Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Oláfr Haraldsson helgi, 1015—1030:
Von Sighvatr Thórdarson, dem Skalden.

 

 

1. Des König Magnús Geburt und seine Namengebung durch den Skalden.

 

ÁIfhildr, eine Frau von edler Herkunft, war des Königs Oláfr Lagergenossin, ohne ihm angetraut zu seinAnders läßt sich nicht fassen der Ausdruck in der Quelle: „hun var köllud konúngs ,ambátt'." — Vielweiberei bestand zu Recht im germanischen Altertum und wurde geübt sonderlich von Fürsten und Edelingen. Auch das vordringende Christentum änderte zunächst an diesem Verhältnisse wenig.
Vgl. Jac. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer S. 440. Göttingen 1881.
. Sie befand sich zu jener Zeit in des Königs Gefolge und war guter Hoffnung. Den vertrauten Freunden Oláfs aber war es wohlbekannt, daß der Fürst der Vater zu diesem Kinde sei, welches nun die Geburt erwartete.

Da geschah es zu einer Nachtstunde, daß bei ÁIfhildr die Wehen eintraten. Ihre Umgebung bestand aus nur wenigen Personen: einigen Frauen, einem Priester, dem Skalden SighvatrSighvatr Thórflarson skald, geboren 997 auf Island, kam 1015 nach Thrándheimr in Norwegen, als Oláfr helgi seine Regierung antrat. Schon in seiner Jugend zeigte er große dichterische Begabung. Er trat in das Gefolge des Königs ein und wurde dessen vertrauter Freund. Sighvatr war auf einer Romfahrt (1029-1030) abwesend, als die Entscheidungsschlacht bei Stiklastaðir (den 29. Juli 1030) geschlagen wurde, in welcher Oláfr fiel. Dem Nachfolger Magnús goði diente der Skalde mit gleicher Treue. Er starb 1047, und seine Leiche wurde beigesetzt in der Kathedrale zu Niðaróss. — Snorri Sturluson (Heimskringla, Oláfr helgi, Kap. 170) urteilt über ihn: „Wenn Sighvatr in Prosa sprach, war er weniger beredt; Verse indessen flossen ihm so leicht vom Munde, wie andern ein täglich Gespräch."
Edda Snorra Sturlusonar III, 335, 1880/88.
Auch F. Jónsson, Litt. Historie I, 590 ff. Köbenh. 1894.
und etlichen andern Leuten.

Álfhildr mußte schwer leiden, sie schwankte am Rande des Grabes, aber endlich doch brachte sie zur Welt einen KnabenDiese Begebenheit trug sich zu im Jahre 1024..

Aber auch von diesem Kinde wußte man eine Zeitlang nicht genau, ob es lebend sei oder tot.

Indessen der Säugling begann zu atmen, war jedoch äußerst schwach.

Da bat der Priester den Sighvatr, er möchte zum Könige gehen und ihm das Geschehene melden.

„Das erdreiste ich mich unter keinen Umständen, den König aufzuwecken", sagte Sighvatr, „denn er hat es jedermann streng untersagt, ihn in der Nachtruhe zu stören, bevor er selber erwacht."

Der Priester antwortete: „Eine dringende Notwendigkeit liegt hier aber vor. Das Kind muß getauft werden. Denn augenscheinlich ist es sehr schwach und wenig Hoffnung vorhanden auf ein längeres Leben."

Darauf Sighvatr: „Lieber will ich es riskieren, daß du das Kind taufst, als daß ich den König aufwecke. Ich werde die Verantwortung über mich nehmen und dem Knaben seinen Namen geben."

So geschah es nun auch. Der Knabe empfing die Taufe und in derselben den Namen „Magnús".

Am nächsten Morgen, als der König angekleidet war, erhielt er die Meldung von dem Geschehenen.

Sofort befahl er den Sighvatr zu sich. Man merkte dem Fürsten es an, daß er zornig sei.

Als Sighvatr eingetreten war, redete ihn der König folgendermaßen an:

„Wie konntest du dich dessen erdreisten, mein Kind taufen zu lassen ohne mein Wissen?"

„Weil, Herr, ich lieber zwei Menschen Gott übergeben wollte, als einen Menschen dem Teufel!"

„Was willst du damit sagen?" —

„Das Kind war nahe dem Tode und wäre des Teufels Beute geworden, starb es ungetauft; nun aber ist es wahr und gewiß ein Gottes-Kind. — Auf der andern Seite aber wußte ich, wenn auch dein Zorn über mich ausbräche, so stand doch nichts weiteres auf dem Spiele, als mein Leben. Und solltest du es wollen, daß ich mein Leben misse um dieser Tat willen, so würde ich trotzdem hoffen, zu Gott einzugehen, da ich ja das Kind taufen ließ, um es Gott zu weihen."

Der König fuhr dann fort: „Und aus welchem Grunde wähltest du sodann für den Knaben den Namen ,Magnús'? Findet sich doch ein solcher nirgends unter den Vorfahren unseres Geschlechtes!" —

„Ich nannte ihn so nach dem Könige Carolus Magnus; da ich von diesem weiß, daß er der berühmteste König gewesen ist, von dem die Geschichte vermeldet!" —

Da sprach der Fürst: „Sighvatr, du bist ein ausnehmender Glücksmensch! — Und darüber wundere ich mich nicht! — Denn in der Regel hilft das Glück dem Gescheiten. Aber zu verwundern bleibt dieses, obwohl es zuweilen geschieht, daß dasselbe Glück auch beispringt dem Narren, wo dann unweiser Anschlag sich wendet zum Segen!" — ! —

Des Königs heitere Stimmung war darob zurückgekehrt. Und der Knabe wuchs, ward groß und vielversprechend, je mehr seine Jahre sich mehrtenEs war der künftige Konig von Norwegen, Magnús Oláfsson, mit dem Beinamen „goði", der Gute, regierend von 1035—1047..

 

2. Der Skalde als des Königs Reisebegleiter.

 

Es begab sich einstmals, daß der König eine Reise über das Gebirge DofrafjallDas heutige Dovrefjeld, südlich von Drontheim, welches Gebirge in einer Mittelhöhe von 750—1000 Meter das nördliche Norwegen von dem südlichen scheidet. machte bei kaltem Wetter. Er selbst saß zu Pferde, während sein Gefolge meist zu Fuß ging. Der Skalde Sighvatr befand sich in der Begleitung des Fürsten und schritt ihm zur Seite. Reichlicher Schnee fiel und der Marsch wurde beschwerlich.

Sighvatr glaubte zu bemerken, daß dem Könige kalt wurde, darum sagte er zu ihm: „Herr, lasset mich reiten, sonst versagt mir die Kraft für den Abstieg, wenn ich zu Fuß bleibe."

„Das kann geschehen, Skald!" sagte der Fürst, und stieg aus dem Sattel.

„Ziehet meinen Mantel an, Herr!" —

Der König tat das und blieb eine Zeitlang zu Fuß, dahinschreitend im grauen Lodenmantel des Skalden. Durch diese Gangbewegung und den Mantel wurde ihm jetzt warm, ja sogar heiß. Das bemerkte der Skalde und sprach nun wieder zum Fürsten:

„Jetzt beginnt auch mich zu frieren und ich möchte gerne wieder zu Fuß gehen. Darum schlage ich Euch, Herr, vor, steigt nun wieder in den Sattel. Aber nehmt auch auf das Pferd mit meinen Lodenmantel. Denn ich käme nicht von der Stelle fort, müßte ich in demselben weiter marschieren!"

So blieb der König warm unter dem Mantel.

Der Tag ging zur Rüste und die Dämmerung zog herauf. Der Abstieg vom Dofrafjall war nun bewirkt und der Weg wurde leichter.

Man näherte sich einem Hofe.

Sighvatr, der es nicht für schicklich hielt, daß die Leute den König in des Dichters grauem Lodenmantel einherreiten sähen, wandte sich nun an Oláfr und sprach:

„Jetzt fängt mich wieder an zu frieren, während noch vor kurzer Zeit mir so heiß war!"

„Ist das wirklich dein Ernst, Skald?" fragte der Fürst. „Es tut ja meiner Würde keinen Abbruch, wenn ich in deinem Lodenmantel bis zu jenem Hofe hinreite. Ich durchschaue aber deinen kleinen Trug!"

So kamen sie zu dem Bauernhofe.

Da wandte sich der König zum Skalden und sagte zu ihm: „Du verstehst es, Sighvatr, dich in der Gesellschaft vornehmer Herren zu bewegen!"

Der König säumte nun nicht auf seiner Fahrt, bis daß er in die Landschaft Thrándheim und hin zu seiner Stadt Niðaróss. kam, wo er das Winterquartier bezog.

Während dieses Aufenthaltes begab es sich einmal, daß Sighvatr glaubte, in einer dringenden persönlichen Angelegenheit den König sprechen zu müssen.

Doch, da drängten sich so viele Leute um den Fürsten, daß es schier unmöglich für den Skalden war, zu ihm vorzudringen.

So machte er denn seiner Verlegenheit Luft in dieser hier folgenden, laut vorgetragenen, Skaldenstrophe:

„Ein wogend Gedringe

Umkreiset den Fürsten,

Den jungen und edlen,

Daß Schonung entflieht! —

Verzichte mein Lied

Zu Oláfrs Ohr

Für heute zu finden

Die Pfade! —

Wie anders gesellte sich

Lippe zu Lippe

Im trauten Gespräch,

Als müde durchmaßen

Frischfallenden Schnee,

Absteigend die Felsen

Der Dofra,

Schulter an Schulter

Wir beide! — ! —"

Der König hörte den Vortrag dieses Liedes aus der Feme und antwortete darauf sogleich:

„Auch heute soll es dir nicht schwer werden, mein Skalde, mit mir zu sprechen, wenn du es so willst."

Darauf entschied der Fürst sofort über das Anliegen Sighvatrs und zwar in dem Sinne, daß dieser gar wohl damit zufrieden sein konnte.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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