Schluß seines Liedes hielt der Sänger nun nicht inne, sondern ging vielmehr sofort zu derjenigen Drápa über, welche er auf den König selber gedichtet hatte.

Dieses Lied hatte folgenden Anfang:

„Hör an mein Lied,

Du mächtiger König! —

Künden kann es nur Lob! —

Mit der Stärke der Worte

Trag es den stärkeren Ruhm

Deiner blendenden Taten

Auf der Welle des Liedes

Hin, von Geschlecht zu Geschlecht! —"

Die Hofkavaliere unterbrachen hier den Sänger und riefen, Óttarr solle schweigen; doch Sighvatr legte sich ins Mittel, widersprach ihnen und rief: „Das ist doch wohl klar euch allen, daß der König hier allein zu bestimmen hat, ob Óttarr sein Lied beenden darf oder nicht! — Uns! — Uns aber kann es nur nützlich sein, unseres Fürsten Lob zu vernehmen!"

Die Hofleute beruhigten sich darauf, und Óttarr setzte den Vortrag seiner Drápa fort.

Der König hatte geschwiegen, solange Óttarr deklamierte. Als der Sänger jetzt schloß, da brach Sighvatr in vollen Tönen aus in das Lob des Liedes.

Der König aber sprach:

„Das wird hier die beste Lösung sein, Óttarr! — Nimm zurück deinen Kopf als Geschenk für dieses, dein Lied!"

Worauf Óttarr:

„Deine Gabe dünkt mich trefflich! — Und doch, dieser mein armer Kopf ist wenig geschmückt!"

Da zog der Fürst einen Goldreif von seinem Arme und überreichte ihn dem Dichter.

Auch Ástriðr nahm einen ihrer Fingerringe und schenkte ihn Óttarr mit folgenden Worten: „Nimm hin, Skald; es ist ein Feuerfunke, und nütze ihn!"

Da wandte sich der Fürst an seine Gemahlin:

„So steht es? — Du kannst dich nicht bezwingen? — Deine Freundschaft mußt du ihm, dem Óttarr, zeigen!"

Worauf Ástriðr: „Nicht solltet Ihr mich drob schelten, Herr! — Will ich doch nur mein Lob in ähnlicher Weise belohnen, gleich wie Ihr das Eurige!"

„So mag es denn sein", erwiderte der Fürst, „ich will dich nicht tadeln wegen dieser Gabe. Ihr beide aber, du und Óttarr, sollt es nun wissen, daß ich fortan nicht mehr grolle ob des Liedes, dir zu Ehren einst gedichtet!"

So hielt sich denn Óttarr geraume Zeit bei dem Könige Oláfr auf und genoß dessen volle Wertschätzung.

Jene Drápa aber, welche Óttarr auf den Fürsten gedichtet hatte, erhielt den Namen „Höfuðlausn" (d. h. Haupteslösung), weil es eben dieses Lied war, dem er die Erhaltung von Kopf und Leben zu verdanken hatte.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

Zur Inhaltsübersicht oder direkt Zum Tor

 

6,312,859 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang